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Jüdische Rundschau · 1938-08-19 · Heft 66 (19.8.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 66 (19.8.1938)
Date
1938-08-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nf. 66 19. VIII. 1y38 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Zur Uraufführung der Oper ״Die Chaluzim“ Wir bringen nachfolgend einige Aeußcrungen des Komponisten Jacob Weinberg zu seiner Oper ״Die Chaluzim״, die am 4. September 193S unter musikalischer Leitung des Dirigenten Chrmjo Wi naiver in einer Sonderveranstaliung des Jüdischen Kulturbundes in Berlin zur europäischen Uraufführung gelangt, Professor Jacob Weinberg, der in New York lebt, wirkt gegenwärtig am New York College of Music. Er gehört zu den beachtlichsten Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Musik und genießt auch die Anerkennung in der außer jüdischen Musikweli. Seine Oper ״Die Chaluzim“ (The Pioncers) wurde 1926 in Philadelphia auf einem Internationalen Musikwettbewerb von einer nicht■ jüdischen Jury mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Musikalische Persönlichkeiten wie Ossip Gabrilowitsch, Leopold Godowskg u. a. äußerten sich überaus anerkennend über die Weinbergsche Oper, die man ,,ein großangelegtes Werk“ nannte, ״das gewiß den bedeutendsten Opernkamponisten der Neuzeit zugezählt werden wird“. Die nachstehenden Ausführungen sind einem Aufsatz entnommen, den Weinberg vor längerer Zeit in der ״New York Times" veröffentlicht hat. — Red. Der Komponist über sein Werk ,,Zwei besonders starke Eindrücke, dk ich während der fünf Jahre meines Lebens in Palästina gewann, regten mich an, dieses Erlebnis in einem szenischen Werke darzustellen. Der erste Eindruck war der Zauber des Landes, sein Anblick und das Unnennbare, das ״in der Lnft liegt“, das friedliehe, pastoraie Bild seiner biblischen Hügel, Täler und Berge. Ihr Friede läßt uns etwas von der ewigen Wahrheit dreier Religionen ahnen, deren Wiege hier stand, an eitlem Jahrhunderten und Geschlechtern heiligen Orte. ... Und dann der Zauber, den das Land Jisrael auf das Ohr ausübt, durch seine Volksweisen und Tanzrhythmen und durch den eigentümlichen Klang seiner Sprachen: des sefardischen Hebräisch und des Arabischen, die so voller Eigenart sind, so reich an Klang, — eine Erquickung für das Ohr des Abendländers. Vor allem aber ist wohl die anmutige Stille der Landschaft das stärkste ,,musikalische‘• Erlebnis für uns, die wir in den Städten wohnen mit ihrem lärmenden Getümmcl. Es gibt keine Hast in dieser Landschaft, nur ein ewig-stilles Gleichmaß. Noch hütet der Hirtenknabe seine Schafe drohen auf dem Oelberg, melancholisch bläst er seine uralte Weidenflöte wie einst in den Tagen Davids und Salomos. Diese Stimmung gibt eine jemenitische Melodie (in ״Die Chaluzim“ enthalten) treffend wieder: . Wie schön sind deine Nächte, Kanaan, wie glitzernd und hell! Die Stille läßt ihr Lied ertönen, da klingt es auch in meiner Seele.. Stärker noch war der zweite Eindruck. Er wurde nicht durch die heilige Stimmung des Landschaftsbildes hervorgerufen, er kam von einer ganz anderen Art der ״Heiligkeit“, — der heiligen Sehnsucht und fanatischen Hingabe der jiklisehen Jugend, an den Aufbau ihres einstigen Heimatlandes. In der Geschichte der Menschheit hat es eine national« Be- W’egting dieser Art kaum gegeben. Aus allen Ländern strömen sie her, jene mutigen jungen Männer und ernsten Frauen, mit ihrem Leben einzustehen für den Wiederaufbau ihrer Heimat, lind — um Walt Whitman zu zitieren —: ״Hinweg über Kampf und Niederlage, hinweg über Niederlage und Sieg, immer vorwärts, ohne Stillstand ..Schritt für Schritt kämpfen sie sich vorwärts, langsam aber zuversichtlich ihrem Endziel zusteuernd, der Verwirklichung ihres lange gehegten Traumes. Das Werk ,,Die Chaluzim“ (״The Pioneers“ — ״Hecha- Ein Leben im Pathos des Rechtes Zu O. Grusenbergs Erinnerungen ״Die ersten Worte, die ich als Kind hörte, waren russisch. Lieder, Märchen, Kindermärchen, Spielgenossen — alles war russisch. Und ich faßte eine Liebe zu dieser wunderbaren Sprache“, ~ mit diesen Worten beginnt der berühmte, jetzt lti Frankreich lebende, russisch-jüdische Strafverteidiger seine Lebenscriiirierungcn (״Wtschera“ [Gestern], Paris 1038). Und diese Worte sind fiir ihn charakteristisch: die Liebe zu allem Russischen hat ihn nie mehr verlassen. Er, der vielen Tiissischeu Literaten nahestand, der einen Maxim Gorki, einen Wladimir Korolenko und manch andere zu seinen nächsten Freunden zählte, hatte unter den jüdischen nur einen: Simon Frug. Und trotz alledem: ein Assimilant ist er nicht geworden. Er selbst kennzeichnet in diesen seinen Lebenscrinnerungen seine innere Einstellung als ״Doppelglanben: halb Jude, halb Russe“. Und mit der ihm eigenen Schärfe der Analyse und des Ausdrucks bezeichnet er auch die Stelle, an der das Judentum in sein Leben eingriff: ״Die Juden traten in mein Haus zusammen mit dem Tode.“ Der Tod aber kam zu ihm ins Haus beim Ableben seines Kindes. Da traten Juden in den Vordergrund. Sie holten den kleinen Toten ab, sie betteten ihn zur ewigen Ruhe unter seinesgleichen.. ״In diesen Stunden drang mir in die Seele das Bewußtsein, daß diese Menschen ein Recht auf mich haben. Dieses Bewußtsein wurde auch jeden Tag stärker und führte mich nach einigen Monaten zu der Uebciy.eugung, daß das Recht dieser Menschen auf mich überaus groß und unentrinnbar, obgleich unerklärlich ist. Und ich, der ich meine persönliche Freiheit über alles liebte, fühlte, daß ich luz“), als Oper geschrieben, bringt volkstümliche Szenen aus dem palästinensischen Milieu. Es gibt nicht die übliche ״Primadonna assoluta“ in dieser Oper, hier wird die Flauptfigur, der Opern-״Held“, von einem Kollektiv verkörpert, einer Gruppe von Chaluzim und Chaluzoth. Der Prolog setzt in einer ostjüdischen Kleinstadt ein. (Da beginnt eine Liebesgeschichte zwischen einem Ciialuz und einem Mädchen.) Dieses östliche Kleinstadtmilieu war der geeignete Hintergrund, den Kontrast zu zeichnen zwischen der Generation der frommen Alten, der Chassidim, und der der Palästina-Idee ergebenen jüdischen Jugend. Die Musik weist zwei Elemente auf: Das eine — das tonale Idiom der Diaspora, das der altjüdischen, liturgisehen Klangwelt entstammt und sich auf den Grundlagen der uralten Skalen traditioneller Tora-Kantillatioii aufbaut, das andere Element, Palästina darstellend, ist von weltlichem Charakter und semitisch, d. i. hebräisch-arabisch in Art und Rhythmus. Aus beiden Elementen wählte ich einige Volks- Weisen — orientalischer und abendländischer Herkunft —, die ich frei bearbeitet in meine Musik einstreute. Da ist z. B. ein Trompetcnschal! in der ״Introduction“, ein traditioneller Fanfaren-Ruf, der an Festtagen das Volk zur Tora Vorlesung zusammenruft. Er ist hier symbolisch gedacht als Aufruf au das Volk der Juden, seine Pflicht am Lande Jisrael zu erfüllen. Bei der Darstellung eines Werkes in einer ungewohnten Sprache*) mit ihrem eigenartigen musikalischen Idiom ergeben sich mancherlei Schwierigkeiten. Der hebräische und z. T. auch arabische Text (arab. Lied aus dem Koran) bedeutet für den Darsteller eine Komplikation beim Singen und Rezitieren. Das Gleiche gilt für die Intonation der orientalischen Skalen mit ihren Chromatismen und Intervallen, die völlig .abweichen von dem herkömmlichen gemäßigten Tonsystem. Fine weitere Schwierigkeit ist das Dirigieren einer Musik von so kapriziösexotischem Hauch. Noch ist der jüdische Stil im Werden begriffen, — darum ist eine wahre .,Pionier“-Arbcit der gesamten Besetzung vonnöten.“ Jacob Weinberg *) Die erste Fassung der Oper ist hebräisch. Für d.ie curopäische Uraufführung besorgte Mascha Winawer (Kaleko) die deutsche Text-Bearbeitung. — A. d. R. dieser Macht nicht entgehen werde, daß jene Menschen mit dem Körper des Kindes sich auch meiner Seele bemächtigt hatten.... Was war mm dies für ein Recht? Ich griff zu den Büchern. Sie erzählten mir die Geschichte des. jüdischen Volkes, sie erleuchteten vor mir alle Windungen eines quälvollen Weges. Doch sonderbar! Diese Bücher griffen mir zwar ans Herz, überwanden mich aber nicht. Die Toten der Geschichte streckten mir ihre Knochenhände entgegen und riefen mir mit Millionen von Stimmen zu: ״Unser bist du, unser!“ Doch nein! Mein Leben hat sein eigenes Recht, eigene Wahrheit, eigene Träume und Pläne. Nicht mit den Toten werde ich gehen: ״aus dem Leben, um des Lebens willen bin ich gekommen....“ — ״Allein, was die Toten nicht vermocht hatten, vollbrachten die Lebenden: im nächstfolgenden Jahre mußte ich zwei Monate in der Nähe eines jüdischen Fleckens verbringen.“ Die Armut, die er hier , sah, tat es ihm an. ״Magst du die Stimme des Blutes verneinen, mag dir von Kindheit an das russische Element näher gewesen sein: weißt du nicht, Mensch, daß deinen Volksgenossen kein Fremder helfen wird? Du, der du im Alter von dreizehn Jahren in deinem eigenen Elternhause eine Armut kennengelernt hast, die sich stolz verbarg, — wirst du an der Not eines ganzen Volkes achtlos Vorbeigehen, um dem ,Nationalismus‘ zu entgehen? Hast du den alten Warmmgsruf vergessen: Wenn nicht jetzt, — wann dann?“... Nach Absolvierung der juristischen Fakultät an der Uhl- -versität Kiew wollten die Professoren den jungen Grusenberg angesichts seiner Fälligkeiten als künftigen Dozenten attachieren, das war aber wegen seines Judentums unmöglich. Allein er tröstete sich schnell darüber. Seine aktive, kämpferische Natur drängte ihn viel mehr zu einem Ringen vor den Schranken des Gerichts um ein lebendes Recht, als zu Oppenheim I Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe I Charlottenburg, Wllmersdorfer Str. 115-116 I Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe | einem Nachdenken über theoretische Probleme. Doch sechszehn Jahre lang mußte er, als Jude, sich mit der bloßen Rolle eines sogenannten Anwaltsgehilfen begnügen, durfte also nicht vor Gericht plädieren. Als ihm aber schließlich die Anwaltslaufbahn eröffnet wurde, drang sein Talent siegreich durch. Ein unfehlbares Gedächtnis, messerscharfe Analyse und rednerische Begabung machten ihn zu einem der berühmtesten Anwälte des vorrevolutionären Rußland. Warum es ihn namentlich zur Straf-Verteidigung zog, erzählt er selbst in seinen Erinnerungen. Schon als Abiturient des Gymnasiums besuchte er Sitzungen des Strafgerichts. ״Da fühlte ich mit meinem ganzen Wesen die entsetzliche Vereinsamung derer, die das Gesetz aus der ״Mitte der Hunderttausende von Mitbürgern herausgreift. Aus dem ganzen Leben dieser Menschen greift man einen Einzelfall heraus, und alle verbeißen sich darin, ohne begreifen zu wollen, daß der ganze Mensch kein geringeres Faktum ist als seine Tat.“ 111 den Memoiren Grusenbergs entrollt sich vor uns eine Reihe von Prozessen in ihrer juristischen Verwicklung und menschlichen Dramatik, Prozesse, an denen er mitwirkte, und die wichtig sind nicht nur zur Geschichte des Rechtes in Rußland, sondern auch zum Verständnis seines literarischen und politischen Lebens, bis in die Zeit des Weltkrieges mit ihrer Psychose der Spionage, unter der naturgemäß die Angehörigen der Fremd- Völker Rußlands, besonders die Juden, am meisten litten, ja bis in die stürmische Nachkriegszeit, in der Grusenberg tim die Unabhängigkeit des Rechts von der Politik zu kämpfen noch beschiedcn wurde. Doch so leidenschaftlich Grusennerg alle diese Vorgänge schildert, mit f icrzblnt geschrieben sind andere Seiten: die, in denen er Kischiuew nach dem soeben überstamlenen Pogrom schildert, dessen noch frische Spuren zu untersuchen er mit zwei russischen Kollegen kam. ״Jeden Morgen gab ich mir das Wort, mich auf unsere jüdischc Arbeit zu konzentrieren, mich ]oszureilien von dem furchtbaren Anblick der Straßen, von den noch nicht verstummten Klagen und Stöhnen, das das Gehirn durchbohrte. Aber mir eine Stunde konnte ich es bei der Arbeit aushalten. Dann zog es mich, immer wieder auf die Straße, und ich sog in mich die Tränen, das Elend, die Verzweiflung ein -* um niemals zu vergessen....“ Unter all den zahllosen, von ihm geführten Prozessen bleibt auch ihm selbst am denkwürdigsten der Beilis* Prozeß. ״Für viele liegt der Reihs-Prozeß schon über zwanzig Jahre zurück, für mich ist er erst gestern zu Ende gegangen: so gegenwärtig ist mir auch heute noch die Schande jener Tage." im November 1011 erhielt Grusenberg, der ständig in Petersburg lebte, aus Kiew eine telegraphische Bitte sämtlicher dortiger jüdischer Organisationen, die Verteidigung von Beilis so bald wie möglich zu übernehmen. Er säumte nicht, diesem Rufe Folge zu leisten. Der Weg, den er bei der Führung dieses Prozesses einsebiug, mag manchem heute paradox erscheinen; er erwies sich praktisch als der richtige. Grusenberg lehnte es ah, auf die Blutbeschuldigung i m allgemeinen emzugehen. Er betrachtete eine solche Traktierung des Problems als unhaltbar und tiniuristisch. Unhaltbar, weil sie rcligionswissenschaftlicne Auseinandersetzungen dem E!ulurte:!l oft öllig ungebildeter Geschworener überläßt; unjuristisch, weil es um die Schuld dieses konkreten Angeklagten ging, nicht aber um eine allgemeine These, unter die sich leicht auch der Fall eines Schuldlosen subsummieren läßt, — Und noch in einer anderen Beziehung nahm Grusenberg zu dem Reilis-Prozeß eine Stellung ein, die auf den ersten Blick als paradox erscheinen mochte: ״Von den ersten Tagen dieses Prozesses an gewann ich die Uebcrzeugung, daß nicht ein jüdischer, sondern ein russischer Gerichtsprozeß bevorsteht. Und in der Tat: die russische Gesellschaft, die russische Wissenschaft, die russische Journalistik rafften sich auf. Kaum traten die Absichten der Machthaber mehr oder weniger deutlich hervor! sie alle stellten sich schützend vor Beilis — und die Frage seiner Freisprechung wurde zur Frage der nationalen Ehre. Korolenko, Gorki, Miljukow mobilisierten zu diesem Kampfe die russischen Gelehrten und Schriftsteller,“ Und Grusenberg läßt vor uns nicht nur das juristische Gesicht dieses Prozesses, sondern auch die menschlichen Gestalten dieser russisehen Gelehrten als Sachverständige des Reihs-Prozesses Wiedererstehen. Interessant ist auch das Nadi-pici zu diesem Prozesse, das aus dem Jahre 1017 stammt. Nach der Kerenski- Revolution konnte (Irusenberg Einblick in die (iebeimakten der Polizei aus der Zeit des Prozesses gewinnen, die seine Vernuitungcn über Beeinflussung von oben bestätigten. Dr. E I i a s H u r vv t C2 Es schien ihnen ein Judenhaupt wie jedes andere, nur ohne Bartfülle; da wandte der Unbekunnle den Chassidim sein Antlitz zu, und sie sahen unter zwei Bögen, in zwei große, lichtspendende Augen wie in zwei spiegelnde Gefäße, und eine fremde zugleich eigene Seele ergriff ihre Sinne mit wunderbarer Gewalt, wie fast die Augen ihres Meisters. Sie schwiegen und suchten betroffen zu erraten, wer der Fremde wäre, doch war keiner unter ihnen, der seinen Namen preisgeben konnte. Zwischen den Fragern aber ragte ein blasser, langer Bachur hervor und zischte seinen Nachbarn in die Ohren: Wir werden es bald erfahren, wer der Besuch in Mesiritsch ist. In diesem Augenblick ging eine Tür auf, die Menschen sprangen eilig zur Seite, die Sitzenden «rhoben sich, und es wurde so still in dem Raum, daß jeder vermeinte, das schlagende Herz seines Nächsten zu hören, aber es war nur das eigene Blut, das beim Anblick des Großen Maggids rascher und heißer zu sausen begann. Angetan mit einem weißen Atlasmantel und umfaßt von einem geflochtenen Gürtel in gleicher Farbe, erschien die Gestalt des Großen Maggids in einer weißen, kerzenhaften Reinheit, deren Leuchten in seinem Antlitz von wahrem Gotthclforlume. zeugte. Der Heilige stand in der Tür unbeweglich und stützte sich fest auf seinen Stöcken, als wollte er mit ihnen in der Erde Wurzeln schlagen. Er überschaute die Schar seiner Gäste, 80 rasch und sicher wio ein Ackersmann sein Land in der Frühe vor der Ernte. Und während die Männer beklommen ihren Atem bargen, schritt der Große Maggid auf seinen Stabil zu, wo er mit gesenktem Ilaupt, die Rechte wie einen schützenden ,Schild vor" seinen Augen, verharrte. Wie zwei mächtige Flügel an einen Vogcllcib, so dicht und innig schmiegte sicli das Schweigen im Raum an die Wände und Gewänder der reglosen Menschen, daß es einen jeden dünkte, so könnte er bis in alle Ewigkeit stellen und schweigen und doch alles sehen und alles erfahren. Die grauen Fäden am rissigen Deckengevvöllre wellten nicht mehr unmerklich noch den Seiten: sie hingen steif und ge ade wie eine feine Nadel nach unten. Eine Bläue zog von draußen hinein und berührte die Körper wie eine Hand im Vorbeistreichen, und sie empfanden die Dämmerung wi« einen stillen Gast und erglühten vor neuer Erwartung und Erregung. So sahen denn auch alle, wie der Große Maggid plötzlich sein Ilaupt erhob und seine Gäste mit einem vollen Blick umnahm. Er neigte sich zuerst den unbekannten Gesichtern seiner Tafel zu und gab einem jeden den Gruß: Friede und Willkommen! Danach rief er die neuen Besucher bei ihren Namen auf und nannte auch ihre Heimatsstädte, daß die auf so wundersame Art dem Chassidimüsch vorgestellten Männer vor Staunen ihre Namen gleichsam in der Luft dem Maggid zuscliweben sahen. Fast alle Namen und alle Städte waren schon genannt. Die Gäste aus Lemberg, Brody, Zbarracz, Satanovv, Ottynia, Obertyn, Ilorodcnka, Kowel und Zolkievv atmeten auf und fanden sich wieder hinein in die erlebnisreiche Gegenwart. Sie zählten mit den übrigen die noch nicht aufgerufenen, und da waren es von den beiden Reisenden aus Berlin, der eine im dunklen Umhang, dessen Name noch nicht genannt worden war. Auf ihn allein waren nun die Augen aller Besucher gerichtet. Auch die Augen des Maggid», die in die seinen eindrangen, als wollte er sich noch rasch vergewissern — bevor er ihn verriet —, ob es auch der Mann, den er erkannt hatte, war. Der Mann aber schaute in das Antlitz Dow Bärs mit einem so bittelicisehenden Ausdruck, daß dieser stockte, da verstärkte sich in dem dunklen Augenpaar de» fremden Juden die Bitte mit so heißer Gewalt, daß der Große Maggid sein Haupt neigte und die Rechte wieder vor seine Augen schob, als wollte er das Licht abriegcln, damit es den Fremden nicht preisgebe. Die Chassidim, die so Zeuge dieser stummen Begrüßung wurden, erschauerten in Ehrfurcht vor dem Fremden, wähnten sie doch nichts anderes, als daß der, der ihrem Meister Schweigen abnötigte, ein geheimer Zaddik wäre. Nur einer aus dem Kreis starrte mit einem wie entfachte Kohle glimmenden Blick in das Antlitz des sonderbaren Gastes, gleich wollte er es mit seiner Röte ansfecken und verseilren. Der Maggid jedoch verscheuchte die zunehmende Unruhe, indem er sich, ohne den Fremden weiter zu beachten, an einen der Ankömmlinge wandte und diesen mit der unvermuteten Frage verblüffte, welcher Toravers ihm im Augenblick gegenwärtig sei. Der Angcrcflete glaubte im heißen Schreck, ihm wäre jedes Gedenken daran entfallen. Der Rabbi aber lächelte und sagte ermunternd: Schemos. Darauf entgegnet« der Mann schnell: ״Und dienet Gott, eurem Gott, und er wird dein Brot und deinen Trunk segnen und jed Uebel von dir fernhalten.“ Der Maggid nickte zustimmend und wandte sich einem zweiten zu, indem er diesen ebenso mild aufforderte, sich eines Spruches aus der Schrift zu entsinnen. Dieser, seines Zeichens nach ein gelehrter und würdiger Mann, strich sieh nachdenklich über seinen Bart und tat so, als müßte er viel Zeit dazu brauchen. In Wahrheit hatte er seinen Spruch längst im Kopf und ließ auch sogleich mit gewichtiger Stimme vernehmen: ״Und sie sollen mir ein Heiligtum aufstellen, daß ich unter ihnen wohne.“ Der dritte, an den der Maggid sfeh wandte, hatte bereits seinen Vers flüsternd vor sich seihst hergesagt und sprach ihn nun laut: ״Und süß ist das Licht, und wohl tut’s den Augen, die Sonne zu schauen!“ So kam die Reihe an jeden der fünfzehn neuen Gäste des mesiritischcn Maggids, und wie vorhin, war auch diesmal der letzte, jener fremde Jude aus Berlin. Zum zweiten Male waren die Blicke aller Anwesenden auf ihn gerichtet, als erwarteten sie von ihm Wunder der Weisheit zu hören, obgleich es ja nur ein Vers sein konnte, der allen bekannt sein mußte. Eine Ahnung ging durch die Menschenreihen, daß sie vor der Aufdeckung eines großen Geheimnisses standen, und sie horchten mit hochgestimmten Herzen auf, als der Fremde deutlich vernehmen ließ: ״Dazu wird es gewißlich kommen, Jakob wird Wurzeln schlagen, und Jisrael blühen und grünen, und sie werden die Erde mit ihren Früchten erfüllen.“ Kaum aber, daß er diesen Spruch endete, riß sich aus der Milte der Stehenden eine grelle Stimme an den Tisch des Maggids: ״Ich hin entflammt über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen!" Die Chassidim hoben ihre Augen verwundert nach der Richtung des ungebetenen Psalmenrufcrs: ein hagerer, junger Mann drängte ungestüm auf den Sprecher des Jesajasatzes zu. Dieser aber verharrte ruhig und begegnete dessen streitbaren Gebärden mit unbekümmertem Blick. F.rst als der feindselige Bachur erneut in den Ruf wider die Gottlosen ausbrach, suchten die Augen des Fremden besorgt die des Maggids. Da aber hatten schon etliche Chassidim den widerspenstigen Jüngling gepackt und stießen ihn in ihrer heißen Erregung mit derben Püffen zur Tür und hätten den Störenfried dort, auf der Schwelle, gezüchtigt wie einen Schuljungen, wenn nicht der Mhggid mit einem "Wink dem Tumult Einhalt geboten hätte. (Fortsetzung folgt)

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