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Jüdische Rundschau · 1938-08-09 · Heft 63 (9.8.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 63 (9.8.1938)
Date
1938-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 63, 9. AUGUST 1938 Wirtschaftliche Grundfragen Für inneren Zusammenschluß IV. Der Lebensstandard - Zu hoch oder zu niedrig?* Von Ernst Kahn, Jerusalem Sind wir konkurrenzfähig gegenüber dem Ausland und gegenüber dem Araber im Inland? Oder müssen wir unseren Lebensstandard hcrunterdrücken? Bevor eine Antwort versucht wird, sei einiges über den gegenwärtigen Lebensstandard gesagt, vor allem unter dem Gesichtspunkt, ob er ohne weiteres eine weitere Senkung verträgt. Mit internationalen Vergleichen des Nominallohnes ist aus verschiedenen Gründen keine genügende Klärung zu gewinnen. (Er wird für den gelernten Arbeiter auf nur 70 0״ seines englischen, aber auf 140 "0 seines polnischen Arbeiters beziffert.) Der Palästinenser erfreut sich nämlich nur selten einer so regelmäßigen Arbeit wie der Europäer; ein Jerusalemer Bauarbeiter beispielsweise mit mehr als 200 Tagen Jahresbeschäftigung dürfte selbst in normalen Zeiten ein weißer Rabe sein. Und dem Arbeiter auf dem platten Lande geht es zum mindesten nicht besser. Außerdem aber belasten so wichtige Posten wie Miete und Erziehung die Haushaltsrechnung so unendlich schwerer als anderswo, während Nahrung kaum wesentlich billiger ist und nur Kleidung und Heizung weniger erfordern. Vor allem aber tritt der gelernte Arbeiter hinter dein sogenannten Schwarzarbeiter zurück, mit seinem teilweise jämmerlichen Einkommen, das er nicht selten statt in bar in zweifelhaften Zwergwechseln erhält. Der Mangel an Alters-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung, soweit sie nicht auf Selbsthilfe beruht, verdüstert das Bild noch erheblich. Trotz alledem ist dieser offensichtlich recht bescheidene Standard unzweifelhaft weit über dein der arabischen Massen. Für die ländliche Bevölkerung braucht das kaum bewiesen zu werden. Denn die Bedürfnislosigkeit des Fellaeben ist ja sprichwörtlich. Aber auch in der Stadt gilt das. Sonst könnte weder der arabische Omnibus billiger fahren als der jüdische, noch die gleiche Qualität importierten Tees oder Kaffees beiin jüdischen Händler teurer sein, noch aber der arabische Bauarbeiter mit wesentlich weniger zufrieden sein als der gewiß nicht übermütige jüdische. So schwierig eine exakte An.wort ist, so darf wohl gesagt werden, daß der Standard sowohl des Arbeiters wie des Angestellten, wie auch des Mittelstandes recht bcscheiden ist, besonders wenn man die hohe Belastung des Einzelnen mit ״freiwilligen״ Abgaben für nationale Fonds, für Histadruth, für Krankenkasse, für Sonderaktionen usw. berücksichtigt; für den Arbeitnehmer dürften sie den Vorteil der Steuerfreiheit mehr als aufwiegen; denn eine Vorbelastung mit etwa 20 °0 des Arbeitseinkommens scheint die Regel zu sein. Ein indirekter Beweis für die knappen Einkommen liefert das Fehlen eines sichtbaren Sparens. Soll und kann trotz alledem das Realeinkommen ,weiter gedrückt werden? Zwei scharf entgegengesetzte Schulen stehen sich hier gegenüber. Sie gliedern sich keineswegs nach ״links“ und ״rechts“. Denn auch in den Kreisen der Arbeiterschaft, namentlich in manchen Kibbu- zim, werden häufig Stimmen laut für weitere Einschränkungen als angeblich einzige Möglichkeit zum Aufbau. Freilich, der «ntscheidenste Gegner dieser Auffassung ist einer der einflußreichsten Wirtschaftssachverständigen der Arbeiter, David Horowitz, der nur in einer Hebung des Massenkonsums das Heil sieht. Er und andere Vertreter der Kaufkrafttheorie verlangen deshalb eine Erhöhung des Arbeitscinkommens und damit Steigerung der Absatzmöglichkeiten. Nur so sei eine Ausnutzung des vorhandenen kapitalintensiven Apparates möglich. Was uns fehlt, sei ein kräftiger i n n e - rer Markt — denn mit dem Export sei ja ohnehin wenig zu machen. Auch würden niedrigere Löhne die sozialen Gegensätze verschärfen; hei niedrigen Löhnen würde lediglieh der Unternehmer noch mehr verdienen (eine in Palästina einstweilen verfrühte Befürchtung) usw. Demgegenüber weisen die andern (so Dr. Brom herg c r) auf die steigende Diskrepanz hin zwischen den Selbstkosten bei Juden und Arabern; selbst Importware sei bei diesen billiger zu haben, weil sie sich u. a. mit einer erheblieh bescheideneren Handelsspanne begnügen. Die Juden wiirden immer mehr aus Gebieten vertrieben, die sie geschaffen hätten: Sie hätten den Gemüsebau begonnen — heute seien sie darin nicht mehr konkurrenzfähig; zahlreiche Spezialarbeiten wie im Baugewerbe, einstmals das Monopol der Juden, würde heute von den anderen erfolgreich und billiger ausgeführt. Wir seien vorerst noch ein armes Land und mußten uns im bildlichen Sinne durchhungern. Warum brauche •) Siehe die Artikel in Nr. 41, 48, 51. Vgl. auch den Artikel von Dr. Alfred Michaelis, ״Löhne und Lebenshaltungskosten“ in Nr. 56. . Aus Palästina wird uns berichtet: M. Glücksohn setzt sich im ״Haare/.“ fü rdic innere Befriedigung des Jischuw und für den Versuch einer Verständigung mit den R c v i - s i o n i s t c n ein. Seiner Meinung nach dürfte auch das Problem der Vergeltungsakte hier kein Hindernis sein; Es muß betont werden, daß bei der Beerdigung Bcn-Josscfs, als die Aufregung den Siedepunkt erreicht hatte, der Vertreter der revisionistischen Partei in seiner Rede erwähnte, daß die Tat des Hingerichteten vom Standpunkt der Partei ein Dis/iplinbruch war. Es ist bekannt, daß viele Mitglieder der revisionistisehen Partei nicht Gegner der Zurückhaltung von Vergcltungsakten sind, sondern sich mir aus taktischen Erwägungen, der Betonung und offenen Verkündigung einer solchen Stellungnähme des Jischuw widersetzen. Viele Mitglieder des ״Bctar“ leben und sterben im Dienste der Verteidigung und halten sich von jedem Angriff zurück, was in der Atmosphäre von Verdacht und Streit, die sie umgibt, doppelt schwer ist und doppelt anzuerkennen ist. Gibt es keine Möglichkeit, mit soldien Menschen, die praktisch in ihren Taten dieselbe Linie halten wie der übrige Jischuw, auch theoretisch zu einer der Mensch eine Kravattc und einen teuren Anzug? Bluse und Kniehose um 220 millim wie früher genügten. Mehr produzieren und weniger ausgeben, das sei die Parole usw. W'ie fast immer bei solchen Diskussionen steckt in jeder These etwas richtiges. Aber die Zuspitzung der eigenen Argumente führt zu Doktrinarismus und Uebcrtrcibungcn. Offensichtlich ist bis zu einem gewissen Grade eine Lösung möglich. Bevor man sich einer der beiden Richtungen anschließt, muß untersucht werden, ob die hohen, zu hohen Selbstkosten im jüdischen Sektor allein oder auch nur entscheidend auf einen zu hohen Lebensstandard beruhen oder ob hier nicht ganz andere Ursachen sich ausvvirken. Erst wenn das geklärt ist, so dürfte man den Massen weitere Ein- Schränkungen zumuten. Selbst eine flüchtige Ucbcrlcgung lehrt, daß die Selbstkosten im jüdischen Sektor bctrachtlich gesenkt werden könnten. Das beginnt mit dem hier entscheidenden Faktor, der Miete. Würde hier nach europäischen Vorbildern Wohmingspolitik getrieben, so wurde die Miete auf die Hälfte fallen. Da aber einstweilen die einzelnen Faktoren wie Zins, Amortisation, Bodenpreise, Bauweise im höchsten Oracle reformbedürftig sind, so muß der Arbeiter viel zu viel für diesen hier wichtigsten Budgetposten bezahlen. Wenn ein Arbeiter statt £ 2 im Monat künftig £ 1 verwobnen würde, so würde er statt mit CP 7 Lohn mit CP 6 ebensoweit Rommen wie bisher und das Lohnbudget könnte mit einem Schlag um 12!.,״״ gesenkt werden. Es sei ausdrücklich betont, daß die hier gegebenen Ziffern keineswegs als extrem zu betrachten sind, wenn auch eine Senkung, wie sie hier vorgeschlagen wird, nicht von heute auf morgen möglich ist. Es würde in diesem Zusammenhang viel zu weit führen, die Ursachen und Heilmittel klarzulegen; wer sich für die Einzelheiten interessiert, sei auf das vom Ruppinschcn Institut publizierte Buch ״Housing in Jewish Palcstine“ verwiesen (siehe Besprechung in Nr. 40. - Red.). Hier sei nur eines liervorgehobcn: Im weitgehenden Maße mitverantwortlich für diese Dinge ist die Privatwirtschaftlieh mustergültig verwaltete General Mortgage Bank, urspriinglich die Gründung des Keren Hajcßod, welche in dein begreiflichen Bestreben, krisenfest zu werden, doch ihre Gewinnspanue zu weit, ihre Amortisationsfristen zu kurz kalkuliert. Sie, wie so viele andere halböffentliche Institute, vergessen ganz, wie das Prinzip, gut zu verdienen, sich gefährlieh auswirkt, wenn es von allen angewandt wird. Denn das akkumuliert sich zu jener lebensgefährlichen Kostenverteucrung. Hier seien gleich noch einige Beispiele erwähnt: Die für Landwirtschaft und Industrie besonders wichtige Elektrizitat ist ganz wesentlich teurer als in Europa (allerdings auch erheblich billiger als im benachbarten Syrien). Gewiß ist es unvergleichlich schwieriger, in Palästina eine Strom- Wirtschaft aufzubauen, als in fertigen Ländern und gewiß müssen junge Unternehmen Reserven ansammeln — aber muH man wirklich 10 ״<> Dividende verteilen und große Vervvaltungsgcbäude errichten, solange die Strompreise so hoch sind? Oder ein drittes Beispiel: Ist es richtig, daß die sonst so ausgezeichnet verwaltete ״Nir“ Agrarkredite zu zirka 8 "0 gibt, wo sic sich das Geld um durchschnittlich unter 4 0״ verschafft? usw. Ein jeder scheint zu glauben, daß es auf ihn nicht ankommt. Ganz allgemein sind ja auch sonst die Kredite, wie sie etwa die Genossenschaften belasten, oder die Sätze, zu denen dem kleinen Geschäftsmann seine Wechsel belieben werden, exorbitant (wenn auch sehr bescheidener gegenüber Einigung zu kommen, zu einer gemeinsamen Organisation und zu einem gemeinsamen Vorgehen? Ist es verboten, «inen Frieden mit den Revisionisten zu erwägen, weil sich in ihren Reihen Menschen finden, die eine abwegige Sprache führen? Die durch die Lage notwendige Verteidigung hat nichts zu tun mit der Verschiedenheit der Weltatiseliauungen und Programme. Es ist jetzt nicht die Zeit zu prinzipiellen Auseinandersetzungen. Wenn jetzt ein Weg geftinden werden kann — und sei er selbst durch Konzessionen organisatorischer Art erkauft — um utisern Verteidi- Rungs- und Wacht dienst mit dein der Revisionisten zu einer I ront zu verschmelzen, so ist es unsere Pflicht, diese Möglichkeit wohlwollend zu prüfen. Wenn die Revisionisten, die sich jetzt weigern, sich der Oberhoheit der zionistischen Organisationen zu unterwerfe״, /!!stimmen sollten, sich dem Waad Leunii als höchster Instanz des Jischuw zu unterstellen, so sollte man sich damit begnügen, wenn nur der Bruch in unserem Verteidigungswerk geschlossen werden kann. Denn der Jischuw gleicht einer belagerten Stadt und jede Bresche bedeutet Gefahr. den im arabischen Sektor üblichen Vuchcrbedingurigen, wo Geld 100 und 200 im Jahre kostet). Auch die Wasserpreise scheinen mir noch an manchen Stellen unnötig hoch zu sein, was wieder zum Teil, aber nur zum Teil, von den Elektropm.-eri herruhrt. Weg für K< gangbat 11־ die ־!leicht .1 mir einige und Kapitalbedenklichen Fehlinvestitionen geführt.) der Handelsspanne 'zwischen Produzent׳ und Konsul ment. Wie überall in der Welt werden auch hier in dieser Beziehung die bittersten Klagen laut. Der Laie kann nicht verstehen, daß er doppelt und viermal so viel für sein Gernüsc zahlen muß als sein Freund, der Bauer, dafür erhält. Daß ein ungeheurer Verlust durch verdorbene Ware, Transportkosten usw. entsteht, wild nicht immer erkannt. Zum Sündenbock wird hier besonders gern die ״Tnuwa“ als die größte Genossenschaft für landwirtschaftliche Produkte (Umsatz 1036 37: £P 568 000) gewühlt; sie selbst hat daraufhin die Einsetzung einer Untersnchiingskoniinission beantragt, die unter dem Vorsitz von Fritz N a p 111 a I i getagt hat und nunmehr einen gründlichen Bericht vorbereitet, der vermutlich wertvolles Material gerade zu unserem Problem bringen wird, wie der Handelsaufschlag verringert werden kann. Aber auch ohne intimere Einblicke sind einige Scliäden zu erkennen, so die U ehersetz ung des Einzelh a n d c I s. Wenn man in ״Altneuland“ nachliest, wie schön sich Hcrzl die Ordnung der Warcnverteilung gedacht hat und wenn man die Dinge in der Praxis sieht, so öffnet sich dem Reformer ein weites Feld )11 r Verbesserungen. Eine Ueberfulle von Zwergbetrieben mit übermäßigen Unkosten arbeiten nach dem veralteten Prinzip großer Bruttonutzen und kleiner Umsatz teuere Verkaufspreise und kleiner Aber nicht nur die < Irganisalion ties Lebensmitf elhandels bietet Raun! für Einsparungen, sondern auch die Art der Ern ä 11 rung scheint in hohem Maße rcfonnhedurftig zu sein. Wenigstens ist das die Auffas-ung von Snchverstandigen, die sie gleichzeitig für unnötig teuer und für wenig zweckmäßig halten. So kommt eine Studiengruppe der ״Economic Socictv of Palcstine“ zu dem Ergebnis, daß man mit weniger Kapital als bisher die jüdische Bevölkerung besser ernähren könne mittel heimische, billigere verwenden könne. Noch ernähren sich die meisten Juden nach den Gewohnheiten ihrer Heimat, wo doch Klima und Natur ganz andere physiologische Bedingütigen stellten. Eine großzügige Agitation ist geplant; sic Badeleben in Tel Awiw Am Schabbalh füllen unübersehbare Menschenmassen den Strand F.1«: W.it« Mich«1 Sch ״«n Das kleine Süßwasscr-Bassin des Makhabi ivird gleichfalls gern auf gesucht Lai*,!!-? Am Schabbath füllen unübersehbare Menschenmassen den Strand ■ -״V. ■יוי»-N§r״ V-mM ■V v?. ׳-- -*'5» ־15

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