Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 60 (29.7.1938)
- Date
- 1938-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 60 / Jahrgang 43 Pr•!■ 25 Rpf. JÜDISCHE RUNDSCHAU!•dfcktion, V.rlag and Anieljjanverwmltnngi BaillnW 15, Malaaka.tr. 1•!•mruf! 919031, Talagraini« - Adraa.aו Orghlp. - In Fill.a höherer Gewalt heataht kein Anspruch auf Nachlieferung oder Eritattuug etwa schon gezahlter Bezufsgebfthren. Bezugspreis eimchließlidi Bestellgeld je Monat RM 2,־-, je Vierteljahr RM 5,75! hei Abholung RM 1,88 bzw. RM 5,39 («in.chlieBlieh Po.tzeitungsgabühr von 10,96 Rpf je Monat). - Postscheck - Konten der Vertriebs-Abteilung Ir GroB-Berlin Berlin?1573, für das übrige Reich! Barlln 17393 BERLIN א׳ אב תרצ״ח FREITAG, 29, JULI 1938 Irscheint Jaden Dienstag und Freitag, Gültig ist die Anzalgenpralaliata Br. 5 vom 1. April 1936. Die twölffM|»Ite1» mm-Zeile 20 Rpf. für Familien• Nadsrlthtan 15 Rpf. Kein. Gewühr für Aufnahme von Anzeigen in bestimmte. Ausgaben oder an bestimmten Plätzen. Einzelanzeigen nur gegen Vorauszahlung auf Postscheck - Konto Berlin 71618 oder bar Montag bis Freitag 9 — 18 Uhr! Mittwoch 15 Uhr. Familien Anzeigen ans Tag vor Erscheinen 16*Uhr Dar Zionismus erstrebt für das fQdlsche Volk die Schaffung einer ISffentllch rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. (Baseler Programm) Reichsverband der Juden in Deutschland Sitzung des Rats der Reidisvertretung Der 27. Juli ist eia Markstein in der Geschichte der Judenheit in Deutschland, Bei einer Tagung des Rates der Reichsvertretung hat sich die Judenheit in Deutschland eine Gesamtorganisation au!fester organisatorischer Grundlage geschaiien, in deren Rahmen die einzelnen Kultusvereinigungen eingegliedert werden. Eine alle Juden Deutschlands umfassende Gesamtorganisation war seit Jahrzehnten das Ziel der jüdischen Bestrebungen, konnte aber aus verschiedenen Gründen niemals verwirklicht werden. Die Verwirklichung eriolgt nun freilich unter Umständen und in einer Form, die wesentlich anders sind, als die ursprünglichen, viele Jahre zurückliegenden Pläne. Formell ist der wichtigste Unterschied der, daß die Organe der Judenheit nicht mehr Körper• schalten öffentlichen Rechtes bilden; sachlich liegt der Unterschied darin, daß es eine verarmende und geschwächte, in Liquidation befindliche Judenheit ist, die sich jetzt zusammeniindet. Dennoch gab die Tagung ein eindrucksvolles Bild davon, daß die Juden in Deutschland, treu ihrem jüdischen Bekenntnis, ihre eigenen Angelegenheiten so würdig und sachgemäß wie unter den gegebenen Umständen möglich gestalten wollen. In diesem Geiste begrüßen auch wir den neu geschaffenen Reichsverband. Die Resolution der Tagung Der Rat der Reidisvertretung der Juden in Deutsch- Iand trat am 27. Juli zu einer Sitzung zusammen, um aus der durcli das Reichsgesetz vom 28. März neu geschaffenen Rechtslage der jüdischen Kultusvereinigungen und Landesverbände die notwendigen Folgerungen zu ziehen. Nachdem die jüdischen Gemeinden und ihre süddeutschen Landesverbände nicht mehr Körperschäften öffentlichen Rechtes sind, sondern nur die Rechtsform von Vereinigungen bürgerlichen Rechts annehmen können, erschien es zweckmäßig, für alle Kultus- Vereinigungen eine einheitliche Satzung vorzuschlagen. Darüber hinaus war der Augenblick gekoitimen, um die bisherige Reichsvertretung auf eine neue Rechtsgrundlage zu stellen. Nachdem in den letzten Jahren in zunehmendem Maße die Arbeit der Reichs- Vertretung 3011 den Gemeinden und Landesverbänden getragen worden war, die Verschiedenheit des Rechtszustandes dieser Träger jedoch zu mannigfachen Schwierigkeiten Veranlassung gegeben hatte, ist nunmehr die Umwandlung der Reichsvertretung in einen ״Reichsverband der Juden in Deutschland“ möglich geworden, der in das Vcreinsregister eingetragen werden soll. Den Mitgliedern des Rates lag deshalb neben einem Entwurf für eine Mustersatzung der Kultusvereinigungen auch ein Entwurf für die Satzung dieses neu zu gründenden Reichsverbaudcs vor. Nach langwierigen und nicht immer leichten Verhandlungen ist es gelungen, dieses Ziel zu erreichen. Die Mitglieder des Rates dürfen gewiß sein, daß diese ihre Leistung von der jüdischen Oeffentlichkeit in Deutschland auf das wärmste begrüßt und anerkannt werden wird. Die Einheitlichkeit unseres Schicksals, die Aufgaben, die seine Bewältigung an uns stellt, die zunehmende Verringerung der Seelenzahl unserer Gemeinschaft verlangen mit zwingender Notwendigkeit Einheitlichkeit der Organisation, Aus- Schaltung von Kompetenzstreitigkeiten, zentrale Pian u n g und Führung. Dieses überragende Gebot der Stunde wurde allgemein anerkannt. Niemand durfte erwarten, daß die Veränderungen im organisatorischen Aufbau, die mit der Existenz eines wirklichen aktionsfähigen Reichsverbandes Zusammenhängen, ohne jeden Widerspruch gutgeheißen werden würden. Die Werte der Tradition, die insbesondere die Judenheit in Süddeutschland in ihren Landesverbänden verkörpert sieht, sind tief eingewurzelt, und man wird gewiß begreifen, daß die Um- Wandlung dieser Landesverbände in Bezirksorgan isationen des neuen Reichsverbandes gefühlsmäßig auf gewisse Bedenken gestoßen ist. Es spricht für das Gesamtverantwortungsgefühl der leitenden Personlichkeiten dieser Verbände, wenn sie den Notwendigkeiten, die für alle Juden in Deutschland die gleichen sind, durch freiwillige Einfügung in den organisatorisehen Aufbau des neuen Reichsverbandes ents pro eben haben. Nachdem der größte der Landesverbände, der preußische, kurz vorher beschlossen hat, sich aitfzulösen und in dem neuen Reichsverband auf zu gehen, war es allerdings natürlich, daß auch anderwärts ähnliche Verbände nicht mehr fortbestehen konnten. Gewisse Schwierigkeiten Vermögensrechtlicher Natur können gewiß überwunden werden, wenn der Wille zur Einheit stark bleibt. Demgemäß wird es in kurzem nur mehr einen einheitlichen Reichsverband der Juden in Deutschland geben, dem jeder Jude und jede Jüdin in Deutschland durch Zugehörigkeit zu einer Kultusvereinigung angehört. Die Gemeinden werden zu Gliedgntppen des Reichsverbandes; ein einheitlicher Lastenausgleich wird damit möglich werden, zentrale Planung ״fn dankbarer Würdigung der Tatsache, daß die Einigung der Kräfte des Judentums in Deutsch- Iand wie die Zusammenfassung seiner Mittel nun weiter zum Ziele hingeführt worden ist, sind Präsidialausschuß und Rat über folgende Grundlage und Richtung der gemeinsamen Arbeit einig: Die für die Juden in Deutschland und ihre Gemeinden beschlossene neue Satzung hat die Autorität der Reichsvertretung und die darin gegebene einheitliche Führung von neuem bestätigt. Die ernstesten Aufgaben liegen vor uns. ln einer Lage, die seit Jahren auch in der an Prüfungen reichen Geschichte unseres Volkes kaum ihresgleichen hat, haben wir uns nicht ohne Erfolg darum bemüht, das drohende Gespenst des Chaos zu bannen. Allem, was auf uns eindrang, haben wir unser Gottvertrauen und unsere Selbstachtung entgegengesetzt. Die Aushöhlung unserer Existenz haben wir mit der planmäßigen Erziehung und Schulung, mit der Vorbereitung zur Wanderung nach einer Stätte aufbauender Arbeit beantwortet. Wir haben eine innere Ordnung aufgerichtet und neue Formen der seelischen und materiellen Selbsthilfe erschlossen. Der Reichsverband wird alles daranzusetzen haben, diesen Weg fortzuführen und weitere Möglichkeiten zu finden. der jüdischen Gemeinschaftsarbeit in Deutschland wird verstärkt einsetzen können. Auf dem Gebiete des ehemalig Preußischen Landesverbandes werden, vermutlich in Anlehnung an die bereits bestehenden Provinzialvcrbände für Wohlfahrtspflege, Bezirksorganisationen geschaffen werden, und die bisherigen Landesverbände Bayern, Württemberg und Baden wurden bereits auf der gestrigen Sitzung als Bczirksorganisationen im Sinne der neuen Reichs v erbandssatzung anerkannt. Hervorzuheben ist sodann, daß künftighin alle Kultusvereinigungen ihre Haushaltspläne und Rechnungsabschlüsse dem Reichs verband mit zuteilen haben. Bei Vermögensverfügungen erheblicheren Umfanges ist darüber hinaus vorgesehen, daß Kultus- Vereinigungen mit weniger als 5000 Mitgliedern vorher dem Reichsverband die Gelegenheit zu gutachtlicher Aeußerung geben müssen. Bei Kultusvereinigungen unter 1000 Seelen ist in diesem Falle ein Zustimmungsrecht des Reichsverbandes vorgesehen. Es darf gehofft werden, daß in dieser neuen Rechtsform die bisherige fruchtbare Arbeit der Reichsvertretung ihre Wirksamkeit erhöht, und daß alle Energien, die dem gemeinen' Besten der Judenheit in Deutschland zu Heuen fähig sind, in ihr voll zum Einsatz kommen. * Ueber den Verlauf der Sitzung ist im einzelnen folgendes zu berichten: Nach der Begrüßungsansprache des Präsidenten Dr. Leo Baeck erstattete Dr. Otto Hirsch einen kurzen Bericht »her die Tätigkeit der Reidisvertretung im letzten Halbjahr. Die Konferenz von Evian eröffne die Hoffnung auf Erleichteruiig, Vergrößerung und Beschleunigung der Auswanderung, In der Debatte ober den Satzungsentwurf des Reichsverbandes, an dessen Schaffung Dr. L i 1 i e 111 h a 1 einen hervorragenden Anteil hat, beteiligten sich nach einer kurzen Einführung von Dr. Hirsch die Herren Kammergerichtsrat i. R, Wolf f, Berlin, Oberstlandesgerichtsrat i. R. Dr. Neum e y e r, München, Staatsrat a. D. Dr. L i pp m a n n, Hamburg, Dr. Gum bei, Stuttgart, Dr, Eli rm au 11, Frankfurt a. M., Breslauer, Leipzig, Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin, Dr• Weiß mann, Karlsruhe, Konsul B e 11 d i x, Köln, Dr. Hans Klee, Berlin, Kommerzienrat Mayer, Mainz, Dr. Richard Fuchs, Berlin, Rabbiner Dr. Laujphcimer, Ems, Rosenberg namens des Verbandes der Gemeinden in der Aber es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser anhaltenden außerordentlichen Anspannung aller Kräfte ihre Grenzen gesetzt sind Immer enger ist der Bereich unseres Daseins geworden. Die Ausschaltung aus Beruf und Wirtschaft gibt den größten Teil der Juden in Deutschiand einer dauernden Arbeitslosigkeit preis. Unsere Kräfte drohen zu versagen. Wir dürfen darum nach dem Beistand ausschauen. Wir vergessen keinen Augenblick, daß eine um Frieden und Sicherheit bangende Welt nicht ihre ganze und stete Aufmerksamkeit uns zuwenden kann. Wir vergessen nicht, daß auch in anderen Ländern unsere Brüder ihre schwere Sorge und ihre Not kennen. Aber wir dürfen für uns doch das, was uns gewährt zu werden vermag, erwarten: die Oeffnung von Grenzen für Reihen von Menschen in geregelter Einwanderung, einen baldigen Plan der Erstellung von vorübergehenden Not- Siedlungen für arbeitskräftige Gruppen. In uns lebt die Sehnsucht nach einem opferbereiten Leben in der freien Luft der Welt. In uns ist der Wille, unser Dasein mit Werken eines friedlichen Aufbaus zu verbinden. Mögen diese Worte in vorgerückter Stunde weithin gehört werden!“ Pfalz, Justizrat Dr. O e s t e r r e i c 11, München, und Dr. Wei- I e r, München. Ein Antrag, den Dr. Otto May, Kohl, einbrachte, wonach Kultusvereinigungen ihre Haushalt-plane dem Reichsverband zulegen hätten, rief eine lebhafte Aussprache hervor, an der die Herren Rechtsanwalt Benno Cohn, Berlin, Dr. Li ppmann, Hamburg, Rabbiner Dr. < i r u c 11 e w a I d, Justizrat Oesterreich, Stadtrat a. i). Leb, Breslau, Dr. Georg L ״ b i n s k i, Dr. Franz M e v e r, 1 >r. Weile r, München, und Dr. Lux, Breslau, sieh "beteiligten. Der Antrag wurde a b g e I c h 111, auch von einigen Opponenten wurde jedoch anerkannt, daß eine Verstärkung des zentralen Aufsichtsrechtes über die Etatsgeharimg der Kultusvcmiiigmigen im Zuge der Entwicklung werde kommen müssen. Der Entwurf einer Mustersatziing für Kultusvereinigungen wurde einer Kommission zur Verabschiedung übergeben. Die Amtszeit des Präsidenten Dr. Baeck wird unbefristet sein. Der bisherige P r ä s i di al a us s ch u ß der Reichsvertretung wurde als Vorstand des neu zu gründenden Reiclisvcrbandes anerkannt. An Stelle der ausgeschiedenen Herren Dr. Sulzbergcr und Adolf Michaelis wurden die Herren Dr. Moritz Landau und Dr. Otto May in den Vorstand gewählt. An Stelle von Herrn Otto Eskeles wurde Dr. Perlmutter, München, in den Rat berufen; der Maushaltsausschuß des Rates wurde durch die Zuwahl von Dr. Ra bau, Berlin, Rechtsanwalt Dr, Lux, Breslau, und Herrn Schoyer, Berlin, ergänzt. Die Unabhängige Orthodoxie ist im Vorstand durch Rabbiner Dr. Munk, im Rat durch Dr. E h r m a n n vertreten. Der Anspruch der zionistischen Bewegung auf gleichberechtigte Vertretung in den Körperschaften des Reichsverbandes wurde vom Präsident und Vorstand erneut bestätigt. Nachdem die Sitzung einstimmig den Antrag angenommen hatte, den wir an anderer Stelle abdrucken, schloß Präsident Dr. Baeck die erfolgreiche Tagung um 19 Uhr. Ue&eMick Bei den Ereignissen vom Montag und Dienstag dieser Wache waren in Haifa und auf dem Lande neun jüdische Tote zu beklagen. Im Scharon wurde eine neue jüdische Siedlung Tel Jizchak gegründet. Juden deutscher Staatsangehörigkeit sind verpflichtet, bis 3t. Dezember 1938 den Antrug auf Ausstellung einer Kennkarte zu stellen.