Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 68 (26.8.1938)
- Date
- 1938-08-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 68, 26. VIII. 1938 Zum Tode von A. Z. Idelsohn Jeden, der in den letzten Jahren die Renaissancevemiche verfolgt hat, die auf dem Gebiet der jüdischen Musik geschelien sind, jeden, dem es um die Wiederbelebung und Neuentwicklung, um Klärung der einschlägigen Probleme, um Erhaltung der Tradition der alten Synagogen- und Volksmusik ernstlich /u tun war, mtiR die Nachricht vom To'e Abraham Zwi Idclsohns aufs tiefste erschüttern. Scheint es doch so, als ob in Palästina und Amerika gerade in jüngster Zeit jahr/chntelange Bemühungen anfangen, Früchte zu tragen. Es ist tragisch, daß gerade in diesem Moment das Leben eines der Erster! enden mußte, der die umfassende Bedeutung unserer Musikkultur erkannt und sie für den Forscher wie für den Miisikliebliaber erkennbar und fruchtbar gemacht hat. Es ist ja leider allzu bekannt, daß die Geschichte über die Pioniere hinweggeht. Den Ruhm ernten meist mir die Späteren, die es versieben, die Ideen zu propagieren und zu poptilarisieieii. Musikforscher, die nach Idelsohn kamen und die selber die Anregungen seinem Werk verdanken, die Steher dann freilich Besitzer anderer und verfeinerter Methoden wurden (dank den Fortschritten der Musikwissenschaft überliaupt), hatten seiner doch vielleicht häufiger und positiver gedenken können. A. Z. Idelsohn konnte die ausgiebige Kenntnis der Juden von vier Erdteilen für seine Forschungen jüdischer Musik verwenden : er wurde in 1882 zu Filzburg bei Libau in Kurland geboren, studierte in Deutschland Musik, wirkte dann kurze Zeit als Kantor in Regensburg, danach in Johannesburg in Südafrika, darauf als Kantor uua Musiklelirer in Jerusalem, Max Weissler Berlin W, Kleiststr. 12 ELZE wo er aber in der I l.itipfsaclie orienlaliwhe (insbesondere jiKli'che S\:!.׳igogctiumi Volks-Musik in!,Monogrammen fe.-.ihielt, noturie und analysierte, Liederbücher aller Art verfaßte Resultat dieser Eorsclningsjahrc sind die Grammophonwalzen, die ehemals im Berliner psychologischen Institut waicii, sich heute im Archiv für orientalische Musik von I>r. I aehiiiaim, jenisab'in (der Universität angeghedert), hefinden, ferner die in der Wiener Akademie der Wissenschaft befindlichen Schallp'atteri sowie in vier Hauptsache — der ,.! lehr.UM'ii-1 )rientnlische Melodien schätz", der in /ehn Banden eine lulle jem<׳niti-cher, sefardisciier, marokkanischer, persischer, dagestliauiselier, babylonischer, suddeutschcr, ostjüdischer, insbesondere chassidischer Melodien nebst etnfuhrenden Aufsätzen umfaßt, Schon allein das hier zusammengetragene Tatsachenmaterial — mag man derlei heute auch teilweise mit größerer Präzision fixieren können -- ist bisher noch durch keine wissenschaftliche Int aut diesem Gebiet annähernd erreicht worden. Dazu! kommen aber ungezählte Werke zur Geschichte und Liturgie der jüdischen Musik, an die hundert kleinerer Aufsätze über Einzelprobleme, Untersuchungen über arabische Metrik, jemenitische Poesie, Kirchengesimge der christlich-orientalischen Gemeinden, Gregorianik usvv. Seit dem Jahre 1032 lebte Abraham Zwi Idelsohn in Amerika, seit 1024 bekleidete er ein Lehramt für kantorale Musik am ״tiebrew Union College״ in Cincinnati. Was heute in Palästina angestrebt wird: die charakteristisehen Eigenarten, aber auch die Einheitlichkeit der orientalischen Judengemeinden zu erkennen, das hat Idelsohn schon vor dreißig Jahren und mehr für das Gebiet der Musik in giößtem Umfange begonnen, m!d das hebt seine Bedeutung über das Musikalische ins Allgemeine. Den Juden des Westens ist durch Idclsohns Werk erst aufgegaiigen, daß es eine orientalisch-jüdische Musik gib). Der Nachweis der wortliehen l'cbereinstimmung v ieler oüen'a'i c!1-;ti li •eher Synagogenvveise!! mit gregorianischen Clioiiileu ist Idelsohn zu verdaiikin. Die da rat! s rc-ui't ieremlen a'lgem ein-musikhlsiorisehen Konseqm n/en sind langst in die allgemeine Musikwissenschaft cmgegungen. Idelsohn hat sieh 111 seinen Veröffentlichungen auch der Viert!Itonschr jft bedient, jedoch äußerte er vor etwa neun Jahren zur Sclireibcrin dieser Zeilen, daß er von einer derartigen < ic-setzmäßigkeit innerhalb der indischen Musik nicht mehr 1!!1er/c11;:t sei. — Idelsohn Int wob! auch als erster auf die Zusainrnenh.inge zwischen jüdischer umi arabischer Musik hinge«ie.M 11,;111 dies /:! einer Zeit, als niemand an derartige Probien;׳))־-־ iltmgen dachte, idelsohn ist als Komponist insbesondm.' svnagoga’er Oesarigc sowie als Bearbeiter jüdischer Yolksnmsik hervorgefrcten. Es ist zuiudst zu beklagen, daß das grandiose Werk fdelsohns vorzeitig abgebrochen ist. Es hatte vielleicht gerade jetzt zu bn. derer Auswirkung kommen können, A I i c e J a f o b - L o e vv e n s o n, Jerusalem Jüdische Auswanderung aus Oesterreich Eine zentrale Auswanderungsstelle Van unserem Berichterstatter. J. R., Wien, 24. August Die letzten Tage haben auf dem Gebiete der Organisierung der jüdischen Auswanderung aus Oesterreich mit der Errichtung einer zentralen Atisvvaridcrungs• stelle für Juden eine bedeutsame Aendemng gebracht. In ei nein gemeinsamen Merkblatt der K u 11 ti s g e m c i n d c und des P a I ä s t i n a a m < c s werden die neuen Riehtlinien bekanntgegeben, die 11. n. folgendes besagen: Zur Vcreinlieitlichung siimtlicher mit der Auswanderung der Juden in der Ostmark zusammen hängenden Agenden wurde vom Reichskommissar für die Wiedervereinigung Oesterreichs mit dem Deutschen Reiche die Zentralstelle für j 11 - d i s c h e Aus vv a 11 d e r 11 n g i n W i e n, IV., Prinz- Eugen-Str. 22, errichtet. Die jüdischen Auswanderer, und zwar gleichgültig, ob es sich um vermögenslose oder vermögende Personen handelt, werden nunmehr in ungefähr acht Tagen durch die erwähnte Zentralstelle ihre Reisepässe erhalten, ohne daß ihre Verspräche bei den bisher in Betracht gekommenen Behörden notwendig sein wird. Samtliehe für die Ausreise erforderlichen Dokumente werden somit an einer Stelle erledigt werden. Die Einreichung um Ausstellung eines Reisepasses kann mir mittels eines besonderen Fragebogens erfolgen, welcher für alle nach Palästina aiiswandcrnden Personen heim Palästinaamt Wien, I., Marc Aurel-Str. 5, und für die Auswanderer nach allen anderen Ländern der Welt bei der Israelitischen K 111111 s g e m e i n d c Wien, I., Seitenstettcngassc 2, erhältlich ist. Der Fragebogen ist zugleich mit den Personaldokumentcn, einer Bestätigung der Kultusgemeinde, daß der Einreicher V 0 11 j 11 d e ist und einer besonderen mit einer laufenden Nummer versehenen Anweisung der Kultusgemeinde, bzvv. des Paliisfinaamtcs bei der neuerrichteten Zentralstelle für jüdische Auswanderung einz.tireidien. Für jede über 14 Jahre alte Person ist ein separater Fragebogen ausz.tifüllen, bei Bewerbung um die Ausstellung von Reisepässen für eine ganze Familie hat bloß der Haushaltungsvorstand persönlich bei der Zentralstelle für jüdische Auswanderung vorziispreclien. Für die Ausfertigung der Reisepasse wird eine 11 a c 11 de 11 V e r 1׳! ögens Verhältnissen abgestufte U m 1 a g e ,eingeltoben werden, deren Ertragnis zur Förderung der jüdischen Auswander u 11 g, insbesondere zur Unterstützung nnbcmittelt c r Auswanderer verwendet werden soll. Das Kommunique macht nachdrücklich«! darauf aufmerksam, daß in erster Linie nur solche Personen berücksichtigt werden können, welche nachweisbar eine E i n r e i s e n! ö g I i c h k e i t in irgendein Land haben. Es liegt im eigenen Interesse der Auswandertmgsbewcrber, erst kurz vor Antritt ihrer Ausreise um Ausstellung eines Reisepasses einztireiclien, zumal die Erledigung sämtlicher Forma'itäten von nun an mir ungef,ähr acht Tage in Anspruch nehmen wird. Die Ausgabe der Fragebogen hat bereits in der Kiiltusgemeinde begonnen. Vom 14. bis I(*. August hat die Äuswanderungsabteilung der Kultus gemeinde 637 Personen zur Auswanderung verholten. Insgesamt wurden bisher von dieser Stelle 6180 Aus- Wanderer abgefertigt. — Die vor einiger Zeit cingeicitete Ausvvariderungsaktion nach Columbien hat in diesen Tagen ihren Abschluß gefunden, in ununterbrochener Tag- und Nachtarbeit wurde in den Räumen der Kiiltusgemeinde die endgültige Auswahl der für den Columbien-Transport bestimmten 450 Personen durchgcfiihrt. Vornehmlich wurden Bau- 11 a 11 d vv e r k e r imd Metallarbeiter berücksichtigt. Ein Vertrauensmann der Kiiltusgemeinde soll den Transport, der in der nächsten Woche von Wien abgeht, begleiten. Auch hat die Gemeinde Vorsorge für ärztlichen Beistand während der Reise getroffen. Die Durchführung und Abfertigung des Columbien-Transportes erfolgt mit Unterstützung der Gildemcester-Aldion. Der Auswanderer im Hilfsverein Der Hilfsvercin der Juden in Deutschland teilt uns folgendes mit: Der Hilfsvercin will möglichst vielen Juden zur Aus- Wanderung verhelfen. Soll er hierzu trotz aller Schwierigke ten imstande sein, so müssen ihn alle Auswanderung** willigen durch Disziplin und zweckmäßiges Verhalten unterstützen. Insbesondere ist folgendes nötig: Vor der Beratung: Bei dem großen Andrang steht für die Beratung jedes Einzelnen nur eine beschränkte Zeit zur Vertilgung. Deshalb mußt du dich selbst auf die Beratung vorbereiten, wenn du deine Zeit gut ausnützen willst. Lies hierzu die vom Hilfsvercin herausgeneher.cn Hefte ״Jüdische A 11 s vv a n d c r u n g"; du erfahr, t hieraus alles Wichtige über die Verhältnisse in den hauptsächlichen Einwanderungsländern. Lies auch die Merkblätter, die der Hilfsverein herausgibt, und die schon bei der Anmeldung gratis abgegeben werden. Ueherlcge dir an Hand solcher Unterlagen und bei genauer Berücksichtigung deiner persönliehen Verhältnisse, in welches Land du am ehesten glaubst cinvvandern, und wo du meinst, eine neue Existenz finden zu können. Eiille dann auf Grund dieser LJeberlegimgcn den gelben F r a g e b o g e n, den du schon bei der Anmeldung mitbekommst, mit Schreibmaschine in zweifacher Ausfertigung genau aus. Beachte hierbei besonders die Fragen nacli deinen Verwandten i in Ausland; verschaffe dir ihre genauen Adressen imd alle sonstigen Angaben über sie. Während der Beratung unterstütze den Berater durch kurze, klare und absolut wahrheitsgemäße Angaben. Der Berater ist dein Freund, zu dein du, wie zu einem Arzt, absolutes Vertrauen haben darfst und mußt. Bleibe insbeson- Scheinen & co a Unter den Linden 14dere streng bei der Wahrheit bei deinen Auskünften über deinen Beruf und deine Vermögensverhältnisse. Jede Ungenauigkeit kann dir selbst zum schwersten Schaden gereichen. Verl a!1 ge vom Berater nichts Unmögliches, sondern bedenke, daß der Hilfsvercin nur im Rahmen der hier und im Einwanderungsland geltenden gesetzlichen Be- Stimmungen helfen kann, und daß hiervon abgesehen auch die finanziellen Mittel des Hilfsvereins sehr beschränkt sind. Halte dir vor Augen, daß jeder Fall anders liegt und nur individuell bearbeitet werden kann, d. h. unter genauer Beriicksichtigung seiner beruflichen, gesundheitlichen, finanziehen und sonstigen Besonderheiten. Audi die Transfer- und Einvvandeningsbestimmungen wechseln häufig. Berufe dich also nicht darauf, daß ein anderer angeblich vor dir bevorzugt worden sei; niemand im Hilfsverein will dich benachteiligen, sondern man will dir nur helfen. Nach der ersten Beratung halte dich an folgende Regeln: Telephonische Anfragen sind strengstens zu Kraniien-tlersiciierung Philipp ücBa ״';u vermeiden, denn der Berater, der gerade einem anderen Rat erteilt, wird darin gestört, und dir kann der Berater ohne Vorlage der Akten oft keine richtige Auskunft geben, so daß durch Tclcphongespräche oft Mißverständnisse entstehen. Richte deshalb alle Anfragen schriftlich an den Hilfs» verein. Vorübergehend in der Schweiz Lord Duncannon, der Assistent von Sir Neil Mal* colin, dem High Commissioncr beim Völkerbund für die Auswanderer aus Deutschland, begab sich von London nach Basel, um mit dem dortigen Hilfskomitee über die Situation der Emigranten in der Schweiz zu beraten. Die Lage der Emigranten i,n der Schweiz ist־ besonders schwierig, weil in der letzten Zeit viele Juden aus Oesterreich, die auswandern mußten und keine andere Möglichkeit hatten, in die benachbarte Schweiz übertraten in der Hoffnung, von hier aus in ein endgültiges Einwanderungsland gebracht zu werden. Die Schweizer Behörden haben tausend Juden aus Oesterreich die vorübergellende Aufenthaltsgene hmigung erteilt, doch wurde der Grenzschutz verstärkt, unt illegale Zuwanderung zu verhüten. In! Kanton St. G allem wurde ein Barackenlager errichtet, in welchem Auswanderer vorübergehend Aufnahme fanden. Die Schweiz ist in detri schwierigen Dilemma, ihrer alten Tradition als ein Zuflucht»• Iand treuzubleiben und andererseits diese Zuwanderung in einem für das kleine Land erträglichem Maße zu halten. Die vorübergehend /«gelassenen Einwanderer dürfen in der Schweiz keinerlei Rerufc oder Arbeit ausiiben, sie müssen daher durch philanthropische Organisationen erhalten werden. Der Verband der Jüdischen Gemeinde hat die Garantie übernommen, daß die eingewanderten Juden nicht der Oeffentlichkeit zur Last fallen werden. Es handelt sich min um das Problem, diese provisorisch in der Schweiz untergekommenen Menschen weiter zu befördern und in endgültige Aufenthaltsorte zu bringen. Dieser Aufgabe gilt die Mission Lord Duncannons. 1)11 ׳• UnimM >(׳hu leg und fügte mich kurzer Besinnung leiser hinzu: So schuf er meine Seele nach seiner neuen \Y eise. Lind wnr es nicht ein Wunder? Um den Mund seines Zuhörers erschien ein feines Lächeln, und ebenso leise wieder Maggid fragte er: Und willst du an mir das gleiche vollbringen? Dow Bär aber war der Behutsame Zweifel des Weltweisen nicht entgangen, und er erwiderte gelassen: AVer allzu wachen Verstandes auf das Wunder lauert — den freilich wird’s nie packen. Maimonides und noch mehr ein Schiller .löset Ihn Aknin litten darum nicht geringe Qualen, ward es dem ״Führer der Schwankenden“ doch nur vergönnt, vom Berg der Vernunft sein Ziel in der Ferne zu schauen, wie einst Mosche Babemi vom Berg Nebo das verheißene Land nur im Dftmmergrauen aufgehen sah. Sieh her, sprach der Große Maggid, und schlug einen alten, zerschlissenen Band auf, dessen Blätter sich an den Ecken vor Zerfaserung kräuselten. Und er las: Solang der Mensch auf Erden wandelt, schweift sein Blick nach oben; kaum aber erklimmt er den Gipfel, zieht ihn der Blick wieder mit Sehnsucht zur Erde hinab. Mendelssohns Antlitz, zeigte einen stillen und versonnenen Ausdruck, als er unwillkürlich in dem Tonfall seiner gemnralernenden Knabe,!/••it entgegnete: Ich bin zwar kein Meister der Kabbala wie Ihr und ziehe mir den gepflegten Park des Maimonides der krausen Wildnis des Chajim Vital» vor, 111*0r mich dünkt, der Satz, beansprucht eine natürliche Deutung: Wie der Ball, der hoch fliegt und wieder nach unten fällt, so strebt auch der Blick des Menschen von der Höhe wieder zum Grunde. Das ist ein einfaches Naturgesetz, und wohl löblich einz.usehen. Den Großen Maggid befriedigt« die Antwort des klarschauenden Denkers nicht. Er streckt« »ein« Hände wie zu einer Beschwörung aus und schien der Anwesenheit seines Gegners nicht mehr zu gedenken. Mit einer fast singenden Stimme begann er: Das Menschenkind, das sein« Sinne ständig um den rechten Dienst zermartert, sich kastoiet und der Geselligkeit entflieht. Schließlich wähnt, alles Tun aal Erden sei eitel, das Wahre nur droben... steigt nun hinauf in die höheren Bez.irke und glaubt, schon, er habe den Zipfel des Göttlichen Mnniels erwischt, da bemerkt er um sieh eine weiße, undurchdringhare Welt, ein daherzieliendes Meer aus Walken und Nebeln, und auf der Spitze des Berges erkennt er: ('.Ott ist ihm weiter entfernt denn je. Aber drunten gewahr( er mit einem Male den heimischen Fleck, ja die Tür seines Hauses, und es z.ieht eine ungeheure Sehnsucht in ihn ein, und plötzlich weiß er: Gott wohnt nicht auf den Gipfeln der Berge, sondern in der Furche am Saume des Berges, die jahraus und jahrein von den Vätern gezogen wird. — Der Weltweise horcht dein Hall der Worte mit einer großen Traurigkeit nach: er hatte auf eine Offenbarung gehofft, ähnlich wie sie dem Maggid, nach seinem eigenen Munde, vom Baal schein z.uteil geworden war. Was er aber vernommen, (Hinkte ihn von der üblichen Denkungsart kabbalistiselier Mystiker wenig abzuweichen. Eine Art, die sich als unheilvoll für seine Nation erwiesen hatte. Es war einige Minuten still in dem Gemach des Großen Maggid». Das unruhige Licht zweier niederbrennenden Kerzen beleuchtete die beiden an Leib wie an Geist so verschiedenen Männer in magischer Weise. Die Stunde rückte auf Mitternacht zu. Der Philosoph Mendelssohn mußte insgeheim lächeln: weder war die Luft erfüllt von tönenden Geräuschen, noch hörte er darin die Flügelschläge himmlischer Boten. Die Kerzen knisterten, und der Lichtschein bog sich nach allen Seiten, wie ein ermattetes Seelchen vor der Auffahrt. Doch Traurigkeit, und Sorge umstellten ihn wieder: sah er doch seine Brüder in Polen einer schlimmen Zukunft überlassen. Ja mit banger Ahnung erschaute er aus dieser I.elire des Baalscliem» nur Ungemach und Wirrsal für diesen edlem Volksteil seiner Nation. Die Größe des Augenblicks verwies ihm jedoch seine verborgenen Betrachtungen. Di« Rede des Maggid» erheischte eine Gegenrede, auch war es Zeit zum Aufbruch, ließ sich doch das Ziel seiner Reise in keiner Weise verwirklichen. In Mendelssohns Stimme schwang ein Ton von Rührung und stolzem Pathos, als er den Kabbalaspruch aufnahm und dem Großen Maggid erwiderte: Der Mensch unserer Mitte strebt aus dem Dunkel seiner Gassen und »eines Geistes zur Klarheit. Wo aber ist Klarheit, wenn nicht auf den Gipfeln und Höhen! Und sind nicht die Häupter der Großen Weltvveisen die!füllen der Menschheit! Mögen sie Aristoteles oder Maimonides heißen. Zu diesen Gipfeln erhebt sich der Blick des Menschen mit ungestümer Sehnsucht. Kommt er ihnen aber nahe und genießt die Luft des geordneten Geistes, dann wendet sich sein Blick wieder nach unten, und neuerliche Sehnsucht packt ihn, von diesen Gütern, von diesen Schätzen den verworfenen Brüdern abzugeben, mit ihnen zu teilen, was droben in Hülle und Fülle zu haben ist. Dieses dünkt mich, rief Mendelssohn mit einer brüderliehen Bewegung aus, der wahre Kern Ihres Spruches zu sein, und, indem er dem Großen Maggid seine Hände entgegenstreckte, rief er, dabei völlig ohne Absicht in eine deutsche Anrede fallend: Geben Sie, verehrungswürdiger Rabbi, den Juden in Polen statt eines heilig verbrämten Aberglaubens die Helle des geoffenbarten Gesetzes, und gestalten Sie das Schicksal unserer Nation aus dem Geist der Vernunft im Einklang mit der allgemeinen Moral eines freieren. Menschengeschlechtes! Moses Mendelssohn reist im Frühgrauen mit seinem Begleiter nach Berlin zurück. Da er über ausgezeichnete Geleitbriete verfügte, verfiel »eine Rückreise keinem unliebsamen Aufenthalt. Doch umging er, vor den Toren Berlins angelangt, die Stadt und schlug die Straße nach Bad Pyrmont ein. — Jahre später erfuhr Mendelssohn durch einen pölnischen Juden vom Tod des Großen Maggids im Dezember 1772. Es ist nicht überliefert, ob der Philosoph den Namen dieses berühmten Chassidimhauptes jemals erwähnte. Wohl aller wissen wir, daß ehe vom Großen Maggid Dow Bär aus Mesiritsch Kunde nach dem Westen kam, aer Name Moses Mendelssohn schon lange vordem unter den Juden in Polen bekanntgeworden war.