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Jüdische Rundschau · 1938-08-12 · Heft 64 (12.8.1938) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 64 (12.8.1938)
Date
1938-08-12
Page
– (sequence 1)
Language
German
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יא•* W״/ JaJu־g»«1g 43 Pr•!■ 2S Rpt JÜDISCHE RUNDSCHAU ■•diüctlOB,Verlag und Anmlgenverwaltungi BerlinWIS,Malnekeatr. 19 Farnrtalt 919031, Telegramm•Adre»»e 1 Orghlp. — ln FilUn hoherei Gewalt Berupgtbuhren, Bezug>pr«> einschließlich Bestellgeld |e Monet RM 2,—, je Vierteljehr RM 5,75! hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 (einschlieBlich Postzeihingsgebahr von 10,96 Rpf je Monel). — Postscheck - Konten der Vertriebs-Abteilung flr Groe.Berlin Berlin 71573, für das übrige Reich! Berlin 1759Z BERLIN ס״ו אב תרצ״ח FREITAG, 12. AUGUST 1938 Erechelnt jeden DIenitag und Freitag, Gültig ist die Anieigenprelellete Hr. 5 vom 1. April 1936. Die zwölfgespaltene mm-Zeile 20 Rpf, für Familien• Nachrichten 15 Rpf. Keine Gewähr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmten auf *Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bsr MonUg bis Freftag 9—18 Uh/ AnnahmeschluB für di« Dienstag - Ausgabe Montag 10 Uhr, für die Freitag - Ausgabe I Mittwoch 15 Uhr. Familien Anxetgen am Tag vor Erscheinen 16 Uhr Der Zionismus erstrebt fQr das IQdische Volk die Schaffung einer öffentlich ■ rechtlich gesicherten Heimstätte In Palästina. (Baseler Programm) Umschau Appell zum Frieden MacMichael im Rundfunk Noch keine politische Entscheidung Jerusalem, 8. Aug. (Palcor.) Sir Marold MacMichael hielt heute im Rundfunk eine Ansprache, in der er folgendes ausführtc: ״Der jetzige Zeitpunkt erscheint mir geeignet, um einen Aufruf an Alle in diesem Lande, welcher Nationalität oder Religion sie auch angehören, n! richten, alles zu tun, was in ihren Kräften liegt, um den Frieden w i c d c r h c r z u s t e 11cn. Nicht durch gegenseitige Beschuldigungen, Beschimpfungen oder durch Intrigen wird der I riedeu .wiederhergestellt werden können, wohl aber durch die aktiven Bemühungen aller gemäßigten Männer und Frauen, energisch und aufrichtig an der Beruhigung der Leidenschaften zusammenzuwirken, welche Mord und Sabotageakte entfesselt haben. Diejenigen, die zur Gewalt greifen, erweisen ihrer eigenen Sache den schlechtesten Dienst. Anstatt die Welt von ihrer Fähigkeit zu überzeugen, sich selbst zu regieren, haben sie bloß den Beweis dafür erbracht, daß sie hierzu nicht fähig sind; sie sind weit davon entfernt, die Regierung zu beeindrucken, daß sie ihre Forderungen in vollem Ausmaße akzeptiert, zwingen vielmehr die Behörden, der *Gewall nicht zu weichen. In der politischen Frage der Teilung des Landes kann während einigcr Monate noch keine endgültige Entscheidüng getroffen werden. Sollen diese Monate durch Vorfälle befleckt werden, wie diejenigen, die in den vergangenen Monaten geschehen sind? Wem würde das nützen? Ich weiß nicht, was die Kommission empfehlen, noch was die Regierung beschließen wird; eines weiß ich aber: daß die Fortsetzung der Gewaltakte keinen Einfluß auf die eine oder die andere haben kann, es sei denn zuungunsten der Schuldigen.“ Der High Commissioncr ersuchte alle humandenkenden und anständigen Menschen, jetzt und in der Zukunt die Sache des Friedens zu fördern, und appellierte an Presse Und Publikum um ihre Hilfe. Er schloß mit den Worten: ״Ich mache diesen Appell um Geduld und Beruhigung als Zur hebräischen Konferenz in Berlin Durch die jüdische Geschichte unserer Tage geht der tiefe Riß im Seelischen, der einmal mit den Worten gekennzeichnet wurde: ״Ei!1 Mensch draußen zu sein und ein Jude zu Hause“, das sei die Lebensform und die Aufgäbe des neuzeitlichen Judentums. Wir haben erkannt, daß dieser Zwiespalt unheilvoll ist, führt er doch zu unatisehbaren Konflikten mit der Umwelt und zu den Erscheinungen der jüdischen Seihstauf gahe und Würdelosigkeit. Wir wissen, daß es im Gegensatz zu diesem Satz darauf ankommt, daß der Jude ganz in seinem eigenen W’esen wurzelt und durch die Ausprägung seiner Eigenart das Menschliche offenbart, das in ihm liegt. Diese Erkenntnis besitzt ihre Konsequenzen auf allen Gebieten des Lebens, im Ethischen nicht weniger als im Geistigen. Hier aber geht es darum, Form und Inhalt des Geistigen miteinander in Uebcreinstimmung zu bringen, für das, was wir denken und empfinden, den rechten Ausdruck zu finden, der ebenfalls unserem eigensten Wesen entstammt. So steht die Sehnsucht der Rückkehr zur eigenen Sprache am Anfang; und im Mittelpunkt aller Bestrebungen, die darauf hinzielen, jenen Zwiespalt zwischen Menschlichem und Jtidischeut zu überwinden und dadurch sich selbst unjj das Volk zu normalisieren. Sprache ist ja besonders für die Juden, die wie kaum ein anderes Volk im Literarischen leben, und ihre größten Werke auf diesem Gebiet geschaffen haben, das Element des geistigen Ausdrucks, und darum mußte zugleich mit den Bemühungen um Neugestaltung der äußeren Lebensbedingungen des jüdischen Volkes der Wille zur sprachlichen Renaissance erwachen. Gerade in schwersten Zeiten waren es jene Menschen, die den hebräischen Gedanken vertraten, die allen Schwierigkeiten des Lebens zum Trotz an ihm festhielten und die geistige und moralische Stütze der Juden waren, wie immer sich ihre äußere Lage gestaltete. Es ist daher auch heute in einem Augenblick großer materieller Sorgen besonders zu begrüßen, wenn erneut der Versuch gemacht wird, die hebräisclie Arbeit in unserem Kreise zu vertiefen. Die hebräische Tagung, die von der Schul-Abteilung der Reichsvcrtretimg arh kommenden Montag und Dienstag in Berlin durchgefiihrt wird, hat weniger demonstrativen Charakter als den Sinn, alle jene .Menschen zusammenzufassen, di« als Lehrer und Erzieher Kindern und Erwachsenen den Weg zum Hebräischen ebnen sollen, und ihnen Anregungen für die Fortsetzung ihrer Arbeit zu geben. Dennoch glauben wi>r, daß diese Tagung sich auch nach außen an das breite jüdische Publikum wenden sollte. Wir müssen heute mehr denn einen Beitrag zur endgültigen Befriedung, die wir alle mit ganzem Herzen herbeisehnen.״ ♦ JR. Die Rede des High Commksicmcrs enthält keine neue Mitteilung über die englische Politik in Palästina. Es wird nur nochmals wiederholt, was schon öfter im Unterhaus und an anderen Orten gesagt worden ist: Die endgültige politische Entscheidung wird noch lange dauern, und die Regierung warnt die Bevölkerung vor der Fortsetzung des Terrors. Leider muß man in bezug auf den Erfolg dieser Frmahnungen pessimistisch sein. Wahrscheinlich glaubt auch der Kolonialminister selbst nicht recht daran, hielt es aber für richtig, eine solche letzte Warnung ergehen zu lassen. Es wird aus London berichtet, daß einer der Hauptpunkte, der diese Woche die Rückkehr des Pritncuiinisters C 11 a 111 - berlain nach London veranlaßt hatte, Palästina ist. MacDonald, der am Mittwoch von seinem Palästina-Flug nach London zurückkehrte, wird Chamberlaiu sofort Bericht erstatten, und englische Pressestimmen deuten darauf hin, daß dann die Ankündigungen neuer Maßnahmen erfolgen werden. Die Erklärung des Kriegszustandes für das ganze Land gilt aber als unwahrscheinlich. Das Unglückselige System der Instanzenhäufung bringt cs mit sieh, daß in der Tat mit einer schnellen politischen Entscheidung nicht zu rechnen ist, denn nach Erstattung des Berichtes der Woodhead-Kommission bedarf es eines Beschlusses der Regierung, dann kommt das Parlament zu Worte, und schließlieh wird dieses ganze Material nach Genf gebracht, von wo der endgültige׳ Vorschlag, falls es dann einen solchen gibt, wieder ans Parlament nach London geht. Es scheint, daß dieser Prozeß bis Februar 1939 dauern kann (während im Sommer 1937 Unkundige der Meinung waren, wir würden bereits im Februar 1938 den Judenstaat auf Grund des Teilungsplanes haben). Dieser ewige Aufschub und die damit verbundene Unsicherheit ist, wie allgemein anerkannt wird, eine der Hauptursacheg des Terrors und der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Palästina. Und doch, so sieht man resigniert, scheint es kein Mittel zu geben, dieses System zu ändern und die Entscheidung zu beschleunigen. So muß wenigstens dafür gesorgt werden, den Schaden zu verkleinem und geordnete Verhältnisse zu schaffen. je davon hören, mit welchen Methoden und bis zu welcher! Erfolgen insbesondere der jüdischen Jugend die hebräische Sprache nahegebracht wird. Denn, erkennen wir doch eines: Es geht hier um die Sache aller Juden, nicht nur jener, die nach Palästina tendieren, sondern auch all der anderen, die in überseeische Länder kommen werden. Ajlzu sehr hat man bei uns die Erlernung des Hebräischen mit der jeweilien Konjunktur der Palästina-Einwanderung in usammenhang gebracht, allzusehr hat man sich auch bemüht, dip Dinge zu veräußerlichen und die tatsächlich vorhandenen Schwierigkeiten des Zuganges zu unserer klassischen Sprache 7.11 unterschätzen. Es ist nicht einfach, Hebräisch zu erlernen, und dennoch ist es d i e Sache., die der Prüfstein für die Möglichkeit ist, die in die Welt hinausziehendei! Juden beim Judentum zu erhalten .- nicht in einer äußerlichen, rein organisatorischen Art, sondern durch Wissen um die wirklichen geistigen Inhalte, die wir besitzen. Es ist gewiß schwer, von Menschen, die sich für ein neues Leben daiißen in der Welt vorbereiten und zu diesem Zweck Sprachen erlernen müssen, zu verlangen, daß sie sich dazu noch mit dem Hebräischen befassen. Aber eines müssen sic wenigstens erkennen: Ihre Kinder sollen, solange es geht und in so starkem Maße, wie es mir angeht, in das Hebräische eindringen und damit einen Wert mit hinaus in die Welt nehmen, der nicht nur eine Sache des Wissens ist, sondern — wenn wir es so sagen dürfen ein Faktor der inneren Haltung, der menschlichen W ü r d e, die sie draußen brauchen werden, wenn sic den großen Anforderungen des Lebens in fremder Umgebung gewachsen sein sollen. Gerade in der Zeit einer erneuten Zerstreuung liber die Länder des Erdballes zeigt es sich ja, daß m c n s cli liehe W ü r d c und jüdisches Bewußtsein miteinander in u n ־ lösbarem Zusammenhänge stehen, daß nur der Jude jene besitzt, der dieses hat, so daß die Erziehung zu nt Judentum, die Verankerung in seinen geistigen Elementen zugleich die stärkste und beste Vorbereitung dafür ist, um im praktischen Leben in der Welt draußen seinen Mann zu stehen. Es ist daher keine Angelegenheit einiger weniger Lehrer oder Fachleute, um die es hier geht, sondern Sache der ganzen jüdischen Oeffentlichkeit, wenn sich die Träger der licbräisehen Arbeit in Deutschland zu einer Konferenz, versammeln. Wir sind gewohnt, mit kurzen Zeiträumen zu rechnen und alle unsere Arbeiten nur auf verhältnismäßig nahe Fristen einzurichtetr, möge dennoch aus der Arbeit dieser Tage Teiche Anregung für die Bewältigung der praktisch-pädagogischen Aufgaben entstehen, liegt doch in ihr eines der bedeutsamsten Kriterien dafür, oh wir die Zeit, die uns geblieben ist, auszunutz! 11 ver: dien uni als Träger einer wichtigen Aufgabe unsere Verantwortung vor der jüdischen Geschichte erfüllen, oe. Schabbath des Trostes — Dem 1.Oktober entgegen — Der Hope-Simpson-Bericht — Tat eines Filmkünstlers Das religiöse Leben des Juden, das im Laufe der Jahrhunderte eine feste Form angenommen hat und sich erst während der letzten zwei oder drei Generationen aus den! Bewußtsein der Westjiulcu immer mehr verflüchtigste, spiegelt nicht nur - - wie jede Religion — das Auf und Ab, die Verzweiflung und Hoffnung der Menschcnseele, sondern gibt auch den Rhythmus der jtidisehen Geschichte in einer eigentümlichen Weise wieder. Die Geschichte ihres Volkes ist vmi den Juden niemals nüchtern als ein Ablauf von < ieschchnisscn betrachtet worden, sondern immer als die Manifestation einer höheren Macht, die in das l.chen der diesseitigen Welt cingreift. Geschichte ist nicht ein Naturvorgang, sondern ein geistiger Pni/eli, bei dem Schuld und Sühne, Sinn und Wert, oft dem Einzelnen undurchsichtig und liber die Jahrhunderte hin erstreckt, sich auswirkt. Wer könnte diese Last des Geschehens wie cs gerade in der jüdischen Geschichte in der form immerwährender Schicksalssehiägc /!!Inge tritt, ertragen, wenn nicht in seinem Herzen die Gewißheit der Wiederaufrichtimg lebte!!)er stärkste Ausdruck dieses Glaubens ist in den! jüdischen Ritual dieser Woche enthalten. Hier haben wir das Symbol von Stirb und Werde, eirt Fundament der jüdischen Existenz. Wie reagierte das Volk auf tiefstes Leid!•' Mit der seelischen Erhebung im Gedanken an die Zeit der Erlösung, in der alle zu dem Berg des Herrn wallfahrten werden. Der 9. Aw, das Datum der Zerstörung des Tempels, des Endes der nationalen Selbständigkeit, ein Datum, mit dem auch noch andere Tiefpunkte der jüdischen Leidensgeschichte im Laufe der Jahrhunderte verknüpft wurden, war für das jüdische Volk immer ein Tag der stärksten nationalcn Trauer, ein Tag der Erniedrigung und Demütigung, ein Tag, an dem die Zerstreuung des Volkes in alle Windrichtungen, die es zum Spiclball der Winde machen sollte, begonnen hat. Keine liefere Nieder- Beschlagenheit läßt sieh denken als die, die sich der Seele des frommen Juden zu allen Zeiten hei dem (jedanken an den 0. Aw bemächtigte: aber dabei kann es nicht bleiben, denn das Volk will leben, und so wird es auch ans diesem Zusammenbruch wieder hochgcfülirt. Der auf den ö. Aw folgende Schabbath, an welchem die Seele sich aus dem Staub und der Asche, die am <). Aw über den Körper geschüttet werden, befreit hat und wieder dem künftigen!.eben zugewandt ist, leitet die sieben ״Wochen des Trostes" ein; er wird benannt nach dem Prophcten-Ahschniü, der an diesen! Tage in allen Synagogen der Weit gelesen w ird, einem der schönsten Kapitel der Prophctcubücher, das mit den Worten beginnt: ,,Tröstet, tröstet mein Volk, — spricht euer Gott.“ ...Die Mehrzahl der Wostjudcn hat, gestehen wir es nur, sehr wenig Kontakt damit, was in den Synagogen gelesen wird. Nicht daß diese Juden mir materialistisch gewesen wären und nur dem Erwerb und dem Vergnügen nachgegangen wären, nein, sie haben - wenigstens zum Teil - auch für Geistiges, für die Schätze der Kunst und Kultur, dos stärkste Verständnis und echte Verehrung gehabt!nid dort seelische Bereicherung gesucht. AFicr die jüdische Botschaft hörten sie nicht, und so waren sic an einer entscheidenden Stelle ihres Wesens krank und verwundbar. Da ihnen der 9. Aw nicht viel bedeutete, weil sie das große Unglück, das sich an diesem Tage vor fast zweitausend Jahren ereignet hat, nicht mehr innerlich erlebten, empfingen ihre Ohren auch nicht den Trostnif des Propheten. Inzwischen aber haben die jüdischen Dinge wieder einen tieferen Klang bekommen, und wenn wir auch ein zentralcs Heiligtum wie den Tempel in Jerusalem nicht hatten, so können wir, da die Vergangenheit uns näher gerückt ist, ahnen, was jene Mensche״ litten und wie sie durch Generationen hindurch des Trostes bedürftig waren. Vielleicht nimmt heute wieder dieser oder jener am ״Schabbath Nacliamu“ den mit dem 40. Kapitel friste* UehvMLck Drei Juden erlagen in den letzten Tagen ihren bei Terrorakten in Palästina erlittenen Verletzungen, Kolonialminister Malcolm M a c D 0 n a [ d kehrte nach London zurück. ln .1 r ge n t ini en wurden neue Linwanderungsbeslim• mungen erlassen. Ist Hebräisch zeitgemäß?

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