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Jüdische Rundschau · 1938-08-26 · Heft 68 (26.8.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 68 (26.8.1938)
Date
1938-08-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 68, 26. VIII, 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Mangel an Erziehung? Von Leo Hirsch Seit einigen Monaten wird in. Reden und Aufsätzen darüber geklagt, daß ehemalige Landsleute von uns, wenn sie ausgewandert sind, uns zu vergessen scheinen. Sie kehren der jüdischen Gemeinschaft den Rücken zu, wollen nichts mehr damit zu schaffen haben, und offenbar sind sogar Fälle von Taufen bekannt geworden. Man bedauert das hier um so lebhafter, als wir ja diesen Ungetreuen den Weg nach draußen geebnet haben. Wenn draußen ausgewanderte Juden abtrünnig werden, so dürfen wir wohl einen Teil der Schuld auf uns nehmen. Venn wir weitere Abtrünnigkeit vermeiden wollen, müssen wir wenigstens unseren Anteil an der Schuld vermeiden. Venn wir Dankbarkeit erwarten, müssen wir zuvor etwas gegeben haben. Veitti wir Gemeinschaftssinn erwarten, miissen wir ihr! zuvor hier gezüchtet haben. Vir haben aber in vielen Fällen zu wenig gegeben und, wie die Erfolge zeigen, in diesen Fällen miserabel erzogen. Was haben wir — unsere Organisationen — denn eigentlich gegeben? In diesem und jenem Fall (ield und gute Worte. Manchmal auch die Fahrkarte, ln den imposanten Tätigkeitsberichten unserer zuständigen Organisationen steht nur, wieviel Fälle positiv erledigt wurden und nicht wieviel Telephonanrufc nicht zustande kamen, wieviel Mißverständnisse zustande kamen, wieviel Stunden — es sind Jahrtausende! — vergeblich gewaltet, wieviel Briefe erfolglos waren, wieviel Aerger, 01111mächtige Wut, stille Verzweiflung, Nervosität zu erdulden war. Das alles gehört vielleicht dazu, und nehmen wir an, das alles lohnt schließlich die Aufregung und führt schließlieh doch zum erwünschten Ziel. Aber wenn diese Summe von gepeinigten Nerven, Dcmiitigungen und einigem Geld alles ist, was wir diesem und jenem auswaudernden Juden an Jüdisclikeit zu bieten und auf den Weg mitgegeben haben, wieviel Jüdisclikeit können wir dann von ihin zurückerwarten? Man kann eirnvenden, daß erwachsene Menschen schwerlieh umzumodeln und daß gedrückte erwachsene Menschen Briefmarken Fritz Lewin lützowstr. 91A ■ - -. Kataloge neu erschienen —- mit Köpfen voller Sorge um das Lehen und das tägliche Brot keine guten Objekte für reinideologisclie, moralische, religiöse Erziehungsexperimente sein können. Fs ist auch nicht zu leugnen, daß unsere L e 11 r h ä u s c r sich jetzt großartig bewähren, indem ihre Sprachkurse für Englisch und Spanisch nun ebenso überlaufen sind, wie zuvor ihre jüdischen Kurse spärlich besucht waren. Man kann auch nur denen, die lernen wollen, etwas beizubringen versuchen. Jetzt bringen die äußeren Verhältnisse allem bei, daß sie Sprachen lernen müssen. Daß wir Jüdisclikeit lernen müssen, das allen beizubringen, ist nicht gelungen. Daß die Gemeinde oder der Hilfsverein oder eine andere Institution auch zur Ilergäbe von Unterstützungen, Fa! rkarten usw. geschaffen sind, das allen bci/iibringen, ist uns glücklicherweise gelungen.!Wenn sie außerdem nocli zu etwas anderem geschaffen sind, so ist es ihnen jedenfalls leider nicht gelungen, die nachträglich Abtrünnigen davon zu überzeugen und jeden Einzelnen mit ■der Notwendigkeit, dem Sinn mul der Verpflichtung eben seiner Zugehörigkeit zu durclidringen. Worin aber bestellt denn die Zugehörigkeit? Soweit cs ein• Zugeliörigkeit zur Rasse, zum jüdischen Volk ist, mußte jeder hier sie ohnehin als ein Negativmn endlich begreifen, aber das Muß dieses Begreifens, das Muß dieses Negativuins, der Mangel von solcher Uneiitrinnbarkeit wurde nicht in jedem halle durch das Positivum verdrängt und ausgeglichen. Die «erzieherische Aufgabe bestand — und besteht! — darin, jedem Juden beizubringen, daß wir nicht nur und nicht allein hier eine Notgemebnschaft sind, sondern eine echle, von vornherein vnd nachträglich und Immer wieder aus freien Stücken zu betätigende und zu bestätigende Gemeinschaft. F_s war und ist also jedem von klein auf ein gerüttelt Maß von amor ■fati, nicht von resigniertem, achselzuekemleiu Sichabfinden, sondern von leidenschaftlichem Walirhaben w o 11 e n, Vcrantwortungsueben, Gemeinschaft s p ii r e n an/.uerzielien, bei einem ungeliebten und unaiissuclibaren Meiisdieinnaierial gewiß die denkbar schwerste Aufgabe. Wie schwer, aber auch wie bedeutend, mag ein Bild zeigen: Ein Schiff gellt unter, Mannschaft und Passagiere retten sich auf eine Insel, deren Bewohner keine Cieineinschaft mit ihnen haben und deren sonstige Lebensbedingungen ihnen abträglich sind; sie beabsichtigen mir eitlen vorläufigen Aufenthalt, bis ein Schiff sie alle■ aufnehmen wird, worauf sie aber vergeblich warten. Also beginnen sie seihst Schiffe zu bauen, Kähne, die vielleicht nicht alle seetüchtig sind und jeweils höchstens eine Familie reden, die aber nur immer von allen zusammen erbaut werden können. 111 dieser scliwierigen Situation aber versuchen diese zusammengewürfelten Menschen, Kapitän, Offiziere, Matrosen, Heizer, Stewards und Passagiere aller Klassen, von der mondänen Dame erster Kreise bis zum ärmsten Teufet vom Zwischendeck, denen zunächst nur gemein ist, daß sie alle auf dein gleichen Schiff Schiffbruch hatten und wieder in ein normales Leben’ sich retten wollen, in dieser Not voller gemeinsamer und vorschiedener einzelner, individueller Nöte und Wünsche wr suchen diese Leute eine Gemeinschaft zu bilden, die, die Erinnerung an ihre Herkunft als Tradition wahrend, auch noch für die Zukunft wirksam bleiben soll, eine Art Orden mit den moralischen Aufgaben einer solchen Gemeinschaft und also mit gewissen Entsagimgsgelübden. Zunächst ist der Entliiisiasrnus dafür groß, die Sache ist neu, man trägt sie mit Stolz. Dann wird das Inselleben schwieriger, die Enge fühlbarer, ein Teil der Personen fehlt bereits, die innere Spannkraft läßt nach, aber die durch das insulare Dasein gegebene Ordensdisziplin bleibt doch noch erhalten, auch wenn bald jeder mir an seine eigene Ausfahrt denkt; denn seihst die Panikstimmung kann keinen darüber liirnvegtäuschen, daß jeder Kahn, der einen retten kann, nur von allen zusammen zu bauen, auszuriisten und in Fahrt zu bringen ist. Dann sickern Nachrichten von den Geretteten durch, mancher vr»1 ihnen hat die Zurückgebliebenen im Trubel seines neue» Lebens vor lauter Arbeit und neuen Sorgen und mancher hat sie gern vergessen, sein Entsagiingsgeliilxie gebrochen, die Ordensideale verraten. Wie wird das von den Zuriickgeblieheuen aufgenommen? Es wird einige gehen, denen die Ideale ernst, teuer und heilig sind; der Verrat wird sie schmerzen, sie werden den Schmerz stumm tragen und gelernt haben, daß nicht jeder Mensch, der einen S liiffhnich überlebt, auch die Rettung heil überstellt, und daß die beste Ordensdis/iplin nicht jedem gewachsen sein muß, wenn der Anlaß von Sehiffhriich und Insellehen sie nicht erzwingt. Es wird Eiferer geben, die laut Verrat schreien: Verrat, Untreue, Undank, .auf u ״ s e r e n Kähnen gerettet, für unser Geld, verantwortungslos, unwürdig, uns Schande gemacht usw. Es wird Gleichgültige geben, die nur an sich denken: Verruf hin, Uridntik her, aber wann komme ich fort? Und es wird Mucker geben, die denken und mir zu sagen noch nicht wagen: wozu Ideale und Disziplin? Mögen Schiffbrüchige von großen Worten leben, die ganz schön sein mögen, wenn man sonst nichts zum Lehen hat. Wenn mein Kahn erst in Fahrt ist, geht die Insel mich nichts mehr an, und da man einem Geretteten den Sehiffhriich nicht ansieht, werde auch ich auf alle Disziplin, Entsagung, Gelübde, Ideale und Gemeinschaft pfeifen. Was habe ich denn mit denen hier gemein? Bloß weil!11:111 zufällig an ihrem Schifib’iich hat teilnehinen müssen? Gemeinschaft? Das hieße ja Sehiffhriich in Permanenz! — Umgekehrt, werden die Ersten sagen, nur die Permanenz der Gemeinschaft, die euch aus dein Sehiffhriich zuriiekreftefe, kann euch, kann uns vor weiteren Srhiffbriiclic-n bewahren, daneben aber ist der chronische Schiff bruch des Herzens, an! dem ihr leidet und den eure Abkehr von der gelegentlich nicht /um Kalmehauen nötigen Gemeinschaft adein hedeulet, eine viel sclilimliiere Krankheit, ein unersetzbarer Mangel, als wenn ihr bei dem einen akuten Schiffbmcli der Leiber nicht hättet gerettet werden können. Von einer solchen Krankheit muß man allerdings auch geheilt werden wollen. Soviel über die Vogclstraol’-Poli<ik der Abtrünnigen, die ihre Bindung 011 Herkunft und Volk lösen zu können meinen. Was die Religion betrifft, so haften sie wohl keine aufzugeben. Vielleicht liegt darin eine besondere Schuld von uns, mindestens von denen von uns, die darin das Line und Alles Aus der Haftara für Sdiabbath, den 27. August Donnlfifsf man aus aßen Stämmen heimkom men all eure Bröder als Hinlelfspende IHM auf Rossen, auf Fahrzeug, auf Sänften, aut Maultieren, auf Dromedarsfufen — herauf zum Berg meines Heiligtums, nach Jerusalem! spricht ER —, gleichwie die Söhne Jisraels die Hinleitspende in SEIN Haus kommen zu lassen pflegen In reinem Gefäf». Und oudi von ihnen will idi zu Priestern nehmen, zu den Levlien hinzu, spridit ER. Ja denn, gleichwie der erneuerte Himmel und die erneuerte Erde, die ich tnadie, vor meinem Antlitz bestehen - SEIN Erlaulen —. gleichst» wird bestehn eure Samensdiaff und euer Name, fesdtajahn GS, Kap. 20—22 Verdeutscht von Martin Huber Oppenheim Da* bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wllmarsdorfar Str. 113116־ Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe des Judentums präsentieren. Offensichtlich ist es nicht gehingen, diese jüdisclikeit in den Abtrünnigen zu verankern, iitnl wenn man schon von ,,Schuld“ spricht, muß man fragen, ob es überhaupt und ob es in der rechten Weise versucht worden ist. Es ist nun gewiß unverkennbar, daß nichts schwieriger ist, als Menschen, die durch die Indifferenz des Jahrhunderts immun geworden sind, plötzlich jüdische Religion einzniinpfeu. Aber wenn man ihnen davon nur einen blassen, nur ideologischen Ballast mitgegeben hat, braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie ihn bei der erstbesten Gelegenheit abwerfen und die eine Formalität mit einer giinstiger erscheinenden vertauschen, obgleich auch zu solcher Tauschhist eine gewisse Lust zu betrügen (sich selbst zu betrügen) und Mangel an Stolz und Takt gehören. Wir hören solche Fälle von Taufhust gelegentlich aus europäischen und amerikanischen Ländern, Palästina ist wohl frei davon, die chaluzisciie Erziehung bewährt sich vielfach sogar indirekt.■ Das Brechen mit der Disziplin, der Mangel a!1 Genie insdiaftssmn, die soziale Unerzogenheit oder — uni das mögliche, eigentliche Phänomen zu bezeichnen — asoziale Veranlagung nimmt in Palästina andere, uns allen viel scliädliebere Formen an. Während der Prosperity betätigten sich solche Elemente als Bodenspekulanten, neuerdings während der Unruhen als Unruhestifter. Mag man diesen oder jenen als Opfer von Verführung, mißverstandenem Heldeusinn, mißleitefcni (icliungs- und Tatendrang entschuldigen, die Sache selbst, ihr Sinn und Erfolg ist eine amlen: Form von Abtriinnigkeit Haben wir solche Untreue bisher nicht verhindern können, so enthebt sie uns doch nicht der Pflicht, trotz allem zur Treue zu erziehen. Und wenn nicht uns, wen denn? Und wenn nicht jetzt und hier, wann sonst, wo sonst? Vornamen für Juden Die fn der zweiten Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Aenderung von Familiennamen und Vornamen vom 17. August (vgl. vorige Nummer der ״J. R.“) erwähnten Richtlinien des Reichsministers des Innern sind nunmehr erschienen und durch Runderlaß vom 2.1. August bekanntgegeben und im Rekl1s!ninisteria!bla*t für die innere Verwaltung veröffentlicht worden. Die Riehtlinien I»es!imn1en u. a., daß Juden, die deutsche Staatsan ge hörige oder staatenlos sind, nur die in der den Richtlinien beigegebenen Liste aufgelührten Vornamen beigelegt werden dürfen. Diese Vornamen dürfen deutschblüfigen Kindern nicht gegeben werden. Juden, die einen nicht in der Liste enthaltenen Vornamen führen, müssen den Zusatz.namen Israel bzw. Sara annehmen, doch ist bei geringfügigen Abweichungen in der Schreibweise eines iiidisehen Vornamens die Verpflichtung zur Annahme des Zusatznamens Israel bzw. Sara nicht gegeben. Anträgen von Juden auf Aenderung von nicht in der Liste aufgefülirten Vornamen in solche, die darin verzeichnet sind, ist zu entsprechen, sofern sie vor dem 1. Oktober 1928 gestellt werden. Dabei ist zu beachten, daß auch, die Streichung eines Vornamens eine Vornamensä'nderung bedeutet. Eine Vornamensänderung ist regelmäßig dann zu widerrufen, wenn sie von einem Juden zur Verschleierung seiner jiidNchen Abstammung beantragt worden ist; irrs'resondere a!so, wenn ein in der Liste auf geführter Vorname durch einen anderen Vornamen ersetzt worden ist. In einer Anlage zu den Richtlinien werden die für Juden zugelassenen Vornamen bekaniitgegebeu. * Das Oes et.׳ über die jiiiLschcn Vornamen regelt für die Juden in Deutschland ein überaus wichtiges Gebiet. Das Gesetz wi־׳d sich im praktischen Lehen stark auswirken, da von nun an genau vurgeschrieben ist, w e I c 11 e N ,ו m c n v o n j ft J i s e 11 e n F I t e r n i 11 r 0 n 11 e 11 g e b o r e n e n K i!1 d 1׳ r 11 1) e i g e I e " ז vv e r d e n u 11 r f e!1. luden bzw. Jüdinnen, die andere Name״ als die in dem Verzeichnis äugefiihrien tragen, müssen riehen ihren lfsherfgen Namen zusätzlieh den Vornamen Israel (fiir M inner) mul Sara (für I rauen) fuhren. Diese Best:mimaig eilt als״ ancli für Trauer ji;discher a'ttestament,׳irischer Xanten, sofern 11 lese nicht 01 dem vom Min ister'iim hernnstgege benem Wr/ec-luic; anyei’uhrt sind. Da es Vermutlich in Deutschland nur sehr wenige Personen geben wird. d:e die in dem Verzeichnis enthaltenen Namen fuhren, so wird die /!i.-at/liehe Bestimmung, betreffend die Vornamen Israel und harn f 11 r die jetzt here'ts geborenen Jtitle!! in Deutschland, von sehr großer Bedeutung werden. Besuch in Mesiritsdi \on Moritz K usw an (Schluß) Der Fremde sah keine Möglichkeit, durch die enge Umschließung zum Maggid hindurchzugelnngen und wollte sich fortbegeben, als der ilun feindselig gesinnte Baehur mit, dem Schrei: Ein Ketzer ist unter uns, lallt ihn nicht hinaus!, auf ihn zudrüngte, die ihn zurückreißenden Arme beiseiteschlug und unter den verzückten Chassidim eine Vorwirrung schuf, die sieh von Augenblick zu Augenblick steigerte, da der fanatische Jüngling nicht nufhörlc zu gellen: Ein Ketzer ist unter uns, laßt ihn nicht hinaus! ,Der Tumult sprang sogleich auf die Ansammlung vor der Tür über, und nun streckten sich von beiden Kanten Hände wie /langen aus, um den Ketzer zu greifen, obgleich noch niemand wußte, wer er war, und wo er stand, wuchs der Lärm mit jedem neuen Atemzug, und gar erst in der Sekunde, wo der maßlose Baehur seinen Finger wie eine Specresspitzc dem Fremden zureckte und schrie: Der ist es!, schlug der Wirrwarr in jähes Entsetzen um, war doch der Mann in seinem ungewöhnlichen Reiseurnhang und niodisehen Hut allen von Anfang an seltsam genug erschienen. Die Menschen wichen vor ihm zurück, wie vor einem Teufel, und jetzt, erst bemerkten sie, als stiegen sie aus einem Rausch in die Nüchternheit, daß sein weiter Unihaitg ein (■ehrest zu verbergen suchte, und ehe sie sieh aus dem Gemisch von Staunen und Grauen befreien konnten, um in erneut 1111 «brechender Wildheit des Hasses dem Fremden Arges zuzufügen, da ihn nun jedermann erkannt halte, rettete ihn der Maggid mit dem machtvollen Ausruf: ■Juden, er ist kein Ketzer! L'nd indem er sich an den Fremden wandte, rief er freundlich, damit es alle hörten: Moses Menaehem Mendel, wer war dein Führer, eh du ein Weltweiser wurdest? Der so mit Namen Angerufene schritt gemessenen Gunges dem Maggid, welcher sich ihm ebenso näherte, entgegen und antwortete: Mainionideal L'nd wer ist jetzt dein Lehrer, rief der Maggid abermals und blich dicht vor ihm stellen. Da schwieg der Solm des Toraschreibers Menaehem Mendel aus Dessau, und unter den Chassidim wirbelte die Unruhe erneut wie ein Wetterwind auf und drohte nnzuscliwellen, toller als vordem. Aber schon kam die Antwort des Weltweisen: Beweist mir, daß eure Lehre der Vernunft weniger entbehrt als die meine, und ich will euer Schüler heißen und Berlin mit Mesiritsdi vertauschen. Heber das (iotlhelfcramlPz des Großen Maggid ging ein Leuchten, und da er seine Genugtuung nichl verbarg, (griff sie auf die "Versammlung üher.und stiftete Frieden zwischen den nieriri! sicher Chassidim und dom verrufenen Denker Moses Mendelssohn. Der Maggid jedoch bedeutete ihnen, ungesäumt heimzugelien, und während die Uliassidim flüsternd und mit verhaltenen Gebärden zur Tür hinausdräng! 1׳n und die drnußenharrendeit Weiher und Kinder wie eine unwi-sende Lümnierherde vor sieh herlricbpn, verschwand der Maggid mit seinem Besuch in einer anliegenden Kammer. Und während alles frcuclehewc :( davoneilte, lauerte im Schatten eines vorspringenden Gesims der Baehur, bis der Maggid die Tür seines St Übels hinter sich geschlossen hatte. Dann folgte er den beiden und spähte durch die Ritzen und preßte sein Ohr an die Wandung, aber weder eräugte er den Schimmer eines Lichtes, noch vernahm er den llail ihrer Stimmen. Nur das Klopfen seiner eigenen Pulse ließ ihn furchtsam aufhorchen, und weil in dem .Augenblick der Naclilwind die unversperrte Tür rammte, wähnte er neben sieh einen zweiten Lauscher und entwich in plötzlicher Angst mit umsieh schlagenden Händen wie ein Besessener aus dem finsteren Raum. Drinnen aber stand Moses Mendelssohn dein Großen Maggid gegenüber, und ein mächtiger Wille regte!sich in ihm, den erlesenen Geist dieses genialisehen Mannes aus seiner Gefühlsverkl.inmg in die klare Denkerluft einer vernünftigen Torasehau zu reißen. Welch ein Ausblick böte sich dann für die von der Welttafel des Geistes ausgesperrten Juden in Polen! Der Maggid sah nicht, wie jenem das Herz iilu rging hei dem Gedanken einer lichteren Zukunft fiir diese Brüder seiner versprengten Nation. Fr begann im Gegensatz zu seinem pmisenrciehen Vortrag bei 11er dritten Mahlzeit mit beißen und beredten Wurteil die Geschichte seiner Wandlung zu erzählen: Ich war, so redete der (!ruße Maggid Dow Bär, ein Mann, der nicht von den Büchern ließ, weder Tag noch Nacht. Ich Lastciete meinen l.eib solange, bis ich die Flügel meiner ,Serie zerrupft halte und in Wahrheit am ganzen Körper verkümmerte, während mein Geist sieh in den flöhen wähnte. Das tat er auch noch, als ich dem Dänischem gegeniiherstmid, und er das Buch unseres Meisters Vital aufseliiug und zu mir sprach: ״Fies und deute!" feil las und erklärte. . Der Batdschein aber zerschlag mir die Rede und rief ergrimmt: ,,Nichts verstehst und nichts weißt du!“ Ich aber erstaunte: war er der Rabbi, oder war ich der Rabbi? Ich war es: und er, wie .jedermann wußte, nur ein Mann aus dem Volke. Der Maggid schöpfte an dieser Stelle tief Atem, als berge die Luft nocli einen Hauch des Vergangenen, indes sein Gegenüber durch die Macht seiner Rede alle aufklärcrischen Gedanken fahren ließ und nur begierig auf den Fortgang der Erzählung lauschte. Der Maggid fuhr fort: Stell auf! herrschte mich der wundersame Mann an, und ich konnte nicht anders, als ihm gehorchen. Darauf drang seine Stimme an mein Ohr, wie noch keines Menschen Wort, und er deutete mir die Stelle Satz für Satz mit noch nie vernommenen Mitteln; doch war es keine Belehrung, sondern eine Erhebung meiner Seile, wie ich sie nie zuvor erfahren lullte: das Geinneh füllte sich mit tönenden Geräuschen aus nichtmeivu'lilieiten Mündern, und die Luft zitterte vom Wehen gefiederter Ruder. . Ich aber stand und begriff und sah den Gang alles Lebendigen vom Beginn bis zum Ende 01111 all Ilinz.uUin des verwirrenden Geistes und wußte, als ich aus der ,Stube meines Meisters trat, daß die Größe des. Himmels zunimmt mit der Einfachheit der Seelen. i

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