Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1938)
- Date
- 1938-07-29
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 60, 29. VII. 1908 Mut zu neuen Methoden Dis türkische Rückwanderung als Beispiel Jüdische Religion und jüdische Politik in USA Die Zeit, in der wir leben, erfordert neue Methoden. Viele Schwierigkeiten sind darauf zuriickztiführen, daß die yerantwortlichen in den allen Vorstellungen beharren und sich nicht zu radikal Neuem entschließen können. Wir Juden empfinden dies besonders in bezug auf die Wände* rungslind damit zusammenhängenden Arbeits-Fra* t e n. Es wurde gelegentlich darauf hingewiesen, daß eine in Wanderung von Massen in der heutigen Welt, in der die froßen kapitalistischen Länder ihre eigenen Arbeitslosen aben, nur möglich wäre, wenn die Einwanderer, ohne dem Einwanderungsland zur Last zu fallen una den Arbeitsmarkt zu belasten, in organisierter Weise zu großzügigen Erschlie- Hungsarbeiten herangezogen würden und dann ihre eigene Existenz auf den durch sie zusätzlich geschaffenen‘ Erwerbsmöglichkeiten aufbauen. Im Zusammenhang mit Palästina war davon die Rede, daß es nötig wäre, jüdische Arbeitslegionen zu schaffen, eine Art Arbeitsdienst- Pflicht der jüdischen Jugend, die sich auf diese Weise durch Leistung das Recht auf Einwanderung und Aufenthalt in ihrer neuen Heimat erwerben könnte. In der letzten Zeit wurde von einer jüdischen Gruppe in der Schweiz der Gedanke propagiert, großen überseeischen Lindern, die noch unerschlossene Gebiete haben, die Mithilfe jüdischer Arbeitsl egionen anzubieten, wobei durch eine sorgfaltige Organisation dafür gesorgt würde, dal! einheimische Arbeiter nicht benachteiligt werden. Im Zusammenhang mit solchen Ideen — es 'wäre verfrüht, von ״Plänen“ zu sprechen — ist ein Bericht interessant, der über großartige Projekte in der Türkei bekannt wird. Die Türkei, so heißt es in diesem Bericht, wolle ihre Stamni e s g e n o s s e n, die im Ausland leben, allmählich in das neue türkische Reich überführen. Heute leben 480000 Türken in Rumänien, •150 000 in Jugoslawien, aber auch in Griechenland, . Bulgarien und anderen Ländern leben türkische milt'rheitcn. Bisher verließen bereits 40 000 dieser Auslands!tirken ihre Wohnlamler und wurden in die Türkei u m g e s i c d c 11. Es wird geschildert, wie man das ganze letzte Jahr hindurch diese Türken mit ihrem Hab und Gut und ihrem Vieh auf eien Bahnhöfen Anatoliens ankommen sehen konnte. Der türkische Staat gibt ihnen unentgeltlich Grund und Boden, stellt jeder Famiiie ein Haus zur Verfügung, gewährt große steuerliche Erleichterungen. Die neuen Einwanderer sollen die riesigen unbebauten Flächen Anatoliens, d!e jetzt brachliegen, erschließen und in fruchtbares Ackerland verwandeln, Schon spricht man davon, daß aus.derjetzigen Würte der ״Garten Anatoliens“ entstehen solle. Die Iurkei, die bi-htr schon auf vielen Gebieten gezeigt hat, daß sie modernste Gedanken zu verwirklichen versteht, erhalt hierdurch einen gewaltigen Zuwachs an Kraft. Das Beispiel sollte von Personen und Organisationen, die sich mit großen Wanderungsprohlcmcn beschäftigen, studiert werden. Was die Juden betrifft, liegt ein entscheidender Unterschied darin, daß es bisher keinen jüdischen National- Staat gibt, der seinen Stammesgenossen in dieser Weise Zuflucht und Brot gehen könnte, wie cs die Türkei oder früher Griechenland und Bulgarien für ihre einwaridernden Volksgenossen taten. Trotzdem gibt cs gewisse Par allele n,_und cs würde sich lohnen, aus allen derartigen Vorgängen in unserer modernen Welt praktische Lehren zu zielten. Smuts über die Teiltmgsirage Kapstadt, 25. Juli (Palcor). Anläßlich eines Banketts, das vom Keren Hajeßod organisiert und von führenden jiidisehen und nichtjüdischen Persönlichkeiten Südafrikas, darunter Parlamentsabgeordneten, besucht war, überreichte Rabbi $!La!Florida l Maurice Perlzweig aus London General Smuts namens der Exekutive der Jewi-11 Agency ein Album mit Bildern der Ansprache sagte P e r 1 7 w e i g, daß Millionen *von Juden in dankbarer Lache an Smuts hangen. Die Versammlung brachte General Smuts eine begeisterte Ovation dar. In diese Ehrung zum Ausdruck. Fr sei fest entschlossen, alles zu tun, damit das Licht, das die Juden in der Geschichte entzündet hätten, nie ausgellt. Jetzt sei nicht die Zeit, Spaltungen oou dt i 1 igt d! 1 Ieihing zu dulden, man müsse mit dem Urteil ahwarten. Er selbst stehe zu Weizmann und seinen Kollegen; die Hauptfrage sei, ob die Teilung eine große Immigration ermöglichen werde-. Zum Schluß wies Smuts auf die Notwendigkeit einer baldigen Enlscheidüng hin. 1. Ein Prozeß beleuchtet die Situation von außen Im Suprerne Court (Obergerkht) von New York fand kürzlich ein interessanter Prozeß statt. Ein orthodoxer jiidischer Student hatte die Universität auf 250 000 Dollar Schadenersatz verklagt, weil sie ihm die Vollendung des medizinischen Studiums und damit die ärztliche Laufbahn unmöglich gemacht habe; den Anlaß dazu habe die jüdische Religion des Klägers gegeben, deren Respektierung und freie Ausübung wie die aller Religionen die amerikanisene Verfassung garantiert; die Universität habe demnach gegen die Verfassung gehandelt, als sie den Studenten seiner Religien halber ausscliloß. Der Fall lag folgendermaßen. Der Student hatte hei seiner Aufnahme ins New Yorker Medical College erklärt, er sei religiös und werde am Schabbath und an den jüdischen Feiertagen nicht arbeiten können. Er bitte um die Erlaubnis dazu, uni seinen religiösen Ucberzeugungcn trcubleiberi zu können. Er erhielt dies Privileg. Nach einiger Zeit änderte sich die Situation und die Stimmung 1m College, der Student stieß auf Widerstände. Nach zweijährigem Studium fiel er bei einer Prüfung durch einen der Professoren über einen medizinischen Gegenstand durch und wurde daraufhin von der Universität ausgeschlossen. Danach ist cs unmöglieh für ihn, in ein anderes College in Amerika aufgenommen zu werden. Seine Karriere ist ruiniert. Der Student ist überzeugt, daß nur seine Ausübung der Religion daran schuld ist. Seine sämtlichen früheren Zeugnisse sind vorzüglich. Er fühlt sich als Opfer religiöser Diskriminierung, bestellt auf seinem Recht als Bürger der USA. und verklagt College und Professor auf eine viertel Million Dollar Schadenersatz. Das amerikanische Gerieht soll sein verbrieftes Recht, der jüdischen Tradition treu zu bleiben, und sein verbrieftes Recht, an einer amerikanisehen Universität zu studieren, beschützen und bestätigen. Denn es gehe ihm keineswegs um das Geld, sondern um die Fortsetzung des Studiums. Der angeklagte Professor erklärt dagegen, von einer Diskriminierung der Religionsaus- Übung sei keine Rede. Der Student habe dnrchfallen müssen, weil er den sachlichen Anforderungen der Prüfung nicht genügte. Die Klage wird infolgedessen abgewiesen. Man kann einem Professor, der einen ungenügendem Studenten durchfallen läßt, kein Unrecht nachweisen. Der Fall ist formaliuristisch völlig klar. Trotzdem kommt auch eine unformale Betrachtungsweise dabei zum Ausdruck, ln dem Urteil des Richters heißt es bezeichnenderweise: ״Während man mit dem Kläger und seinen aufrichtigen religiösen Ueberzcugtingeti, die ihn vor geistige und religiöse Probleme stellten, mitfühlen kann, muß man gleichzeitig bedenken, daß das angeklagte College nicht für die ausschließliche Privilegierung und Bequemlichkeit des Klägers geführt worden ist. Das Leben selbst stellt meistenfalls Probleme, die Kompromisse erfordern, die durch die Ausbalancierung verwickelter Interessen bestimmt werden. Viele Kompromisse verlangen, daß Handlungen ausgeübt werden, die dem Willen des Einzelnen zuwider, ihre Bitterkeit aber wert sind, wenn das zu erreichende Ziel dem ur- Sprunghöhen Wunsche entspricht. In diesem Fall stand der Kläger häufig vor der Alternative, entweder sein Studium fortzusetzen oder seinen religiösen Ueberzeugungen zu folgen. E r war derjenige, dem die Wahl gestellt war, und nicht das beklagte College. Er hatte die Wahl zu treffen. Ob sein Entschluß, den Prinzipien der Religion zu folgen, klug war, das zu entscheidendst nicht Sache des Gerichts. Aber indem der Kläger kein Kompromiß mit seinem Glauben einzugehen gewillt war, sah er sich in Schwierigkeiten in seinem Studiu ווו . Diese ■Schwierigkeiten hätten vermieden werden können, wenn der Kläger den ״Regeln“ (Rules) des College nachgekommen wäre.“ Mit anderen Worten: wenn der Student nicht den Schabbath gehalten hätte, wäre er bereits Arzt. Daneben aber empfahl der Richter dem College, dem Studenten eine Möglichkeit 7um weiteren Studium zu gehen. Oh und unter welchen Bedingungen das College dieser Empfehlung gefolgt ist, darüber ist noch nichts \crlautbart. Bemerkenswert bleibt indessen, daß ein solcher Prozeß in New York möglich ist, und dal! der Richter, dem bei einer solchen formaljuristisehen Situation kein anderer Urteilsspruch übrig bleibt, und dessen Kompromißpltilosorihie offenbar beiden Parteien gerecht werden sollte, ein Jude ist. 2. Eine Polemik kennzeichnet die innerjüdischen Prohleine ״ln der letzter! Zeit gibt es, Gott sei geloht, gute Nachrichten von unserer Barmizwa-F ront. Da stehen-wir fest. Mehr noch, wir marschieren bereits in ,Feindes‘ Land ein und durchbrechen seine Front auf der ganzen Linie. Und einige Heere, die uns bekämpft haben, hissen die weiße Fahne!“ Mit diesen ironischen Sätzen tieginnt der orthodoxe Publizist Gcdalja Bublik seine prinzipiellen Erörterungen. Den Anlaß dazu bieten ihm die nach langen Vorhandhingen von maßgeblichen jüdischen Arbeiteryerbänden der USA. gefaßten Entschließungen, die Barmizwa an zunehmen. Diese Entschlüsse, eine religiöse Zeremonie wieder atifziinehnien, die man zuvor in Acht und Bann getan hatte, bedeuten zweifellos ein Einlenken zur Tradition, auch wenn ein Flügel der Freigesinnten nur die Zeremonie als Handlung akzeptiert, paradoxerweise aber den Namen dafür, das Wort Barmizwa, noch verpönt üud auch wenn ein anderer Flügel zwar den Namen der Zeremonie nicht yerleitjznen, ihr aber den religiösen Charakter nehmen will. Wie man sich das vorstellt, ist noch nicht klar, obwohl ähnliche Versuche in Palästina und anderswo gemacht .worden sind. Der amerikanische Fall ist wichtig, da die Entschließungen von Verbänden gefaßt worden sind, die in den USA. viele hundert Schulen unterhalten, darunter die' Scholem Alechein-Schulcn, und da sie offenbar mehr als »hunderttausend jüdische Kinder betreffen. Dr. Bublik betrachtet das als eine Wendung in der Pädagogik der ArbeiterkreisSü, als einen Anfang, der notwendig in der Richtung ,zur Tradition zurück weit erführen müsse. Man werde wohl früher oder später einschen, ״daß nicht mir die Barmizwa B. HEU HANN JUL P I A N O S I KOHLSCHRÄNKE־ BOSCH “ RADIO I FRIG IDAIRE ״. .. Berlin W 1 5, KurlllrtUnUamm 205 / Rul: Bl 37 16 (und Jüdischkeit besteht nicht in der Barmizwa allein), sandern daß alles, was mit dem jüdischen Leben, dem jiidisehen Volk und seinen Bräuchen zu tun hat, untrennbar mit der jüdischen Religion verbunden ist, und was auch immer man jüdische Kultur, Erziehung tisw. nennen mag, kann nur existieren und ist gebaut auf der jüdischen Religion, hat ohne sie keinen Halt, keine Verbindung mit der jüdischen Vergangenheit und keine Aussicht auf die Zukunft...“ Schon Zangwill erklärte es für einen Irrtum, daß man einen Juden seinem Volke durch jüdische Literatur verbinden könne. Jüdische Literatur kann nur existieren, solange Juden ihr eigenes Leben, nämlich ihrer jüdischen Religion gemäß leben. Sobald der Jude seine Religion zu hüten aufhört, hört auch das jüdische Leben und natürlich die jüdische Literatur zu existieren auf. Denn es kann keine jüdische Literatur geben, die ein ״jüdisches Lehen“ schildern könnte, das es niart gibt... Und Weil ginge denn jüdische Literatur an, wenn es keine jüdischen Leser gäbe, die das jüdische Leben kennen und selbst in und durch Religion erlebt haben? Welche Bedeutung kann für Kinder, die nicht in einer jüdisch-rcligiösen Atmosphäre groß werden, noch haben, was ein Scholem Alechem, Mendale oder Perez schreibt? 3• Zionismus und Rabbinerseminare Im Rahmen eines großenteils autobiographischen Aufsatzes kommt Ab. Goldberg auf die Rolle zu sprechen, die der Zionismus jetzt, nach einer langjährigen Kampfzeit, in den amerikanischen Rabbinerkreisen spielt. Goldberg nennt sich einen Schüler der ersten zionistischen Fiihrergeneration. Neuerdings opponiere man gegen die Möglichkeit rabbinischen Führertunis in der amerikanisch-jüdischen, besonders der zionistischen Politik. ״Wir aber von der ,alten Garde‘, die wir uns erinnern, wie schwer es war, den Zionismus in die Bet- und Lehrhäuser zu bringen, wir haben ein Recht dazu, uns zu freuen, daß die Rabbinen überhaupt und die konservativen besonders nun zum zionistischen Lager gehören.“ Im Reform-Seminar in Cincinnati gibt es jetzt Zionisten unter den Dozenten. Eigentlich nicht die ersten, aber Walter, Schlesinger und Margolith, die ersten, mußten wegen ihrer zionistischen Gesinnung das Rabbinerseminar verlassen. Neumark wurde schon toleriert. Jetzt überläßt man Zionisten die wichtiger! Positionen, und die Schüler in Cincinnati, sind Zionisten. Wises Institut ist ganz zionistisch. Auch viele junge Rabbinen der Jiz.chak Elchanan Spector-Jeschivva gehören der Allgemeinen Zionistischen Organisation an, ohne daß ihr Aufstieg dadurch Schaden leidet. Ein komplizierter Fall, dal! und warum wir so viele Rabbis als Kandidaten fiir den Vorsitz der ZOA. haben. Gewiß braucht man Kandidaten auch aus anderen Kreisen, aber man muß zufrieden sein, daß die Rabbis mit uns sind. Ich muß zugeben, daß das Scliechtcr-Seminar (Jewish Theological Seminary in New York) als erstes im Lande den Zionismus in den Mittelpunkt gestellt hat. Im Schechter- Seminar sind wir bereits bei der zweiten Generation: Der jetzige Leiter ist der junge Dr. Finkeistein, ein leidenschaftlicher Zionist, der gut jiddisch spricht, glänzend hebräisch schreibt und danach strebt, daß das Seminar an allen jüdIschen Fragen Anteil nimmt. Verantwortlicher Redakteur: Dr. Roheit Wcltsch, Berlin-Charl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loewemtein, Berlin W 15. Anreigenleiter und verantwort• lieh für den Inhalt der Anzeigen: Erich Liepmann, Berlin W IS. Gültig Anzeigen-Preisliäte 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anzeigen Verwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W 15, Meinekestr. 10. D.A, 11/1938: 26 045. — Druck: Siegfried Srho'cm. H. ilin Schöneberg. pmAumkl tillqefome! ln den erlaubten Waren fiftjtiiji C.2, $pandau•* — Königstr,