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Jüdische Rundschau · 1938-08-19 · Heft 66 (19.8.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 66 (19.8.1938)
Date
1938-08-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 66, 19. VIII. 1938 Die Erforschung der Reditsgeschidite der Juden Die Ungarische Israelitische Literaturgesells ch a ft 11,1t — wie ihr Vorsitzender, Direktor A. Werth e i m e r, irn Vorwort zu vorliegendem Werke bemerkt, — ,,eine Ehrenschuld gegenüber der ungarischen Nation und der jüdischen Wissenschaft abgestattet“, indem sie mit morali* scher und materieller Unterstützung des ungarischen Kultusministeriums, sowie der Ungarischen Akademie der Wissenschäften der vor 34 Jahren begonnenen Edition der ״Dokum e n t e!1 s a m m I u 11 g ungarisch-jüdischer Oeschichte״ nunmehr de״ fl. und III. Band folgen ließ. (II. Band 1540 -1710, III. Band 1711-1740. Budapest 1937, Hornyänszky. Mit Vorwort von A. Wcriheimer, Prof. 14. Marczali und B. Mandl.) Im I. Band hatte Dr. Adolf Frisch die Zeit der Arpads, Anjous, Hunyadis und Jagellonen bis 1526 vor uns erstehen lassen, da die Juden in mittelalterlicher Weise als ״Kamnierkimhte'' unter unmittelbarer königlicher Gerichtsbarkeit stehen, als Gemeinschaft königliche Privilegien genießen und sich dem in Entwicklung begriffenen Wirtschaftsleben der Nation einfügen. Wir finden die hebräischen Anfangsbuchsfaben jüdischer Oeldpräger auf den Münzen der Könige Heia IV. und Stefan V. im 13. Jahrhundert. Dagegen empfängt uns am Beginn des II. Bandes nach der Schlacht von Mohäcs eine trostlose Leere: Ein verstümmeltes, verwüstetes Land, verarmtes Volk, verstreute Juden, Im türkischen Sektor des!,;indes spielt wohl die Hauptstadt Buda (Ofen) auch jüdisch eine bedeutende Rolle, kommt aber in den Akten des Buches überhaupt nicht vor, nur als Steuerpäehter und Steuereinnehmer finden wir vereinzelt Juden, ein Hosea aus Jerusalem fungiert als Oberemin in Esztergooni; Dcftcr, d. h, Steuerlisten werden in hebräischen Lettern geführt und die P;hc1k1n nehmen die Patte: ihrer Untertanen auch gegen Behörden und BcfehMiaber auf königlich habsburgiscliem Gebiet. Auf!et/terein entwickelt sich ein etwas regeres Leben. Aus den St.ulten vertrieben, die dem Aerar dafür die Juden- Max Weissler Berlin W, ״׳" Kleiststr. 12 Steuer schuldig bleiben, wanden! die Juden als Händler, Hausierer durchs Land. Die meisten Schriften handeln von Klagen und P10/!׳sse!1 gegen die I)!׳eißigsteiämter (Zollbehörden), hier und da tauchen .de auch selbst als Steuererpresser auf. In?wischet! erwerben sie sich Verdienste um die Provianticrmig mancher 01 e!1/festen, als Dolmetscher und Lieferanien. Die ״Inquisition“ gegen sie wird von den Städten (Sopron, 1hl3) abgelehnt. Das 17. Jahrhundert scheint die nationalökonomische Bedeutung der Judenschaft bereits erfaßt zu haben. Perdinand II. verbietet ihre Verfolgung (1622) und erteilt den Juden allgemein die Befugnis, im ganzen Lande Handel und Gewerbe zu treiben, der bürst von Siebenbürgen, Gabr. Bet bien, erteilt ihnen gleichzeilig (1625) ein Landesprivilcg und die heldenmütige Gemahlin Franz Räköczis 1., Ilona Zrinvi, verpachtet ihr (lut einem Ephraim aus Munkacs. Sogar die königliche Kammer in Wien gibt vier Dörfer einem Juden in Pacht. Die Gesamtheit der Juden wird von Karl III., sodann Maria Theresia mit der Kameral-, Dietal-, dann Toleranzt,ix« belegt. Ihre direkten Scinrtzlierren sind nichtsdestoweniger jetzt nicht mehr die Herrscher selbst, sondern einzelne Magnaten. Großgrundbesitzer, die den Juden gegen verseiltedene Abgaben auf ihren Gütern Schutz- und Obhut verleihen, die Interessen ״ihrer“ Juden auch energisch verteidigen. Bekannt sind die E s z t e r 11 ä / y s (״Siebengemeinden“), Battyänys (südliches Burgenlantl), Pälffys (Preßburg), Zichys (Altofen). Es folgen bald die Befreiungskämpfe gegen die Türken und kaum ist Ofen 16S6 in die Hände der Kaiserlichen gcfallen, erscheint schon die Persönlichkeit des großen Hoffaktors, Samuel Oppenheimer. Seine Agenten, Verwandten und -־- Konkurrenten bereisen jetzt die ganze Mönarchie, uni für die Armee i:1! l eide Menage und Fourage zu besorgen, in/wbchen auch die immer leere Staatskasse zu alimeniu-rcn. IO regnet Pro.I'egieti auf Privilegien; für Ungarn waren besonders die \ on Samson W e r 111 e i in e r, — der und dessen Schwiegersohn B. Esehkcles auch die Würde des ungarischen I.nmlosrabhinats bekleideten. — von Simon Michel, dem Urahnen Heines, von den Brüdern Sohleginge r, den Vorfahren R, Akiha Fger«, sowie des aus Frankfurt stammenden ()fem’r Bürgers Burgel von Bedcutimg. Aron Hirse hl, der sieh um Belgrad Verdienste erworben, erscheint uns bald als erster Neophvt, Thomas Hiesinger. Im allgemeinen geht das Aktenrnateriai jetzt parallel Unsere Zeit sieht deutlicher als viele bedeutende Gelehrte des vorigen Jahrhunderts, daß eine Rechtsordnung, die eine Gruppe sich selber gibt oder die den Rechtsverkehr mit ihr von außen regelt, nicht notwendigerweise irgend etwas über ihren sozialen oder geistigen Zustand verraten muß. Die rechtliche Stellung, die den Juden in den verschiedenstcn Zeiten und Ländern zugewiesen wurde, verdeckt eher den Hergang ihrer geschichtlichen Entwicklung, besonders ihres geistigen und religiösen Weiterschrcitens, worüber auch gewisse Reflexe ihrer ״Rechtsstellung“ in ihren kulturellcn Zuständen nicht hinwcgtäuschen dürfen. Der euronäischc Jude im Zeitalter der napolconischen Kriege war beispielsweise in vielen Ländern formal gleichberechtigt und ״emanzipiert“, führte aber noch lange ein kulturelles Sonderdasein mit einer eigenen Lebensordnung, dachte in einer eigenen Denkform, sprach in einer eigenen Umgangssprache um! hatte eine ausgesprochene besondere Lebensart. Mit anderen Worten; An der Beschaffenheit und dem Inhalt der Rechtsnormen, durch welche die rechtliche Stellung der Juden von außen geregelt ist, kann ihr kultureller, sozialer, religiöser oder sonst soziologisch erfaßbarer Status nicht ermessen werden. Das ,,J u de n r e c!11“, das ist das Sonderrecht für die Juden, veränderte natürlich auf die Dauer die im jüdischen Stamm und in seiner großen nationalen Geschichte Ursprunglieh angelegten Entwicklungstendenzen. Aus der mittelalterliehen Geschichte haben wir Beispiele gernug von schweren Verfallserscheinungen, aber auch von Zügen des Heroismus und wahrer Größe, beides durch äußeren Druck hervorgerufcii. Im Großen und Ganzen ist jedoch keine Rede davon, daß die religiösen und sozialen Tatbestände, welche durch das Judenrecht nichtjüdischen Ursprungs betroffen werden, mittels systematischer Kenntnis dieses Rechts ihrerseits erkannt werden können. Für ausgedehnte Epochen der Weltgeschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora nahm man vielfach irrtümlich die Darstellung der Entwicklung seiner Rechtsstellung für die eigentliche Volksgeschichte. Vor und neben dem Judenrecht hat es von jeher auch ein jüdisches Recht gegeben; das ist bis zeitlich herab zu den Resnonsen und rabbinisclien Verordnungen die ununterbrochene Kette des religiösen Rechts nach Bibel und Talmud, womit sieh das Judentum selbst eine nie stillstehende Ordnung gesetzt hat. Diese von einer außerweltliehen Macht abgeleitete Satzung begreitt jedoch (ähnlich dem kanonischen oder islamischen, wie überhaupt dem ursprünglichen noch nicht säkularisierten Recht bei den meisten Völkern) einen viel umfassenderen Bereich menschlicher Handlungen als unser Recht und erhebt den Anspruch, eine totale Lebensordnung des Menschen zu statuieren. Auch die Geschichte des jüdischen Rechts (das sich nach seiner Ableitumg vom Himmel zeitlos gibt) ist nicht Geschichte der Juden, höchstens ein Teil davon, verdeckt dagegen vielfach den politischen und kulturellen Gang der zeitlichen Ent- Wicklung, statt, wie es Aufgabe der eigentlichen Geschichte ist, ihn aufzudecken. Die eben gegebenen Unterscheidungen, die hier nur in knappster Weise vorgetragen werden konnten, vermißt man schmerzlich bei den meisten Darstellungen der an und für sich so wichtigen und unterschätzten Erforschung der Rechtsgeschichte der Juden. In jüngster Zeit hat Ln sehr dankenswerter Weise der frühere Rechtshistoriker der Universität Halle a. S., Professor Guido Kisch, eine Reihe bibiiographischer Arbeiten zur Rechtsgeschichte der Juden herausgegeben. Daraus mit den von den Wiener Gelehrten Pribram, Grünwald, Wachstein erforschten Publikationen der dortigen Historischen Kommission. Besonderes Interesse dürften für die erwachende Familienforschung jene J uden kon s k ri.ptionen aus den Jahren 1709, 1725—35 haben, die aus verschiedenen Gemeinden (Eisenstadt, Preßburg, Altofen u. a.) mitgcfeilt werden und deren vollständige Veröffentlichung eine zukünftige Aufgabe der Literaturgesellschaft bilden soll. Vorläufig ist noch ein IV. Band der Momienta in Vorbereitung, in dem Universitätsprofessor Dr. Franz Kov äts die jüdischen Finanzmanipiilationcn des ausgehenden Mittelalters, deren Geschichte und Methoden in Akten und Abhandlungen darstellen wird. Direktor Bernhard Mandl hat in vorliegenden zwei Bänden auf 566 plus 919 Großoktavseiten insgesamt 376 plus 516 Dokumente, zum großen Teil in lateinischer und deutsebtr Sprache, veröffentlicht und mit Regesten versehen. Im Anhang sind außerdem noch an 250 Schriftstücke dieser Zeitperiode aufgezählt, die bereits in wissenschaftlichen Werken behandelt, resp. herausgegeben wurden. ist die erstaunliche Fülle erforschter und nichterforschter Probleme der Judenrechtswissenschaft im weitesten Sinne ersichtlich. Besonders aufschlußreich ist die letzte Arbeit von Kisch ״Otto Stohbe und die Rechtsgeschichte der Juden“ (Sonderausgabe aus aus dem Jahrbuch der Gesellschaft für die Geschichte der Juden in der Tschechoslowakischen Republik; Jahrgang IX, 1938). Stobbes bekanntes Werk ״Die Juden in Deutschland während des Mittelalters in politischer, sozialer und rechtlicher Beziehung“ ist im Jahre 1866 erschienen und bis heute noch nicht überholt, obwohl in den Neudrucken 1902 und 1923 keinerlei Veränderungen vorgenommen sind. Sein Hauptwert liegt in dem Urkundenmaterial. ״Heute wird eine Rechtsgeschichte der Juden anders 2u schreiben sein“, bemerkt Kiscli. ״Es wird noch einer bedeutenden Forschungsarbeit bedürfen, um selbst die Aneinanderreihung skizzenartiger Studien zur Rechtsgeschichte der Juden, wie sie Stohhe beliebte, durch ein dem Gegenstand der Darstellung gemäßes Gesamtsystem zu ersetzen.“ Für mehr als eine Teilarbeit, nämlich die der Stoff- Sammlung nach dem Stand vor mehr als 70 Jahren, wird man heute Stobbes Werk nicht halten. Die Grundauffassung auch von jüdischer Seite wird heute mehr in die Richtung seines gründlichsten Kritikers, Konrad M a 1! r e r, gehen, dessen Einwhnde von 1867 Kiscli zitiert, bas inzwischen weiter gehäufte Quellenmaterial harrt bis zur Gegenwart der wissenschaftlichen Erschließung und neuen Darstel- Iung. ״Man muß das in 70 Jahren neu erarbeitete Quellenmaterial rechts!!istorisch auszuwerten suchen, um endlich Stobbes Ergebnisse sachlich zu überprüfen, zu ergänzen und richtigzustellen. Nur so wird sich zugleich wissenschaftliche Klarheit darüber gewinnen lassen, was es mit einer Reihe von historischen Argumenten für eine Bewandtnis hat . . . Kisch gibt für eine Reibe rechtsgesdiiclitSicher Einzel- Probleme die gegenwärtige Forschungssituation an. Mit der exakten Bereitstellung des Quelleiimatcrials, worin von jüdisehen Forschern Hervorragendes geleitet wurde, haben Answertung und Gcsamtdeutung nicht Schritt gehalten, Es bleibt dabei: Mit dem alten Bild der Geschichte der Juden bis zur Emanzipation, namentlich im christlichen Abendland, ist nicht mehr auszukommen. In Konstruktionen der Rechtsstellung, Interpretation der darauf bezüglichen Urkunden, Verfolgungschronik und Literaturgeschichte älteren Stils kann sich ״Jüdischc Geschichte“, die diesen Namen verdient, nicht erschöpfen. Das reiche Quellenmosaik, das für die Rechtsgeschichte namentlich im Mittelalter zur Verfügung steht, wird immer für ein echtes historisches Verstehet! der Selbstbchauptung und der Schicksale des jüdischen Stammes in den Ländern der Galuth seine überragende Bedeutung behalten; aber außerjüdisches Judenrecht, auch mit den besten Methoden neuzeitlicher Spezialforschuug im Sinne von Kisch betrieben, leuchtet nicht in den sozialen Corpus noch in die geistig und religiös tief bewegte Seele der Oolus-Juden der Vergangenheit. Selbst die eigenen Ordnungen, die sich die Judenheit in ihren ״Rechtsgutachten“ und Satzungen mannigfachster Art gesetzt hat, sind als Geschichtsstoff ein hochwichtiger Behelf, sagen aber über das Sozial- und Religionsleben, das sie ordnen wollen, nur indirekt Authentisches aus. Professor Guido Kisch gebührt das Verdienst, auf eine dringende jüdische Forschungsauf gäbe unter Beherrschung eines Riesenmaterials aufmerksam gemacht zu haben. Dr. Ludwig F e u c h t w a n g e r, München Bei dieser Gelegenheit sei auch eine kurzgefaßte Broschiire angezcigt, die sich mit einem der interessantesten Probleme der ungarischen Urgeschichte befaßt. Seit ibn Schaprut und Juda Halevi ist die sog. ״Chasarenfrage“ bekannt, von denen der Stamm der Kanaren sich itn 9. Jahrh. den nach Westen vordringenden Magyaren anerschlossen und also einen Bestandteil der ungarischen Urevölkerung gebildet haben soll. Diese wissenschaftliche Hypothese fand ebensoviel Verteidiger wie Bekämpfer. Nun oehandelt der Mittelschulprofessor Dr. Sigmund Kal lös in einer Studie; ״Krieger jüdischen Glaubens unter den landneliincndcn Magyaren“ die Frage mit philologischen Mitteln. Auf Grund von hunderten urmagyarisehen Ortsnamen beweist er vor allem die Teilnahme einer kabarischen Sippschaft der U z - cn, die er mit den noch im 12. Jahrh. erwähnten Kal-izcn identifiziert, itn ganzen Eroberungsgebiet, um sodann an 109 Ortschaften mit dem ursprünglichen Namen Zsid (=-- Jude) und Szakäll(as) (Bärtige) auf einer Landkarte zusammenzustellen. Dr. A. Fürst 08s Haus t. geschmacKv, ELZE n1mm!11)1nmM«1t1t111M)rm11tnt11n1111[1ut!ui(11M(m1!mn1n11tmtnN1nm11n<tnt111t[t1111111111111!111111!1111n1111i111111111111111t11111!111111111111111111111111111111111111111111111111111111111{M11111t1111111!11111N11111111111t1t11111111111tt11111111111111111i1!111t11i11111n1t11n1 Besuch in Mesiritsdi ^״n Moritz Kaswan Im Frühjahr 1772 traf nn einem Freitag in Mesiritsch, in der Stadt des Großen Muygids Dmv Bär. ein Reisewagen cirt, um dessen Räder eine Lehmkruste .jede zurückgelegte Meile eingesogen zu haben schien. Und es %vnr eine beträchtliche Meilenstrecke, di!■ an den Rädern haftete. Das Schwnr/Ltckleder!1er Kalesche war grau vom Wegstaub und von Rissen überzogen wie eine zerkratzte Haut. Ein solches Gespann war in der kleinen Stadt kein häufiger Anblick, obgleich zu Zeiten Hunderte die Straßen hinaufwanderten, um den Nachfolger des Basischem» von Angesicht 7,u Angesicht zu sehen und sich seiner neuen Weise zu verschreiben. So umstanden den von weither gekommenen Wagen wallfahrende und einheimische Juden und starrten von den noch hebenden Rappen auf den Wagenschlag, der sich sogleich öffnete, um aus dem Innern zwei Männer herauszulassen. Die zwei Reisenden, von denen der eine es sich gefallen lassen mußte, daß ihn die Neugierigen mehr als ziemlich anstarrten, da er von schmächtiger Figur war, und diese unter einem breiten Undiang mit hohem violetten Kragen eher noch zarter als stärker wirkte, wiesen sich jedoch den Umstehenden als Juden aus, indem der zweite, ein Jüngling von normaler Statur und in gewöhnlicher Judentracht, die Leute fragte: Wo ist das Haus des Heiligen? Wir wollen zu ihm! Wir alle wollen zu ihm, erwiderten die Chassidim und gerieten dabei unversehens in eine heftige Bewegung, als müßten sie einer anschwellenden Woge nusweichen, daß die beiden Ankömmlinge erschrocken zurücksprnngcn. Aber es waren nur die Schauer der Verzückung, die die Anhänger der neuen Weise zu befahren pflegten, sooft sie der Heiligkeit des Großen Maggids gedachten. Sie rückten jedoch rasch in die Wirklichkeit zurück und bedrängten die Fremden mit der ungestümen Frage: Wer seid ihr? Und woher kommt ihr? Der;jüngere von beiden reckte sieh ein wenig und hob seine Hand, wies nach Westen und antwortete mit ausholender Stimme: Von weither, von dort kommen wir, von Berlin. Da stand das Häuflein Juden vor Staunen stumm und sah ehrfürchtig auf den Sprecher wie auf seinen Begleiter und taten 80, als müßte nun noch etwas Bedeutsames an ihre Ohren schlagen. Etwa: wir sind Boten des Königs., oder: wir bringen euch frohe Botschaft, der Messias naht bald, bald.. Es folgte aber nichts, nur daß der Kleinere, offenbar der Gebietende von beiden, mit freundlichem Gesicht die Umstehenden bat, ihn zum Großen Maggid zu führen, eh sie der Schabbath überrasche. Indem er so sprach, machte er ein paar Schritte, uin aus ihrer Umringung horauszuschreiten; die Juden nber warfen einen erschrockenen Blick in die scheidende Frühjahrssonne und zerstoben nach allen Seiten, als müßten sie dem heraufziehenden Schabbath noch einen riesigen Vorsprung ab jagen. Die beiden Reisenden Hieben auf dem Platz, bei ihrer prächtigen Kalesche allein zurück und schickten sich eben an, das Gefährt in eine breitere Gasse cinzulenken, als ein hagerer Bachur zu ihnen trat, erst ihren Wagen mit unruhig glimmenden Augen bcstarrte, dann mit einem unwirschen Gleiten des Blicks die Gesichter der Fremden, sonderlich das des kleineren, und sich schließlich, da dieser ihn freundlich um Weisung des Weges anging, fast flüsternd vernehmen ließ: Kommt morgen zur dritten Mahlzeit an den Tisch des Rabbis, denn nur um diese Stunde zeigt er sich den Gästen von Angesicht zu Angesicht. Der junge Mann horchte seinem Flüstern mit zusammengekrümmten Schultern nach, und als der Fremde nichts entgegnete, sprach er mit einem spöttischen Auffunkeln seiner schwarzen Augen: Oder seid ihr von so weit hergekommen, um Sendlinge des Heiligen zu werden, dann folget mir, ich werde euch zu seinen Jüngern führen. Der Bachur neigte sich seinen Worten nach, als wollte er erspähen, wohin sie bei jenem verschwanden; und so gab er acht auf dessen Augen, wie auf einen Lichtspalt, der ein geheimnisreiches Innere erhellen sollte. Ihn traf aber ein ruhiger, tinvcrhnngencr Blick und eine ebensolche Antwort; Es ist nicht meine Absicht, erwiderte der Fremde in dem weltmännischen Reiseumhang, mich zu den Schülern des Meisters zu gesellen. Im übrigen, endete er gelassen, werde ich mich bis morgen gedulden, und ihr nehmt für heute meinen Dank. Indem er so sprach, verbeugte er steh leicht vor dem mesiritischen Jüngling und wandte steh mit seinem Begleiter einer nahgelegenen Ilerberge zu. Um die späte Nachmittagsstunde des folgenden Tages versammelten sich im Hause des Großen Maggids Dow Bär an hundertundfünfzig Besucher, darunter fünfzehn neue Gäste aus den Städten Podoliens und Wolhyniens. Fast alle von ihnen sahen die berühmte Stadt zum erstenmal,* und es war nichts Seltenes, daß viele hier ihren Wohnsitz für Jahre nu[schlugen, ohne ihrer daheinigelassenen Frauen zu gedenken. War doch nach dem Tode des Baalschems das Urlicht von Micdzyhorcz, nach Mesiritsch übergesiedelt. — An der Tafel des Rabbis war nicht Raum für alle Kömmlinge: so saßen auf den Bänken nur die ältesten und angesehensten Männer der heiligen Gefolgschaft, und solche, die an diesem Tisch zum ersten Male die neue Weise des Basischem Tows hören sollten. In dieser Reihe hatten auch die zwei Reisenden au# Berlin ihre Plätze eingenommen. Der eine, gekleidet wie alle in dieser Stube, in einem weißen Oberrock und in weißen Strümpfen, der andere dagegen legte auch in dieser Umgehung nicht seinen dunklen Umhang ab. Er trug auch nicht, wie die Chassidim, eine Pelzkappe oder einen zobelverbrämten Kopfputz, sondern einen schwarzen dreieckigen Hut, wie er in seiner Gegend wohl üblich sein mochte, hier aber auf den Besitzer einen Kreis von mißtrauischen und mürrischen Blicken zog. Hinter den bevorzugten Gästen drängten sieh die jüngeren Chassidim, und ihre Stimmen schwirrten wie ein Vogelschwärm über die Köpfe der Sitzenden hinweg. Von der Tür zum Fenster und von einer W'and zur andern, überklang ihr lauter Zuruf und ungestümer Friedensgruß das verhaltene Sprechen der Alten, wie das Rauschen eines Wassersturzes das ebene Rieseln eines Baches. Plötzlich verlief das hitzige Geräusch der Stimmen zu einem halblauten Gewisper. Ein Mund fand flüsternd Widerhall, und schon fielen die Augen aller auf den seltsamen Reisenden. Und wie er so dasaß, ein kleines Männchen, scheinbar ohne Kraft und Ansehen, in einer Mantclhüllc, die seine schmähliche Gestalt schier einschlang, stießen die Neugierigen einander mit den Ellenbogen an und maßen ihn mit funkelnden Augen, ob er einer der ihren oder ein unbotmäßiger Eindringling wäre.

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