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Jüdische Rundschau · 1938-07-19 · Heft 57 (19.7.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 57 (19.7.1938)
Date
1938-07-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
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S4ite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 57, 19. VII. 1938 Meine Kindheit / Von Chaitn Nadiman Bialik Diese autobiographischen Solizen sandte der damals dreißigjährige Dichter im Jahre 1903 an Dr. Klausner auf dessen Bitte um Veberlassung von Aufzeichnungen über Bialiks Lehen. Im ״Ssefer Bialik", das za des Dichters tf\. Geburtstag erschien, ist dieser Brief hebräisch veröffentlicht. Anläßlich der einten Wiederkehr von Bialiks Todestag am Jf.Tammus (29. Juli) bringen u׳ir diese Aufzeichnungen hier in deutscher Uehcrsetzung. (Red.) K i »c hi nc vv, im Tamnius 5603 Bis zu meinem sechsten Lebensjahre wuchs ich im Dorfe Rady (Kreis Wolhynien) auf, einem Orte, umgeben von stillen Wiesen und Wäldern, voll verborgener Schönheit einer schlichten, doch reizvollen Landschaft. Dort empfing ich die -ersten Eindrücke von Natur und Welt. ln meiner Kindheit war ich oft voller Wachtrilumc. Als ich sechs Jahre alt war, übersiedelten wir nach Schitomir. Dort lebten wir in unserem neuen Hause in einer der Vorstädte, die einem Dorfe glich. Ich kam Sn den Cheder und lernte Chumeseh, Raschi und Tehillim. Das kleine Haus de« Rabbi stand zwischen Sundhügcln auf einem Abhang, und es drohte jeden Augenblick zusammenz.ufallcn, in den ״Abgrund" hinab. Drunten im Tale sprudelten kleine Quellen au* * den Bergen hervor, sie rauschten, rieselten und nährten die Phantasie mit alledem, wovon die Tehillim erzählten, die wir des Sommers unter freiem Himmel, im Schatten eines Baumes lernten. Mein Vater ernährte vielt kümmerlich von seiner Schenke, die er für die vorbeiziehendon Bauern eröffnet hatte. Dieser herahw ürdigendo Erwerb Bedrückte ihn schwer (so oft er den Bauern das Schnapsglas Killte, - immer waren seine Augen noch vergraben trn ,.M i»rhnajot“■Loliniiten, der stet» vor ihm Ing), dieser Beruf war ihm qualvoll. (Zuvor hatte ex «1inen 11ol/handel und eine Mühle nrtrielx'n.) Ich war etwa siebe1. ״ allrc alt, als mein Vater starb, und meine Mutter muh in (bis | btus meines Großvater» brachte, der in einer anderen Vorstadt von Schitomir lebte. Mein Großvater war ni< 11t übermäßig entzückt von diesem ״Ge• schenk", das ihm an seinem Lebensabend ״beschert‘‘ wurde, doch, da kein anderer \u«w cg war, ,.st hickte er sich in sein Los*‘. Er erzog mit h in seinem i lause, pflegte midi nach seiner Weise auf (ireisenurt. besonders wachte er darüber, daß ich cs mit der (in! (esfür! ht Igkeit haargenau nähme. Er, der greise \ltc, pedantisch und den ganzen Tag dem Irommcn Studium der Schritt hmgegeben, und ich, ein kleiner Galgcnstrit k, von Notar aus zu allen Streichen aufgelegt, - cs war nur natürlich, daß wir uns sehr schwer vertrugen. Jeder ,,Mclanu'il", zu dem mein Großvater mich in die!,ehre s, hickte, beherrschte mich mit ״starker Hand“ und vergällte mir das Leben. War ich auf eine Telegraphen- Stange geklettert; Prügel, -- war ich auf dom Eise geschliddert: si hvvere Prügel, - hutie ich, wie ein Hahn, des Nachts vom Diu h herab gekräht: Mord und Totschlag! — Nichtsdestoweniger rissen snh die I,obrer aus dem Cheder danach, den ״Enkel des Rabbi Jakow ־Mosche‘‘ zum Schüler zu haben, denn: so groß ich als ״Gassenjunge“ war in meiner l.ümmelhaltigkcit, .so groß war ich mich in meiner Eigenschaft als Toraschtilcr, st hart' und spit zfindig. In den ״schweren /,eiten", da mein schwacher Groß- Vater meinen l'ebeltnton nicht mehr gewachsen war, eilte die ganze ,,Mi»tlipot 11c'־ zu Hilfe, die Onkel und Vettern, die ihren Familienrat abhielten und zu Gericht saßen, ein wenig aus Mitleid mit dem Greise, und ein wenig auch, um ״Mizvvft“ wegen, einem Waisenjungen ,,Anstand und gute Sitte" beizubringen. Und so wurden mir ״Anstand und gute Sitte“ beigcbracht. -- Einer hielt mich fest an den Händen, ein zweiter an den Füßen, ein dritter legte mich übers Knie, ein vierter schlug mich, und alle riefen im Chor: ״Das geschiebt dir recht, du!,aiHejunge, du Rüpel I“ Haß und Rachedurst wuchsen in meinem Kinderhcrzcn. Wenn ich groß sein würde, wollte ich mich rächen, — so sprach ich mir Trost zu und setzte meine Spitzbübereien mit doppeltem Eifer fort, meinen sogenannten ״Wohltätern" /.um Trotz, Tief in meinem Innern wußte ich wohl: Nur der Neid war es, der die ganze Familie auf mich hetzte, sie alle mißgönnten es mir, daß ich ihre eigenen Söhne im 'Foralernen übcrllügclt und überall als guter Schüler gepriesen wurde, während jene unbegabt waren. Darum versuchten sie es immer, muh vor den Augen des Großvaters zu deniütigen. G nnz zuletzt, als mein Großvater ihnen auf diese Ex, Wie he kam, ging er bei lu'imn \n»1 huldig» ngen schonender tun mit mir. Zuweilen, wenn mein Kindcrhcrz vor Zorn und Kummer übei'lließon wollte, kroch ich m irgendein Versteck, knirschte mit den Zähnen und weinte. Ich dachte nn meine Mutter, die »opfern von mir war, an mein elendes Waisenbitterlich, so bittcrli! 11 und ausgiebig, daß das Weinen mir wohlzutun begann, und uh in eine neue ■Stimmung geriet. ... sah, schien mir neu und andersfarbig als zu vor. Stundenlang konnte ich so diisit/.cn, stumm urnhcrblickcnd. . j . Plötzlich aber erw mhte ich aus meinen Träumereien, sprang aus meinem Verstelle 11 en «r. und einen Augenblick später thronte ich wieder auf dem Scbornste.it ״der einer Telegraphenstangc und ließ mich als Helden feiern, von meinen Spielkameraden gebührend bewundert und «»gestaunt . Mit der Lust zu Streb hen und Spitzbübereien zugleich wuchs m mir im Hause des Großvater», jener Stätte des ewigen Beten» und Botinnen .Studieren», die Freude am Btii bcfh'scn, l)ie»o beiden V igungen w aren aneinanderge schmicdei, ohne daß eine die andere gestört hätte. Mit dr r gleit hen Hingabe, mit der ich der einen *frönte, war ich der anderen zugetan. I«ts ich in einem Buche, so war ich mit all meinen Sinnen darin vergraben, so daß ich darüber Essen und Trinken vergaß und es nicht losließ, che ich cs zu. Ende gelesen. Der Bücher im Schranke meines Großvaters waren viele, von verschiedenster Art: Talmud-Folianten, Moralbücher, ״Midrasch“ und ״Kabbala‘‘, philosophische Werke und noch vieles andere. Ich las und las, verschlang ein Buch nach dem anderen und war unorsäulich. Meine Liehe zu den Büchern wurde so stark, daß ich die letzten Pfennige, die ich mir mühselig zusammengespart, hatte, für Bücher ausgab und mir so eine eigene kleine ,,Bibliothek“ gründete. Denn dort, im Lande der liüehcr, hatte ich viele, viele Bekannte. Soviel wunderbare und morkvvUrdigc Städte hatte ich dort kennengelernt. Das Gesicht der Btiehersciten in den Folianten, die dunklen Buc■listnbonkolonncn mit ihren hellen Randgrenzen gaben mir einen eigentümlichen Stoff /.um Phantasieren sind Träumen. Heimlich baute ich mir aus ihnen eine eigene Meine Welt. Der Hang zum Schreiben tauchte bei mir bereit« auf, als Ich in das Haus meines Großvaters kam, obgleich ich damals noch nicht einmal die Buchstaben richtig schreiben konnte. Was verfaßte ich? Zuerst ein Märchen von einem Rabbi und seiner Frau, das ich im Glieder von einem meiner Mit• schüler vernommen hatte, und später anderes. Auf den Stil achtete ich durchaus nicht, ich schrieb hebräisch, mit nramaischen Brocken vermischt, und wenn es einmal nicht anders ging, nahm ich ein jiddisches Wort mit hinein. War einmal ein Streit zwischen meine» Kameraden und mir ausgebrochen, so war eine meiner bewährten Waffen das Schreiben. Ich sandte meinen Widersachern Zettelchen, it. die ich meinen £orn ergoß, in denen ich drohte, warnte, Versöhnung nn• bot, — ganz nach Bedarf. Die Mehrzahl der Lehrer meiner Kindheil war wie alle ״Mclamdim" zu jener Zeit; - ■ nur zwei von ihnen sollen hier lobend erwähnt werden: ein alter, der ״Miirchencrzählcr“, und ein junger, ein ״moderner‘‘ Clnissbl, den schon der llaueli Mendelssohns her 1״ Iaskala“-Idecn umschwebte. Diese beiden waren die ersten Lehrer, deren l.'n,erricht «weise den Weg zu meinem Herzen fand. Doch meine eigentliche Entwicklung ging ganz abseits vor sieh, außerhalb von Cheder und großväterlichem Ilmis. Alles in mir wandte sich nach innen, ohne daß es mir bewußt gewesen wäre. In meinap stillen Stunden zog ich mich in eine verborgene Ecke zurück, dachte nach, träumte, baute Welten auf und spann heimliche Phantasien. ln solchen Stunden war ich'wie ein kleiner Waldsee, in dem sieb die ganze Welt widorspiegclle, in aller Stille und in anderen Farben . . . .Aber in meinen übermütigen Stunden stürmte ich vorwärt# wie ein reißender Strom, der weder Grenze kennt noch Hindernis, und wehe dem, der sieh mir in solcher Stunde entgegenstellte! Viele Erinnerungen steigen jetzt in mir auf, Erinnerungen, von denen jede einzelne für »ich eine kleine Geschichte ist, und jede einzelne übte damals eine starke Wirkung mi i mich aus. — Dann die ״Tikune Chazoth“1) meines Groß- »ater», die ich, noch halb im Schlafe, vernahm, das herzzerreißende Weinen, das an meine schlaftrunkenen Ohren drang, gleichsam aus der Ferne, einer fremden Welt, die verwüstet worden war ... Die Stimme des blinden Schammes, der durch die tick* Nachtfinsternis der Vorstadtstraßen zog. — Wie eine Stimme von oben, von Klagetönen durchklungen, ruft sie: ״Juden, wachet auf, stehet ggf, kommet zu dienen dem Ewigen!“ Zwei greise Gelehrt«, mein Großvater und der ״Dajan“’) der Vorstadt, sitzen in einer kalten Winternacht im Zimmer meines Großvaters. Auf dem Tische liegt eine ,,Gcmara" neben vielen anderen Büchern. Die Lampe leuchtet, vom Ofen her dringt eine wohlige Wärme, meine Großmutter sitzt abseits am Ofen, strickt an ihrem Strumpf und nickt ab und zu mit dem Kopfe, als lausche sie den Stimmen der beiden. Draußen wütet ein Sturm, der die Fensterladen zu zertrümmern droht, und das ganze Haus scheint zu bersten. Wir aber sitzen hier, wie in einer Festung geborgen, vor wem sollen wir uns fürchten, uns schützt die Tora, sollten wir uns da ängstigen? Und dann die Nächte, die wir im ,,Beth-Hamidrasch*‘ durchwachten beim Toralernen, und unsere Spaziergänge draußen vor der Stadt und all das andere ... Wollte ich Dir all dies beschreiben, ich fände kein Ende ... Darum werde ich mich kurz fassen. Unter den Büchern, die mir in die Hand fielen, waren auch einige ״Haskala“־Schriften (=^ .Aufklärungs-Literatur), zuerst nur minderwertige, später aber auch einige gute. Diese* Bücher berauschten mich, unter ihrem Einfluß wandelte ich mich und wurde ein anderer. Und der ״Satan“ verstand es, mir gerade dann diese Bücher untcrzuschicben, wenn ich auf dem besten Wege war, mich frommer Ekstase zu weihen. Ich wartete damals schon darauf, daß ״der Geist Gottes“ (״Runcli llakodesch“) über mich käme, wie es der berühmte Kabbalist Rabbi Chaitn Wittal in seinem Werke ״Die Tore des Heiligtums“ verhieß, — hatte ich doch alle Aufgaben erfüllt, die vorgeschrieben waren, wollte man des ״Ruach llakodesch“ würdig werden. Ich weihte mich innerlich und äußerlich durch Gebet, Fasten, Torastudium und rituelle Waschungen. All die vielen Moral- und Sittentehren, mit denen mein Großvater mich ungefüllt, verfehlten ihre Wirkung nicht, ich stand völlig unter ihrem Einfluß und war vollkommen in ihrer Gewalt, obgleich ich von Natur aus ein wenig ketzerisch veranlagt war. Und plötzlich diese ,,Haskala“-Büchcr! Muß ich noch berichten, welchen Einfluß diese Bücher auf mich ausübten? Ich könnte gewiß auch hierfür einige charakteristische Ceschichten erzählen, aber ich will mich nicht nllzu lange dahei aufhalten. — Ich vergaß noch zu sagen, daß, bevor ich mit dem Lesen der ״Haskala“-Eitcratur begonnen, die alten hehräischen Philosophie-Werke mich fesselten und mich gewissermaßen für die Werke der ״Haskala“ vorbereiteten. Mit elf Jahren schon las ich den ״Kusnri“ von Jehuda Hnlevvi, den ״More Nebuchim“ des Rambam, und ähnliche Werke, von denen ich manchmal die Hälfte, manchmal noch weniger begriff. Auch in der Kabbala erwarb ich mir einige Kenntnisse, ebenso in den Schriften des ״Midrasch“ und des .,Mussar“. Dies alles las ich nur, beim ״Lernen“ befaßte ich mich hatiplsäclilich mit der ״Gcmara“. Im Alter von El Jahren schied ich aus der . Obhut der Lehrer und begann, für mich allein im Beth-lfamidrasch zu studieren. Ich war in der ganzen Vorstadt der einzige Junge, der im Beth-Hamidrasch Talmud ״lernte“. .Außer dem ״Dajan“, der vom Morgengebet an bis Mittag zum Lernen im Beth-Hamidrasch zurückblieb, war im ganzen Hause kein Mensch. Die meisten Bewohner der Vorstadt waren Kleinhändler, die notdürftig ihren Unterhalt verdiente» und die der Erwerb der paar Groschen so nusfüllte, daß sie ihre Kinder nicht zum Lernen schicken konnten. Das einsame Umhersitzen im Lehrhaus war von entsi-heidender Bedeutung für meine Entwicklung und die Gestaltung meines inneren Lehen». Allein mit meinen alten und neuen Gedanken, meinen Zweifeln und Skrupeln, saß ich l ag um Tag Vor dem Bücherschrank, mein Studium unterbrechend, und vertiefte wich in meine Träume und Visionen, grübelte und forschte nach dem Endziel der Welt und meines eigene» Daseins. Zuweilen empfand ich etwas wie ein inneres Würgen von all den Gedanken und Empfindungen, die mein Herz ganz erfüllttcn und niederdrückten. Und nicht einen Menschen gab es, den ich in mein inneres I/cben hatte einweihen, •dem ich mein Herz hätte ausschütten können. Weit fort aber, — wo, wußte ich nicht, — gab es eine herrliche Welt, von stürmischem Leben erfüllt, in die zu gelangen und von deren Strom erfaßt zu werden mir wohl niemals bcschieden sein würde. Nach einiger Zeit schloß sich der ״Dajan“ mir an und wir lernten miteinander wie zwei Gleiche während einiger Stunden am Tage. Es verging kaum ein Jahr, und ich begann auch mit dem Studium des ״Jore dca“ und anderer Religtonsgcsclzbücher, so daß späterhin, wenn der ״Dajan“ gerade nicht im Hause war, ich iltn bei rituellen Entscheidungen vertreten konnte. Während der übrigen Tagesstunden })flegle ich mich mit dem Godichlcschrcibcc und dem Lesen profaner Bücher zu befassen. Innerlich entwickelte ich mich immer mehr zum ״Ketzer“; in meiner äußeren Lebensweise aber änderte sich nichts. Des Lernens der ״Gernara“ und der Gesetzbücher wurde ich überdrüssig, ich sah darin kein Ziel und!fragte mich, was sollte wohl später aus mir werden? Mein Großvater sagte: t) Mitternachts-Klagcgebcte über die Zerstörung Zions. * 1 Wörtlich; ״Richter“ Hilfs-Rabbiner. ״Sitze und lerne, dein Ruhm wird noch kommen!“ Und man begann bereits, nach einer ״Partie“ für mich Umschau zu halten. Ich beschloß aber, erst ein ״Ziel“ zu finden, und dann erst zu heiraten. Das ״Ziel“ nahm für mich die Gestalt eines Diploms an; Doktor der Philosophie wollte ich werden am Berliner Rabbinerseminar. Aber wie, und auf welchem Wege kam man zu solcher Größe? Ich fand ihn. Zuerst nach Woloschin und dann nach Berlin! Und warum gerade Woloschin? Weil, wie ich gehört hatte, man in Woloschin mit dem Talmudstudium kugleich in die Prolanwissensehaften und Fremdsprachen ein* dringen konnte, — öffentlich oder geheim ... Der Kürze halber will ich einiges überspringen und nur noch sagen, daß meine Freude vollkommen grundlos war. Meine Hoffnung erfüllte sich nicht. In Woloschin war von profanem Studium keine Rede, dort saßen die gleichen jungen Männer wie ich einer war, besser oder schlechter, und lernten nichts anderes als Geinara, tagaus, tagein. Während dreier Monate lernte ich den gesamten Traktat ״Ketubuth“ mit allen Kommentaren fast auswendig. Ich unterdrückte meine Empfindungen und lernte unaufhörlich, wenn auch ohne Lust, Getnarn. Und immer, wenn mein ״böser Trieb“ mich dazu verleiten wollte, das Lernen abzubrechen, . und mich mit ketzerischen Gedanken zu befassen, trieb ich mich seihst mit Schimpfworten an: ״Lerne, Faulpelz, lerne und büffle, bis dir der Schädel brummt!“ .Aber der ״böse Trieb“ war doch stärker, und meine künstlich gezogene Begeisterung für das Gcmara-Lernen wurde täglich schwächer, ich kehrte zu meiner alten Gewohnheit zurück. In den ersten Frühlingstagen pliegte ich heimlich die Jeschivva zu verlassen und wie ein Verrückter durch die Gassen und Güßchcn der Stadt hinausz.urnscn, — meine Seele glich einem flügelschlngcndcn Vogel, der dem Käfig entrinnen will: Ich muß fort, ich muß fort! Vor allen! begann ich, weniger Gcmara zu lernen, andere Bücher zu lesen und mehr zu schreiben. Da mir aber wenig Bücher zur Verfügung standen, las ich auch wenig. Ich begann, die russische Literatur unter Schwierigkeiten zu lesen und zu verstehen. Ich las damals Frugs Gedichte im Original und begeisterte mich an ihnen. Dann begann Seh selbst, (jedichte zu schreiben, Produkte meiner damaligen inneren Einstellung. ... Ich fühlte, daß in mir etwas reifte. Mein Gedicht ״El haz.ippor“ (״An den Vogel") schrieb ich auch um jene Zeit, aber es war nicht das erste, das im Druck erschien. Viel früher war ein Aufsatz ״Zum Ansicdlungsgedankcn“ erschienen, der durch meine Freunde in der Zeitschrift ״Hamcliz“ veröffentlicht worden war unter den Initialen; C11, N. B. Die Zeit verging, und ich sali, daß es keinen Sinn mehr hatte, in der Jcschiwu zu verbleiben. Inzwischen hatten sich auch einige Umwälzungen innerhalb der Jesehiwa ereignet. Ein neuer Geist beherrschte ihre Insassen und ״erschotterte ihre Grundfesten“. Alle sahen das Ende der desehivva nahen. Nach mancherlei Leiden und Hindernissen fuhr ich ohne Wissen meines Großvaters nach Odessa, um mich dort für Berlin vorzuhercitcn. 4 Schüchtern und stumm, ohne Sprachkcnnlnissc, ohne Ahnung von den Sitten und Gebräuchen der Großstadt, kam ich nach Odessa. Ich hatte keinen Pfennig in der Tasche und nur sehr geringe Hoffnung im Herzen. Schon beim Betreten der Stadl Odessa hatte ich eine Vorahnung, daß ich dort keine Lorbeeren ernten würde, — zu groß war die Stadt; ein so junger Bursche wie ich es war, würde hier untergehen. Und so war es auch: sechs Monate wandert« ich durch Odessa wie ein verirrtes Schaf, hungerte, wurde gequält, lungerte in düsteren Asylen umher, und kein MetlSch sah mein Elend. Scheu und ängstlich klopfte :eh nn die Türen fremder Menschen, die mir hätten helfen können. Ein Rabbiner (Abelsohn), mit dessen Sohn ich in Woloschin zusammen gelernt hatte, nahm mich eine kurze Zeit in seinem Hause auf, verschaffte mir einen Schüler für Hebräisch und einen Lehrer für Deutsch im Hause eines begüterten Juden; aber, da die Schüler mein Jiddisch nicht verstanden, und ich mich in der Sprache meines Lehrers nicht auskahnte, kann man sich ausmalcn, was die Schüler von mir, und was ich von meinem Lehrer lernte. Es geschah, daß ich meine Arbeiten Lilienblum zeigte. Er w ählte eine von ihnen, ,,.An den Vogel ...“, und sandte mich damit zu Aohad Haäm, der mich nun an Rawnitzki verwies, welcher das Gedicht in der Zeitschrift ״Pardeß“ bringen sollte. Rawnitzki las meine Arbeiten, die ihm recht gut gefielen, und er nahm sich meiner nn. Ich kam nun oft zu ihm ins Haus, kletterte die Wendeltreppe zum oberen Stockwerk hinauf, saß ihm gegenüber, und wir schwiegen beide. Inzw ischen hungerte ich sehr. Unterdessen wurde die Jesehiwa zu Woloschin geschlossen, und ich konnte meine Flucht vor meinem Großvater nicht länger peheimhalten. Um jene Zeit erreichte mich ein Brief meines freundes, der mir schrieb, mein Großvater läge im Sterben, und wenn ich ihm dieses schreckliche Geheimnis mitlcilen würde, würde ich seinen Tod nur beschleunigen. Er riet mir dringend, sofort heimzukehren. Ich versetzte in aller Eile meine Kleidungsstücke für sechs Rubel und fuhr heim. .Alles verloren! Dieser Gedanke quälte mich auf dem ganzen Wege. Nach Mitternacht, als ich vor den Fenstern meines Großvaterhauses stand, mit leeren Händen um Einlaß bittend ... nur Gott weiß, wie mir da zumute war. Auf der Schwelle kam mir meine Großmutter entgegen, ganz welk und bleich, Mein und gebückt, sie war fast zur Hälfte zusammengeschrumpft. Lange küßte sic mich mit ihren welken Lippen, und ich gab ihr nur einen Pflichtkuß zurück. Meine Großmutter zog mich leise in das Zimmer und zeigte auf ein mit Vorhängen hehangencs Bett. Ich nahm die Gardinen auseinander und sah meinen älteren Bruder, der um jene Zeit 32 Jahre alt war, im Sterben liegen. Mein Großvatcr schlief, er stand nicht auf, mich zu begrüßen. Als ich ihn am nächsten Morgen sah, erkannte ich ihn kaum. Der Tod blickte ihm aus den Augen, er starb vor Altersschwäche. Trüben Auges sah er mich nn und schwieg. Und dieser Großvater bei all seiner Nüchternheit und äußeren Härte hatte doch in seinem Herzen eine große Liebe für mich getragen. Alle Briefe, die er mir nach Woloschin geschickt, waren ungefüllt von Moralpredigten und strengen Verweisen, dennoch: sie waren immer erfüllt von großer Sorge um mich und meine Zukunft. NI ich hatte er zum einzigen geistigen Erben unserer I'amilic ausersehen (wo• von er, wie ich später erfuhr, vor einem Jahre bereits im Kreise der Familie gesprochen hatte); meiner guten Jesehiwa- Zeugnisse pflegte er sich in seiner ,,Schul" vor Freunden 7.U rühmen und stolz von meinem Fleiß und meiner Begabung zu berichten. Mein Bruder starb, mein Großvater starb, und ieh, neunzehn Jahre alt, trat in den Ehestand, in ein sogenanntes neues Leben. Was später geschah, will ich nicht mehr erzählen. Es sei genug mit dem, was ich bisher berichtet habe. Eine» aber noch: Die Eheschließung hat meine Entwicklung nicht gehemmt, nach meiner Heirat, seit der ich mich mit dem Holzhandel befaßte und tagelang einsam in den Wäldern umherstreifte, las und lernte ich sehr viel, und vervollkommnete mich weiter. — Bis hierher über das, was sich sagen läßt, von meinem Leben. Das ״Verborgene“ gehört dem Bezirk des Herzens an, und darüber spricht man nicht ...

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