Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 66 (19.8.1938)
- Date
- 1938-08-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 66, 19. VIII. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 11 Dje Strukturwandlungen der Krise interessant, die Zahlen in den verschiedenen Städten zu verfolgen, wozu uns die Möglichkeit durch die Statistik der verschiedenen Distrikt-Gerichte gegeben ist. Es wurden Konkurse eröffnet in: Zur ersten Konkursstatistik der Palästina-Regierung Vcn Dr. Pinchas Kantorovitz, Jerusalem Die wirtschaftlichen und politischen Ereignisse des Sommers 1935 (der Italicniscli-Abessimschc Konflikt, die Uebcr- Produktion in der Zitruswirtschaft, die Investierungsstoekurigen in der Bautätigkeit und in der Industrie wegen der verringerten Profitchancen) bedeuteten, wie bekannt, das Ende einer gewaltigen Konjunkturperiode lind leiteten eine Depression ein, die den Aufstieg paralysierte und einen Niedergang hervorrief, dessen Folgen zur Zeit noch unabsehbar erscheinen. Die Tatsache, daß die Regierung zum ersten Male eine Konkurs Statistik veröffentlicht, gibt uns eine Möglichkeit, an Hand derselben gewisse Strukturwandlungen im Verlaufe der Depression zu erkennen und insbesondere auf eine gewisse Gesetzmäßigkeit zu schließen, unter der sich die Krise im Lande auswirkt. Die Kredit- und Vertrauenskrise als der entscheidende Faktor der Depressionsentvvicklung — übrigens trotz des Vorhandenseins erheblicher Kapitalien — wird dargestellt durch eine Uebcrsicht über die Anzahl der protestierten Wechsel in den verschiedenen Zeitabschnitten und Städten des Landes. Jerusalrm Haifa Jaffa Tel Awiw Insgesamt 1935 1.127 1.788 1.522 2.827 7 264 Monat!. (durchsdhn.) 94 147 126 236 605 1936 1.188 2.253 1.770 4.900 10.111 Monat!« 99 188 148 480 843 1937 1.106 1.724 1.642 3.515 7.982 Monat!. 92 144 137 ״ 294 666 1938 {6 Monate) 728 1.004 892 1 503 4.127 Monat!« 121 167 149 250 688 Im ersten Halbjahr ist die Zahl der protestierten Wechsel erheblich größer als verhältnismäßig im Vorjahre, erreicht aber nicht den Stand von 1936 (•1127 gegenüber 7987 im Vorjahre, aber 10 111 im Jahre 1936). Die monatlichen Durchschnittszahlen sind etwas höher als im vergangenen Jahre, aber um einen erheblichen Prozentsatz tiefer als 1936. (Hie entsprechenden Zahlen sind 688 fiir dieses Jahr gegen 66(1 im Vorjahre, aber 843 fiir 1936.) Im Vergleich der Städte erkennen wir eine Erhöhung der Proteste gegenüber dem Vorjahre in allen Städten, mit Ausnahme von Tel Awnv, In Jerusalem wird die Zahl von 1936 sogar überschritten, ein Zeichen dafür, daß da, wo es bisher verhältnismäßig normal war, nämlich in Jerusalem, die Kreditkrise in um so schärferem Maße einsetzt. Jaffa überschreitet ebenfalls um einen Proteslfail den Monatsdurchschnitt von 1936. Eine klare, aufsteigende Tendenz zeigt sich lediglich in Tel Awiw, wo im Jahre 1936 monatlich noch 4SI) Wechsel zu Protest gingen, 1937 nur 294 und in diesem Jahre nur 250, wobei noch zu bemerken ist, daß der Monat Juni dieses Jahres nur 174 Proteste brachte, zweifellos ein Zeichen fiir die Ucberwindting des Tiefstandes und für ein deutliches Aufwärts in Tel Awiw. Die folgenden Zahlen bringen eine Kankursstatistik für die Jahre 1936, 1937 und die ersten Monate des Jahres 1938, mit Angabe der Konkursmasse und der Verpflichtungen, ferner eingcteilt in Gesellschaften und Einzelfirmen, entsprechend den ״Winding-up Orders“ gegen insolvente Gesellschatten und den ״Receiving Orders“ gegen eine Einzelfirma oder Offene Handelsgesellschaft (Partnership) der verschiedenen Distrikt-Gerichte. 1936 GesellNhftften Andere Zahl 7 6 £P Masse 43 792 8.194 Durchschn. Masse per Fall 6.265 1.364 Schuld 138.993 22.272 Durchschn. Schuld per Fall 19.857 3.712 CP Verlust 95.201 14.078 Durdischn. Verlust per Fall 13.600 2.358 fnag־esamt 13 51.986 4.000 161.265 12.400 109.279 8.400!937 Gesellschaften 7 93.520 13.360 187.525 26.770 94.005 13.410 Andere 59 37.309 632 93.412 1.583 56 103 951 Insgesamt 66 130.829 1.994 280.937 4.257 153.108 2,263 1938 nsjjesamt 46 41 119 893 91.401 1.987 50.282 1.094 Die vorstehende Tabelle beweist, dab im Jahre 1936 verhältnismüßig viele Gesellschaften bankrottierten (7 von 13), und tatsächlich ist der DurchscImittsvcrlnst EP 8400 pro Konkurs. Diese Zahl sinkt 1937 auf KP 2263 und fiir die ersten Monate dieses Jahres auf AP 1094. Der Gesamtvcrlust beträgt 1936 immerhin Kl* 109 279 bei 13 Konkursen, er steigt 1937 nur ein wenig an (etwa 40"״), obwohl die Anzahl der Fälle sich um ein Fünffaches erhöht. Im Jahre 1938 bcträgt der bisherige Gesamtvcrlust nur KP 50 282, obschon die Zahl der Fülle 46 beträgt, also um 350 ״״ höher als 1936, wobei der Verlust um 50״״ geringer ist. Die wesentlichste Erkenntnis aus diesen Zahlen mag wohl für uns in der Tatsache der strukturellen Wandlung der Krise liegen, auf die wir aut Grund der Tabelle folgerichtig schließen müssen. Es ergibt sich dabei für uns das sehr interessantc Bild, daß z. B. der Kleinhandel sieh im Jahre 1936 noch behauptet, während die Erschütterungen in dieser Riehtting erst später spürbar sind. Man könnte meinen, dieses -Sich-Behaupten sei auf die kurze Binncn״konj1111kU1r“ zurückzuführen, die im Verlaufe des arabischen Streiks und der dadurch aiisgeschalteten Konkurrenz entstanden sei. Diese Anschaumig berücksichtigt jedoch nicht die Tatsache, daß auch der arabische Handel die ähnliche Strukturwaiulhing durchmacht und erst in den ersten Monaten 1038 von der Krise berührt wird. Die eintreteude Depression im Jahre 1936 hat ihre ersten Wirkungen jedenfalls auf größere׳ Gesellschaften gehabt, die jedoch individuell schwach waren und die Kinderkrankheiten noch nicht überstanden hatten, als sic von der Krise überrascht wurden und so von den ersten Erschütterungen zu Pall gebracht wurden. Sie hätten sielt zweifellos alle behauptet, und eine etwa notwendige Rekonstruktion dieser Firmen hätte hei noch anhaltender Konjunktur keinerlei Schwierigkeiten geboten. Das Jahr 1937 zeigt bereits eine strukturelle Schwäche. Bestimmte W i r t s c h a f t s z w e i g e werden von der Krise erfaßt, was insbesondere aut die Ucbcrsetzung des Handels zurtickziiführai ist. Wir zeigen an Hand der folgenden Tabelle die Anzahl der Konkurse in den verschiedenen Wirtschaftszweigen. Zwei* Jud. 1 9 : Arah. 6 Ges. % Jud. 19: A rah. 7 Ges % 1938 Jud. jArah-jGcs % Industrie 3 3 23.1 6 1 7 10,6 2 2 4,4 Handwerk Banken und 1 ־־־ 1 7,7 7 — 7 10,6 7 7 15,4 Versieh. — — — — 2 — 2 3,0 2 — 2 4,4 Bauwesen — — — — 5 — 5 7,6 4 — 4 8,8 1 ranaport -״ — — — 4 1 5 7,6 2 1 3 6,6 Handel 6 — 6 46,1 24 — 24 36,5 14 4 18 39.4 Hotels 1 1 2 15,4 3 — 3 4,5 1 1 2,2 Landwirte — — — — 1 3 4 6,0 2 _ 2 4,4 Grundbesitz — — — — 5 X 6 9.1 2 3 5 11,0 Sonstige 1 - 1 7,7 3 — 3 4,5 1 ו 2 4,4 Insgesamt 12 1 13 100,0 60 6 66 100 37 1 9 46 100 Die Zahlen zeigen, in welch starkem Maße der Handel beteiligt ist, und bezeichnend ist, daß es sich dabei vorwiegend um Kleinbetriebe handelt. Während 1936 von den 6 bankrotten KaufIcuten nur 2 Lebensmittelhiindler waren, sind 1937 von den 24 Kauf len ten 13 Lebensmittelgeschäfte und 1938 von 18 Kaufleuten 7 Lebensmittelgeschäfte in Konkurs gegangen, interessant ist weiter, daß die jüdische Land- Wirtschaft verhältnismäßig wenig berührt wurde und sich trotz ihrer Schwierigkeiten als krisenfest erwies. Die starke Beteiligung des Baugewerbes und des Grundbcsitzes fällt hingegen auf (1937: 5 bzw. 6 Fälle, 193S: 4 bzw. 7 Fälle), was zweifellos mit der geringen Bautätigkeit und dem Sinken der Mietspreise zus am menhängt. Die arabischen Bauunternehmer bleiben unberührt, dagegen bankrottieren verschicdenc Effendis, besonders in den ersten Monaten dieses Jahres, was wohl auf das Ausbleiben der Paclitrcnle seitens der Fellachen zuriickzufiihren ist. Auffallend ist auch die Beteiligung des Transportzweigcs, sicherlich eine Folge der verminderten Reisetätigkeit und des verringerten Verkehrs infolge der Unsicherheit auf den Straßen. Es wäre noch ganz Jaffa/Tel Awiw Jerusalem Haifa Insgesamt 1936: 7 4 2 13 1937: 42 20 4 66 1938: 22 17 7 46 Diese Tabelle beweist, daß das Bezirks ׳1־ ich* Tel Awiw und Jaffa jedenfalls die meisten Konkurse cröffncte. Immerhin ist der große Anteil Jerusalems gegenüber Haifa Bemerkenswert (1936: 4 gegen 2, 1937: 20 gegen 4. 1938:!7 gegen 7), obwohl die Haifaer Gerichte über ein mindestens so großes Kompctcii/gchiet verfügen. Interessant aber dabei ist, daß das Verhältnis Jerusalems in diesem Jahre gegenüber dem vergangenen fällt, während der Anteil Haifas steigt. Aut jeden Fall ist der Anteil von Tel Awiw stark gefallen, ein Schluß, der zu den gleichen, sehr günstigen Folgerungen führen mag, die bereits im Zusammenhang mit der Statistik der protestierten Wechsel ausgesprochen wurde. Das Anschwellen VienaiHniemsm^K^^itisbeftUUHMi zu haben in dun t/uten h acJiqe.ichäften der Konkurse in den letzten Jahren und die Erkenntnis ihrer strukturellen Bedeutung lallt tatsächlich die Frage einer Ein- Schränkung des frei eil Handels auflaildien. Die lieber- Besetzung /. B.!111 Detailhandel bat ungeheuere Formen angenommen. Nach dem Zensus der Jewislt Agency von 1937 kommen auf ein Dctailgeschafl in Tel Awiw . . . Jerusalem . . . PctachTikwa Haifa und Bucht 19,4 Einwohner 3U ״ 57 ״ 70,8 Dagegen vergleichsweise in Chicago . . . 78,2 Einwohner Detroit . . . 83,6 In ganz Palast, . kommen auf ein Geschäft 63 Einwohner In England (Vereinigtes Königreich) . 40 ״ In Irland.63 ״ In den Vereinigten Staaten von Nordamerika 77,1 ״ Mail bedenke dabei, daß alle diese Staaten ein höheres Lebensniveau haben als der Jischuv im Lande! Die Zahlen zeigen, daß die Krise in großem Maße eine Krise der Distributions Verhältnisse ist, und die Konsolidierung imtß an dieser Stelle einsetzen. Eine der entscheidendsten Aufgaben dürfte es sein, die Ucberzähligcn im Detailhandel produktiven Berufen /.uz.ufiihren, insbesondere der Hausindustrie oder der Kleinsiedlung, also dorthin, _ wo sie ihr Geld zwangsläufig nicht verlieren müssen. Leider haben die offizielle» Stellen in diesem Sinne noch keinerlei Schritte unternommen. Die Konkurse haben trotz ihrer verhängnisvollen Folgen für die Einzelnen oder jeweils davon Betroffenen auch ihre guten Seiten für die W i r t s c h a f t des Landes gehabt, Sic bringen die Schwache» des Wirtschaftskörpers deutlich zum Ausdruck und reinigen sie von ohnehin in ihrem Aufbau sehr schwachen und unsoliden Unternehmungen, die mir als eine Belastung unseres Wirtschaftsorganismus empfunden werden müssen. Juden und Araber* Von Lucy von Jacoby II. Ich sitze bei einem jungen Ehepaar in Tel Awiw. Sic halle» jeder ein Kleines auf dem Schoß, und ein Drittes sitzt schon allein still und artig am Tisch, das Näselten in die Miichtassc versenkt, über deren Rand die großen staunenden Augen unablässig wandern. So große, fcuchtschwarze Kirschenaugen — man sieht sic bei Arabern und Jemeniten, bei kurdischen und tuicliarischen Juden. Aber dieses Dorle hier hat sie — wie Vater und Mutter — ans Stuttgart mitgebracht, den blauäugigen Großeltern ztnii Trotz. — Die Osereth, ein oft beklagter Zustand, verbißt das Haus um 4 Uhr nachmittags, von da ab ruhen alle Obliegenheiten auf den Schultern der Hausfrau und des jungen Uatis- Vaters, der eben aus seinem Büro Itcimkommt und der wieder an den Schreibtisch möchte, wo ihn eine nationalökonomische Arbeit erwartet. Nebenan wartet Besuch, gleichfalls ein junges Ehepaar, das die Hausfrau nach ihrem heißen Arbeitstag an den Strand mitnehmen möchte. Vater und Mutter im weißen Kittel atzen die junge Brut. ״Sie wollen nach Rosch Pina und Safed?“ sagt die junge Frau leise. ״Warum?“ frage ich überrascht. ״Man fährt nicht nach Safed.“ ״Und warum nicht?“ Ich weiß es wohl, aber ich will es aus ihrem Mund hören. Es ist ein bißchen aufreizend, daß man immerfort gesagt bekommt: ״Das tut man nicht.“ ״Dorthin geht man nicht.“ ״Dahin fährt matt nicht.“ Sic sagt leise: ״Sic wissen ja, was dort passiert ist.“ ״Aber die Autobusse verkehren doch von Tiberias nach Rosch Pina und Metulla?“ ״Ja. Wer fahren in u ß, fährt. Wer nicht muß, darf nicht.“ ״Steht es nicht bei mir, ob ich cs riskieren will? Ist das nicht meine Sache?“ ״Nein“, sagt sie und zieht dem Kleinen das Nachthemdchen über. ״Die Jugend ist schwer zu halten. Unsere tapfersten und besten Pioniere sind ans dem Hinterhalt niedergeschossen worden. Wer könnte die Tapferkeit, die Güte, Rechtlichkeit und Besonnenheit eines Jakob Berger vergessen? Es darf kein Unglück mehr geschehen: jedes Unglück ist wie ein Funke, der ins Pulverfaß fallen kann. Niemand hat das Recht, Sie haben kein Recht, dieser Funke zu sein.“ Wie, — denke ich überrascht —, ich habe nicht einmal das Rcclit, eine Kugel zu riskieren? Nicht einmal das?! Es stimmt. Nicht einmal das Recht, eine Kugel zu empfangen. Zuviel steht aut dem Spiel. Sie hat recht. *) Diese Artikel (der erste erschien in Nr. 54) sind noch vor der jüngsten Verschärfung des Terrors geschrieben w&rden. — Red. 1111 allgemeinen diskutieren die im Lande heimischen Palästinenser selten die furchtbaren Vorfälle, die so schwere Opfer kosten. Die Neuankömmlinge, nach Maßgabe ihrer Nerven, diskutieren erregt. Die ״Sabres“ schweigen und fahren durchs Land, den Revolver zwischen den Knien. Allmählich hat die Regierung mehr Waffe» zugestanden. Ein Fremder wie ich, der die Dinge von außen sieht, begreift nicht, warum bei diesen Ueberfällen nicht alles, aber auch alles in der Defensive eingesetzt wird. Ein Verwalter von Ländereien am Tiberias-See zuckte mir verächtlich die Achseln und klopfte aut seinen Revolver, als ich ihn nach den Sicherheitsverliältiiissen fragte. Ein englischcr Offizier, dem die Araber einen jungen Kameraden in Safed ztisanimengescliosscn halten, sagte mit dieser verhaltenen Besonnenheit und Ruhe, die die Engländer selbst im tiefsten Grimm bewahren: ״Geben Sie mir freie Hand, und wir haben die Terroristen in 48 Stunden endgültig zu Paaren getrieben. Warum bewaffnet man die Palästinenser nicht? Wir hätten 40 000 Mann mehr, und wenn die Araber das nur w ii ft t e n, so würde das meiner Ansicht nach schon eniigen, 11111 sic in Schach zu halten. Sie schießen aut ihre andsleute, sie erpressen, sie verschleppen christliche, aber auch muselmanische Araber. Die Jugend ist ja leicht mit ein paar Stichworten aufzuhetzeii, aber die Erwachsenen wissen gut, was sie der neuen Ordnung im Land zu verdanken haben.“ ״Wirklich“, sagte ich überrascht, ״glauben Sic das? Haben Sie selbst ein Auge dafür?“ ״Wir sind ja nicht blind“, sagte er gelassen: ״wir haben eschen, was war — und was ist. Wenn Prosperity ins and kommt, bat jeder seinen Vorteil davon. Die Araber schauen ja auch über die Grenzen, wo es keine asphaitierten Straßen mit Nachtbcleuclitung und Brunnen gibt. Wissen Sic, was das allein für eine Erleichterung ins Land gebracht hat? Die Araber zählen noch heute Familictibesitz nach der Anzahl der Brunnen. Und die reichen Araber fahren mit ihren Autos auch auf dem ,jüdischen‘ Kwiscli, der ״Friedens-Sfraße“ (gemeint ist die neue Straße Tel Awiw—Haifa — Reel.), deren Name freilich heute Hohn mul Spott ist.“ Neulich fragte eine junge Frau in dem lieblichen Hain von Ludd uns nach dein Weg. Es war wie ein Märchen, wie sie die frühlingsgrünen Wege zwischen Palmen in ihren Schleiern wandelte, wirklich: wandelte. Sie trug ein flaches Gefäß voll Brot auf dem Kopf.!Meine Freundin Anuta kann ein paar Brocken Arabisch. Sie hielt den Wagen an und gab freundlich Auskunft. Ich lachte dem jungen Wesen zu und gab zwei von meinen fünf Worten Arabisch zum besten: ״Kwaiß, kwaiß, — jaffa!“ ״Schön, schön — reizend!“ Sic konnte nicht umhin, sie lüftete den Schleier mit erfreutem, schüchternem Lächeln. Dann brach sie ein Stück Brot und reichte cs mir. ״Kataeherak“, sage ich und bilde mir ein, ״Danke“ gesagt zu haben. Und es schien uns so leicht, die Freundschaft zu befestigen. Ach, wir wissen, daß dem nicht so ist. Standhafte und unerschrockene Acrzte wie Dr. Lehrs und Dr. Ticho haben unentwegt ihre Pflicht und mehr als ihre Pflicht au den von Krankheiten verheerten Arabern getan; den ersten haben sie -- trotz heiliger Schwure — hei Ausübung seiner Samariter-Taton in einem Araberdorf erschossen, den Augenarzt Ticho fast erdolcht. Wahrscheinlich waren es nicht dieselben, die geschworen und die geschossen haben. Aber doch —׳!! Wie soll man das verschmerzen? In Jaffa wurden zwei jüdische Krankenschwestern an der Schwelle des Spitals ermordet. Viele z\1׳abcr haben diese Ereignisse mit Schmer/ und tiefer Erbitterung zur Kenntnis gciinminen. Ebensowenig wie man Sie und mich fiir etwaige Verbrechen von Landsleuten, die wir verabscheuen, verantwortlich machen kann, dar! man hier in Bausch und Bogen verurteilen. Man soll deshalb nicht ziisamntenfassend sagen: ״Die Araber sind so und so.“ Gewöhnlich sind die Menschen ״so״ aber auch ״so“. Immer wieder und mit aller tnlenGläl, mit der ganzen Zusanimenfassiing unseres guten Willens müssen wir uns an die Guten halten — es gibt nur den einen Weg einer freundschaftlichen Verständigung mit dem Nachbarn: wir müssen ihn finden. Immer wieder mul unermüdlich. Wie würde die Welt ausseheii, wenn der ,.Klügere“ sich tatsächlich zum Nacligebcn entschlösse und resignierte und dem Dümmeren für immer die Oberhand ließe? Sie wäre verbrecherisch, diese Resignation. Mich fröstelte, als ich auf dem Dach der herrlichen Schule von Mischmar Hacniek stand und die Arabersiedlmig so dicht daran sah. Aber die Palästinenser sind so daran gewohnt, sie schauen durch die Schießscharten durch, sie schalten sie ״weg“. Mir geriet zufällig der schöne Reiseführer von den Profcsseurs de Notre Dame in die Hand. In den sorgfältigen Karten ist jedes Ocrtchcn, jede Ruine im Umkreis von Baalbek oder Cäsarea eingezeichnet — bloß kein einziger jüdischer Ort auf der Karte von Palästina. Das ganze Land ist von einem Netz funkclndfrisclier Städte und Dorier durchzogen, aber auf diesen Karten findet sich weder Petach Tikwa noch Giwat Brenner, da gibt es kein Afule und kein Kirjat Anawim. Einzig ein kleinwinziges In Klammer gesetztes (Tel Awiw) neben einem großgedruckten Jaffa. Tel Awiw war beim besten Willen, seheint’s, nicht zu übersehen. Es ist sicher kein böser Wille dabei, daß uns die guten Professeurs de Notre Dame ihrerseits ״wegschaucn“; vielleicht ist der Standpunkt allen Menschen gemeinsam: ״Was mich nicht interessiert, ist nicht vorhanden.“ Oder nur schwach, nur schattenhaft die Bewußtseinsschwelle streifend. Wahrscheinlich gibt es arabische Karten, die mir die arabischen Ortschaften verzeichnen. In dem, was diese Karten zugeben, sind sie zuverlässig; was sie aber verschweigen, das verzerrt und fälscht das Bild, das sie zu vermitteln haben, und wenn man sich auf sie stützt, so — verrechnet man sich. Ich wünsche mir aus tiefstem Herzensgrund eine Karte (und eine Weltanschauung), die aus diesen drei Mappen zusammengesetzt ist.