Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 59 (26.7.1938)
- Date
- 1938-07-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 59, 26. VII. 1938 J0DI5CHE RUNDSCHAU Seite 3 Herzl- und Bialik-Feier in Wien Von unserem Berichterstatter Ismar Elbogen Zu seinem Scheiden von der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Professor Dr. Ismar EI bogen verläßt am Ende dieses Somnicrscmestcrs das Haus, in dem er 3ö Jahre hindurch ge• lehrt hat, um i!1 Amerika einen Platz einzunehmen, an dem seine ganze Arbeitskraft der jüdischen Forschung zugute kommen soll, Nahezu vier Jahrzehnte hat •er -- am Collegio Rabbinico in Florenz, und dann hier — als Lehrer für Cieschichte in dem weiten Sinne dieses Wortes sich der Bildung und Erziehung ganzer Generationen von Rabbinern _ und jüdischen (ie r־־׳ .. ' lehrten hingegeben. Seine Schüler haben seinen Namen über die gan/e Erde hingetragen; er ist überall in der Welt, wo sich ein spezifisch geistiges jüdisches Leben regt, gekannt wie nur ganz wenige lebende Juden. Es sei hier nicht von seinem eigenen gelehrten Lebenswerk die Rede, nicht von seinen Bemühungen zur Aufhellung liturgicgeschichtlicher und allgemein-literarischer Z usa m m e n I! ä nge, a ucli nicht von seinen volkstümlich gewordenen zusammenfassenden Darstellungen jüdischer Gesaintge- Archiv schichte. Wir sind gewifi, daß der uncrmiidiiehe Mann, der nunmehr die Muße zu reiner Erkenntnis empfängt, der an diesen Dingen interessierten Welt noch vieles zu sagen hat. Wir wollen nur dem Lehrer, dem Organisator, dem Menschen danken, der in seltener Weise die Gäbe besitzt, mit Menschen umzugehen, dessen klare, aller Nebelhafigkeit abholde Persönlichkeit sozusagen wie ein Magnet des Vertrauens wirkt. Der Historiker Elbogen ist auch in seinem menschlichen Wesen Historiker. Unser jüdischer Lebensraum ist in Wahrheit die Enge, und die über die Welt zerstreuten Judentümer bilden ja keine Einheit, sondern sind je in sicli wiederum enge Räume. Den meisten von uns, die sich in diesen Engen bewegen, fehlt der Sinn für Proportion, die Einsicht in das, was möglich und nicht möglich ist. Daher unter uns so oft seltsam extreme Haltung•' ■lerische, kraftversclnvendende Kleinigkeitskrämerei im schmälsten Bezirk und Schwelgen in jveltwcitcn Perspektiven, für deren Erfüllung alle Bedingungen gegeben erscheinen, nur nicht die der Wirklichkeit. Von solchem Hintergründe liebt sicli Eibogen als klar Sehender ab, der nicht bloß vergangenes, sondern gegenwärtiges lebendiges Geschehen mit unbestechlichem Blick zu beurteilen weiß, der den voreilig und ergreifenden Stimmungen die Zucht eines bedächtigen, gewissenhaft abwägenden Verstandes entgegensetzt. Aber nicht, weil dem Erforscher und Erzähler vergangener Dinge die herzliche Teilnähme an gegenwärtiger Lebendigkeit und ihren Schmerzen und Hoffnungen mangelt, sondern gerade weil er aufs tiefste ergriffen für unser jüdisches Schicksal die realen Aufgaben und Möglichkeiten unserer Existenz scharf erfaßt. Er hat kaum je in den Tagcskaiupf der jüdischen Gruppen und Parteien eingcgrifferi. Aber alle diese Bewegungen hallen in seinem Geiste wieder, der überaus feinfühlig aut jede Regung des jüdischen Gesamtlebens reagiert. Elbogcn besitzt die erste Voraussetzung zum erfolgreichen Pädagogen: er vermag Menschen zu erkennen, mit dem Instinkt für Echtes und Unechtes. Er will sie erkennen, weil er wohlwollend ist, wahrhaft interessiert für die Personen und die Dinge, und sich darum müht, soweit er kann, jeden an den ilnn /״kommenden Platz zu stellen. Er ist sachlich um der Menschen willen, weil er hinter den sacliliehen Forderungen immer den lebendigen Menschen sieht. Er erschaut deutlich die Gegensätze und Verschiedenheiten, welche die mannigfachen Juclenheiteu der Welt voneinander trennen, und vermag gerade darum Brücken zu schlagen und Verständnis zu wecken, mit allen in ihnen eingehender Sprache zu reden. Er hat kein Bedürfnis zu glänzen, will nur arbeiten, dienen. Während der ganzen Zeit seines Schaffens in der J. R., Wien, 20. Juli Anläßlich der Wiederkehr des Todestages I I e r z I s und Biaiiks veranstaltete die Kultusgemeinde im Stadttempel einen feierlichen Gedenkgottesdienst. Die Gedenkfeier, die im Rahmen des Maariw-üebctes abgehalten wurde, war auch dem verstorbenen Mitglied der Jewish Agencv, Dr. f ischel Rotten streich, gewidmet. Rabbiner Dr. ftosnnnann sprach Worte des Gedenkens, worauf Oberkantor F i s c 11 e 1 das El niole rachatnim vortrug. Am Vormittag des 20. Tanimus fanden sich am Grabe Theodor Herzls am Döblinger Friedhof die Vertreter der Jüdischen Gemeinde, der Zionistischen Organisation, sowie sämtlicher zionistischer Institutionen Wiens zu einer stillen Andacht ein. Es war eine durch ihre Schlichtheit ergreifende Huldigung. Nachdem Rabbiner IJr. Babad das El mole rachamim gesprochen, verharrten die Teilnehmer längere Zeit in ergriffenem Schweigen am Grabe. An dem Orabgang nahmcjj teil: Der in Wien weilende Delegierte der Jewish Agency in Jerusalem, Mosche S c h a p i r o, der Leiter der Israelinsehen Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwe 11 herz, der Leiter des Palästina-Amtes, Dr. Alois Rothenberg, der gesdiäftsfülirencie Vizepräsident des Zionistischen Lamtcsverbandes, Dr. Eduard Pachtmann, sowie der Leiter der nationalen Fonds und Vertreter der ״Wizo" der ״Zionistischen Rundschau“, des ״Hechaluz“ und des ״Makkabi“. Nach Mitteilung der Auswanderungsabteilung der Kultusgemeinde konnten in der Zeit vom 11. bis zum 15 Juli 410 Personen mit Hilfe der Kultusgemeinde auswaiidern. Insgesamt hat bis jetzt die Auswaiiderungsabteihmg der jüdischen Gemeitide 3188 Personen zur Auswanderung verholten. Lehranstalt war er der Mittelpunkt, von 1.ehrenden und Lernenden selbstverständlich in dieser Stellung anerkannt, empfunden: in der Geschichte des modernen jüdischen Hochschulwesens bleibt sein Name unvergessen. Und der ganze Mensch in unseren Herzen, in denen der Schüfet wie der Lehrer. Wir wisset. .laß <i;<• ■ 1 •׳ remenmg gegenseitig sein wird, ja, mehr als Erinnerung, daß der Gedanke an das, die Sorge für das, was zum Kernstück seiner Lebensarbeit erwachsen, ihn auch dann nicht verlassen wird, wenn der Ozean zwischen ihn! und uns liegt. Max Wiener AbschiedsSeier für Prof. Elbogcn Die Scmesterschltißfeier, die die Lehranstalt für die Wissen- Schaft des Judentums am Montag mittag abliielt, war verblinden mit einer Abschiedsfeier für Prof. 1. Elbogen. Die Aula war mit Blumen geschmückt, und eine große Anzahl der Studenten hatte sicli eingefunden. Dr. Leo Baeck hielt dem Scheidenden eine warm empfundene Ansprache, in der er dieses Ereignis in größere Zusammenhänge einzuordnen suchte. Er ging davon aus, daß das IQ. Jahrhundert zwar in bezug auf die Bildung eine Erweiterung des jüdischen Gesichtskreises viel bedeutet hat, daß es jedoch, jüdisch gesehen, im. ganzen eine Verengung des Lebens war. Die Gassen des Ghettos iin Mittelalter jedocli führten, wie es Dr. Baeck forniulierte, in den Kosmos. Die Ländergren/en waren keine Schranken im gemeinsamen jüdischen Gedankenaustausch. So wie damals dem Juden die Ferne auf diese Weise zur Nähe werden konnte, so lernen auch wir wieder in dieser Zeit diese Musik vernehmen, die die Ferne zur Nähe macht. Die Wanderiing von Juden aus Deutschland hatte aber auch eine zweite Bedeutung für die jüdische Welt: sie waren es vornehmlich, die die Gemeinden aiifbautcn und die L e I! r - 11 ä 11 s er schufen. So ist der Abschied Prof. Elbogens, in dieser geschichtlichen Kontinuität gesehen, ein neuer Anfang für weiteres jüdisches Wirken. Mit Nachdruck betonte Dr. Baeck, wie die Formung des Gesichtes der Lehranstalt in den letzten Jahrzehnten wesentlich das Werk Elbogens war, und aus dieser Leistung heraus bleibt er für immer mit der Anstalt verbunden, deren Wünsche ihn in seine Zukunft begleiten. Prof. Elbogen dankte mit wenigen, bewegten Worten für die Ehrungen und hob hervor, daß seine Verbundenheit mit der Lehranstalt, der er den größten Teil seiner Lehensarbeit gewidmet habe, stets bestellen bleiben werde, ln Die von der Kultusgemeinde errichtete Beruf sbera• t u 11 g s s t e i I e für B c r u f s a 1! s b i 1 d 11 11 g 1! n d U m - Schichtung hält gegenwärtig 77 Kurse mit rund 1200 Kursteilnehmern ab. Weitere Kurse für Servieren, 1 lotclwcsen, Landwirtschaft, Traktorenfiilirer, Gymnastik und moderne Orchcstcrmusik sind in Vorbereitung. Der Landesverband ״I i e c ii a I u /", der kürzlich seine neuen ßüroräumc in der Sterngasse im 1. Bezirk bezogen hat, hat dortseihst eine Reihe von Abteilungen für t iachschura, Alija, Handwerker errichtet. Die Arbeit der Orgauisations- Mitei’img, der die Lrfassiing der zahlreichen neu liin/ukommenden Mitglieder obliegt, geht in raschem Tempo vor sich. Der Heclialuz konnte in seinen I leimen im '20. und im 2. Bezirk eine ausgedehnte Vortrags- und Kurstätigkeit aufnelimen. Bis jetzt wurden infolge der engen räumlichen Verhältnisse lediglich 300 Mitglieder in acht Gruppen und zwölf Hebräiseh-Ktirsen erfaßt. In allernächster Zeit werden die Mitglieder der anderen Bezirke in den dort gelegenen Heimen des Zionistische׳( Landesverbandes u itei geh acht werden. Audi im Prater soll demnächst ein Heim eröftnci werden. Die Vorarbeiten zur Hadiscliara sind vom llechaluz soweit gedielten, daß mit der Unterbringung von 30!) Ißt) (llialiizim 11 och iin Laufe dieses Monats gerechnet werden kann. Die I laclischara ist teils in landwirtschaftlichen, teils in städtischen Werk- Stätten-Betrieben vorgesehen. Selbstverständlich sind auch zahlreiche U in s c h 11 I u 11 g s k 11 r s e geplant, die von der Handwerkerabteilung des Ileelialuz errichtet werden sollen. Die Fachkurse für Flcktrotorhnik, lietallation, Schlosserei, Schmiede Ankerwiekelii, Anstmchen. Scliikiemialen, Zusdmeidem und Weißnähe״ stellen unmittelbar vor ihrer Fröffming. Der ״I leclialuz" hat gemeinsam mit der ״Wi/o״ eine größere Anzahl von Mädchen zwecks Au-diiMimg in landwirtschaftlichen Schulen für Palästina ausgewählt. s c 11 a f t d c s' j 1! (i (111 11 m s I c 1) c n s n ii 11 e zu gehen und Kuratorium und I)ozemeiikollegium geherrsdit 11ahe um! die eine freie Forschung erst ermöglicht habe. Fr \\1m-che der Anstalt, daß sie in Frieden mul weitem Harmonie' ihre Tätigkeit fortfiihien dürfe und daß recht vielegeistige Notizen aus Holland Von unserem Berichterstatter PL. Den Haag, 23. Juli fn .Amsterdam starb im (11. Lebensjahre der Sozia!- Hygieniker Louis 11 e v e r m a!1 s. Der Verstorbene, ein Bruder des bekannten Dichters und Schriftstellers I ferman Heyermans und der Malerin Marie De Roode-Hcycrnians, hatte seine Laufbahn als Arzt am Niederländischen Israelitischen Krankenhaus in Amsterdam begonnen und war iin Jahre 1010 zum Direktor des Gesundheitsdienstes der Stadt Amsterdam ernamit worden. Hier hat er sich bis zu seinem Ausscheiden auf Grund der Altersgrenze, das am 1. Januar d. J. erfolgte, außerordentliche Verdienste um die Reorganisierung und Modernisierung des Amsterdamer städtischen Gesundheitswesens erworben. Seine großen Verdienste wurden bei seinem Ansscheiden aus dem Dienst durch die Ernennung zum Offizier im Orden von Oranje-Nassau gewürdigt. Die Niederläiuliscli-Zio i tische S t ud ent en orga 111־ sation feierte ihr sechstes Jahrfünft in Blaricum. Beim stark besuchten Empfang wurden von den Vertretern der verschiedenen Organisationen Ansprachen gehalten, in denen die Bedeutung der Studentenorganisation gewürdigt wurde. Der Jüdische Franc n rat in Holland hielt in diesem Jahre seinen Landtag im Werkdorf Wieriiigcnncer. Der Leiter des Werkdorfs, Katzeneis״״, hielt ein Referat über die Arbeit der Ausbilduiigssicdiiing, dem eine Besichtigung folgte. Dr. Fmil Bernhard Colin sprach vor de- Kontaktkommission 11er aufjiiliriing von Stefan Zweigs .,Jeremias ׳wtatt. In der Milstein Tschaikowskys Vio’inkon/ert. I'raiu Oshom spielte I.is/ts Klavierkonzert in A-dur und die Klavierpartie in Stravinskys ״Petni-chka״. ״Musica Ebraica“ Die erste jüdisdie IMusik/.citsdirift Die erste jüdische Musik/eitschrift ״M 11 s i c a Ebraica“ (Heft 1 2; Jerusalem 1938) ist erschienen. Sie wird von Dr. Salli Levi, dem Begründer des ״Weltzentrums für jüdisehe Musik“, herausgegeben und von Hermann Sw et redigiert. Swet spricht in seinen Geleitworten von einem ״Kibbuz Galujot“, von der Sammlung aller in der Welt zerstreuten Kräfte, ein Ziel, das zu erstreben die Anspannung aller Berufenen wert ist. Die erste Nummer der Zeitschrift (hebräisch, englisch, deutsch) bietet in ihrer Anlage, ihrer Auswahl der Artikel, in dem Abtasten der anzuwendenden Arbeitsmethoden das Bild eines wagemutigen Beginnens. Die von der Redaktion inaugurierte Arbeitsweise ist vorerst die, in der freien Ausspräche aller Mitarbeitenden die Maschinerie der musikwissertschaff!iclicn Forschung einlaufcn zu lassen. Dr. Erich Wern er (Breslau) sucht über den Begriff ״Jii- «fische Musik‘‘ Rechenschaft zu gehen. Seine Ueherlegungcn zielen auf den Kernpunkt des Problems, nicht so sehr auf das ״Was“ wie auf das ״Wie" in der jüdischen Musik. Die jüdische Melodie erscheint ihm unfertig, in ständiger Wandlung begriffen. In der Ermittlung des ihr innewohnenden Agens erhofft sielt Werner das Feld fruchtbarer Forschungsarbeit. Einen Ausschnitt aus den rein substantiellen Bezirken der jüdischen Musik behandelt Joseph Yasser (New York) in aufschlußreichen .Mitteilungen über die Praxis der Harmonisierung jüdischer Melodien vornehmlich pentatonischer Struktur. Yasser greift auf die Erkenntnisse zurück, die die Arbeit von Jakob Schott borg (192(1) über den pcntatonischcn Charakter der ascfikenasiselicn Negiiioth, weiterhin die Fest- Stellungen von Herbert l.üwenstein über die Rcuchlinschctt Akzeiitüberlieferungeu (193(1) ermitteln. Er sieht in der hältiigen Verwendung derartiger Kantillatioiiseleineiite in Werkeil moderner Komponisten (Bioelt. Rosowskv, Acliron, Ephors, Binder, Saminsky, Weinberg) das Merkmal einer spezifisch jülisch ausgerichteten Kompositionsmanicr und findet seine Theorie der Zweikläitge konsonanter und dissonanter Natur in pentatonisclieu Klangbild der angeführten Beispiele vollkommen bestätigt. Arno Nadel berichtet von einer in seinem Besitz befindlichen Sammlung jüdischer Melodien, einem Sammefwerk des Jchuda Elias, das die Jahreszahl 1714 trägt. Nadel nennt es seiner Herkunft nach das ״Hannoversche Kompendium“. Das Alfer dieser Sammlung ist für die Forschung von hohem Wert, wenn auch die Zeit, in die das Werk fällt, das 18. Jahrhundert, bereits eine bedeutsame Ausbeute durch die Auswertung einige Jahrzehnte jüngerer und umfangreicherer Sammelwerke von Aliron Beer ti. a. in der Forschung von Idelsohn erfahren hat. Die in der Zeitschrift und an anderer Stelle von Nadel angeführten Beispiele gehen erneut Beweis für die Vorherrschaft des damaligen Zeitstils in der jüdischen Musik, für die fast stereotype Wiederkehr barocker Sfilcigenheiten, die damit verbundene rhythmische Abänderung des etwaigen traditionellen Materials durch gleichmäßige Taktgliederung usf. Nadel zitiert als wertvollstes Stück der Sammlung das Notenbeispiel des ״Ne’ila Kaddisch", von dem schon in der Beer-Sammlung zwei Versionen aus der gleichen Zeit überliefert sind, darunter eine von Michael Chosid (Rabbiner in Berlin 1714—28). In diesem Stück ist bei der ausgesprochenen barocken Stilumprägung die traditionelle Urform noch gegenwärtig; sie deckt sich mit der heutigen aschkenasischen, besonders aber mit der ostjüdischen Weise. Verblüffend aber erscheint der unverfälscht ukniinischdorische Charakter in der ersten Hälfte der Kanfillatioii, eine Tonart, die seihst im ostjiidischeu Synagogengesang von heute nicht häufig anzutreffen ist, sicli hier aber als ein Faktum auswirkt, das die starke Beeinflussung des Chasonus durch Chassanirn aus Polen und der Ukraine belegt, die nach den Pogromen (1648—GO) nach Deutschland kamen. Es ist wiinschenswert, daß Nadel das vollständige ״Kompendium“ derOeffentlichkeit nun bald unterbreitet. Einen cssayhaftcn Ausschnitt aus dem jüdischen Musikleben in Südfrankreich liefert Dar i 11 s M i I 11 a 11 d (Paris) mit einem Artikel über ״Jüdische Musik in Comtat-Venaissin“, der den Melodienkrcis Cremietix (1885) berührt. Ein reizvolles Initial zu diesem Artikel ist das Faksimile eines Milhaudschcn Manuskripts, ein im Begleitpart des Klaviers klanglich .aufgetupfter Gesang von Roschhaschono ״Adonaj bekoi scliofar“ aus der ״Liturgie comtadinc“, eine durchaus orientalisch, nicht jüdisch einzuschät- /ende Litanei. An die Seite der Zeugnisse jüdischer Tradition treten die Schöpfungen moderner Komponisten, in denen um einen eigenett, bewußt jüdischen Ausdruck gerungen wird. Einest Bloch, Ekstatiker, ein Born an aufwühlender Expressivkunst, wird von Mary Tibaidi Cliiesa. (Mailand) als d e r jüdische Komponist angesehen; große Liebe zu seinem Werk diktiert ihr den Einsatz für diesen Meister, der in London durch die Gründung der Blocligcsellschaft, durch die Auf füllrung seiner Werke in diesem Jahr spontane Anerkennung gefunden hat. Paul Dessau, von dem der Textdichter seines Chorwerkes ״Hagada“ Max Brod (Prag) einen Bericht bringt, wie die ״Hagada“ entstand) steht als der jüngere, in den Ausdrucksmittein gestraffter, sentimentloser rieben dem Komponisten tles ״Awociat hakodeseh". Brod glaubt an das jüdische Erlebnis der Dcssatisdicn ״Hagada״ ebenso wie Lrieh Waller Sternberg in dm־ Linfülirimg zu seinem ()!־ehesterwerk ״Die zwölf Stamme Israels״, Thema mit Variationen, davon durchdrungen ist, in diesem Werk mit den Mitlcin einer großgespannten Architektur die Gestalt des jüdischen Volkes zu symbolisieren. Frust T o e 11 stellt in der | ubilarbcirachtiing Nicolai I 0 p a t 11 i k ״ f f s (I omloii) anläßlich seines 30. Deiiurtstags außer der Reihe. Sein Werk 1-1 mein auf spezifisch Jüdisches ausgerichtet, es kündet von hoch (liegendem Genius, von der fruchtbaren unversiegbaren Schaffenskraft dieses jüdisehen Musikers. Hier wirken die Argumente der hohen Kunst für sicli allein, die gleichen, die Dr. Heinrich Simon (Tel Awiw) in einem Artikel über das ״Palästiiiaoreliestcr“ für dieses Orchester als Sprachrohr wahrer jiicli-clier Ktmstgesin- 111111g in Anspruch nimmt im Sinne seines (irimders Bronislaw Huherinan. Nicht weniger haben die Ausführungen Dr, Karl Salo 1110 11s (Jerusalem) filier den palästinensischen Rundfunk, der aus einer vorsichtigen Beurteilung der jüdischen Musik heraus den Weg zu ihr mit der Sendung originalbesetzter orientalischer Musik in hebräischer Sprache ebnet, in einer Weise, die, vollkommen konzessionslos, auf eindeutig erzieherisch atifbauende Wirkung abzielt. Abseits von all diesem an die große ()Öffentlichkeit dringenden Geschehen wild still und emsig an dem Fundament der zukünftigen jüdischen Musik gearbeitet. Frau Dr, Edith G e r s o n - K i w i (Jerusalem) berichtet über das Archiv des Forschungsinstituts für orientalische Musik an der Hebräischen Universität Jerusalem unter der Leitung Dr. Robert Lach• manns, eines der bedeutenden Pioniere der jungen verglei* eilenden Musikwissenschaft. Jerusalem, Sitz des Archivs, ist das offene Tor zum Orient, das gerade heute das Material für die wissenschaftliche Arbeit in leichtester Form erreichbar macht. Edith Gerson-Kiwi betont, daß die Forschungen in letzter Stunde vorgenomnien werden, da die vordringettdc Europäisierung des Orients das kostbare Material zur allmählichen Auflösung verurteilt. — Die Diaspora wird in einigen Artikeln von Dr. Anneliese Landau (Berlin) über ״Jakob Schönberg“ als jüdischen Komponisten von Dr. Oskar Gutt mann (Ber- Iin) über den jüdischen Musikkreis in Deutsehland und von Dr. Mosco Garn er (London) über den Englands behandelt. Als bedeutende Persönlichkeit wird von Carner Samuel Alma n (London) herausgehoben. Ein weiterer Bericht über London spricht über den Anteil, den das jüdische Element im dortigen allgemeinen Musikleben hat. Dr. J.Sch,