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Jüdische Rundschau · 1938-07-26 · Heft 59 (26.7.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 59 (26.7.1938)
Date
1938-07-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA־!!ATT Nr. 59, 26. JULI 1938 Gegen die Untreue Die Verwirrung im Land hat sich zu einem unerträgliehen Maße gesteigert. Sie entlädt sich in Handlungen, die jedem jüdischen Menschen, der noch etwas davon weiß, was Judentum und was Menschentum ist, unerträglich sein müssen. Die berufenen Institutionen haben ihr Wort gesprechen. Aber auch wir Einzelne, ohne Berufung und Auftrag, die wir fühlen, daß dies nicht langer zu ertragen ist, dürfen nicht schweigen, und es ist gut, daß wir zu sprechen begonnen haben. Denn in unserem Gefühl liegt die Gewißheit: wieviel Unglück־ unser Volk auch von außen bedroht, nichts kann es verderben als die innere Untreue. Gegen sie müssen wir Einzelne, die wir wissen, um was es geht, uns zusammentun. Um dieses Zusammenschlusses willen reden wir als Einzelne. Die Untreue hat begonnen. Gruppen, die, solange die Treue dauert, nicht zur Macht gelangen können, zetteln die Untreue an, um aus ihr Gewinn zu ziehen. Sie trüben die Atmosphäre mehr und mehr, weil es nur in einer ganz trüben Luft Aussicht für sie gibt. Und draußen sehen ihrem Werk all jene mit Genugtuung zu, die eben dies wünschen, daß wir jetzt, gerade in dieser heimlich entscheidenden Stunde, unsere Sache so kompromittieren, daß man sich gegen sie auf uns selbst wird berufen können. Daß die dunklen Mächte Erfolg haben, daß verblendete junge Menschen in ihren Dienst treten und Verblendete im Volk sich über deren blinde Gewalttaten begeistern, das ist nicht zu verwundern. Die Situation ist eine so bedrückende geworden, daß es zu begreifen ist, wenn mehr und mehr Leute im Volke rufe״ :״Können wir uns der Wölfe nicht erwehren, so laßt uns zu Wölfen werden!“ und vergessen, daß wir dieses Werk in diesem Land dazu begonnen haben, um wieder zu ganzen Menschen zu werden. Es ist, sage ich, zu begreifen, was sie rufen. Aber ist es auch richtig von ihrem Anliegen aus? Es ist nicht richtig. Was meinen unsere Verehrer der blinden Gewalt durch solche Taten erreichen zu können? Die Gewalttäter abzuschrecken? Das Gegenteil geschieht: wir erregen neuen, umfassenden Haß. An uns war es, durch unsere Haltung, durch unser Wort, unsere deutliche Bereitschaft zu einem Einvernehmen, eine Scheidung innerhalb der arabischen Bevölkerung herbeizuführen, die Wohlmeinenden zu ermutigen und die Terroristen zu isolieren; unsere Gewaltverehrer sind im Begriff, das Arabertum, im Land und außerhalb des Landes, gegen uns zusaniinenzusclnveißen. Oder wollen sie auf die öffentliche Meinung des Abendlandes einwirken? Wir verscherzen uns vielmehr die echten und wertvollen Sympathien, wenn wir eine Methode, die wir bisher als unmenschlich brandmarkten, nunmehr dadurch, daß wir selbst sie üben, praktisch anerkennen. Nichts ist für uns durch die blinde Gewalt zu gewinnen. Aber alles ist durch sie zu verlieren. Nach außen würden wir, wenn wir sie schalten lassen, den Weg zum Friedensschiuß mit dem Volk verlieren, mit dem zusannnenzuleben und zusammen dieses Land aufzubauen uns das geschichtliche Schicksal bestimmt, ein Schicksal, das sich uns als sinnreich enthüllen wird, sowie wir dazu gelangen werden, es ganz ernst zu nehmen. Aber einen so ungeheuren Verlust auch jenes bedeuten würde, noch Größeres würden wir nach innen verlieren. Unsere Bewegung hat ihren Antrieb und ihren Sinn in der Befreiung des jüdischen Menschen aus den! Widerspruch zwischen einer Seele, die sich zu Wahrheit und Gerechtigkeit als zu den höchsten Gütern der Erde bekennt, lind einem Leben, in dem diese Seele ihr Bekenntnis nicht im Stoff der Wirklichkeit zu verieiblichen vermag. Unsere Bewegung hat hier ihre Arbeit getan, um dem jüdischen Menschen die Erfüllung in einem Leb en der Wahrheit und Gerechtigkeit zu bereiten. Lassen wir die Uebuug der blinden Gewalt schalten, so wird jenes Bekenntnis zur Lüge, die Seele wird zersetzt, das Leben wird seines Gehalts entleert, und der Widerspruch, der elende Sohn der Galuth, wird zum Herrn auf Zion erhoben. Das wäre der Tod der Bewegung und die Katastrophe des Volkes. Oder wollen jene uns eine neue Seele anschaffen, eine unbefangene widerspruchslose Wolfsseele? Man kann die Seele in sich ersticken, Umtauschen kann man sie nicht. Die Untreue aber hat begonnen. Und Instanzen, von denen erwartet werden durfte, daß sie lehrend und weisend versuchen, das Volk von seinem Irrweg abzubringen, haben statt dessen dazu beigetragen, die Opfer der Verblendung mit dem Nimbus von Helden und von ״Heiligen“ zugleich auszustatten. Aber wer Wehrlose, die gegen ihn nicht gekämpft haben und nicht kämpfen, tötet oder töten will, ist ebensowenig ein Held oder ein Heiliger, wenn er das in angeblicher Verteidigung tut, wie wenn er es im Angriff tut. Anschlag auf Unschuldige ist keine Verteidigung, und die Lehrer der Nation, die ihn als solche rechtfertigen, handeln wider die Lehre. Aber nicht das allein: sie wirken dadurch mit an der Entwertung der wahren Verteidigung. Wir, die wir die Ungetreuen der Untreue anklagen, wir stehen auf dem Boden der wahren Verteidigung. Wenn ein Mann ins Zimmer tritt, in dem sein Kind spielt, und sieht einen Fremden mit angelegter Flinte Wieder schwerer Terror Zahlreiche Ueberfälle auf dem Lande — Bombenwürfe in Tel Awiw und Haifa Ueberfall am Toten Meer Jerusalem, 20. Juli. (Palcor.) Eine etwa 20 Mann starke Arabergrisppc überfiel eine Gruppe von jmlisehen Arbeitern, die mit Wasserholmingen für die Regierung bei Fashklia, einige Meilen von Kallia am südlichen Ufer des Toten Meeres beschäftigt waren. Der Hilfspolizist Abraham Avdizcdek (30 Jahre), der 32jäl1rige Arbeiter Cliaim Josselewitz aus Petacli Tikwa mul Abraham Zelicowitz (27 Jahre alt) wurden erschossen. Der Hilfspolizist Schlomo Schwili aus Jerusalem (23 Jahre alt) wurde schwer verwundet, während Schlomo Izchaki (26 Jahre) leichte Verletzungen erlitt. Eine Abteilung der tra ns jordanischen Grenzwache, verstärkt durch Polizei, verfolgt die Mörder. Am 20. Juli abends wurde auf ein Haus in der Altstadt von Tiberias eine Bombe geschleudert, wodurch (iura I arer (50 Jahre), ihre Tochter Baya Shati (32 Jahre) und ihre 14jährige Enkelin Esther verletzt wurden. Der Wächter Zwi Sh i her (27 Jahre alt) wurde in einem Weinberg in Sichren Jakob aus dem Hinterhalt erschossen. Truppen und jüdische Hilfspolizisten waren sofort zur Stelle und griffen die Terroristen an, die neun ihrer Mitglieder tot am Kampfplatze zurücklieikn. Mordtat in Kirjath Charoscheth Jerusalem, 21. Juli. (Palcor.) Auf Kirjath C 11 a - rose 11 eth hei Haifa, eine isoliert liegende Siedlung am Eingang zum Emck Jesreel, die keinen Siehcrheits/.um brsitzt, wurde gestern nacht von zahlreichen Araber״, die auf mindestens 150 .Mann geschätzt wurden, ein Ueberfal! verübt. Die Terroristen drangen in zwei Baracken am Räude der Siedlung ein. Samuel (iutt ermann (38 Jahre), seine 36jährige Frau I.ottie sowie deren zweijähriges Töcnterelnm Bilha wurden getötet; die Baracke wurde in Brand gestockt. Die Nachbarin der (hiHerinanns, Frau Regina Spieglet• (33 Jahre alt) und ihr 11 jähriger Sohn Jakob wurden ebenfalls ’ getötet; auch ihr Haus wurde aiigeziindet. Die zehn jüdischen Hilfspolizisten von Kirjath Cliarosln th konnten den Angriff Zurückschlagen, nachdem ein Araber getötet und mehrere verwundet wurden. Jüdische Ohaffirim aus Nahalal, die im Auto eine Runde machten, bemerkten einige Lichtsignale und eilten zu Hilfe. Als sic ankamen, war der Kampf bereit» zu Ende und die Tcrroristen im Rückzuge begriffen, doch gelang es ihnen noch, den Terroristen weitere Verluste zuzufugen. Die Hilfspolizisten beobachteten, wie die Terroristen, deren Umrisse sieb auf dem Hintergruiul der Elammcn scharf ahzeiclmeten, sieben Tote und Verwundete wegschafften. Militär, das heute morgen mit Polizeihunden ein- ,traf, konnte den Weg, den die flüchtenden Terroristen eingeschlagen hatten, nach den Blutspuren verfolgen. Die Familie Guttcrmann, die aus Rumänien stammt, wurde an dein Ort beigesetzt, an dem ihre Baracke gestanden hatte. Die Bevölkerung von Kirjath Charoshcth besteht aus 60 Familien. Arbeiter in Moza getötet Jerusalem, 22. Juli. (Palcor.) Izcliak Misräch'i (33 Jahre alt), der im Ziegelwerk von Moza bei Jerusalem als Arbeiter allgestellt war, wurde heute unweit seiner Arbeitsstelle von einem Arraber erschossen. Ueberfall bei Ramath Hakovesch Freitag morgen um 6.30 Uhr wurde auf das Lastauto, das 20 Arbeiter aus Ramath Hakovesch nach Kfar Sa ha zur Arbeit in den Orangengarten bringen sollte, von zahlreichen Arabern ein Ueberfall verübt, bei dem zwei j ü d i - sehe Hilfspolizisten den Tod fanden und sechs Arbeiter, darunter eine Frau, verletzt wurden. Die Terroristen, die von einem uniformierten Araber geführt wurden., eröffneten das Feuer von allen Seiten. Gleich die ersten Schüsse töteten die Hilfspolizisten Walter R o s e 11 t h a 1 und Daniel Levin (2(1 und 3(1 Jahre alt), verwundeten schwer riie Arbeiterin Pessia Schapiro (25 Jahre alt) und den 30jährigen Amselie! Steingart und weniger gefährlich die Arbeiter Cliaim Mir 11 aelsoti, Her! Goldmann und Seew Ben mosche, sowie den Chauffeur des Lastautos Mordecliai ,M ei!־.so 11. Die vier eskortierenden Hiifspoüzisten eröffneten das Feuer und töteten den Anführer der Terroristen und einen weitere» Araber. Verstärkungen, die aus den benachbarten Siedlungen herbeieilUni, schlugen die Angreifer zurück und fügten ihnen weitere Verluste zu. Walter R o s c n 111 a I stammte aus Deutschland und kam 1034 nach Palästina. Daniel l.eviu, in Wilna geboren, wand orte 1025 ein. Beide gehörten zu den ersten Siedlern von Ramath Hakovesch. Terroristen, die gestern nacht eine Gruppe jüdischer Hilfspolizisten in der Nabe von Haifa ,•!״griffen, wurden mit dem Verlust von sechs Toten vertrieben. Einer der Hilfs- Am 21. Juli abends Miel! Militär auf 4(1 arabische^Terroin einem < )iimilws von 1 iaii'a nach Tiln rias fuhren, der I) \ 'ן\\' V '! ״ s II \t I 1 I 1 ין | ' I t),11 der Dorfen in ein (iefangemmlager he! Tuikcrcin geschafft worden. Die hebräische Zehmig ״Da war" wurde von den Behört! 1• 11 für 11 Tage, bcgiiim ml Sonntag, den 21. Juli, wegen eines Artikels über die kur/liehcn Geschehnisse in Haifa verboten. Das Schicksal der Entführten von Giwath Ada Die drei jungen jüdischen Arbeiter, die am 23. Juni von den Feldern in der Nähe von Giwath Ada durch Terroristen entführt wurden, sollen nach einer Meldung des ,,Haare/" getötet worden .sein. Die Entführung erfolgte durch den Führer der arabischen Terroristen, .Abdul Rachint Haj .Muliaincd. Zwei der Fntfübrten wurden vor ein arabisches ״Gericht“ gestellt und zum Tode verurteilt, der dritte, erst 11 Jahre alte, wurde dem arabischen Terroristen Abu Dura übergehen. Nach den Berichten wurde zuerst angenommen, daii der Junge in die Berge entlassen worden sei, nach späteren Berichten wurde er jedoch auch getötet. (Fine Bestätigung dieses Berichtes steht noch aus.) Bomhenaftenfat In Tel Awiw Jerusalem, 23. Juli. (Palcor.) Ein arabischer Omnibus mit^ Angestellten, die mit den Yurme—uiigsarbeiten betraut Hub 11 1!1 Vu'-di.nheiJrcr )0 t'0|l! n (^<>11‘' d i c ' ”d n\'" g r’<. 1 Sc ’ ’ P;1 ni'k ' h c!wor r f c F. S!elaint Fenster stehen, so tut er seine väterliche Pflicht und sein Recht, wenn er dein andern mit einem Schuß zuvorkommt, und wir dürfen hoffen, daß ihm vergeben wird. Aber wenn er, weil ein Räuber in sein Haus einfiel und mordete und sich aus dem Staube machte, nun einen des Wegs ziehenden Dritten überfällt, nur weil er mit jenem gleichen Blutes war, was für Pflicht und was für ein Recht kommen ihm zu? Wir stehen auf dem Boden der wahren Verteidigung. Wo sie aber nicht möglich ist, was da? Da hält der Mann, dem es uin die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu tun ist, an sich. Er hat der Welt gezeigt, daß er sich zu verteidigen weiß; mm zeigt er ihr auch, daß er das Unrecht zu vermeiden weiß, — er zeigt ihr, daß es lebendige Wahrheit und lebendige Gerechtigkeit gibt. Und wenn die Welt sich nicht in der gleichen Stunde zu ihm stellt, die Stunde muß kommen, wo sie es tut. So an sich halten und so die noch andauernde Stumpfheit einer Welt ertragen, beides zusammen heißt Hawlaga. Wir sagen nicht, daß, der sie übt, ein ״Held‘‘ sei; aber wir sagen, daß lieben die wirkliche Stärke ist. Wir sagen auch nicht, — auch wenn er auf seinem Posten fällt, — daß er ein ״Heiliger“ sei; aber wir sagen, daß er ein Zeuge ist und imzerstörbares Zeugnis ablegt für die Wahrheit und die Gercchtigkeit unserer Sache. Es hat im Leben unseres Volkes wohl keine so schwere Heimsuchung gegeben wie die dieser Stunde. Und es hat darin wohl keine so harte Probe gegeben wie die dieser Stunde. ln solchen Stunden hilft einem Volk weder List noch Gewalt, sondern eines nur: mitten in der Heimsuchung die Probe bestehen und treu bleiben. Die Untreue hat begonnen. Reißt ihr die Maske der Selbstbehauptung vom Gesicht und erkennt sie als das, was sie ist: Untreue an dem jüdischen MeiiM'lien. an seinem Judentum und;111 seinem .Menschentum, Untreue an der Aufgabe, Untreue am Werk. Untreue an Ziel, Untreue am Weg, Untreue an der Bewegung, Untreue am Volk! Erkennt sie als das, was we ist und behandelt sie als das, was de ist! Nicht außen, sondern mitten! unter euch bereitet sich das eigentliche, das unüberwindliche Unheil, wenn ihr nicht Einhalt tut. Wahret die Treue! Wir könne״ nicht wissen, ob sie schnellen Lohn bringt. .Auel) wer die Probe bestanden hat, muß vielleicht auch dann noch, in der bittersten Pein, warten. Aber er wird leben. Und wenn die Ernte kommt, wann immer sie kommt, wird als die Einzige die Treue übers Feld gehen und ihre Garben sammeln. All dies sage ich an unser eigenes Lager und nicht nach außen hin. Mags von außen hören weis hört; die Ohren, für die es bestimmt ist, sind die des jüdisehen Menschen. Aber darüber hinaus ist ein Wort nach außen zu sagen. Wir tragen leid, tiefes Leid tragen wir, nicht nur mit unseren Verwundeten und den Hinterbliebenen unserer Gefallenen, sondern auch mit denjenigen arabischen Gefallenen, die getroffen wurden, ohne die Waffe gegen uns erhoben zu haben. Die Geschichte des Menschengeschlechts beginnt mit einem Brudermord und ist voller Brudermord; aber die Bruder liebe ist stärker als er. ״Wir“, habe ich gesagt. Ich weiß nicht, wie viele das ״Wir“ umfaßt, in dessen Namen ich zu sprechen wage. Aber ich höre im ganzen Land bange Herzen im Eintakt mit meinem schlagen, und ich weiß, daß uns zwar keine Formel und kein Programm, aber ein großes Gefühl und eine grolle Gewißheit vereinigt. Um ihretwillen müssen wir uns zusammenschließcn. Nicht zu einer Partei und nicht zu einem Verein. Aber zu einer kämpfenden Gemeinschaft. Martin B u b e r, Jerusalem

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