Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 64 (12.8.1938)
- Date
- 1938-08-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 64, 12. VIII. 1938 beginnenden zweiten Teil des Buches Jesaja zur Hand und gewinn! dadurch, was auch unsere Generation mehr als alles aridere braucht: seelische Erhebung im Reiche 'des Geistes, * Wir brauchen innere Kräfte, um den Aufgaben des Tages gewachsen zu sein. In diesen Tagen wie noch nie bewegt uns das Thema, das schon seit Monaten von der Tagesordnung des Gesprächs, jeder jüdischen Familie nicht verschwindet, der Gedanke an die Notwendigkeit der Auswanderung, d, 11. aber der Auffindung eines Ortes, an dem man sich niederlassen kann, immer wieder schreiben und reden wir über dasselbe (werden manche sagen); aber was hilft cs, da alle dasselbe denken. Schwere Sorgen lasten auf jeder Familic, und bekanntlich sind gerade jetzt Familienväter, die einer bestimmten Berufskategorie an gehören, von der aufregenden Vorstellung besessen, daß sie zu einem nahe bevorstehenden Termin ihre Berufstätigkeit aufgeben müssen und damit die Möglichkeit eines Erwerbs verlieren. Der 1. Oktober ist ein solcher Stichtag, an dem nach den letzten Verordnungen nicht nur die jüdischen Aerzte ihre Praxis eiiuustellcn haben, sondern auch z. B. die große Gruppe der jüdischen Handelsvertreter, deren Berufsausiibung an den Besitz einer Legitinintionskartc geknüpft ist, ihre Arbeit nicht fortsetzen können. Ger jüdische Mensch, der durch die Jahrhunderte hindurch eine, besonders starke Vcrantwortung für seine Familie empfunden hat, ist jetzt in tiefer Sorge um deren Zukunft, und er weiß, daß er sich andcrwmts einen Aibeitsplatz erobern m 11 B, um — wohl unter harten Entbehrungen, aber doch mit einiger Aussicht -- den Grund für eine neue Existenz, /u legen. Was die jüdische Ges;! m 111 e i t und ihre Institutionen vor besondere Schwierigkeiten stellt, ist die große Zahl 'der nun mit einem Schlage zur Auswanderung drängenden Menschen. Die jüdischen Institutionen haben alle ihre Arbeit darauf ubgeGellt, die Auswanderung in organisierter und planvoller Weise vor sich gehe״ zu lassen, und dieses Bestreben wurde auch anerkannt. Aber heute, das beweist die tägliche Erfahrung des Gespräches mit Juden, ist die 1/ 11 ge du Id der'Menschen riesengroß geworden. Sic können nicht riskieren, ihre Auswanderung so lange auf/imehieben, bis sie mit ihren Familien ohne Erwerb und ohne Mittel dastehen, sie wollen auch der Oeffeutlichkeit nicht zur last fallen, darum drängen sie auf Auswandetung. Die Außenwelt hat die Größe dieses Problems verstanden und die Konferenz von Evian und jetzt in London sind ein Beweis der Anerkenming auch der Tatsache, daß die Juden allein mit dem Problem nicht fertig werden können. Aber es geht alles viel zu langsam: Die Konferenzen, die Einrichtung von Büros, der vorsichtige Gedankenaustausch, und nebenher, wie ohne Zusammenhang mit diesem so deutlich in Erscheinung tretenden guten Willen, die unveränderte unbarmherzige Logik des Ablaufs jedes Einzelf,alles, der durch die Büros hindurchgeht. Es ist eine Erfahrung, die glücklicher dahiulebendc Mensehen nicht begleiten, die vielleicht nur die Juden in Deutschland heute so richtig kennen: was es heißt, in Dirtgcn, die das eigene Sein oder Nichtsein betreffen, hin- und berge-clmben zu werden, immer wieder zu warten, abgewic-en zu werden, wieder zu warten, dieser Leidensweg um Tür zu Tnr durch eine Kette unabsehbarer L!׳nnalitäten hindurch, gemischt mit Leiden und Enttäuschungen, durch niemandes böse Absicht, einfach durch die Tatsache, daß 1m/äbiige sachliche Erfordcrnisse zu erfüllen sind, aber der Mensch als ein mit Seele begabtes We-cii diesen Anforderungen hantig sich seelisch beinahe nicht mehr gewachsen fühlt.!11 der kommenden Weiche soll der Manu, in dessen Hand die 1 ursorge für das Schicksal dieser Mensche« gelegt viinkg George R üble e, sein Amt antreten. Er gilt ab!•in hervorragender Wirtschaftler und Jurist, als ein gewandter Unterhändler, und er hat hinter sich die ,Autorität des Pinsidenten der USA. Viele fragen in ihrem Innern: Kann ein solcher?()jähriger Mann, der aus glücklicheren Verhältnissen herkommt, die Lage der zur Auswanderung drängenden, aber kein Einwanderungd'intl fimleiulen Menschen richtig nachempfinde«> tl״ffen wir, daß er es kann. Denn es ist mehr als eine organisatorische Aufgabe, die ihm gesetzt ist, cs ist eine Aufgabe, die nur von der men schlieh esc Seite in ihrer ganzen Größe verstanden werden kann, ln den nächsten sechs bis acht Wochen ist besoflders wichtige Arbeit zu leisten, denn wenn der Stichtag des 1. Oktober heran rückt, müßte der Auswanderungsplan schon eine solche Form angenommen haben, daß die Menschen, die dann zu Tausenden andrängen, wenigstens irgendwie eingeordnet werden könneu mul eine Aussicht vor sich sehen, die ihnen die Kraft gibt, die Zeit des Ucberganges zu übersteiren. * Wenn wir hier sozusagen von der emotionellen Seite die Größe des Problems anzudeuten versuchten, so verkennen vir natürlich nicht, daß eine Planung der Auswanderung' auf einem fundierten sachlichen Material hißen muß. Das wichtigste Material dieser Art dürfte in einem Dokument enthalten sein, das der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, nämlich dem Beriebt des in Evian eingesetzten Unterkomitees, das die Erklärungen der verschiedenen Staaten über die bei ihnen bestehenden Einwanderiingsmöglichkeiten entgegengenommen hat. Dte-e Erklärungen können freilich nicht als endgültig betrachtet werden, denn es ist ja eine der Hauptaufgaben von Rubi e e, mit den Regierungen über Neue Immigralionsbeslimmungen in Argentinien Der ,Hilfsverein teilt folgendes mit: Vor kurzem hat die a r g e n t i 11 i s c!1 e Regierung ein Dekret erlassen, das am 1. 10. lü'3S in Kraft tritt und die bisher geltenden Einwanderungsbestim mutigen teilweise ändert. Insbesondere können nach den neuen Vorschritten Geschwister, Schwager, Neffen und Nichten nicht mehr an gefordert werden. Vielmehr ist die Ausstellung von Llamaden nur noch für Eltern, Kinder und L 11 k e 1 k i 11 d e r zulässig. Auch Spezialarbeitcr-IJamadcii, die praktisch nur eine geringe Rolle spielten, werden ahgeschafft. Die neuen Bestimmungen bedeuten für die jüdische Argentiniciiwandcrimg eine gewisse Erschwerung. Ucber die Auswirkung der Neuregelung läßt sich erst Genaueres sagen, sobald die neuen Vorschriften im Wortlaut vorliegen. Liner Meklu 11;g der ״T i 111 c s“ aus Buenos Aires zufolge hat die argentinische Regierung ungeordnet, daß A u s I ä n d c r, die n a c h d c in I. O k t o b e 1־ d. J. nach nis vorweisen müssen, wenn sie nicht bereits in Argentinien ihren Wohnsitz haben. Ziel dieses Erlasses ist, wie erklärt wirf), die Kontrolle und Aus wa 111 der Einwanderer, wobei diejenigen bevorzugt werden sollen, die ״am ehesten willens und fähig erscheinen, sich zu assimiliere״•‘. Gleichzeitig bezweckt der Er Laß den Schutz der bereits in Argentinien ansässigen Arbeiter vor der Gefahr der Arbeitslosigkeit oder der Herabdrückung ihres Lebensstandards. Der Erlaß erwähnt der! empfindlichen Rückgang in der argentinischen Agrarproduktion und führt zur Begründung anschließend aus, die erwähnten Bestimmungen seien um so notwendiger, als man angesichts der gegenwärtigen internationalen Situation ein unmittelbares' Anwachsen der Zahl der Einwanderer erwarten müsse, die aus zufälligen oder nebensächlichen Gründen in der argentinischen Republik sich seßhaft zu machen wünschten, und deren Ankunft mit den Erfordernissen einer vernünftigen Einwanderuugspotitik nicht übereinstimme. Einzig solche Personen sollten zur Einwanderung ermutigt werden, die mit der bestimmten Absicht landWirtschaftlieber A n s i e d 111 n g kämen. Das neue Dekret entspricht den Erklärungen, die der Vertreter Argentiniens in Evian abgegeben hat. Argentinien fürchtet ein fluktuierendes Element von Ein- Wanderern, die nur zufällig nach Argentinien verschlagen werden und keine echte Verbundenheit mit ihrer neuen Heimat haben. Bei aller Anerkennung des Rechtes möchten wir doch darauf Hinweisen, daß gerade die Juden seit Jahrhunderten überall, wo sie in Zeiten der Not freundlich aufgenommen wurden, D a n k b a r k e i t und Loyalität bewiesen haben. Auch wenn viele dieser Menschen heute ihr neues Wohnland nicht ,,wählen“ können, sondern von der Not getrieben werden, bestellt kein Zweifel, daß sie dem Lande, das sich ihnen öffnet, die Treue wahren und sich in seinen sozialen Organismus cingliedcrn werden. die Aufnahmefähigkeit weiter zu verhandeln. Als Material dient ferner die Arbeit von John Hope Simpson, die wir schon mehrmals erwähnt haben. Hope Simpsons Bericht behandelt das Rcfugie-Problcm umfassend und von allen Seiten. Sein glänzend gegliedertes Buch kann in gewisser Hinsicht als ein Gegenstück zum Peel-Bericht betrachtet werden. Es ist von dem Wunsche zu strenger Sachlichkeit und Objektivität beherrscht und stellt die Tatsachen übersiehtlieh zusammen. Die Jude »frage ist liier nur ein Sondcrfail innerhalb eines großen Phänomens der Nachkriegszeit. Hope Simpson datiert die Entstehung jener Probleme, die zu umfangreichen Auswanderungsbewegungen Anlaß gaben, mit der jungtürkisehen Revolution von 1908, die die Parole nationaler Homogenität und Ausschließlichkeit in einem nationalgeinischien Staat aufstellte. Dieses Prinzip wurde nach dem Kriege durch die Parole des ,,Selbstbcstiinmungsrcchtcs der Völker" weitergeführt und hat in der heutigen Welt noch einen schärferen Charakter angenommen. Es ist kein Zufall, daß die Darstellung mit einer Auswanderung ans der Türkei beginnt, nämlich mit der griechischen Wanderung, die sich schon vor dem Weltkriege vorbereitet hatte. Der Nationalismus, so sagte Hope Simpson, wirkt auf die Waiiderungsbewegung in zweifacher Hinsicht ein: auf der einen Seite werden Voikssplitter durch den in ihrem Wohnland herrschenden Nationalismus zur Aus- Wanderung veranlaßt, auf der anderen Seite werden sie durch ihren eigenen Nationalismus in die Länder getrieben, in denen ihr Volk das Staatsvolk ist. Musterbeispiele solcher Wanderung sind die verschiedenen Balkamvanderungen, und vor allem der griechisch-türkische Bovälkcrungsaustausch. Daneben aber gibt es eine Auswanderung von Menschen, die zwar infolge des Nationalismus oder anderer exklusiver Lebens- B■ HEUMANN P IAH OS | KÜHLSCHRÄNKE! BOSCH RADIO! FRIQIDAIRE u. .. /1 5, K u r (U r * t a n d ■ m m 205 / Ruf: 61371• machte genötigt werden, ihr bisheriges Wohnland zu verlassen, aber nicht in ein Land ihres nationalen Ursprungs zuriickkeliR'ii. Das Musterbeispiel fiir diesen Fall sind die Juden (mit Ausnahme derer, die in Palästina ihr Nationalheim aufbauen). Der Vorgang, den Hope Simpson hier beschreibt, wird durch das jüdische Wort ״Golus“ gekeuu/eichnet. So ungleich die verschiedenen liier behandelten Warnicrhewegungen auch sein mögen, es gibt doch gewisse Analogiert organisatorischer und technischer Art, di« auch für das heute aktuellste Wanderproblam, das jüdische, nutzbar gemacht werden können. Welche Möglichkeiten bieten sich theoretisch fiir eine Lösutig der Frage? Hope Simpson sicht drei, nämlich Repat r i i e r u n g, Aufsaugung und Massenkolon isation. Repatriierung — die Rückkehr der Flüchttinge in ihre Heimat — ist unter den heutigen Verhältnissen nur in sehr wenigen Falten .möglich. Soweit Juden in Betracht kommen, erwähnt Hope Simpson hier die Rückführung polnischer Juden aus Deutschland nach Polen. Die wichtigste Form der Lösung der Frage sieht Hope Simpson in Ab s’orption der Flüchtlinge. Hierzu bedarf es freilich der Erfüllung einer Anzahl von Bedingungen juristischer, politischer, Wirtschaftlieber und kultureller Natur. Simpson meint, daß in steigendem Maß Naturalisation platzgreifen wird, und es sei wünschcnswert, diesen Prozeß zu beschleunigen. Interessant ist seine Feststellung, daß selbst weitgehende Differenzen kuituretler Art zwischen den Einwanderern und dem Volk des Einwandenmgsfandes die Möglichkeit einer endgültiger! Aufsaugutig in den neuen Staatsverband nicht verringern; in fast alten diesen Ländern sei eine weitgehende ’ kuitureile und religiöse Autonomie zulässig und möglich. Trotzdem dürfe man sich nicht verhehlen, daß das Gelingen einer endgültigen Aufsaugung ein langwieriger Prozeß ist, der Aenderungen der Haltung der Z.ugcwa!1dcrten ebenso wie ihrer neuen Umweit erfordert.!11 manchen Ländern Europas sei das Problem dadurch verstärkt worden, daß die Flüchtlinge (dabei ist nicht von Juden die Rede) ihr Zufluchtsland nicht als endgültigen Wohnsitz aufgefaßt hatten. Die .Möglichkeit der Masscnkoloni sation betrachtet Simpson sehr skeptisch. Er meint auch, daß eine der Hoffnungen, die viele Befürworter solcher Pläne hegen, nämlich eine kulturell geschlossene Gemeinschaft sein zu können, unfundiert sei, denn kein Land, das Boden für eine solche Kolonisation zur Verfügung stellt, würde dulden, daß die Ansiedler eine ״fremde“ Gruppe bleiben, vielmehr sei diese f orm der Aiisiedlung nur ein Sondcrfail der Ab- Sorption. Aber auch von der finanziellen Seite hält Simpson diese Pläne fiir undurchführbar, da die Aiisiedlung einer Familie mindestens 500 Pfund, innerhalb des britischen Weltreiches mindestens 1000 Pfund, kostet. Die scharf ablehnende Haltung veranlaßt Hope Simpson selbst zu der Vermutung, daß seine Auffassung ״voreingenommen“ klingen wird. Darum erklärt er nochmals, daß Infiltration die Haupttechnik in allen Wanclcrttngsbcwegungcn von Refugies ist, und Kolonisation an ihre Steile zu setzen, sei ein Vorschlag, der sich auf keine beweiskräftige Erfahrung stütze und theoretisch nicht überzeuge. Dem kann freilich entgegengehalten werden, daß die bisherige Methode der Infiltralion angesichts der gewaltigen Ausmaße, die das Flüchtiingsprohlem arminchmen beginnt, zu versagen droht, und daß auf der anderen Seite für Massenumsiedlung, wie im Falle der Griechen, eine Kolonisation durch Unter- Stützung internationaler Anleihen sich bewährt hat, wobei wir natürlich die Unterschiede sehen. Hope Simpsons Resume wäre hinzunelimen, wenn man mit den Erfolgen der bisherigen Methode zufrieden sein könnte, Niemand kann aber behaupten, daß das der Fall ist. Auch sonst könnte so mancher Punkt in Simpsons Abhandlung zum Ausgangspunkt einer Polemik werden. Aber cs ist hier nicht unsere Absicht, unsere Bewunderung für die gewaltige Leistung dieser Arbeit abzusclnväciien. Simpson ist sich darüber klar, daß der Umfang des künftigen Flüchtiingsprobicms der wichtigste Gefahrenpunkt ist. Neben allem, was sonst zu tun ist, hält er es für nötig zu verhindern, daß irgendeine neue Gruppe der europiiischctt Judcnhcit auf die Balm der Wanderschaft gerät. Als eines der Mittel macht Hope Simpson einen kühnen Vorschlag: durch ein großes konstruktives Aufbauwerk in Osteuropa sollen die allgemeinen ökonomischeu Bedingungen in diesen Ländern geändert und so indirekt auch eine Erleichterung der ökonomischen Lage der Juden bew'irkt werden. Ein solches Riesenprojckt würde auch die Umschichtung( der osteuropäischen jüdischen Ju- . aus dem Osten ahzuwehrcu, besteht überhaupt die Hoffnung, das sich noch innerhalb einer übersehbaren Ziffer bewegende Flüchtlingsproblem mit der Zeit planmäßig zu lösen. * Vielleicht ist cs gestattet, eines der vielen Kapitel dieses Buches hcrvorzulieben: das Kapitel über Palästina. Hier liegen, so sagt der Verfasser, die Dinge ganz anders als in jedem anderen Lande. Hier ist die Möglichkeit für eine gesellschaftliche und kulturelle Ein- Ordnung gegeben, es gibt Gelegenheiten zur Ausbildung und Umschichtung und eine große Zahl von Organisa• tionen, die sich des Einwanderers annehtnen. ln diesem Zusammenhang erwähnt er als besonders erfolgreich die J 11 g c 11 d - A 1 i j a, die mit der Gründung des Ju• genddorfes Ben Schemen in Zusammenhang gebracht wird. Die meisten dieser jungen Menschen der Jugend- Alija gehen aufs Land und entsprechen so, sagt Simpsofi, dein Idealtyp des zionistischen Siedlers. Mehrere Tausend Jungen und Mädchen wurden auf diese Weise aus Deutschland herausgebracht; vom Standpunkt der verantwortlichen Instanzen eine gewaltige Erleichterung des Auswandererproblems, vom jüdischen Standpunkt aber weit mehr als dies, eine Rettung der Jugend, die die Trägerin einer neuen Zukunft werden soll. Der Gedanke der Jugcnd-Alija zündet und vermag Menschen zu begeistern, ln diesem Zusammenhang soll der Tat eines Mannes gedacht werden, der zutiefst von dieser Idee ergriffen wurde. Es ist, wie wir bereits kurz berichteten, der amerikanische Filmschauspieler Eddie Cantor. Er wurde ein Herold und freiwilliger Propagaridist. Cantor hat schon in Amerika gewaltige Gelder für die Jugend-Alija gesammelt; jetzt ist er nach England gefahren, mit dem Programm,?wanzigtausend Pfund dort aufzubringen. Er hat vorige Woche England verlassen mit einem Scheck über HO(X)0 Pfund. Seine Begeisterung hat angesteckt, mitgerissen, er bekam das Fünffache. Gerade an dieser Stelle, im Namen der Juden in Deutschland und im Namen der jüdischen Jugendlichen, die zu Tausenden in den Registern der jüdischen Jugendhilfe vorgemerkt sind und darauf warten, nach Palästina abgefertigt zu werden, muß Eddie Cantor besonderer Dank gesagt werden. Er ist ein Beispiel dafür, was ein Mensch von Weltruf für die jüdisehe Gemeinschaft leisten kann, wenn er sich voll einsetzt. Leider gibt es viele, die noch lässig sind und abseits stellen, ln dieser Zeit aber darf keiner abseits stehen. Das jüdische Volk ist nicht so arm und schwach, es könnte in weit höherem Mafie die Notwendigkeiten, die aus seiner heutigen Lebens- Situation entstehen, erfüllen, wenn es seine Kräfte zu* sammenfalit. Nur die Begeisterung muß da sein. In all der schweren Zeit sind schöpferisch nur die beiden: die Not und die Begeisterung. Verantwortlicher Redakteur! Dr. Robert Weltsch, Berlin-CharL 6 (auc, verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertretert Kurt Loew enstein, Berlin W 15. Anzeigenleiter und verantwortlieh fiir den Inhalt der Anzeigen: Erich Licpmann, Berlin W 18. G'ühp Anzeigen Prei-.linc 5 vom 1. Apri! 1936. Vertag und An■ zcig*nverwallung: Jüdische Rundschau, Berlin W15, Meinekestr. 10. D.A II/I038 : 26'045• — Druck! Siegfried Scho <•״. rf;.