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Jüdische Rundschau · 1938-08-12 · Heft 64 (12.8.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 64 (12.8.1938)
Date
1938-08-12
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 64, 12. VIII. 1938 JöDlSCHE RUNPSCHAU Seite 5 300 Jahre Kunst in TTr A , Jüdische Künstler ü/1, f in einer Pariser Ausstellung Shcdcr vertritt diese Richtung, üugliclmi, Peter Blume, Preisträger der Carnegie Institute-Stiftung. Blume ist in Rußland geboren, sicherlich Jude. Seine Schwimmbadszene, in der Architekturen und Felsenformationen eine Rolle spielen, ist von starkem und eigenartigem Reiz. Max Weber, aus Bialvstok in Polen, ein Schüler von Matisse, wird in der Ausstellung in einer ״Talniudistcnszcnc“ gezeigt. Das viel behandelte Motiv des religiösen Disputs ist in Komposition symmetrisch betonte, monumentale Aulbau- und Farbgebung, wenige, helle Töne in die heute gültige Formel übersetzt. Das Bild gehört dem Jewish Theological Scminary. Eine starke Erscheinung ist Minna Harkavy, deren Bronzegruppe, eine Minenarbeiterfamilie, am ehesten mit Arbeiten Chana Orlowas Verwandtschaft verrät. Wir begegnen in der Aus- Stellung mehreren jüdischen Bildhauern. Da ist Jacob Epstein, ein in England lebender Amerikaner, ferner der in Amerika seit lange bekannte Jo Davidson, Elie Nadelmann. William 20rach erscheint als Bildhauer und als Maler. Ob Joseph Pandolfini mit seinem Bild ״Heimatlose Juden“ und Anna Q l e n n y mit ihrer ausdrucksvollen Steinplastik ״Junge Jüdin“ jüdischer Herkunft sind, ist nicht bekannt. Unter jüdischen Namen sind zu nennen Morris Kantor, ein delikater Kolonist, Bernard Karfiol, Abraham Walkowitz, Nicolai Cikovsky, Robert Brackntann. Sie gehören einer Generation jüdischer Künstler an, die, meist um 1880—90 auf nichtamerikanischem Boden geboren, an den Entwicklungen der amerikanischen Kunst teilnimmt. Diese amerikanische Kunst ist der Lebensausdruck einer recht bunten Bevölkerung. Sie wird in großzügiger Weise gefördert. Die Ausstellungsobjekte stammen fast ausschließlich aus dem Besitz öffentlicher und großer privater Sammlungen. Rahe! Wisch n itzer-Bemstein Stockholmer Kunst-Ausstellung Bei der hier kürzlich anläßlich des 80. Geburtstages des schwedischen Königs Gustav V. gezeigten Jubiläumsaus- Stellung stellten ungefähr dreißig der gesammelten Gemälde Persönlichkeiten dar, die im schwedischen Judentum eine hervorragende Rolle spielten. So sah man u. a. den bedeutenden Schriftsteller und Kunstkritiker Oscar Levertin, sowie seinen Nachfolger an der Stockholmer Hochschule Kar! Warburg, ferner die Mäzene Axel Eliasson, den Vater des populären hiesigen ״Barnons dag“ (Kindertag), an dem jährlich durch Geldsammiungen vielen Stockholmer Kindern Ferientage hereitet werden können, Pontus Fürstenberg (der seine wertvolle Kunstsammlung der Stadt Gotenburg vermachte) die ange- Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe scheuen Kaufleiite John Josephson sowie Karl Robert Lamm. Ferner die bekannten Pädagogen Arthur Benditson (Gotenburg) sowie seinen Bruder Ivar, einen geschätzten Mathematik- Professor, Generalkonsul Josef Sachs (Leiter des größten skandinavischen Warenhauses, der ״Nordiska Kompanet“) sowie Bankdirektor Hcrman Manheimer (Göteborg), Robert Bärany, langjähriger Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankhelfen an der Upsalaer Universität, den bekannten National- Ökonomen der Stockholmer Handelshochschule Professor Eli Hecbclier, sowie seine Kollegen Axel Raphael und David Davidson, alle drei angesehene Wissenschaftler. Der Buchhandcl war vertreten durch den 100jährigen Albert Bonnier und dessen Sohn, den über 80jährigen Seniorclvef Karl Otto Bonnier, der dem Hause heute noch tatkräftig vorsteht. Von schaffenden jiidisch-sehwedischen Künstlern sah man Porträts von üeskel Salomon (den Lehrer des schwedischen Maler-Prinzen Eugen) sowie dessen jetzt lebender Enkelin Olga Ranhael-Linden, die besonders bekannte schwedische Schauspieler-Porträts künstlerisch vollendet radiert. Die modertte schwedische Malerei repräsentierte der Professor der Stockholmer Kunstakademie, Isaac Griincwald, und die Kunstgeschickte war durch Professor Ragnar Josephson (Lund) vertreten. _ H. R. Jüdische Seefahrt Dr. Rafael Patai: Jüdische Seefahrt in allen Zelten. — Ver* Im Jakobssegen wird Schuhm die Aufgabe der Seefahrt zugedacht, irn Deboralied wird auf du* I taten Dans und Hiram, dieJcereise' cirs ' ProphetcJ Jonas'3;!״ 'Talmud die Gesetzesbestimmungen beim Verkauf des Schiffes, die Schabbathgeset/c und ihre Anwendung auf dem Meere, all das gibt mancherlei Stoff für den Forscher zur Untersuchung der judisehen Schiffahrt. Die Aufgabe, all diese Stellen zu sammeln und systematisch zu ordnen, hat Dr. Rafael [’ata i durchgeführt. ist, als man an/uiielunen geneigt ist.' Dr. I'at.11 gibt in seinen Ausführungen über Schiffsbau, Teile des Schiffes, Schiffsarten, Seeleute, die Fahrt dem Leser, dem der Kampf um den Aufbau einer jüdischen Schiffahrt bekannt ist, technischhistorisch höchst willkommene Kenntnisse. F. M. Fraenkel Einen so vielseitigen Ausschnitt amerikanischer Kunst sieht man in einer europäischen Ausstellung zum erstenmal, und es wird hier durchaus nicht mit der astronomischen Zahl geworben, denn nur 200 Gemälde irt Oel und Aquarell, 50 Plastiken und 75 graphische Blätter sind es, die in den weiten, lichten Räumen des Muscc du Jeu de Paume vorgeführt werden. Die Kunst der Vereinigten Staaten beginnt im 17. Jahrhundert; ihre Primitiven sind zwei anonyme Kinderbiidnisse aus dem Jahre 1670, in der Darstellungsweise durchaus dem zum Weltstil entfalteten Barock angehörend. Die Schöpfer des ,,neuenglischen“ Porträts des Amerika des 18, Jahrhunderts sind Copley und Gilbert Stuart, Zeitgenossen und Wahlverwandte des Reynolds, natürlich schlichter, puritanischer. Nach Reynolds Tod wird ein Amerikaner Präsident der Londoner Kunstakademie. England ist den Amerikanern die zweite Heimat. Jedoch macht Gilbert Stuart selbst den symbolischen Schritt, indem er, nach erfolgreichen Jahren in der Wahlheimat, nach Amerika zurückkelirt. Hier entsteht während des Unabhängigkeitskrieges das Kriegsgemälde, das biblische, das antike und das historische Sujet. Wir lernen Trumbult und Allson kennen, insbesondere aber John Neagle, den Begründer der romantischen Landschaft. Kennzeichnend für Amerika ist die Neigung zur Technik, der mancher Künstler verfällt. So Samuel Morse, den wir nur noch als den T e 1 e g r a ph en morse kennen. Er malte Lafayetfe, und er war es. der die Daguerreotypie nach Amerika eitiführte. Neben der Stilkunst werden Proben amerikanischer Volkskunst gezeigt, anspruchslose Aquarelle, die ältesten um 1800, ein ״Moses im Schilfkörbehen“, ein ״David mit der Harfe“. Entzückend der biedermeierliche Edward Hicks in seinem ״Peacablc Kingdom“, das William Penn mit den Indianern verhandelnd in einer paradiesischen Tierlandschaft darstellt. Und das ist das Köstliche der Ausstellung, wie sie, ganz unkonventionell, die Schöpfungen ״Ungelernter“ ernst nimmt und ernst genommen zu sehen wünscht. Eine Wetterfahne aus Eisenguß, irgendwann im 19. Jahrhundert entstanden, wird so vorgeführt, daß wir uns ihrer ästhetischen Wirkung nicht entziehen können. Die religiöse Plastik eines Negergrabsteinmetzen hat ein mehr erzieherisches Interesse, während die Holzplastik John Smiths, eines Negerportiers in New York, hervorragende künstlerische Qualitäten aufweist. Nach 1850 verliert England seinen überwältigenden Einfluß auf die amerikanische Kunst. Inmitten des Realismus eines Homer, eines Eakins dringt der französische Impressionismus ein. Der Maler Chase empfiehlt 1889 dem Metropolitan- Museum in New York zwei Manets zum Ankauf. Whistler lebte zwar meistens in London, aber er hat Manet nicht unisonst gekannt. Mary Cassatt lebte iin Kreise der Impressionisten in Frankreich. Sargcnt, in Italien geboren, in London §estorben, macht mit seiner kosmopolitischen Eleganz keine chule. Amerika wird mit den künstlerischen Erfahrungen des europäischen 20. Jahrhunderts vertraut. Bei Stieglitz und in der ״Armory Show“ in Ncsv York bekommt man Zeichnungen von Rodin, Gemälde von Cezaime, Henri Rousseau, Picasso zu sehen. Unser Pa sein kommt nach Amerika. Was sich aus der Kreuzung europäischer Einflüsse und der einheimischen Tradition ergab, in der die Lithographie des 19. Jahrhunderts mit ihren ״amerikanischen Szenen“, Darstellungen technischer Wunder, Architektur bildern, humoristischen Sittenbildern eine Rolle spielt, ist ein heute schon gemäßigter ״Präzisionismus“. In Europa nennt man das Surrealismus und neue Sachlichkeit. Goldenes Rabblnerjublläum von Prof. Df. J. Ziegler, Karlsbad. Am 12. August wird in der Karlsbader Synagoge beim Freitag-Abend-Gottcsdienst im Kreise der Gemeindemitglieder das Goldene Rabbinerjubiläum von Prof. Dr. J. Ziegler begangen werden. Dr. Ziegler hat als Rabbiner in Karlsbad und durch seine Predigten sich Beziehungen in aller Welt geschaffen, die er zur Gründung vom zwei segensreichen Institutionen ausnützte׳, des Israelitischen Kurhospitals, das schon Zchntaiisendcn Juden die Wiederherstcl- King ihrer Gesundheti ermöglichte, und des Israelitischen Altenheimes. Er ist auch eifriger Förderer des Palästina-Aufbauwerkes und hilft bei jeder größeren Aktion für den KKL mit. Dr. Ziegler hat auch auf geistigem Gebiet eine rege Tätigkeit entfaltet. Er ist Mitarbeiter vieler jüdischer Zeitschritten und veröffentlichte eine stattliche Reihe von Schriften, von denen besonders hervorzuheben sind: ״Die Geschichte des Judentums, ein Familienbuch״;‘׳Die Königsgleichnisse des Midrasch, beleuchtet durch die römische Kaiserzeit“; ״Die Geistesreligion und das jüdische Religionsgesetz“; ״Do- Kumente zur Geschichte der Juden in Karlsbad“; ״Das magische Judentum“; ״Die sittliche Welt des Judentums“ (2 Bände). Sein letztes Werk: ״Ein Volksbuch über die Propheten Israels“ ist von der Karlsbader Kullusgemeinde zu Ehren des 50jährigen Jubiläums Dr. Ziegler lierausgeeben worden. Dr, Ziegler wird Ende 1938 sich von seinem mte zuriiekziehen. Sein Abgang bedeutet für die Gemeinde einen fast unersetzlichen Verlust. Die Welt der offenen Tür Zum Sdiabbath Nadiamu (13. August) Mit dem 40. Kapitel des Jesaja beginnt die Rede eines Mannes, vor dessen Augen die Erde, wie durch einen Zauberstab berührt, sich verjüngt hat. Ob sie sich wirklich verwandelt hat — wer kann das sagen. Es gibt noch Götzendienst und Schande, Leid und Anklage. Aber das Böse geht dem Ende zu, die Anklage bricht zusammen, und im Leid klingt Hoffnung. Um ihretwillen hält der Knecht stand, steht der Vcrfehmte aufrecht, nimmt der Gedcmiitigte die Schläge hin. Es ist ein neuer Ton in der Welt, und über den Trümmern bereitet sich eine Hochzeit vor zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und seinem Volke. Es gibt w'iedcr Wege in der Welt, Wege in die Welt. Der Mensch darf frei ausschreiten, die Straße ist frei. Das Ungerade wird gerade, das Mangelnde und sogar das Mangelhafte wird wieder gezählt. Berge sinken zusamirien, die Wüste wird gangbar, die (Jede wird Fruchtland, und alle Hindernisse werden weggeräumt. Uebcr die Erde geht ein befreites Volk. Ist es noch ungewohnt, in das Licht zu schauen, starrt es noch wie ebannt auf das Vorgestrig-Gestrige, so halte es jetzt seinen lick auf das Kommende gerichtet, das doch schon angekündigt war, das mit dem Boten über die Berge eilt und nahe ist, zum Greifen nahe. Die Gefängnisse versinken wie ein böser Spuk, die Kerker öffnen sich, die vier Weltgebenden geben den Raub zurück. Von überallher bildet sich der Zug der Befreiten. Sic straucheln nicht, und nicht in Eile stürzen sic aus ihrem dunkeln Verlies. Sie_ gehen wie einer, der seinen Weg kennt, und ihr Zug wird an* geführt und beschlossen durch die Herrlichkeit des Einen. Vor ihnen gehen die Tore auf. Sie gehen weit genug auf, uni alle hineinzulassen, alle, die sich zueinander gesellen. Darunter sind Krüppel, Fremde, Erlöste aller Völker. Die Welt ist eine Welt der offenen Tür. Die in Gottes Auftrag als seine Boten den Auftrag vollziehen, sind Instrumente wie die Völker Instrumente sind. Unter ihnen ist das Werk aufgetcilt. Kaum daß es gelingt, einem jeden seinen Auftrag nach- und seinen Bereich zuzurechnen. Unversehens nimmt Cyrtis die Züge eines Messias an, und der heilbringende Bote trägt die Insignien der weltlichen Herrschaft, Beide sind sie Diener, Boten des gewaltigen ,,Irl!", das sich über dieser die Einigung vollziehenden Erde wölbt, Boten des ״Ich bin’s“, des ״Ich tröste“. Ihr Weg aber hat ein Kennwort: Mit ihm werden die Pfade wiederhergcstellt, die Gefängnisse geöffnet und die Müden ermutigt. An diesem Kennwort kann man sie erkennen. Es heißt Gerechtigkeit. ״Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Erwählter, an dem meine Seele Gefallen hat. Ich gebe meinen Geist auf ihn. Das Recht soll er den Völkern herausbringen. Er lärmt nicht daher, er macht kein Aufhebens, er läßt nicht seine Stimme auf den Straßen erschallen. Aber das zerbrechliche Rohr zerbricht er nicht, den flackernden Docht läßt er nicht verlöschen, zur Wahrheit führt er das Recht.“ Unsere Erklärer deuten die Bilder vom Rohr und vom Docht auf den Einzelnen, auf die Wiederherstellung des Rechts für den Letzten und Aermsten, der darum gekommen ist, Aber der Zusammenhang gestattet es, sie auf Völker zu beziehen. Das Bild vom zerbrechlichen Rohr ist ein ״politisettes Bild“, es erinnert an Aegvpten, an den vielgcschmähten untauglichen und unzuverlässigen Bundesgenossen. Es entspricht dem Wesen des Messias,!1:115 er das Recht gibt, auch dem Letzten, dem es genommen wurde; es •entspricht der Regierung-weise des Cvrns, daß er das Recht eines kleinen Volkes wiederhersfHlte und es wieder in seine Heimat sandte. Das aber bedeutet doch wohl Gercchtigkeit unter Nationen, daß man!las schwankende Rohr nicht zerbreche und den glimmenden De-ciit nicht vollends verlösche. Um dessentwillen ist der helfende König von dem berufen, der die Erde ausspanut, den Nationen Seele gibt und Geist denen, die über diese Erde schreiten. Um dessen!- willen, daß er Völker verbinde, Geblendeten die Augen öffne, die Gefangenen aus dem Kerker führe und aus dem Gefängnis die, die im Finstern wohnen, M a x G r u 11 e w a 1 d ״Versprengt in der Welt“ Seit wertigen Monaten haben wir in dir ״Jüdischen Rundschau“ eine Rubrik, in der Adressen von Verwandten oder Freunden gesucht werden. Ueber 750 solcher Suchanzeigen sind in dieser kurzen Zeit bereits veröffentlicht worden; aber spaltenlang stehen schon weitere Nummern im Satz, und durchschnittlich ein Dutzend neue Anfragen erreichen täglich die Redaktion. Man hat das Gefühl, daß es wenig Rubriken des Blattes gibt, die mit solchem Interesse verfolgt werden. Aus allen Kreisen der Leserschaft, aus den kleinsten Gemcinden meiden sich Menschen, die handschriftlich oder mit Schreibmaschine darum bitten, nach den Nachkommen des Großonkels..., ausgevvandert vor ca. ..,Jahren nach ., Ausschau zu halten. Die ״letzten Adressen“ liegen oft drei und vier Jahrzehnte zurück, vergilbte Photographien sind plötzlich Beweisstücke und Anhaltspunkte von höchstem Wert; wer weiß, vielleicht kramt zur selben Zeit ein amerikanischer oder australischer Jude in dem Kasten, der die Familknandenken bewahrt, und zeigt seinen Kindern, die kein Wort Deutsch können, das gleiche Photo, auf dem Großeltern und Urahnen in Gehrock und Sehnebbentaille, mit Backenbart und Spitzen- Häubchen von bürgerlicher Schlichtheit und bürgerlichem Selbstbewußtscin des Judentums in posenschen Kreisstädten Zeugnis ablegen. Und wer weiß: vielleicht dringt auch nach Chikago oder Sydney die Kunde, daß Juden aus Deutschland, die auswandern wollen, in ihrer Zeitung nach Verwandten spähen, die ihnen dazu helfen sollen... Statistik ist nicht jedermanns Lieblingssache; wir haben das ״Material“ das dem Familienhistorikcr, dem Soziologen, dem Wanderungsexperten die Anzeigen liefern, keinerlei «Erhehungen“ unterworfen. Aber es fallen doch gewisse Kategorien ins Auge, nach denen das Ganze sieh gliedern läßt. Da ist der große Kreis der Ostjuden, die aus Polen und Galizien stammen und Verwandte in USA. suchen, Meist sind es Ostjuden, die vor dem Kriege nach Deutschland gekommen waren, und deren unternehmendere Geschwister schon damals über das große Wasser gingen; viele, die nach Kriegsende den gleichen Weg antreten wollten und in Deutschland blieben, weil die Vereinigten Staaten ihre Wanderung«- Politik neu regelten und die ״Quote“ schufen, die jetzt so vielerörterte. Dann aber sind es -- und sic scheinen «och die Mehrheit zu bilden — Juden, die schon viel länger in Deutschland wohnen. Man weiß, daß im Vormärz, nach 1818, aber auch in den fünfziger Jahren und noch nach 1870 aus Süddeutschland, aus Eiessen und Hannover, aus Posen, Westpreußen und Schlesien Tausende von Juden westwärts wanrierten; nach Frankreich, nach England, nach Amerika. Aber es ist doch eigentümlich, wie diese allgemeine historische Kenntnis plötzlich lebendig wird. Aus Canunin in Pommern, aus Bischofsheim in Hessen, aus Giogau in Schlesien — so geht es in einem fort Wie sind jene Großonkel und Urgroßonkel gewandert! Vom Dort oder der Kleinstadt mit ״der Post“, d. h. mit Pferd lind Wagen, zur nächsten Eisenbahn- Station; von dort zur Hafenstadt, und dann in wochenlanger Fahrt, durchaus nicht immer mit dem Dampfer, sondern sicher off mit einem Segelschiff, in ein fernes Land. Ein Land, das im Bewußtsein einer Zeit, die weder Telephon noch Rundfunk, weder Flugzeug noch Kabel kannte —- eben bestaunte man den Telegraphen, den nach unserem Gefühl altehrwürdigen Telegraphen, als unerhörte Errungenschaft — unendlieh viel ferner gewesen sein muß, als es uns heute ist. Es gab keine Aeinter und keine Komitees, keine Korrcspondenzblättcr und keine Beratungsstellen, sondern mir — vielleicht Briefe der wenigen Vorausgegangenen, häufiger noch färbenreiche Propaganda von Agenten der Schiffahrtslinien. Welcher Wagemut muß damals zur Auswanderung gehört haben, welches Selbstämligkeitsgcfühl, welcher Lebenswille! Gewiß gingen _ manche in Unfrieden von ihrer Familie hinweg, Gescheiterte, Unzuverlässige, Exzentrische, von denen man nicht mehr sprach Und die dann auch so bald nicht schrieben. Manche Schuld, mancher Fehltritt stand an der Wiege des Entschlusses, aber wohl auch manche Engherzigkeit und konventionelle Beschränktheit. Ueber alles ist Gras gewachsen, Trennung und Zwietracht von einst weichen wieder dem Gefühl verwandtschaftlicher Ansprüche und Verpflichtungen, und die Glieder auseinandergerissener Familien suchen einander; und wenn es mit der Familie oft auch recht lange her ist — wir sind doch Juden, und von jüdischer Tradition werden die drüben sich doch hoffentlich nicht gelöst haben! Wir haben wenig konkrete Vorsielluugen davon, wie etwa die Auswanderung der Juden aus Spanien und Portugal vor 400 und 450 Jahren vor sich gegangen ist. Die Aus- Wanderung der Masse nämlich, der vielen, vielen Namenlosen, nicht der Großen und Reichen, nicht der Fir,/einen, deren höhere Individualität das geschichtliche Schicksal in besonders bemerkenswerter und bemerkter Weise bewältigte. Vielleicht wird nach einem halben Jahrtausend eine jüdische Geschieht?- Schreibung unsere Auswanderung ,ähnlich ungenügend sich vergegenwärtigen können. Aber sollte der Jahrgang 1938 der ״Jüdischen Rundschau“ die Jahrhunderte überdauern, dann wird der Historiker die Rubrik ״Versprengt in der Welt“ finden und zeigen können: Seht her, so ist es gewesen, so hat es sich abgespielt! Die Juden in Deutschland suchten in ihrer Zeitung die Nachkommen von Verwandten, die schon lange vorher das Land verlassen hatten, und diese Verwandten — so hoffen wir, wird der Historiker fortfaliren dürfen, nicht dank seiner scharfsinnigen Kombinationsgabe, sondern weit cs tatsächlich so geschah — meldeten sich, sie hielten cs für eine Mizwa, zu antworten, und sie halfen den Suchenden zur Einwanderung in ein neues Land. Der Historiker wird dann sicherlich einen gelehrten Anhang über den Nutzen der Zeitungslektiire für eine metlmdisdie Geschichtsforschung daranfügen, aber der interessiert uns nicht so sehr. Uns interessiert, daß es tatsächlich so komme״ möge, daß alle unsere Leser mm auf diese Rubrik achten, und da.ß jeder, der über einen Gesuchten Bescheid weiß, sich meldet, denn wir alle sind auf die Mithilfe aller angewiesen; insbesondere unsere Leser in England, USA., Uebcrscc usw. mögen antworten und das Ihre tun; und daß die Suchenden auch das Ihre tun: nämlich Personen- und Ortsnamen deutlich schreiben, denn sonst haben wir viel Aergcr mit Satz und Korrektur, und wer Cohn heißt, kann sieh unter Ca Im nicht melden. I m übrigen sind 1ms schon verschicdcnc Fälle bekannt geworden, wo die Suche zum Erfolg geführt hat. Und das ist das Schönste au der Rubrik: daß Versprengte gesammelt werden. WO.

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