Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1938)
- Date
- 1938-08-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 12. VIII. 1938 Schlagworte Es werden in ihrem Wertgehalt gegeneinander abgcwogen die Phän-omenc ״Rationalismus“ und ,,Irrationalismus“, wobei der Rationalismus durchweg schlecht wegzukommen pflegt. Man degradiert ihn als eine überholte Oeisteshaltung lind übt dabei eine wenig noble Kritik an den Wissenschaften, die angeblich ausschließlich ein Korrelat zur Ratio darstellen. Auf den Thron gehoben wird der Irrationalismus, jene ungreifbare und unangreifbare Welf, deren Zugänge nur wenigen Menschen geöffnet sind, und über deren beschaffenheit sich deshalb alles und nichts aussagen läßt. Das lebende Geschlecht, so wird gesagt, sei durch die philosophische Schule des Irrationalismus hindutchgcgangcn, und betleutende Denker der Gegenwart hätten ihrer Enttäuschung über die Unfähigkeit der Naturwissenschaften, die Rätsel des Lebens zu lösen, Ausdruck verliehen. Zum trostreichen Beschluß fügt der Zeitkritiker dann hinzu, es sei aber zugleich erkannt worden, daß zwischen den Ergebnissen der Naturwissenschaften und der Religion kein prinzipieller Gegensatz bestehe, und erstaunt fragt man sich, wozu denn der Kräftcaufwand vonnöten gewesen sei, uni die Attacke zu reiten. Wir können uns zuw'eilen des Eindrucks nicht erwehren, als bedeute dieses Spielen mit Begriffen eine 1 lucht aus den unbequemen Gefilden exakten Denkens in die bequemeren einer Welt, in der inan sieh intellektuell gehen lassen dürfe, weil hier die Ratio nichts zu suchen habe. Wir halten dieses Abrücken von ihr, ob es gleich nur theoretisch geschehen mag, für bedenklich, weil so unter Umstanden die Kräfte gelälnnf werden, deren ein jeder auf dieser ״kruininholzigen Welf bedarf; man sollte deshalb derlei nicht leichtherzig empfehlen. In keinem l alle aber ist es angebracht, der Wissenschaff etwas am Zeuge zu flicken, weil sie die Rätsel des Lebens nicht 211 lösen vermochte. Man habe Respekt vor dem menschlichen!'orschertrieb und der ihn lenkenden Ratio, die ihrem Träger eine wahrhaft königliche Haltung verleihen, wenn er sich seiner Verstandcskräftc unverdrossen bedient. Sie weiden nicht gebraucht, um irgendwelche Rätsel zu lösen, sondern um Erkenntnisse zu erlangen. Echte Wissenschaft h?scheidet sich, diese Erde zum Gegenstand r!ung des Irrat ionalen. Es bedeutet, das Unerforsdtliehe zu ahnen, ohne sich ihm zu verschreiben, sieh schaffensfroh hitieinzusturzni i 11 den Kampf um die Aufhellung irdischer Zusammenhänge und dennoch die Empfindung zu hegen, ans der das ewige ignorabunus herkommt. Lös ist nicht wahr, daß zwischen Religion und Wissenschaft kein prinzipicllcr Gegensatz besteht. In Wirklichkeit lebt der Mensch, sofern er forscht, auf einer völlig andern Ebene als der Mensch, der der Welt;m Glauben begegnet, Man höre ubergegaiigen. Eine Eine andere Ungereimtheit bedeutet die Behauptung, der Individualismus sei vom Kollektivismus abgelöst worden, wie es sich eben im jüdischen Leben unserer Tage erweise, 90 daß die Aussichten, die religiöse Lage zu bessern, günstig geworden seien. Was mag sich jemand vorstellen, wenn er hurt, das Individuum sei im Begriff, in einem KoUektivtim unterzugehen? Offenbar doch dies, daß das Einzelwesen aufhöre, sich als Einzelwesen zu empfinden, und daß so etwas entstelle wie eine Kollektivscele, ein Ueber-Iclt, das matt wahriicltmen könne, wenn man es versucht. Nim hat uns die Psychologie gelehrt, daß in der Tat die Seele des Individuums nicht nur ein Ich in sich führt, sondern zugleich auch ein Es. Das bedeutet indes nicht, der Mensch überantworte sich diesem Es und lasse sein Ich in ihm untergeben. Wer sich derlei einredet, begibt sich in ein Reich der Unwirklichkeit. Wer andern sagt, die Erhaltung des Kollektivs sei im Plane einer höheren Macht vor die des Individuums gesetzt, in der Absicht, sie zuversichtlich zu stimmen, der maßt sieh an, das Geheimnis Max Weissler Berlin W, SJ״ Kleiststr. 12 der Welt zu durchschauen. Nur Menschen pflegen es zu tun, die das Unglück noch nicht angetastet hat, und nur so lange, als es sie verschont. An dem Tag, da der vom Leid geschüttelte Mensch seine Bruder zur Ergebung ermuntert mit dem Hinweis auf uberiiKlividuelle Weltplane, an dem Tag wollen wir um,er Ich umertauchen lassen in das Kollektiv — wenn wir's können. Aber es wird uns nicht gelingen, sofern wir nicht Geschöpfe mystischer Art sind. Wir wollen es auch nicht. Wir wollen Individuen bleiben in ihrer ganzen physischen und psychischen (iesclmdenhcit von andern. Wir wollen den Individualismus bejahen und in dieser Bejahung so arbeiten, daß unser Tut! der Gesamtheit zugute kommt. Mehr bedarf es nicht, und zu weiterem möge man uns nicht verpflichten wollen. Und zuletzt ein Wort zu dem viclbcrufenen .,Schrei der Jugend nach autoritativen Bindung« 11“. Gäbe es diesen Schrei in echter Art, so wäre ihm auch Erhörung ' gewährt. Martin Ruber erzählt eine sinnreiche Geschichte vom Kinde, das dem Vater den Hunger klagt. Der cliassidische Rabbi beruhigt es mit dem Hinweis, daß Gott ihm zu essen geben würde, wenn es wirklich hungrig wäre. Und siehe da, das Kind findet unerwartet eine Münze. Also hatte es Hunger. — Hätte die jüdische Jugend wirklich Hunger nach einer Autorität, so fände sie den Weg zu ihr. Da sie ihn — auf dem Felde der Religiosität — nicht findet, ist der Hunger nicht echt. In dem Augenblick nämlieh, da Forderungen an diese Jugend gestellt werden, erfolgt die Auf- und Ablehnung. Es gibt re&us sic stantibus nur eine autoritative Bindung von Rang, das ist die Bindung an das Gebot Gottes, so wie es uns in der Halacha übergeben wurde. Wer sieh ihm unterwirft, der hat aus innerster Not gcschrien. Wer Ausflüchte macht lind einer weniger fordernden Autorität unterstellt werden möchte, dem fehlt von vorricherein die Kraft und Geneigtheit, sich binden zu lassen? sein •Schrei war ein Schreier!, 11m das sielt mühen zu wollen nicht lohnt, eine Angelegenheit der Mode, die sich verlaufen mag in den Rinnsalen der Nichtigkeiten, in denen auch andere Unechtheiten versickern. Menschemmmd kann nur dann das Leben in eine fcstgefügte Form bringen, wenn ein Mensch befiehlt kraft einer Machtfülle, die ihm jederzeit erlaubt, seinen Befehlen zur Durchführung zu helfen. Selbst wenn es ihn gäbe, und wenn ihm Gefolgschaft geleistet würde, so hälfe das nicht das geringste mit Religion zu schaffen, es sei denn, der Befehlgeber verkünde, die Gottheit habe ihn gesandt. Erst in dem Augenblick, in dem der Glaube an die Offenbarung Gottes Herz und Seele erfüllt, wird man zur Anerkennung des Religionsgesetzes kommen, jenes unantastbaren, weil aus mysteriösem Dunkel hervorgebroehenen Giganten, den irgendwie und irgendwann zum gefügigen Zwerg machen zu wollen ein vergebliches Unterfangen bleiben muß. Wer aber jene Forderung stellt, obgleich er ein Wissender ist — und die sie stellen, sind zumeist Wissende dem sagen wir, er begehe eine Sünde wider den Geist, dem in Treue und Aufrichtigkeit zu dienen ihm attferlegl ist; er gehe den Menschen Steine statt Brotes. Es gibt nur eine legitime Glaubens 11 altung im J u d e n t um, das ist die mit dem Gesetz im Hintergründe. Es gibt aber auch eine legitime U n g I ä u b i g k e i t, das ist die, die Bcn-Chorin meint, wenn er die Frage nach Gott und nach der Wahrheit des Gofleswortes stellt. Zwischen beiden gibt es nur ein Unverbindliches, Gestaltloses, das in ein System von Pflichten zu bringen cfer'religiöse Liberalismus, diese eontradictio in adjecto, sich unterfanget! hat — wobei er notwendig gescheitert ist. Wer sich dem Gesetz unterwirft, ohne Vorbehalt, der lebt in einer unangreifbaren Festung, also in der Geborgenheit. Wer dies nicht kann, der lebe im ungeschützten Raum der religiösen Bindungslosigkeit. Vielleicht fügt es sielt, daß auch dieser Mensch sich geborgen weiß. Die einzige Pflicht, die er zu erfüllen hat, ist die, in schweigender Abstinenz, zu verharren, wenn es tun die Hinführung suchender Mitmenschen zur Bindung und zur Seelenruhe gellt. Dr, Siegfried Braun, Köln Ein Schlußwort Die Stellungnahme zu meinen Aufsätzen ״Um die rehgiöse Problematik“, die von allen wichtigen jüdischen Aspekten aus erfolgte, würde eine ausführlichere Antwort erfordern, als es der beschränkte Raum gestattet. Daher nur ein paar grundsätzliche Bemerkungen dazu. Die Tatsache, daß die Naturwissenschaft ihre Unfähigkeit bewiesen hat, die Riits«! des Lebens zu lösen, ist keine Erfindung von mir, und man kann darüber bei bekannten Forschern nachlcsen. Denker von Format bemühen sich noch in der letzten Zeit um die Lösung dieses Problems. So hat ein berühmter Physiker kürzlich erklärt, daß sich die beiden Gebiete von Naturwissenschaft und Religion nicht nur nicht ausschließcn, sondern nebeneinander bestehen können, ja sich sogar ergänzen. Er sagt, daß die vernünftige Ordnung der Welt auf einen mit den Sinnen nicht faßbaren Weltordner schließen läßt — mit dem Unterschied vielleicht, daß für die Religion Gott am Anfang und für die Naturwissen- Schaft am Ende des Ganzen steht. Ein Satz also wie der Brauns: ״Es ist nicht wahr, daß zwischen Religion und Wissenschaft kein prinzipieller Gegensatz besteht", ist trotz der alles Gegenteilige ausschlicßcnden Formulierung hochstens eine persönliche, aber sonst in der Welt der Wissenschaft noch sehr umstrittene Meinung. Wenn jemand behauptet, ein Individuum könne in Tagen der Not auch durch den Hinweis auf überindividticllc Weltplane keinen Trost finden, so ist dies eine wirklichkeitsferne These. Jeder Rabbiner und Lehrer, der in den letzten Jahren mit Massen von Juden zu tun hatte, weiß, wie sehr das Gegenteil der Fall ist: unzählige Juden in Deutschland leben in den letzten fünf Jahren ausschließlich durch das Gefühl, daß ihre individuelle Not eine kollektive Not und ihre Rettung eine Rettung in und durch das KoMcktivum ist. Dazu braucht man kein ״mystisches Wesen“ zu sein. Es gehört dazu nur eines: daß man mit seinem Zionismus Ernst macht. Außerordentlich verwunderlich ist es aber, aus dem Munde eines Pädagogen zu hören, daß ״der Schrei der Jugend nach autoritativen Bindungen“ nicht echt sei. jedes Gesprach mit ernsten jungen Menscltcn unserer Zeit enthält als Basis und Quintessenz ihre Sehnsucht, von einer starken wissenden Hand rum Kern und letzten Verständnis jüdischen Wesens geführt zu werden. Behauptet man aber, es gäbe im Judentum nur eine legitime Lebenshaltung, nämlich die •des totalen Gesetzes, so begibt man sich auf eine Ebene der Betrachtung, die wir schon längst überwunden glaubten. Zu allen Zeiten war es eine Argumentation der Religiös-Abtrünnigen» zu sagen, daß die Innehaltung eines Teiles der Gesetze an sich schon sinnlos sei, da man ja doch nicht alle auf sich nehmen könne. Dies ist ein bequemer und opportunistischer Standpunkt. Es gab nämlich noch nie einen Juden auf der Welt, der alle 613 Ge- und Verbote gehalten hat. Das ist eine solche Binsenwahrheit für jeden Menschen, der in religiösen Bezirken zu Hause ist, daß man sie kaum zu diskutieren braucht. Der ״K’lal Jisracl״ — alle Juden zusammen — halten zu allen Zeiten das totale Gesetz, indem ein Teil des Judentums die eine Schicht und der andere Teil die andere in Lebenswirklichkeit umsetzt. Stellt man sich auf den Standpunkt des Entweder—Oder, so ist dies ein Freibrief für Millionen von Juden in der Welt, außerhalb der Religion zu bleiben. Wir lehnen dies auf das entschiedenste ab, und verantwortungsvolle religiöse Persönlichkeiten des Judentums haben cs zu allen Zeiten abgelehnt. ״Die Arbeit ist groß, und cs liegt nicht an dir, sie zu vollenden“, heißt es in der Tradition. Jeder Mensch muß im religiösen Bezirk anfangen können, wo er die Ansafzmöglicbkeiten hat, und dieser in manchen Kreisen so oft verschriene religiöse Liberalismus mit seinen — zugegebenermaßen — begangenen Fehlern hat immerhin eine religiöse Wirklichkeit gerettet, die auch in ihren schwächsten Erscheinungen etwas Positives hat. Die Kinder dieses Liberalismus sind es, die in alle Teile der Welt noch heute religiöse Werte hinaustragen, Gemeinden gründen, Synagogen hauen, religiöses Leben entwickeln. Wer will sich anmaßen, diesen Dingen das Recht abzusprechen — nur weil sie vom orthodoxen Standpunkt keine Totalität besitzen? Vom anderen Pol ans meint Klötzel, gegen eine ״zionistische Staatsreligion״ protestieren zu müssen. Ich weiß nicht, woher Klötzel diese Formulierung genommen hat. In meinem Aufsatz befindet sie sich nicht. Daß der Zionismus eine säkulare Bewegung ist, weiß auch ich, und Klötzel versteht mich falsch, wenn er glaubt, daß ich die Forderung aufgestellt hätte, der Zionismus müßte von sich aus ein bestimmtes religiöses Dogma festlegen. Die Schattierungen innerhalb der religiösen Sphäre sind unerheblich und für unsere Diskussion unwichtig. Aber zur prinzipiellen Frage der Religion als solcher muß der Zionismus einmal Stellung nehmen. Man kann nicht andauernd von der Identität jüdischer Religion und jüdischer Nation sprechen, von der besonderen religiösen Art des jüdischen Volkstums und der Metaphysik des Judentums, und auf der anderen Seite erklären, daß der Zionismus in bezug auf die Religion zu ewigem Schweigen verurteilt sei. Der Zionismus kann sich weder auf die Orthodoxie, noch auf den Liberalismus noch auf die Reform festlegen. Das ist klar und einleuchtend. Aber seine grundsätzliche Stellung zu den religiösen Werten unseres Volkes muß er eindeutig klären, wenn er aus der Sphäre einer politischen Partei in die einer jüdischen Weltanschauung treten will, um das Leben von Juden in der Welt innerlich und total zu bestimmen. Daß die Renaissance der Religion bis zum heutigen Tage keine Fortschritte gemacht hat, wird gewöhnlich unseren Menschen zur Last gelegt. Meiner Meinung nach liegt die Hauptschuld in den Altsdrucksformen der Relig i o n selbst, und es ist bedauerlich, daß Plotke, den diese umgekehrte Betrachtungsweise interessiert hat, auf sic nicht weiter eingegangen ist, sondern die bekannten Argu- Die Gefahr eines Schismas Die Forderung eines neuen Schulclian Aruch ist abzulehnen, da sie ein Schisma im Judentum heraufbeschwören würde. Auch die Anhänger einer freien jüdischen Religiosität sind der Ansicht, daß die Halacha einer gründlichen Reform bedarf. Wie denkt sich Dr. Nußbaum die Stellung der Orthodoxic zu diesem Fragenkomplex? Sie wird von ihrem Standpunkt aus einen neuen Schulchan Aruch ablehncn. Die religiös - liberale Judenhcit hat bereits im Jahre 1912 «inen schüchternen Versuch gemacht, für sich einen eigenen Schulchan Aruch zu schaffen, und hat bekanntlich damit Schiffbrach erlitten. Die Orthodoxie wird ihren Weg weifergehen, wie bisher, so daß eine Reform der Halacha eine Hauptaufgabe der liberalen Judenhcit darstcllt, besonders für Palästina. Im übrigen ist Dr. Nußbaum zuzustimmen, daß_ im Judentum die nationale wie die religiöse Richtung einen einzigen Begriff darstellen. ״Kein Judentum ohne Judenheit, aber auch keine Judenhcit ohne Judentum.“ Hier Hegt die Kernfrage. Wenn im kommenden Judenstaat Gewissensfreiheit herrscht, dann lösen sich auch die religiösen Probleme. Gustav Kahn, Jerusalem zur Diskussion mente beibehält, daß au allem auch der jüdische Mensch schuldig sei — was ich nie bestritten habe. Aber nicht ihm allein ist das negative Resultat zuzuschreiben, und von diesem Standpunkt aus ist die Frage neu zu untersuchen: Was von uns aus getan werden kann, um den Menschen an die religiösen Werte hcranzubringen, und welche neue Sprache wir dafür finden könnten. Nach einer sehr alten jüdischen Lebenshaltung muß man die Schuld in jedem Fall zunächst hei sich suchen. Also fangen wir bei uns, den Lehrern und Rabbinern, an. Mit einem sehr richtigen Instinkt hat Ben-Gavriel das religiöse Problem angefaßt. Sein Ausgangspunkt ist dem mehligen ähnlich; die These, von der aus er seine Gedanken entwickelt, kann man ausnahmslos unterschreiben. Ben-Gavriel sagt: ״Dies alles Judentum bedingende Erkenntnis von der Identität jüdischer Religion und jüdischer Nation muß zum selbstverständlichen Axiom werden.“ In meinem Manuskript über die religiöse Problematik lautet eine —■ im Abdruck gestrichene — Stelle: ״Jüdisches Volkstum ohne Religion ist blind, und jüdische Religion ohne Volk ist hohl. Blind deswegen, weil es das Fenster, das uns Juden den Blick zum Himmel gestattet, verschließt. Hohl deswegen, weil zu jeder religiösen Bewegung die lebendige Trägerschaft des Volkes gehört, sonst ist sie eine starre, nicht lebensfähige Fassade,“ Nur in den Konsequenzen mißversteht mich Ben- Gavriel. Auch ich bin der Meinung, daß man bei religiösen Problemen nicht sagen kann: ״man muß“; daß wir die Aufgabe haben, Spreu von Weizen zu sondern und nicht ein neues Judentum zu formen, sondern das alte wieder zu erkennen. Aber gerade deshalb erhob ich meine Forderung nach einem ״neuen Schulchan Aruch“. Man muß die neue jüdisch-religiöse Welt gewiß organisch wachsen lassen. Es muß nur die Möglichkeit geben, sie ein klein wenig zu leiten, zu formen und zu bestimmen. Gerade wenn man nicht ein nettes, reformiertes Judentum haben will, sondern ein gereinigtes altes, muß man auf die alten Quellen zurückgehen, um atn Ursprung die Sonderttng zwischen dem, was Inhalt und dem, u׳as Zaun ist, vorzunehmen. Aber man verfalle nicht wieder in den Fehler des Liberalismus, der aus der religiösen Wirklichkeit eine alltägliche Bequemlichkeit schuf. Dies ist eine religiöse Lebenshaltung für eine Oberschicht, die die Muße und den Charakter besitzt, jüdische Handlungen sub specie aeternitatis zu nehmen. Die Masse des Volkes, aie Millionen Juden in der Welt sehnen sich nach einer Norm. Das alte Gesetz, aus 613 Ge- und Verboten bestehend, ist für einen großen Teil der Juden untragbar. Was gibt es da für einen anderen Weg, als das Klassische herausztigreifen, zu säubern, zu ordnen und das organische Wachstum auf die Bahn hinzulcnkcn? ln der modernen Völkerpsychologie ist stets die Rede von einem psychisch-nationalen Ich eines jeden Volkes. Ich glaube fest daran, daß der Urkcrn der jüdisch-nationalen Volksseele ein religiöser ist. Wer an dieser Tatsache vorübergeht, wird nie einen Zugang zur jüdischen Geschichte finden. Deshalb ist die zukünftige Gestaltung unseres religiösen Lehens nicht die Frage einer Wahl, sondern einer inneren Bestimmung: der Realisierung einer a priori vorhandenen seelischen Veranlagung. Es ist gleichgültig, in welcher religiösen Form das Judentum die alte Tradition in das neue Leben wird einschalten können. Aber daß es die religiösen Werte herüberretten muß und wird, scheint mir gewiß, wenn unser Volk sich nicht selbst untreu werden soll. Jede extreme Beurteilung des Problems weist einen einseitigen Charakter auf und ist falsch. An der areligiösen Situation unserer heutigen Zeit sind sowohl der Mensch als auch die Religion schuld. Also muß man über eine Möglichkeit nachsinnen, die ein organisches Wachstum unserer religiösen Kräfte einerseits, wie die Lenkung auf eine bestimmte ideale Ebene hin andererseits gewährleistet. Dazu ist aber ein positives Programm nötig. Die Aeiißerungen zur vorliegenden Diskussion weisen darauf hin, wie es nicht gemacht werden darf. Mit l'eststellungeil dieser Art, auch wenn sie metaphysisch verbrämt sind, kann der durchschnittliche Jude nichts anfangen. Auch für uns sehe ich darin keinen Ansatzpunkt einer ernsten Arbeit. Man mag zu meiner Forderung eines ״neuen Schulchan Aruch“ stellen, wie inan will: immerhin ist es ein positiver Vorschlag der einzige, den ich sehe! — Und das ist in unserer verworrenen Zeit mehr als jede Jtegierende Weisheit. Dr. Max Nu II bäum TJß'dafae küM. WKKm Aus der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU" v. 15. 8.19131 Vor kurzem hat irt der Hauptstadt Frankreichs eine Delegiert en-Kanfercnz der Araber aus Syrien und Palästina stattgefunden. Der Hauptzweck dieses Kongresses war, vor ganz Europa die Forderungen der Araber an die türkische Regierung wegen Einführung von Verwaltungsrofarmen in Syrien und Palästina auseinanderzusetzen, Türkei. Die Regierung hat den Croßrabbiner der Tür• hei benachrichtigt, daß sie es gerne sehen würde, wenn die infolge der Kriegswirren aus Thrazien geflüchteten Juden, die sich größtenteils in Konstantinopel aufhalten, nunmehr, nachdem die Türkei die betreffvnden Gebiete wieder besetzt hat, in ihre Heimat zurückkehren wollten.