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Jüdische Rundschau · 1938-08-12 · Heft 64 (12.8.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 64 (12.8.1938)
Date
1938-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 64,12. VIII. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Das jüdisch - religiöse Problem Wir veröffentlichten in der Schawuvth-Nimmer vom 3. Juni zwei Aufsätze, die sieh mit dem religiösen Problem heschiiftigtrn, Dr. Max Hußbaum behandelte diese ]•'rage in seinem Aufsatz ״Um die religiöse Problematik״, während Schalom Ben-Chorin über das Thema ״Die Trage nach der Wahrheit" schrieb, ln dem Aufsatz von Dr. Sufibäum wurde insbesondere die Forderung nach einem uns adäquaten, von den klassischen Pinien der Tradition und dem konkreten jüdischen Lebensinhalt her zu bestimmenden ״neuen Schulchan Aruch“ vertreten. Ben-Charin erörterte die religiöse Frage in Palästina und wandte sich dagegen, daß die religiöser! Probleme bagatellisiert werden. Die Frage nach der Wahrheit in ihrem ursprünglicher! Sinne sei zu stellen, d. h. die Trage des Einzelnen an sich selbst und die Frage nach dem Wort Gottes. Wem es nicht möglich sei, dieses Wort im Glauben zu hören, solle außerhalb des Heiligtitrns im vollen Bewußtsein seines Außenstehcns warten. Zu diesen beiden Aeußerungen haben wir nun eine Reihe von Zuschriften erhalten, die sich mit den religiösen Problemen im heutigen Judentum, und zwar sowohl in der Galutli wie in Palästina beschäftigen; teilweise wird auch das Verhältnis des Zionismus zur Religion untersucht und die Diskussion in einigen Punkten weitergej iilirl. 1F1> veröffentlichen einige der bei uns eingegangenen Zuschriften nachstehend auszugsweise und geben, da sie sich zum Peil kritisch mit den Aeußerungen Dr. Aufibaums auscinandersclzen, auch diesem nochmals das Wort. Die Diskussion der Frage selbst kann damit natürlich noch nicht abgeschlossen sein; die Veröffentlichung in! Rahmen unseres Blattes soll nur einige Anregungen für ihre Fortführung geben. (Red.) Für Sdiabbath, den 13. August 1938 Und der Ewige wird euch zerstreuen unter die Völker, und ihr werdet gezahlt« Leute übrig bleiben unter der! Völkern, dahin der Ewige euch tortlühren wird. Und ihr werdet dort Göttern dienen, Werk von Menschenhand, aus Holz und Sieln, die nicht sehen und nicht hören, nicht essen und nicht riechen. Von dort werdet ihr dann verlangen nach dem Ewigen, deinem Gott, und du wirst ihn finden, so du nach ihm suchst mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. In deiner Bedrängnis, wenn dich alle diese Dinge treffen in späten Tagen, dann wirst du zurückkehren zum Ewigen, deinem Gott, und auf seine Stimme hören. Denn ein erbarmender Gott ist der Ewige, dein Gott, er wird dich nicht sinken lassen und nicht verderben und wird des Bundes mit deinen Vätern nicht vergessen, den er ihnen beschworen. (Aus dem Wod!enabsd!nitt) S. Buch Mose, Kap. 4, ZT—31■ Ucbcrscizi von H. Totczynet Problematische Religion und Wahrheit der Frage Religion als Fluclitort auffassen, heißt völlige Verkennung des spezifischen Wesens der jüdischen Religion, die durchaus keine außerweltliche, mystische Kategorie ist. Solange Religion nicht wieder konstruktives L c b e n s cicinent wiret, solange also nicht Leben und Religion einander wieder natürlich zu durchwachsen beginnen, solange ist Religion nicht wesentlicher Teil der jüdischen Wesenheit. Zwang zur Religion ist sinnlos, denn Religion setzt religiöse Veranlagung voraus. Religion ist Geschick. Die Frei- Willigkeit beginnt erst im Augenblick nach der Entscheidüng: in diesem Augenblick beginnt der Weg in die alles erfüllende strahlende Freiheit des Glaubens ~~ oder aber in die verkrampfte Haltung dos Dienens ״um des Preises willen■“. Erst die Erkenntnis der Unwürdigkeit des ״Dienens um der Belohnung willen“ kann zur Erkenntnis der ungeheurer! moralischen Große des ״Dienens ohne Lohn“, in die Freiheit des Glaubens führen. ״Es ist ein nicht entschuldbarer Fehler der Religion, daß sie nur solange mit dem Leben Schritt gehalten hat, als sie es selbst beherrschen und formen konnte, wie etwa im Mittelalter“, sagt Max Nußbaum. Ein kleiner Irrtum: Damals Irandelte es sich längst nicht mehr um ״Religion“, sondern um ״Kirche“. Das Judentum, oder besser: die judenheit, suchte in ihrer unnatürlichen gesellschaftlichen Konstitution ihre natürlichen religiösen Manifestationstcndenzen — in selbstverständlicher Assimilation auch auf diesem Gebiet — durch Zäune (Dogmen), durch ein kirchenartiges Gebäude ihrem unnatürlichen Leben anzupassen, uin dadurch die Mögliclikcit einer Manifestation überhaupt zu ermöglichen. Irr diesem Augenblick, da die Formen übermächtig wurden, begann die Abkehr von der Religion. Da die dynamischen Tendenzen der Religiosität vor einer immer mehr statisch werdenden Tradition kapitulierten, mußte es selbstverständlich werden, daß fortschreitende analytische Erkenntnisse der Naturwissenschaften sich mit den Formen, die den Inhalt erdrückt hatten, nicht mehr in Einklang bringen ließen. (Wobei natürlich jene Formen und jene konservierenden Gesetze gemeint sind, die nach dem historischen Augenblick des Volkes entstanden und den Namen der Religion usurpierten.) Die Orthodoxie hat das Lehen erschwert und gleichzeitig das Judentum leicht gemacht, sie hat die persönliche Verantwortung auf einen Kodex abgewälzt. Die Tendenz ist menschlich natürlich: sic entspricht dem menschlichen Hang, die Linie des geringsten geistigen Widerstandes zu gehen. Das Ergebnis aber ist unnatürlich, weil geistige Situationen sich nicht reglementieren lassen. Sie ist aber auch uurcligiös, weil sie die Freiheit der inneren Entscheidung verhindert, die allein die Grundlage der großen Verheißung ist. ״Erstaunlich schnell ist das Erbe der Vorfahren, die zwischen Offenbarung und Erlösung ein Leben in der Nachahmung Gottes führten, aus ihren! Bewußtsein geschwtmden“, sagt Ben-Chorin. Abgesehen davon, daß ,,in der Nachahmung Gottes“ nichts, oder bestenfalls etwas Unmögliches, Unvorstellbares aussagt, stimmt auch der Vordersatz leider nicht, da die Vorfahren immer nur Menschen und niemals Engel waren. Das heißt: Menschen in ökonomischen Nöten, Menschen, die in Grenzen, welche die Gesellschaft und die Trägheit der Herzen zog, sich ein Lehen aufbauten, in dem — infolge der Unnatürlichkeit dieses Lebens — mählich die Formen zur Dominante und die Inhalte zu einer immer leerer werdenden Denk-Pause wurden. Das heute aktuelle religiöse Hefkertum ist einesteils Ausdruck der biogenetisch und biologisch erklärlichen geistigen Bequemlichkeit, die einen bezeichnenden Ausdruck in der amerikanischen Spielart religiösen Liberalismus jüdischer Konfession findet, welche sich auch gewissermaßen im Drang zum Kollektivum manifestiert, wie sie anderseits ebenso erklärliche Reaktion einer nicht religiös veranlagten Mehrheit auf die jahrlmndertlange Diktatur der Formen in den Bezirken der Religion ist. Auf die Diktatur jener Formen und Formeln, die nur solange Sinn hatten, solange sie dem einfachen Menschen in ihrem religiös konstruktiven Wert sinnlich faltbar waren. Sie werden ihm sinnlose Fessel in dem Augenblick, da ihre Anlasse nicht mehr vorhanden und vergessen sind. Jedes weitere Festhalten an ihnen bringt die Gefahr einer neuen Art von Götzendienst mit sich. Der Versuch des Chassidismus, die Religion zur Religiosität zurückzuführen, mußte in ein starres Gebäude münden, mit regenzaubernden und politisierenden Wundertätern, weil er nicht im natürlichen Milieu einer, die natürliche Weiterentwicklung der Träger dieses religiösen Gedankens garantierenden Heimat gesetzt wurde. Selbstverständlich mußte gerade auf diesen Chassidismus die schärfste Reaktion erfolgen. Die Sehnsucht nach den alten — zumeist aber durchaus gar nicht so alten — Formen hat ungemein Rührendes an sich; sie ist aber nicht konstruktiv im Sinne des Aufbaues einer neuen Religiosität, denn hinter der Sehnsucht steht nur ein Wünschen, während der aufbauende Wille aus anderen Bezirken kommt. Was ist notwendig? Die alles Judentum bedingende Frkenntnis von der Identität jüdischer Religion und jüdischer Nation muß zmn selbstverständlichen Axiom werden. Religion ohne Nation oder Nation ohne Religion im Judentum ist nichts anderes als Assimilation an den Zeitgeist, Das religiös-nationale Erlebnis: Sprache und Land — ist Voraussetzung. Aus der schließlich wiedergewonnenen Dreiheit S p r a c h e, Land und (neuerweckte und gereinigte) Religion entwickelt sich eine neue, lebendige und natürliche Tradition, die wie jede Tradition ihre Bräuche und Feste entwickelt, welche dort anschließen, wo die Kontinuität des natürlichen, d. h. dem Milieu seines hisforisehen Moments entsprechenden Judentunis im Augenblick des Verlasscns Palästinas aufgehört hat. Es kann sich heute, so und so viele Jahre nach der endlieh gewonnenen Erkenntnis von der Notwendigkeil der Rückkehr nach Palästina, nicht mehr darum handeln, die Frage zu stellen, ob man bereit ist, sich ״mit der kultischreligiösen Tat“ zu identifizieren. Diese Frage wird einer Generation immer mehr peripher, je weiter diese kultischreligiöse Tat an die Peripherie ihres Lebens rückt, welches auf durchaus anderen Voraussetzungen aufgebaut ist, als das Leben einer anscheinend unwiderruflich ahgclaufeneu Epoche. Was heute gefragt werden muß, ist vor allem: wie sieht die kultisch-religiöse Tat des gegenwärtigen und besonders eines künftigen, von allen Verkrampfungen und unnatürlichen Mimikryversuchen befreiten Judentums aus? Diese Frage aber kann eine zwischen den Generationen stellende Generation nicht beantworten; wir können nur die neue Wegrichtung feststellen. Die heute bereits völlig unsachlich gewordene Romantik der Vergangenheit aber kann als Vorwurf literarischer Fmmziatioiien verwendet werden. Alles in allem: es ist sinnlos zu sagen: ״man muß.“ Man kann in Rezepten schreiben: .,man nehme“, aber das!,eben richtet sich nicht nach Rezepten. Es gibt keine literarischen Aufrufe vom Schreibtisch her u!1d keine noch so fein ziselierten Vorträge, denn beide kommen nicht aus dem gelebten Leben und münden nicht in das sich immer neu aufhauende Leben. Wir können nur eines tun: die Spreu vom Weizen sondern, ohne jede literarische, letzten Endes zu nichts verpflichtendc Gebärde jene Zäune von! Inhalt zu sondern, die heute nicht mehr notwendig sind, jene Zäune, die zu Götzen wurden, und jene Inhalte zu grundlegenden Postulaten erheben, die im Laufe der Jahrhunderte nebensächlich wurden, weil ihr moralischer Aufruf mit den tatsächlich vorhandenen Mög- Iielikeiten nicht mehr übereinstimmen konnte. Es geht nicht darum, ein neues Juden tu in zu formen, sondern jenes alte w i e d e r z 11 e r k e n 11 e n und es einer natürlicher gewordenen Generation ״älierziibnngcn, die au־ natürlicher Yer״ anlagimg heraus für jeden unverkr,•impften, für jeden natürliehen Aufruf empfänglich ist. Ls geht nicht um Reformation, sondern um Re-formung deformierter Dinge. Die Feste sollen selbstverständlich gefeiert werden, nicht mehr als Ausdruck eines fremdgen ordern■!! Kalenders eines fremden, nur in der Literatur und in einer farblosen Sehnsucht festgehaltenen Lande־, und die Gebete werden, wenn der innere Zwang zum Gehet da ist, dem Beter verständlich, der ihre grollen strahlenden Juden tum /umck da־ wahrscheinlich mit dem Verfall der rediabitiselien Bewegung ^sein ^Finde immer spitzfindiger werdenden, immer verkrampfter um (Jehercinstimmung mit der Umwelt ringender Auslegungen be■ durfte, weil es mir eine einzige Auslegungsmöglichkeit hatte: ״Du sollst und du sollst nicht!יי AU Y. Ben-Gavricl (Jerusalem) ,, Zionistische Staatsreligion “ Dr. Max Nußbaum kommt in seinen Ausführungen in Nr. 44 45 der ״J. R.“ zu der Forderung, daß die religiöse Frage jetzt durch den Zionismus eine ״offizielle Autwort“ linden müsse, daß es an der Zeit sei, von Amts wegen einen ״religiösen Ueberbau“ des Zionismus zu zimmern. In der gleichen Nummer berührt Ben-Chorin, der sieh mit dem religiösen Problem in Erez Jisrael auscinandersetzt, dieses Thema gar nicht; von seinem Standpunkt aus wäre es auch absurd, den Gedanken einer ״Zionistischen Staatsreligion“ auch nur zu erwägen. Wer weder zu den echten Gläubigen, noch zu den ״Religions-Romantikern“ gehört, sondern zu den Uiigläubi gen, wird in Bcn-Cltorins Auffassung des Religiösen und seiner Beziehung zum Zionismus die weitaus tiefere sehen. Und da es sich für ihn nicht so sehr um das religiöse Problem an sich handelt, sondern um seine Erscheinungsforiucn in Erez Jisrael, so sei als das Entscheiden de gleich hinzugefügt; zwischen den Gläubigen von der Art Bcn-Chorins und den Ungläubigen scheint bis zu einem gewissen Punkt eine ehrliche Verständigung möglieh, darüber hinaus ein ebenso ehrlicher Kampf, der von gegenseitigem Respekt erfüllt ist. Die ״verwässerte Orth«- Briepmarken » Fritz Lewin Lützowstr.9?A doxie“ Nußbatims aber (inan könnte sie auch einen ״angcreicherten Liberalismus“ neunen) als ״offizieller religiöser Ueberbau des Zionismus“ könnte auf der Gegenseite weder Respekt noch Verständigungsbereitschaft finden. In den Streit um einen ״neuen Schulchan Aruch“ einztigreifen hat der Ungläubige solange keinen Anlaß, als nicht der Versuch unternommen wird, damit gleichzeitig das Gesetzbuch einer ״zionistischen Staatsreiigio n״ zu schaffen und eben dadurch jene ״offizielle Antwort“ auf die religiöse Frage zu erteilen, die Nußbaum vom Zionismus fordert. Der Ungläubige versteht vollkommen das Bestreben der Orthodoxie, aus Erez Jisrael einen ״Gottesstaat“ ihrer Auffassung zu machen, — für Orthodoxe ist in der Tat kein andersgeartetes Endziel denkbar. Wenn es die Möglichkeit gäbe, innerhalb des zukünftigen Judenstaates für die Anbänger der Orthodoxie eine eigene Provinz zu schaffen, in der das gesamte Leben von Tora und Talmud beherrscht wäre, so würde kein verantwortlich denkender Ungläubiger gegen eine solche Lösung etwas einzuwenden haben. Aber der Ungläubige wird sich bis ins letzte dagegen wehren, die orthodoxe Auffassung (oder irgendeine andere weltanschauliche Einstellung, einschließlich seiner e i g en e n) als die allein gültige Norm des palästinensischen Lebens ״offiziell“ stabilisiert zu sehen. Es kann nicht eindringlich genug vor einer Auffassung gewarnt werden, wie sie Nußbaum vertritt, wenn er sagt: ״Der Zionismus, der der Konfrontierung mit der Religion ausgewiclicn war und sich dieser Frage verschlossen hatte, muß jetzt zu diesem brennenden Problem das Wort ergreifen.“ Der Zionismus ist der religiösen Frage weder ausgewiclicn, noch hat er sich ihr verschlossen; Beweis dessen ist die Existenz des Misrachi. Aber der Zionismus ist entstanden als eine säkulare Bewegung — und nur als solche kann er weiter bestehen. Es ist ihr legitimer Anspruch, dall alle Juden Zionisten seien — auch die religiösen. Aber der Zionismus kann und darf von seinen Bekenner!! keine ״offizielle Haltung“ in religiösen Fragen verlangen. Und schon der leiseste Versuch, auf dem Wege eines ״religiösen lieberhaus“ eine Art ״zionistischer Staatsreligion“ zu schaffen, würde als der gefährlichste Sprengstoff wirken. Unter den Zionisten als Individuen ist jede Art weltanschaulicher Propaganda oder religiöser Mission erlaubt — aber die Zionistische Organisation dar! weder der einen noch der anderen Vorschub leisten und hat allen ideologischen Gruppen innerhalb der Bewegung die gleiche Toleranz, aber auch die gleiche Neutralität zu zcigen. Es ist weder die Aufgabe des Zionismus, Ungläubige zum Glauben zu bekehren, noch Gläubige in ihrer religiösen Ueberzeugiing wankend zu machen. Wenn, wie Nußbaum meint, die jüdische Religion heute eine ״Chance“ 11a 1, so ist es Sache der Religion, diese Chance nus/imutzen; der Zionismus h a t d a m i t nichts zu tun! Sielt der Zionistischen Organisation bedienen zu wollen, um eine ״offtzielle Antwort“ auf die religiöse Frage herbeizuführen — gleichgültig, ob diese Antwort im positiven oder im negativen Sinne ausfällt — heißt die Bewegung in die gefrihr• liebste aller Krisen treiben, C. Z. Kloetzel, Jerusalem Religion in der Galuth Die Gedankenfülmmg von Dr. Nußbaum ist darum nicht ohne Reiz, weil hier im Gegensatz zu den meisten ännliehen Darstellungen die Ursache der Krise in der Religion selbst erblickt wird. Daß Liberalismus und Orthodoxie im religiösen Judentum erstarrt sind und der Auflockerung und Verlebendigung durch den Einstrom von fließendem Lehen bedürfen, wie es durch den Anschluß an das Alltagsleben des Volkes in Erez Jisrael verwirklicht ist, inag unbestritten bleiben. Aber was beginnt der nach einer Verlebendigung seiner Religiosität trachtende Jude der Cialutl! mit den Ideen von Dr. Nußbaum? In den Galuthländern haben wir nun einmal nicht die geschlossene jüdische Lebensform und das massive Volkstum, so dall für diesen Teil des Judentums auch unter wechselnden ,äußeren geschichtlichen Gegebenheiten die religiöse (iriindsituation sich nicht entscheidend ändert, weil das ״jüdische Leben“, als Ausfluß eine!־ ganz bestimmten jüdischen Lebenshaltung, fehlt. Hut werden auch fernerhin trotz einer starken seelischen mul geistigen Verbundenheit mit Erez jisrael die religiösen Fragen sich um die gleichen Komplexe gruppieren wie bisher, und Orthodoxie und religiöser I iheralisiniis werden wohl auch weiterhin entscheidend auf das religiöse heben der (ialuth וון den wirken. Hinzukoinmt, was nicht vergessen werden soll, daß durch Generationen hindurch das religiöse Gesamtbild unserer Menschen so bestimmt vorge formt ist, daß wir es selbst durch die überzeugendsten Gedniikeiifühningeu nicht ändern können. Dazu bedurfte es einer sehr langen Ent- Wicklung, und oh sie aut Ende die Resultate zeitigen wird, die man sich in der Theorie ausdenkt, ist zu bezweifeln. Die Ursache der religiösen Krise wird man wohl nicht allein in der Lebensferne der Religion zu stieben haben, sondern ebenso sehr in der ungeheuren Schwierigkeit der Aufgabe, an dem religiösen Leben entfremdete .Menschen in der Galuth, d. 11. ohne den lebensniäßigcn Hintergrund Erez JIsraels, in einer mehr oder minder theoretischen und ideologischen Form Religion hcranzubringcn, wenn das religiöse Organ dieser Juden total verkümmert ist; zwar besitzen sie ein religiöses Grutulempfimlen, aber eines, das sich nicht als spezifisch jüdisch ausweist und das sich der jüdischen Durchdringung vielfach widersetzt. Ferner aber soll ruhig cingcstandcn werden, daß auch die Berufenen gefehlt haben, die der Menge den Weg zur Religion zeigen konnten. Der Menge wohlverstanden, denn die Wirksamkeit einiger Weniger im Judentum beschrankt sich auf kleine Kreise und dringt nicht ins Volk. Alle noch so logisch aufgebauten Analysen unserer jüdisch-religiösen Krise versagen am Ende, weil sie keinen praktischen Weg zur Lösung zeigen können. Erez Jisrael seihst ist noch in den weitesten BevölkerungsschDIiten auf der Suche, lieber diesen Teil des Judentums können wir uns heute noch kein abschließendes Urteil bilden, auf Grund dessen wir in der Galuth weiterhauen könnten. Auch dort ist die Religiosität vieler Menschen erst ein erstes Tasten und, soweit sic siel! in jüdischen religiösen Formen ausprägt, noch nicht so weit vorg־edrungen, daß sie als Ausdruck einer ganz bestimmt jüdisch-religiösen Haltung angesprochen werden könnte. Das Beispiel Palästinas soll man also lieber beiseite lassen, wenn man nicht Gefahr laufen will, daß es in der Diskussion als Argument gegen die rcligionsbildende Kraft des Volkslebens ang׳uvendet werden soll, da heute die Entwicklung noch allzu fließend ist und sich die Konturen einer neuen Religiosität noch zu wenig abliebcn. Theorien vor der Wirklichkeit zu schaffen ist mißlich. Zuerst muß das Leben ganz bestimmte Formen schaffen, daun mag der Theoretiker Jas W'ort nehmen und gewisse vorherrschende Phänomene ausverten. Rabb I)!. F!itz Plotke, Schiieidemüh!

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