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Jüdische Rundschau · 1938-08-09 · Heft 63 (9.8.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 63 (9.8.1938)
Date
1938-08-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JÖDI5CHE RUNDSCHAU Seite 3 Nr, 63, 9. VIII. 1938 Zur Typologie der ungarischen Juden Die Judenfrage in Italien Im ״Diplomatischen Informationsdienst“, der in Rom erscheint, wurde zur italienischen Haltung in der Rassenfrage Stellung genommen. Die in Italien (Mutterland) befindlichen Juden betragen gemäß einer Statistik 44 000. Es kommt daher ein Jude auf tausend Italiener. Von nun an soll die Beteiligung der Juden an dem gesamten Leben des Staates diesem Verhältnis entsprechen. Wie aus Rom gemeldet wird, ist die erste Nummer der Zeitschrift ״Die Verteidigung der Rasse“ am letzten Sonnabend erschienen. Der Herausgeber, Interlandi, ist der Chef der römischen Tageszeitung ״II Tcvere“. Das Titelblatt der Zeitschrift zeigt eine Negerin und einen Juden, die durch das Schwert eines römischen Legionärs von einem Römerköpf geschieden werden. Das erste Heft enthält u. a. mehrere die Juden betreffenden Beiträge. USA Das soeben erschienene Korrespondenzblatt für Auswanderungs- und Siedl ungs wesen, herausgegeben vom Hilfsverein der Juden in Deutschland e. V. (Verlag Schmoller fr Gordon, Berlin).,Jüdische Auswanderung“ besenäftigt sich mit den Vereinigten Staaten von Amerika sowie mit Cuba und den Philippinen. Die beiden letztgenannten Länder werden in diesem Heft in ähnlicher Weise wie die in den früheren Heften geschilderten behandelt, d. h. es folgen die Darstellungen der Einwandertmgshedingtingen, eine kurze Landes- und Bevölkerungskunde, eine Uebcrsicht über die Wirtschaft, über die Oebaltsverhältnisse, Lebenshaltungskosten und Aussichten sowie über Kultur und jüdisches Leben aufeinander, woran sich Briefe von Ausgewanderten, die von ihren Erfahrungen berichten, anschliencn. Bekanntlich haben gerade die Philippinen in der letzten Zeit an Bedeutung für die jüdische Einwanderung gewonnen. Dagegen ist der Hauptteil des Heftes, der den Vereinigten Staaten gewidmet ist, in anderer Weise aufgebaut, da es selbstverständlich ganz unmöglich ist, auf dem zur Verfügung stehenden Raum derartige Uebersichten über ein Land zu geben, das selbst die Größe eines Kontinents hat, wobei außerordentliche Unterschiede der natürlichen und wirfschädlichen Bedingungen vorhanden sind. Man hat sich daher in diesem Heft darauf beschränkt, gewisse Zusarmiienstellungen dem Leser zu bieten, die in erster Linie unter dem Gesichtspunkt ausgewählt sind, daß landläufige Irrtiimcr über die Verhältnisse in USA. dadurch berichtigt werden. Die Darstellung gliedert sich in Abschnitte über die Einwanderungsbestimmungen, das Land mit seinen Naturgegebenheiten, Kultur, Verfassung und Verwaltung, den Aufbau der amerikanischcn Wirtschaft, die Lebenshaltung und Löhne und das jüdische Leben in seinen verschiedenen Zweigen. Eine große Zahl von Briefen aus USA, illustriert die sachlichen Dar- Stellungen. Das Heft ist außerordentlich geschickt redigiert und wird gew iß dazu beitragen, als Einführung in die Landeskünde der Vereinigten Staaten und damit auch in die Bedingungen, die den Einwanderer erwarten, zu dienen. Eine reichhaltige Literatur-Zusammenstellung, die auch Kanada berücksichtigt, das im übrigen in diesem Heft nicht behandelt wird, dürfte für den, der sich mit der Materie näher vertraut machen Will, besonders nützlich sein. Kleine Nachrichten In London wurde eine Gesellschaft zur Ansiedlung von jüdischen Emigranten in Kenya gegründet. Es ist beabsichtigf, 25 junge Juden aus Deutschland bei Farmern in Kenya für einjährige Ausbildung unterzubringen. Ferner sollen 6 jüdische Farmen eingerichtet werden. Die Frauenorganisation ״Hadassah“ gab in New York für den Filmscliauspieler Eddie Cantor einen Empfang, bei dem er mittciltc, daß er für die Zwecke der Jugendalija in England C 110,000.— gesammelt habe. Unter den Redncrinnen waren Mrs. Herbert Lehman, die Gattin des Gouverneurs von New York, und Mrs. Jacobs, Mitglied der Executive der Jewish Agency. Jabotinski wurde vom polnischen Minister des Aeußeren, Oberst Beck, empfangen. Der Jerusalemer arabische Korrespondent der Kairoer Zeitung ״Al Mokattam“ wurde verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Bei der Durchsuchung seines Hauses sollen belastende Dokumente gefunden worden sein. ״Oberland“ und ״Unterland“ ״Oberland" und ״Unterland“: eigentlich geographische Begriffe, bedeuten im Judenbezirk Ungarns auch ethnographische, sozial-kulturelle Unterschiede zwischen zwei jüdischeu Menschentypen. ״Oberländer" hießen vorerst die Gebirgsbewohner Oberungarns (in seinem früheren Umfange), die slowakischen und Zipser Juden mit ihrem Kulturzentrum Preflhurg, weiter sodann die Einwohner Transdanubiens. Das ״Unterland“ beginnt hei Budapest und umfaßt die davon östlich liegende Tiefebene — außer einigen neutralen Enklaren — bis hinein in die Hcgyalja, die Marmaroscher, Szatmärer, Siebenbiirgischen Berge. Erfolgte die Einwanderung jener im 18. und 10. jh. aus Böhmen, Mähren und Deutschland, so heißt die Heimat dieser Bevölkerung Galizien, Polen, Bukowina, wobei nicht außer acht zu lassen ist, daß sich hier wie dort autochtlione, die Türken/eit überdauernde Familien und Niederlassungen in nicht zu geringer Anzahl finden. Ein Zusammentreffen also von West - und O s t j ti d c n - tum auf engem Rauine, der nach der Zerstückelung Ungarns noch viel enger wurde, den Begriff des Ober- und Unterländers aber weiter bis zu den ehemaligen Grenzen heibehalten hat. Provinziell wohl etwas differenziert, haben die beiden Schichten sich bis heute nicht miteinander amalgamicrt: sic stehen sich meist seelisch fremd, oft unfreundlich gegenüber. Freilieh sind die Grenzen zwischen beiden weder landschaftlich noch menschlich scharf gezogen, und bildet besonders die Hauptstadt, in der Mitte zwischen beiden gelegen und auf beide mit gleicher Anziehung wirkend, eine Art melting top, in dem sich die Gegensätze verwischen, so daß auch unsere Ausführungen stets nur cum grano salis zu verstehen sind. Da im allgemeinen der Oberländer den in Kultur und Assimilation fortgeschritteneren Teil des ungarischen Judentums repräsentiert, zeigt sich dies vor allem in Aeußerlieh k ei ten: in Kleidung und Habitus, in Sprache und Umgang, Der Oberländer trägt den ״deutschen“ Rock, spricht — mit überall fühlbaren Nuancen ״hochdeutsch", paßt sich in Haar- und Barttracht ebenso der Umgehung au, wie in den Umgangsformen des gesellschaftlichen Verkehrs. Der Unterländer, konservativ eingestellt, bewahrt im Kaftan und Schläfenlocken, im Betgürtel und Jiddisch nicht bloß die Traditionen seiner Religion, sondern auch die seiner ehemaligen polnischen Umgebung. Ist jener gebildeter, weitliehen Kenntnissen und Wissenschaften zugetaner, so eignet diesem mehr natürliche Intelligenz, Menschenkenntnis und Weltklugheit; — mindestens in dein beschränkteren Rahmen seiner beruflichen Betätigung. Um sich und seiner Familie die Annehmlichkeiten der Kultur zu verschaffen, strebt der oberländische Jude gern nach den größeren Ortschäften, läßt die Söhne sogar mit Vorliebe die öffentliche Beamtenlaufbahn cinschlagen; der Ostjude, vor allem auf Arbeit und Erwerb ausgehend, bleibt meistens dem Dorfe treu, versorgt dasselbe mit Kramladen und Weinschänke, steht geschäftlich am liebsten auf eigenen Füßen. In die Städte abgewandert, vermehrt er dort das Proletariat. Aus dem unerschöpflichen Quell des* Chassidismus, aus den oft seichten Erzählungen und ״Urdas“ (Wunderbegebenheiten) seiner Rebbes fließt ihm ein Strom von heiterem Optimismus, lebensbejahender Weltanschauung zu, der ihn stärkt und obenauf erhält. Chassidische Lehre in Verbindung mit innerem Volksgefühl regeln auch das Verhalten des Ostjuden zu seinen u I a u b e n s b r ü d e r n. Der Oberländer kann wohltätig sein, Almosen, Spenden, Stiftungen großzügig verteilen; die echte ״Zedaka“ im talmudischen Sinne, ״das Wohltun mit dem Körper“, das Rennen und Drängen, das Sorgen und Borgen für den Bedürftigen, ist in reichlicherem Maße bei den Armen im Unterland anzutreffen. Dagegen liegt ihm die Arbeit für die ״Allgemeinheit“, Vereinigungen, Verbände zu schaffen, ziemlich fern, ־— auch der Zionismus hat hei den lintcrländisehen Landjuden kaum Wurzel gefaßt, — sein Gemeingetühl lebt sich seinem ״Nächsten“ gegenüber, bestenfalls in seinen Gemeindeinstitutionen aus. In religiöser Beziehung ist es abwegig, die ״gebildeten“, ״aufgeklärten“ Westler einfach den östlichen Frontmen und Fanatikern gegenüberzustcllen. Fouerseelen und Eiferer, Intoleranz und Intransigenz mag es in diesem, wie in jenem Lager geben, über Frömmigkeit aber läßt sich überhaupt von außen her schwer ein vergleichendes Urteil fällen. Vielleicht läßt sich im Durchschnitt doch folgendes sagen: Die Stellung zu Gott, zur Religion, /um Ritus wird beim Oberländer in erster Reihe durchs ״Gesetz“ geregelt, das erlernt werden muß, in der unteren Gegend melir durch die Gewohnheit, die erlebt wird. Deshalb wird m. E. im Oberland — dem Scheine zu Trotz. — mehr, gründlicher, ehrlicher ״gelernt“, gelernt um der ״Tat“ willen, als in den viel zahlreicheren Klausen, Chcdarim und Jesd1i\ioth Untcrungarns, wo Talmud- und Kodexstudiurn vor allem als gottgefällige Geistesgymnastik gepflegt wird, um Scharfsinn und Spitzfindigkeit zu erproben. Andererseits ist es im Prinzip stets fraglich, ob Gesetzestreue und innere Religiosität, traditionelle Lebensführung und seelische Durchdrungenheit, Wisset! und Wollen immer Hand in Hand gelten. Als auffallende Tatsache kann es allenfalls bemerkt werden, daß, wiewohl im Westen infolge Anpassung an die modernen Strömungen, an die sozialen Gegebenheiten der Gegenwart Irreligiosität und Indolenz weitere Kreise umfaßt, als im traditoncllcn Milieu des Ostens, dennoch der durch den plötzlichen, unvermittelten liebergang in eine neue Welt, durch den Wegfall äußerer und innerer Kontrolle entstandene gänzliche Abfall hier häufig rapider in Erscheinung tritt. Er geschieht sozusagen ohne Uebergang. Nun noch einige Worte über den vielgetadeltcn Gottesdienst der östlichen Juden. Unbedingt vermissen wir in ihm die Zucht, Ordnung und Pünktlichkeit unseres ״geregelten“ Ritus, dem Kenner und Liebhaber musikalischer Formen fehlen außerdem jene zu festen Zeiten und Gelegenheitem wiederkehrenden Melodien, die die traditionellen Synagogenvorträge so anheimelnd gestalten. So wie der unterländische Beter selbst sich ungezwungen, ungestört im Gotteshause hin- und herbewegt, laut plaudert, mit de״ Kindern spielt, — ist er ja ״daheim" bei seinem göttlichen Vater, dem ״Obersten", mit dem ihn meist mystische Fäden verbinden, — so läßt er auch im Gehet seinen Empfindungen und Stimmungen freien Lauf, hält sich weniger an präzise Vorschriften und Zeremonien. Sem Bete״ ist mehr ein Weineu, Wehklagen, ein Aufschreien oder Auf jauchzen, während der Oberländer betet, bittet, singt oder ״sagt", und wo moglieh die Würde bewahrt. Jenem scheint sowohl im eigenen wie im (iatteshause das Gefühl für Schönheit, auch Acsthetik der Natur abzugehen, deshalb vermisse ich auf dem von zahlreichen Sehahbathkcr/en erleuchteten Abendtisch den Blumenstrauß. Nicht Zier, sondern Zweck lies Gottesdienstes — und dazu gehört auch die kabbalistische ,.dritte Mahlzeit“ vor Schabbathausgang — bilden jene, angeblich ostliehen Volksliedern nachgeahmten ״chassidwchcn Gesänge“, textlose oder dem Text kaum angepaßte melodiöse Weisen, meist im raschen Rhythmus, die von Tanzen und Sprüngen und Händeklatschen begleitet werden. Wenn wir beobachten, wie in Ungarn sich selten cm Unterländer dem obcriiimlischcn besonders orthodoxen Gemeinden, sich ans dem Osten importierte Sitten und Gebräuche, Gebetswcudiinge״ und Singmethoden breit machen, dann müssen wir die von echtem Votkstum getragene größere Vitalität des Unterlandes neidlos anerkennen. Dr. A. Purst, Budapest Pariser Notizen Von unserem Berichterstatter K,, Paris, im August. Der ״Temps“ wendet sich in einem Leitartikel zum Refugie problem gegen die generelle Sperrung der trauzösischen Grenzen für die Flüchtlinge. Frankreich müßte aber eine deutliche Unterscheidung zwischen einem vorübergehenden Asylrecht und einem dauernden Aufenthalt in Frankreich machen. Letzterer darf nur jenen Einwanderern bewilligt werden, die sich völlig in die französische Zivilisation und Wirtschaft einordnen können. Eine vorsichtige Einwandcrimgspolitik müßte mit einer festen und systematisehen Politik der Einbürgerungen Hand in Hand gehen. Im Rahmet! einer Zusammenkunft des französischen Keren Kajemeth berichtete der französische Professor Raymond Chasles über seine Eindrücke von einer Palästinareisc. Mit J. Mevrnwilch, dessen Tod an dieser Stelle bereits erwähnt wurde, ist eine der führenden Persönlichkeiten des französischen ORT dahingegangen. Mevrowitch hat sich vor allem mit der Ansiedlung der Juden in Rußland beschältigt. Fr war dann später Präsident der französischen Sektion des ORT lind Mitglied des Zentrabuisscluisses dieser Organisation. IQ37 war er Direktor des Pavillon des ORT auf der Pariser Weltausstellung. Die R o t h s r h i I tl - S t i f t 11 n g in Paris hat hier eine neue Schule für die Ausbildung von Krankenschwestern und für Haushaltungsunterricht eröffnet. Der Unterricht wird im Rahmen des Pariser Rothschild-Krankenhauses durchgeführt werden. Dem Institut ist vom französischen Staat der Cliarakter einer öffentlichen Anstalt zuerkannt worden und es bereitet für das französische Staatsdiplom vor. S. J. Agnon: Die Geschichte von Asriel Mosche, dem Bücherwart Uebcrsetzt von Gerhard Scholem (aus ״Die Gemeinschaft der Frommen“ Schocken■ Bücherei Nr. 5) Wir veröffentlichen nachstehend folgende Erzählung von S. J. Agnon, die in unserer der Würdigung Agnons gewid• melen Ausgabe vom 5. August aus Raumgründen zurüchgeblieben ist. (Red.) Dieser Mann, Asriel Mosche, war Lastträger aus einer Familie von Lastträgern und zeichnete sich aus durch Kraft und Diensteifer, und ging auf Gottes Wegen nach der Weise der einfachen Juden. Tagtäglich stand er vor Sonnenaufgang auf und betete nach Art der alten Frommen. Und hatte er seine Tefillin abgelegt und in ihren Beutel getan, so sagte er: ״Herr der Welt, ich verstehe nicht, was ich gebetet habe, aber du, dem alles bekannt und offenbar ist, du weißt gewiß alles, was im Gebetbuch steht, möchte es dir gefallen, mein Gebet in Huld und Gnade anzunchmen.“ Und während er noch sprach, lief er zur Schenke und trank ein Viertel Branntwein und redete zu sich selbst: ״Der Unwissende ist wie ein Gaul. Wie man dem Gaul, wenn er sein Heu und Stroh gefressen hat, zu saufen gibt, so gebe ich dir, Asriel Mosche, wenn du gebetet hast, zu trinken.“ Ob solcher Rede verhöhnten ihn die Leute und sagten: Der Wein redet aus Asriel Mosches Kehle, das Glas Branntwein rumort in seinem Leib. Aber Asriel Mosche schüttelt seinen Bart und erwidert: Was soll ich machen, Vater und Mutter sind mir gestorben, als ich noch jung war, und einen Lehrer habe ich nicht gehabt, so bin ich nur ein Tragesel und Lastgaul, aber das schwöre ich bei meinem Barte: Würde der Heuige, gelobt sei er, mir ein Bündel zu tragen geben, ich trüge es ihm umsonst. Und sogleich geht er zum Markt und beugt sich unter das Joch der Nahrungssorgen. . Er hatte eine Ecke am Marktplatz, dort stand er in Gottes Schatten und ließ seine Augen in alle vier Richtungen gehen. Vielleicht kommt jemand und ruft ihn, ihm eine Last zu tragen. Und wenn — Der Erbarmende bewahre uns! — ein Toter in der' Stadt war, dann brachte er Schrägen und Wanne, wo man die Toten wusch. Und weil er einen schönen Bart hatte, machten ihn seine Freunde zum Mordechaj im Purimspiel und zum Jakob in ״Josefs Aufstieg““, und er erheiterte die jüdischen Fierzen bei den Purimfreuaen. Hierüber haben wir, Gott sei Dank, viele viele Geschichten, dreißig Ries Papier könnten sie nicht fassen, wie er etwa, gleich weiland Rabbi Jakob den Jakir, den Boden vor der heiligen Toralade mit seinem Barte fegte, oder wie seine Frau ihn auszankte und am Bart packte und anschrie: Sich selber läßt der Uebeltäter einen Bart wachsen so lang wie unsere Verbannung, mir aber bringt er auch nicht zwei Haare für den Scheitel! Wegen der Härte der täglichen Plackerei ist jedoch unsere Kraft erlahmt und die Fähigkeit, alles aufzuschreiben, geringer geworden; so haben wir nicht mehr aufgeschrieben als auf ein Blatt Papier geht, das für einen Pfennig zu haben ist. Und weil es wenig ist, schien uns gut, es hier abzuschreiben. Und so beginne ich; Eines Tages stand Asriel Mosche mit seinen übrigen Freunden am Markt. Da kam ein Mann zu ihnen und rief sie, seine Sachen von einer Wohnung in eine andere zu brin- Sen. Und dieser Mann war ein angesehener Bürger und elehrter und hatte viele, viele Bücher. Den babylonischen und jcrusalemischen Talmud, die ״Starke Hand“, die Vier Turim und den Schulehan Aruch, die Bibel mit allen Kornmentaren, Bücher der Philosophie und ,Wissenschaft, Chron iken und Annalen, nebst Gebetbüchern für Alltag und Festtag. Und er erfüllte an ihnen die Worte der Weisen, die den Vers ״Dies ist mein Gott, ich will ihn geziemend preisen“ dahin erklären, man solle die Gebote auf schöne Weise erfüllen. Alle Bücher waren in schöne Einhände gebunden, und er drang in die Träger, auf sie zu achten, damit sie nicht schmutzig oder beschädigt würden. Da sprang Asriel Mosche herzu, legte seine Hand an seinen Bart und sagte zu dem Mann: ״Auf mich und auf meine Verantwortung!“, nahm die Bücher und tat sie in einen Sack, band den Strick um sic, beugte seinen Nacken, um sie aufzuheben, lud sie auf seine Schultern und ging voller Freuden, um sie in die neue Wohnung zu bringen. Während der Sack noch aut seinen Schulfern lag, stand er mitten auf seinem Wege still und sagte: ״Herr der Welt, so groß ist deine Lehre, und dennoch hast du Menschen, die die ganze Lehre kennen. Und mir ist es nicht beschieden, auch nur ein Buch zu verstehen, auch nur ein Blatt, auch nur eine Zeile, auch nur einen Satz. Ich will die Posaune des Messias hören, wenn ich nicht erzählen gehört habe, daß der Heilige, gelobt sei er, unserem Vater Abraham ErieJc sei bei ihm — zwei Brüste entgegengeschickt hat, die wie zwei Gelehrte waren, und ihn Tora und Weisheit lehrten. Behüte, daß ich etwa mit dir hadern wollte, weil du an dem Sohn meiner Mutter nicht ebenso gehandelt hast, wie du an unserem Vater Abraham gehandelt, aber ich möchte doch gerne wissen, was in all diesen Büchern steht!“ Und sogleich begann er, heilige Worte herzusagen: ״Chummasch. Raschi, Gemara, Toßaphot. Midrasch, Targum, Targum Scheni“, und so ging er über den Markt und sagte bei sich die Namen: ״Chtimmasch, Raschi. Gemara“ und so fort, und nannte die Namen der fünf Bücher der Tora, und die Namen aller Wochenahschnitte. Danach sagte er zu sich: ״Sieh, Gott hat uns doch aus Aegypten geführt, und uns das Peßachfest gegeben, um an ihm Mazza und Bitterkraut zu essen, und an ihm vier Reeller zu trinken, aber auch den neunten Aw gibt cs ja, wo man fastet und auf dem Boden sitzt ti 1\jd um die Zerstörung des Heiligtums klagt; so sind also die Juden nach dem Lande Israel cingewandcrt una nach Jerusalem hinaufgezogen, bis Titus, der Frevler, kam und es zerstörte.“ Aber wo all das niedergeschricbet! war, das hatte er nie gehört. Da weinte er in seinem Fierzen: ״Weh mir, daß ich nichts gelernt habe, weh mir, daß ich nichts weiß“, und weil sein Kummer so groß war, wurde sein Sinn stumpf, und sogar was er gewußt hatte, vergaß er. So ging er traurig hin, bis er seine Last ablud. Kaum hatte er aber seine Last abgeladcn und seinen Lohn erhalten, trat er in einen Laden, öffnete seinen Geldbeutel und kaufte ein Stück Kreide, zog sich in seine Wohnung zurück und schrieb zu seiner Stärkung auf Tür und Wände alle Namen aus der Tora auf, die Namen der Erzväter und die Namen der Mütter, die Namen der Priester und Leviten, der Könige und Propheten, und da war kein Name aus den fünf Büchern und den Prophetenstücken, wie Mose, Aharon, David, Salomo, den er nicht auf die Wände seiner Wohnung aufgeschrieben hätte, bis die Wände seiner Wohnung bemalten Tapeten glichen. Und als die Zeit des Minchagebctes herankam, lief er ins Lehrhaus, um mit der Gemeinde zu beten. Dort hörte er die Gelehrten zwischen Mincha und Abendgebet miteinander über Dinge der Halacha streiten. Er stand in der Ecke und steckte seine beiden Daumen in den Gürtelstrick, so daß seine anderen Finger über den Gürtel in die Luft ragten, und er sog einen jeden Satz ein. Er hörte, daß sie sagten: Der Rambam, der Rosch und der Tur sagen dies und das. Da begriff er von selbst, daß dies die Großen der Welt sind. Sein Herz entbrannte, und er wiederholte leise ihre Namen, und als er nach Haijse kam, schrieb er ihre Namen an und las sie viele Male, bis sie ihm geläufig waren.

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