Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 58 (22.7.1938)
- Date
- 1938-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 58, 22. VH. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 3 Gedichte / Von Andre Spire (Uebertragen von Alfred Wolfenstein) Von dem wohl bedeutendsten jüdischen Dichter Frankreichs, der in diesen Tagen anläßlich seines Geburtstages geehrt wird, bringen wir hier einige Uchertragungen seiner Gedichte. Sein Werk umfaßt im wesentlichen die Versbücher ״Poemcs Juijs“, ,J’ticmes de Loire", ,,Instanls"; das Prosabuch ״Refuges״; das Drama ״Samagl". Die hier übertragenen Gedichte sind 1919 erschienen. Sehr früh hat sich Andre Spire zum Zionismus bekannt; er hat in der Dreyfus-Affäre für das Judentum gekämpft; und heute dringt sein Leben und Dichten immer tiefer unter die Oberfläche der Probleme einer schwierigen Zeit. Zugleich beschäftigen ihn Fragen der Kunst, der Form, von hoher ästhetischer Warte aus, er ist ein Beherrscher und Kenner der französischen Sprache wie wenige. Die ungewöhnliche Frische dieses Kopfes und Herzens weiß die Liebe zu seinem Geburtslande mit der Liebe zur gesamten Mensehcnwelt, das Gefühl der Zugehörigkeit zum Volke seiner Heimat mit der Zugehörigkeit zu seinem jüdischen Volke mit solcher Harmonie zu vereinen, wie es vor allen wohl einem Dichter gelingt. Er ist ein Vorbild, ein Bekenner in der vordersten Reihe, dessen Gesicht und Wort herüberlcuchlcn in die Gegenwart, aus einer weniger bedrückten, doch vorsorgenden Generation. Seine nicht mit Reimen beschwerten Verse, die Mut und Schönheit atmen, wenden sieh auch durch ihre Form gegen jede Konvention, A. W. Jüdische Träume .,Welche Asche streunen sic auf deine Augen, Deine greulichen Bücher! Ich komme heim, die Hände voller Blumen für dein Zimmer, Du lächelst nicht, du küik mich nicht.“ Heut abend werden deine Blumen verdorrt sein. ..Ich will ihre langen Stengel erfrischen 1 וו meinen teuren Vasen aus Kristall. ^i011 doch die Nelken in dem klaren \Va».-er. Dir .schwimmenden Blätter. Lichter und Widerlichter.“ Liebste, wie zerbrechlich sind deine V3>en. Vlolcttc'*Anemonen jenes alte Bild erhöhen." Deine Kupferstiche werden schon morsch und deine Bilder. ,.Doch verschleierte Pupillen, doch schwere Lider Sind aufcrlcgt deinen trüben Augen Von deinen erblindeten Ahnen! Laß mich die flüchtigen Dinge lieben.“ Gehemmte Gedanken bergen die gefesselten Traume nicht! des Zeltes ״Dil meintest >ic zu lieben, die-c Dinge des Augenblicks, AL du. verzweifelt, vom Volk dich bombend. Karmt zu meinen!landen, sie flehentlich zu küssen, Lin gegen die dumpfen Klagen der Men.-chcn Die Wand meiner Bänder und Blumen auizurichten. Xun aber hast du untern Schutz verdorben! Horch, cs dringt von neuem Ihr Jammern hierher.“ Ocifne den Idiigcl, laß fließen deine Seele, Orcile die schrillen, (lichten, schluchzenden Akkorde. Durch meine reinsten Sinne nimm meinen Leib und Seele, Während ich. den brennenden Kopf in den Händen, Vergehe im Abgrund der Tone. *־- Deine!Iändc beben, sic halten an? Du schweigst. Schlage doch die ernsten Akkorde an, gleich Glocken. 0״ mein Liebster, öffne die Augen! Unser Zimmer 11111t sich mit der schmerzlichsten Menge! Sieh die (Unteren Augan, die aufgelösten Gesichter, Die mageren Hände, die fiebrigen. Liner nach dem andern tritt ein. die Köpfe senken sich, Sie weinen, de lauschen, sie lauschen wie du. Sie sind sanft, sind stolz, kommen von überall her. Manche sind gut gekleidet, manche sind Arme. Aber keiner erscheint als Herr über die andern!“ O meine Brüder, meine Freunde, meinesgleichen! V 01k ohne Kerbt, Volk ohne Boden, Nation, der die Fußtritte aller Nationen Die Stelle des Vaterlandes vertreten: Gegen euch kann keinerlei Zuflucht mich bergen. Euch beruhigt man nicht, indem man in den Straßen Mächtigen Aufputz vodühit, Luch beruhigt man niclu, wenn man die Auffahrten der Paläste, Wenn man dir durch Reiter mit Rolbclnveii am' Helm Theaterkarten sendet oder violette Bändchen. Mit euch bin ich .stark, ich bin sicher mit euch. Nehmt mich, träumen wir zusammen, sprechen zusammen Von dem zcrstöiten Tempel, den wir immer lieben. Und schreien wir durch die dem Fleisch geweihten Welten Un-rc Hoffnung auf Gott, der uns so sehr verließ. Daß w ir nicht mehr glauben, — unsre unzerbrechliche Hoffnung. An die jüdische Nation (Geschrieben im Juni 1918) Isra-el. Hat dir' zugc־.prochcn: Israel, Du hist noch würdig zu leben, Deiner Vater Land wird dir zurückgegeben. In allen Ländern der Erde Stimmst du zu. Dennoch zögeret du• aufzubrechen. Viele teure Bande gib cs zu zerreißen! Ist dies das Lndc des Exils oder sein neuer Beginn? Du kanntest Elend und Schmerz, Aber warst g:oß in deiner Niedrigkeit. Denn du zogst Schlage dem Vergeben vor Nicht erst seit einigen kleinen Jahren, Sondern achtzehn jahrliundcilc lang Ließest du die Fahne! der Eriunciung flattern. Trotz der Kerker und Scheiterhaufen und Foltern, Ja *ogar trotz der Verachtung ringsum Blich.-!. du dem Hoden treu, aus dem man dich geri-sen, Und seinem rauhen Gectz. Mag cs Reiche und Arme auch bei dir geben. Da-» immer die verdorbenen Glieder absehnitt, Die durch zu große Erfolge faulten. Hast du nicht frische Arme. Um auch die sandigsten Wüßten In fruchtbare Gärten zu wandeln? Hast du nicht Geist genug, Um den neuen Exodus zu führen, Mit ii'uHiibarcm Ecib, keuschem Geist, strengem Recht, Doch ein Volk, so gereift, auf den Straßen der Welt,!•)instmab als Greuel betrachtet. Aber auch vciliehie junge Männer und tanzende Mädchen, Fete Stirnen, tapfere Hände, Deine Schönheit, I>racl! Jüdische Kunst in Paris Von Rahel Wischnitzer-Bcrn stein In einem Kreise, der der Jüdischen Enzyklopädie, die hier jiddisch hcrausgegeben wird, nahesteht, wurde die alte Frage aufgeworfen: Gibt es jüdische Kunst, was ist jüdische Kunst? Gibt es Kunst ohne Scholle, so muß sie etwas Eigenes schaffen. Itn jetzigen ״Salon des T u i i e r i e s“ haben sich recht viele jüdische Künstler eingefunden, hiermit eine Gelegenheit bietend, den jüdischen Beitrag als Gemeinsames zu werten. Man hat im Hinblick aut die ausländischen Künstler, die in Paris arbeiten, den Begriff ״Ecolc de Paris“ geprägt. Was .die Pariser Schule im weiteren Sinne bedeuten kann, zeigt Max Band mit seinem großen Gelttälde ״Vorbereitungen zur Hochzeit“, das in der Tagespresse reproduziert wurde und zu den Schlagern der Aus- Stellung gehört. Wie ist liier ein folkloristisches Sujet aufgelockert, wie geschickt die Klippen des Konventionellen umsegelt. Die Braut allein unter der Cltuppa, umgeben von Frauen und Musikanten, ein kleiner, echt ״Hämischer“ Junge im Vordergrund, hinten gelbes Feld, Himmel, schiefe Hütten. Kein Detail nimmt das Auge gefangen, es gleitet ruhig über das Ungefähr der Zeichnung, die!teilen irisierenden Farben. Ein zarter Hauch versonnener Trauer liegt auf den Gestalten. Mancher wird sich an die massivere, brütende Schwermut der Jngendtagc Bands erinnern, die heutige Atisdrttcksweise ist a'bgeschlcifter. M anc K a t z stellt einen ״Sabhata! Zew׳“ hin, in gelbem Kostüm, eine Art Pascha, den weiß-schwarzen Gcbetmantel um die Schultern, mit seiner jungen Braut tanzend, diese rothaarig, nackt, auf rotem Grund. Es ist ein großes Gemälde in Hochformat, von problematischer Wirkung. Die gute solide Malerei, die die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte verarbeitet hat, ist in den zwei Landschaften Eugen Spiros und in seinen beiden Porträts zu erkennen. Mit einer feinen, zarten Hafcnlandschaft und einer meisterlich ״hingesetzten“ sitzenden Frau führt sich Dreyfus-Stcrn ein. Victor Tischler erfreut durch edei und groß geseltene Formen eines Gesichts, eines Stillebens. F. El. M ii 11 - sam bleibt einer etwas überholten, kürzlich noch so kühnen Formel treu, die er recht gut repräsentiert. .Raymond Kanelba zeigt einen Frauenkopf, fahlgrati mit blaß Rosa und etwas Gelb und Hellrot. Die gleichen Farben mit Graubraun gebunden bezaubern in den ״Zwei kleinen Mädchen‘‘. Man denkt an die l.aurencin, aber das hier ist keine Spur gespielter Naivität. Die beiden Bilder bestimmen in hohem Maße das Gepräge des Salons neben Klein dramatisch bewegten Vlaminck, dem stillen, unbekümmerten Utrillo, dem tüchtigen Otlion Friesz, den schon altmeisterlich wirkenden dekorativen Kompositionen der Suzanne Valadon. Was ist 111m Pariser Schule? Schwer zu bestimmen, denn Paris seihst bedeutet heute so viele Wandlungen des Erlebens. Fs ist schon lange nicht mehr das Paris der Suzanne Valadon. Impressionismus, Expressionismus sind überlagert. Tiefere Schichten gelangen an die Oberfläche. Und auch die jüdischen Künstler repräsentieren mehrere Etappen der Sensibilität und der Sehweise. Paris modelt sie um, aber es ist nicht immer das gleiche Paris, und nicht Paris allein, dem sie gehorchen. Sorgen wir dafür, daß sie auf uns hören. Unter den zahlreichen Keramiken im Salon fallen die figürlichen Gruppen der Jane Le vy auf, die in der Manufaktur von Sevres ausgefiilirt sind. Sie sind von bez.auherudster Gelöstheit der Komposition und sehr zarter Tönung. Es sei bei dieser Gelegenheit der in Sevres gebrannten Figurinen von Ryback gedacht, seiner letzten Schöpfungen, die in der Welt verstreut sind. Manche sind nach Amerika gewandert. Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wllmersdorfer Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe II Einer nadi dem anderen, heimlich ... Von C h ״ j i in N a c h m u n 15 i a 1 i k Den d (Wir haben anläßlich Hialiks Todestag■, in Sr. St! der ,Jiid. Rundschau“ eine auiobiogruphis. /!׳• Schild( nmg der Kindheit des Dichters veröiicnllicht. In d-m corslcliendc.1 Gedicht hat der alternde Dichter in einer Stimmung der Resignation michmals die Kindertage hcruuibeschwnrcn. llrnscrs erstmalige Vebcrtragung versucht, den hebräischen Rhythmus wieder■ zugeben. — Red.) Aus Berthold feiweis Nachlaß Auf ßialiks Tod / Aon Sch. Schalom Das nachstehende Gedieht erschien am Tage des Begrabnisscs in einer palästinensischen Zeitung. Sein Verfasser ist wurde von Berthold ׳Fciwvl gedichtet und hal sich in seinem Suehlaß vorgejlinden. ■Sic wird hier zum erstenmal veröffentlicht. (Red.) O spredd es nicht aus, das Wort: ,,Tot!" O ruft nicht zum Andern: ״Vorbei!" Das Wort, fliegt es aus, kein Gebot Holt je es wieder herbei. O hebt nldü die Stimme zum Schrei, Daß kein Echo verdopple den Hall, Daß nicht Wissen noch Zeugenschaft sei, Auf Euch nur, in Euch ruh' es 0111 Labt uns llehend beschwören: ״Er leb!!'1 Und ,.Ja" inbrünstigen Schrei’s — Vielleicht, daS vom Schlaf er sich hebt Und Gott lfichell: ,,Amen — so sei's". ....iiiiiiiiiimiiiinmiii.....1!1111111111111111111111111m11mtm1111111111m Morris SdiM artz in London Von unserem Bei k htc! Mal (er J.M. London, Mitte Juli Die diesjährige Londoner jmh-che 'I IteaUrsaNon hat zwei sehr grolle Erfolge zu Iniclieii. 7,11 dem der ..!labima" in der letzten Whiteispici/cit gesellt mcIi 111:111111111 der außerordentliche Erfolg des New-Yoiker J!ddi:• Jicn kuiist-Thealers“ wird hier Ni . Unciii UVsV-1.;1d-Tlieater äci Uu-ÖiTiiuftem in"der״Titelroile gespült. '711! Ne"tnun ' der' i l.unl'limV' stehen die zwei rivalisierenden Bnieler Aschkcii.tM und 1.11 Hintergrund mit ihren Juden, Arbeite! 11 und 11 iii-diern, Imiustrkköni 111׳ und Chassidim — ein buntes Mosaik voll Dynamik uiid ’draniatisc 11er Spannung. Schwartz’ Versuch ist zweifellos ein gewagter, dennoch gelang es ihm in 17 knappen, fein durchdachten und szenisch einprägsamen Bilden! den. Zuschauer zu pieken 111111 ihm die Atmosphäre jener mit soviel Konfliktstoff!.׳eiadenen und sozial aufgewühlten Zeit zu vermitteln und die persönliche Tragik, die im Untergänge der beiden Heiden, der Brüder Aschkeuasi, gipfelt, aufs stärkste erleben zu lassen. Allein Schwartz ist nicht mir rin großer Schauspieler, sondern ebenso ein Meister in der Darstellung von Massenbewegungen, die er voll Spannung vor unseren Augen abrollen läßt. Im dramatischen Zusammenspiel zeichneten sielt besonders aus Atorris Schwartz als Ssiincha Meir Aschkeuasi und Samuel Golden borg als der zweite Bruder Jakob Bunin! Aschkeuasi. Daneben sollen noch einige ansgezeichncte Darsteller des Stückes erwähnt werden, wie: A. Teitelbäum als Heinz Huntze, M. Silberkasten als Cliajim Alter, Isidor Gastier als Ahraham Hcrscli, i. Birnbaum, Ben J a c o b 11. a., und von den Darstellerinnen in erster Linie Ljuba Kadizon als Dinah, Ester Zcvkinn als Pereie und Lisa Silbcrt als Priwe. Die Musik zu dem Stück s.ainmt von Verdina Sch lonsky, der Schwester des palästinensischen Dichters Schlonsky. Die Aufführung von ״Brüder Aschkeuasi‘* hat eine begeisterte Aufnahme in der englischen Presse gefunden. Es ist charakteristisch, daß der Theaterrezensent der ״Times“ sogar empfiehlt, Jiddisch zu erlernen, um den Vorgängen auf der Bünne besser folgen zu können. Hausfrau! Jetzt die Augen auf: Grünfeld-Sommer-Schluß-Verkauf Vom 25. Juli bis (». Auffust Landeshnier Leinenand Gebildweberei F.V. Griinfeld Leipziger SiraBc 2022־, Kariürslendamm 22? * KOLA Hohe Strafte??9?־