Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 56 (15.7.1938)
- Date
- 1938-07-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653594--32413-2684135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 56, 15. VII. 1938 JöDISCHE RUNDSCHAU Seife 5 Forderung und Leistung Ein kleiner bedruckter Papierabschnitt wird dem Passanten von einem Jungen oder •Mädchen mit einer Stecknadel angeheftet, nachdem er einen Grüsch in Empfang genommen hat: für ein Säuglingsheim der Wizo, ein Ferienlager eines Jugendverb,indes, für den Roten Magen David oder irgendeinen anderen Zweck. Die Unvollkommenheit der rechtliehen Befugnisse, die dem in Palästina entstehenden jüdisehen Gemeinwesen zur Zeit zugebilligt sind, macht die Sammlung freiwilliger Spenden und Beiträge zu einem wichtigen Instrument für die Erfüllung öffentlicher Bedürfnisse. Mozac Schabbath, wenn alle Straften sich wieder mit Spaziergängern beleben, ist ein beliebter Zeitpunkt für «olelie öffentlichen Sammlungen, jeder Palästina-Tourist hat daran Erinnerungen. Bescheidene Ziele können mit diesen Methoden erreicht werden; ein paar hundert Pfund können zusammenkonmien, wenn in allen Orten Ercz Jisraels einige hundert Helfer ein paar Wochen lang eifrig bei der Sache sind, vielleicht sogar etwas mehr. Kann man aber ernste Folgen einer Wirtschaftskrisc, kann man Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit, Kreditverknappung und Wohnungsnot damit beseitigen? Wohl kaum. Da müssen andere Methoden angewandt werden, um die Mittel zu erhalten, mit denen etwas Wirkliches ausgerichtet werden kann. Es geht nicht ohne Steuern oder freiwillige Beiträge, die nach Umfang und moralischer Begriindung ihrer Leistung Steuern nahekommen. Die Arbeiterschaft Palästinas ist auf diesem Wege vorangegangen. Im Jahre 1036 und in der ersten Flälftc des Jahres 1937 hat ihr A r h c i t s I o s e n f 0 11 d s (Keren Chosscr Awodah) die respektable Summe von £P 30 500 ausgegeben, um die ernsten Folgen der wirtschaftlichen Erschütterung für die Arbeiterkreise zu mildern. Die Verwendungszwecke waren mannigfaltig. Für die Einrichtung billiger Küchen, für Kochkurse für Arbeiterinnen, für KinderkluhsUnd Ferienkolonien, für Wohlfahrtsimterstützung sind insgesamt ca. £P 14 250 verausgabt worden. Darlehenskassen verschicdener Berufsverbände, wie der Scliriftstellcrvercinigung, des Verbandes der Eisenbahnarheiter, sowie eine Institution, die sich mit der Berufsumschiiltiiig von Arbeitern befaßt, erhielten ca. £P 4300, einen ähnlichen Zuschuß Genossenschäften von Arbeiterinnen. Die neuen Arbeitszwcigc im Hafen, bei der Fischerei, im Steinbrech wurden besonders gefördert, überall griff der Keren Chosscr Awodah ein, um Menschen in Arbeit zu bringen und wichtige Errungenschäften des Aufhaus zu fördern. Die aktionsfähige Organisation der Arbeiterschaft ermöglichte die Erfassung jedes einzelnen Mitgliedes für die Ziele des neuen Fonds; und aus den monatlichen Zuschlägen auf den normalen Beitrag, sowie einmaligen, aber sehr erheblichen Abgaben kamen die großen Summen zusammen, die eine fühlbare Verbesserung der Arbeitslage herbeiführen. Die gegenwärtig laufende einmalige Sonderheitrags-Aktion für den Pidjon Awodah Beth legt den Arbeitern empfindliche Belastungen auf. Schon wer £P א Mouafsvcnlicnst hat, muß ein Pfund geben; hei den höheren Stufen steigert sich der Beitrag für den Pidjon auf 25, 30, 40 und 50 ׳׳« des Gesamtlohncs. Das ist gewiß viel: aber cs wird gegeben, und es stellt der gegenseifigen Hilfsbereitschaft der Arbeiter ein großartiges Zeugnis aus, daß sie einer solchen Lcistungstanelle entsprechend handeln. Die Kreise des bürgerlichen Mittelstandes haben sich bemüht, dahinter nicht zuriickzublciben. In diesen Kreisen ist die Auswirkung der ökonomischen Depression oft noch schmerzhafter zu spüren als in der Arbeiterschaft, und die ganze Struktur der inittelständischen Kreise macht Hilfsmaßnahmen nötig, die differenzierter sind als bei der Arbeiterschaft, wo etwa ein Wegebau-Untern eh men Hunderte absorbieren kann. Die mange'ndc Einheitlichkeit der Organisation macht es sehr schwierig, eine solche Selbsthilfe- Aktion erfolgreich durchzufiihren. Immerhin ist es gelungen, sämtliche Kreise der Allgemeinen Zionisten mit dem Misrachi, den Pflanzern und Industriellen auf der Basis eines M i f d c F s r a c 11 i zu einigen. Nach den letzten Meldungen hat dieser Mifdc ca. £P 18000 erbracht, und eine Reihe von Maßnahmen ist hiermit durchgefiilirt worden. Ein Kreditfonds für Handwerker, den die Jewish Agencv begründet hat und dem von verschiedenen Seiten Gelder /!!geflossen sind, ist vom Mifdc Esrachi aus mit £P 3000 dotiert worden. Eine Schuldenknnsolidation der Lcbensmittelhätuller, die unter Bctciligmig des Mifdc Esrachi durchgeführt werden soll, wird eine wichtige Hilfeleistung sein. Konstruktive Verwendung der Gelder bleibt überall Leitlinie aller Bemühungen. Das alles tut der Jischmv in Palästina aus eigener Kraft, unter Belastungen, die man kaum schwer genug einschäl/en kann. Wenn die Zionistische Vereinigung für Deutschland die Zionisten und das Präsidium des Keren Hajeßod seine nicht/iouistischcn Freunde in diesem Augenblick zu zusätz lieben Leistungen aufrufen, dann erscheint dits nur als selbstverständlich gegenüber dem, was die Jiidcnhcit in Palästina selber tut. Aufruf. Von Freunden des Gemeinderabbiners l>r. Ludwig Rosenthal wurde vor einigen Jahren mit der Stiftung eines Baumgartens auf seinen Namen in den Waldungen des Keren Kajemeth I.ejisrael begonnen. Die Ehrung, die dem l ebenden zugedacht war, bleibt uns nach seinen! Hinscheiden zu vollenden. Wir wenden uns an alle Freunde und Verehrer des Verewigter, mit der Bitte, zur Stiftung eines Haines in Ercz Israel auf den Namen von Gemeinderabhiner Dr. Ludwig Rosenthal s. A. beizutragen. — Synngogeitgcrneinde (Albert Bendix, öemeinderabbiner Dr. Kober, Rabbiner Dr. Caro, Rabbiner Dr. Dünner); Zionistischer Ortsverband (Otto May). Spenden erbeten an Keren Kajemeth!ejisrael Köln (Postscheckkonto 620 03 Köln). Für Schabbath, den 1f). Juli 1038 Wie schön sind deine Zelte, Jaakob, Und deine Heime, Jtsrael, Wie Tdler, eingesenkt Wie Garten an dem Strom, Wie Baume, die der Ewige gepflanzt, Wie Zedern am Gewässer. Das Wasser trieft Ihm vom Gezweig, Sein Name ruht an reichen Wassern! Hoch wird, mehr als Agag, sein König, Und ragen soll empor sein Königtum! IV.Budt Mose, HapUelX*. S-T. Ueberseiti von Harry Torctyner Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer 5tr. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe Jüdisches Leben in Frankreich Unser Pariser K.-Berichterstatter schreibt: Nach dem Pariser Gemcindevorst.ind hat jetzt auch das ״C o 11 s i s t o i r c Central‘‘, in dem die w ichtigsten französisclien Gemeinden zusamin enges!.blossen sind, 'unter dem Vorsitz von Baron Edouard de Rothschild seine pihresversammhmg abgclialtcn, Den Bericht erstattete der Vorsitzende der ״Alliance Isradlitc“ Professor Oualid. Nach einem Nachruf auf die verstorbenen .Mitglieder des ,,Coiisistoirc“ wies Professor Oualid auf die Bemühungen des ״Consistnire“ um die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaften in Erankreich hin. Die freiwerdenden Rnhbinatsposten müssen möglichst schnell besetzt werden. Die Woliltätigkcifsorganisatiomm des französischen Judentums müssen ausgcbmtt werden. Besnndere Aufmerksamkeit wendet das ״Consptoire“ auch der Erzichung der Jugend zu, und cs bemüht sich zur Zeit, vor allem auch die neu nach Frankreich gekommene Jugend zu gewinnen. Aus dein Finanzbericht läßt sieh eine erhebliche Besserung der Finanzlage des ״Uonsistoirc‘‘ fcststellen, da an Stelle eines Defizites \m1 55 000 Frcs. im Jahre 1936 ein Lkberschuß von 56000 Frcs. im Jahre 1037 getreten ist. Jedoch ist dieser Ucberschtiß vor allem auf eine Spende von IÜIPÜ0 Frcs. des Präsidenten ziiruckzufuhreii. An! Grabe der französisch-judi-clicu Schauspielerin Rachel fand eine Feierlichkeit statt, an der 11. a. auch der Direktor des jiddischen Theaters in N'ew York, Morris Schwartz, teilnahm, dessen Truppe zur Zeit in Paris mit großem Erfolg gastiert, — Der Administrator der Pariser < >pern-Uomique, Daniel I a/arus, hat eine iieiu- Oper komponiert, der als Stoff das I.ebcM |nseph Trumpch Inrs zugrunde lie :t. In einem Interview״ er!!arte der Konifimi'-t, daß er beabsichtige, Palästina zu besuchen und, wenn möglich, dort seine neue Oper erstmalig zur Aufführung zu bringen. Ein Hain iiir Chanita KKL-Aktion zu Herzls Todestag Am 10. Juli (20. Tammus) jahrt ־-ich wiederum der Todestag Theodor Elerzbs. Einer alten zioiii.-ii-chei! I radition entsprechend ehren die Zionisten in der g um n V eit sein Andenken durch Stiftung von Bäumen im I lerzl-XX akl. Der Keren Kajemeth I.ejisrael für Deutschland hat seine Freunde in diesem Jahr /!! einer besonderen F orm der Ehrung aufgerufen. (ihanita, die Siedlung au der Nordgrenze von Frez jisrael, ist zu einem Symbol der chaluzisehen Widerstandskraft und Hingabe an die Idee der Ernetierung unseres Volkes im eigenen Lande geworden. Dort soll ein Hain geschaffen tverden, der den Männern^ und Frauen von Chanita Schatten und die Ruhe des Waldes spenden soll. An die Zionisten in Deutschland ist die Aufforderung ergangen, in der Zeit vom 19. Juli bis 711111 1. August 1938 die kleine Irnitasche, das bekannte Sammclimttel des KKT, im Kreise ihrer Freunde, Bekannten und Verwandten zirkulieren zu lassen. Die dadurch aufgebrachten Mittel sollen zur Anpflanzung eines Haines in Chanita dienen. Zur Sidra Balak Von Arnold Wiener, Beuthen O.'S. Anläßlich 1fas Wachcnalschnittcs Balak, der ein dieswöchentlichen Schahbath, 16. Juli, in den Spnagegcn gelesen wird, veröffentlichen wir nachstehende geistreiche Untersuchung, die alle Freunde der Bibel und der hchräischen Sprache erfreuen wird, nach wenn nicht jeder allen Sprachdrutiingen des Autors zustimmt. Der W'ochenahschnitt Balak erzählt die berühmte Geschichte von Bileam, der auszog zu fluchen und doch segnen mußte. Red. Zum dritten Male ist Balak bemüht, einen Standort für Bileam zu finden, von wo aus er die rechte Inspiration erlange, das jüdische Volk zu verfluchen. Er führt ihn auf die Bergspitze des Peor, wo man einen Fernhlick über die ganze Wüste gewinnt, und wo man das jüdische Lager in seiner vollen Ausdehnung zu überschauen vermag. Bileam entzückt sich an diesem Anblick und bricht in die Worte aus: ״Ma tauwu auholeclio Jaakow, mischkenattssecho Isrodl.“ Von jeher hat man diesen Vers übersetzt: ״Wie schön sind deine Zelte, Jaakow, deine Wohnungen, Jisrael.“ Aber so poetisch diese Sinngebung ist, so schwierig ist sie, Das hat mit ihrem Spürsinn die Haggada herausgefunden und sich׳ gefragt: Was hat denn eigentlich Bileam an dem jüdischen Lager so Schönes gesehen?׳׳ Kann man den Zelten von draußen anmerken, ob Zaddikim (Gerechte) oder Reschoim (Böse- Wichte) darin wohnen? Die Flaggada behauptet, man könne das. Die Zelte Jisraels waren einander nicht zugekehrt, die Oeffnungen waren voneinander abgewandt. Die Insassen des einen konnten in das Innere des anderen nicht hineinblicken. Und die alten Erklärer führen aus: Darin dokumentiert sich die Keuschheit der jüdischen Lagerstadt. Das habe Bileam beim ersten Anblick herausgefunden. Bedenkt man aber die Sache ein wenig, so wird man schwankend, denn auch in die Wohnung der Reschoim läßt sich nicht hineinschauen. Fs hat doch kein Wohnzelt in der Wüste gegeben, dessen Eingang nicht durch einen dichten Teppich verwahrt war, um die Inwohner zu schützen vor dem Sandwirbel am "Tage und vor dem Frost in der Nacht. Und so kehrt die Frage an ihren Ursprung zurück: Was hat eigentlich Bileam gesehen, das ihn so fasziniert hat? Die Antwort ist: Die Massenh a f t i g!< e i t. Bislang hatte er nur wenige Randbezirke zu sehen bekommen, aber von der Spitze des Peor enthüllt sich ihm die ganze Ausdehnung. Er sicht ״Jisrael gelagert nach seinen Stämmen“. Sechshimricrttaiisend Zelte. Soweit das Atige reicht, nichts wie Zelte. Das war ein überwältigender Anblick. Voll Staunen ruft Bileam aus: ״Wie viel sind Deine Zelte laakovv, Deine Wohnungen Israel!“ Und sofort schließt er hieran seine Glcichnisrcdc: ״Weithin gestreckt wie Flüsse!“ So wie man vom Fluß in der Ebene keinen Anfang und kein Ende sieht, also ist es mit diesem Lager. ״Wie die Pflanzungen am Strom!“ Bileam denkt hier an den Strom seiner Heimat, an den Euphrat. Da haben Wasser und Sonne das Ufcrland in einer märchenhaften Uepnigkeit gedeihen lassen. Hunderte von Meilen ziehen sich die Fruchtgärten am Strome entlang. ״Wie die Aloen von Oott gepflanzt!“ Sie brauchen viel Wasser, und wo die Gegend sich nicht in Kultur befindet, wachsen ihre Gebüsche verwildert an Ufersrand und ihre Baumgruppen begleiten die Landschaft in die unabsehbare Ferne. ״Wie die Zedern am Wasser!“ Heute sind die Zedern des Libanon gezählt, aber in den Tagen des Bileam war der Leontes, der aus dem Gebirge hervorbricht und sich ins Mittelmeer ergießt, von der Quelle bis zur Mündung mit Zedern bestanden, Lfnd nun gar steigert Bileam seine Begeisterung zu Segenswünschen, auf daß Israel eine so fruchtbare Volkheit immerdar zu eigen sei. ״Es möge das Wasser rinnen aus seinen Schläuchen. Und sein Samen in reicher Flut!“ Daß das Wort ״tow“ nicht nur gut, sondern auch viel bedeutet, kann man im rabbinischen Schrifttum hundertmal in der Form ״tuwa“ belegen. Daß es auch gelegentlich in der Bibel in gleichem Sinne verwendet wird, ist ein seit langem gesicherter, wissenschaftlicher Besitz. Salomon Mandelkern übersetzt in seiner Ooncordanz tow nictit nur mit bomts, jucundus, pulcher, sondern auch mit magnus, multus, largus. Wenn hieran festgeh,iltcn wird, könnten manche Uehcrsetzungsschwicrigkeiteu bei Bibelverscn schwinden. In wenigen Wochen werden wir das Buch ״Echo“ (Klagelieder) wieder bcrvorholen und hei Kapitel IV Vers 9 zu der Stolle gelangen: ״Towim hoju challelc eherew mcchallclc roow, schehcm josuwa niedtikorim mitnmvoth ssodoi“. Es ist unerhört, wie dieser Vers die Uebersetzcr helastet! Was hat unser Altmeister Rasclii für furchtbare Anstalten getroffen, um dos Sinnes Herr zu werden! Vor mir liegt die Fclioiibersctzung von Hirsch. Er gibt der Stelle folgendes Gepräge: ״Besser daran waren die Gefallenen durch das Schwert, wie die Gestorbenen durch den Hunger, denn jene verbluteten erstochen aus der Fülle des Feldes heraus.“ Aehnlieh so verdeutschen den Vers die übrigen Ucbcrsetzer, Juden wie Christen. Alle lassen sich von der Erwägung leiten, daß anerkanntermaßen der Schlachtcntod leichter Überstunden wird als der Hungertod. Aber gerade das wollte der Dichter hier nicht zum Ausdruck bringen. Das Buch ״Echo“ ist doch geradezu die Krone der Sprachkunst in den Kcthuwini. Ein Dichter, der wie dieser alle Mittel hebräischen Ausdrucks souverän beherrscht, sollte jenen Gedanken in so fragwürdiger Form Eingestellt haben? Challele chercvr und Challele roow, das ist eine Gegenüberstellung von Leichnamen. Was auch immer bei Lebzeiten mit diesen Körpern vorgegangen sein mag, jetzt sind sie beide gleich. Oder, wem! man will, sind die Challele roow besser daran, da sie doch wenigstens ein jüdisches Grab finden, während die außerhalb der Festung Gefallenen den Geiern und Schakalen preisgegeben sind, so daß ihre gebleichten Knochen, wenn jemals, so erst nach Jahren zur Ruhe kommen werden. Wollte man aber die Gegenüberstellung nicht auf die Leichname, sondern auf die mit dem Tode Ringenden beziehen, was sprachlich nur mit Vorbehalt zu rechtfertigen wäre, so ist auch dann der Gedanke abwegig. Die letzten Augenblicke eines vom Schwerte Durchbohrten sind qualvoll genug, während der durch Hunger dal!inschwindende Mensch an Herzschwäche stirbt und friedlich entschlummert. Wie leicht verstündlich wird aber der Satz, wenn man in ihm das Wort ״towim" der Vokabel ״rahhim“ gleichsetzt. Dann lautet er auf deutsch: ״Noch zahlreicher waren die durch das Schwert Gefallenen als die durch den Hunger Oestorheiten, denn jene verbluteten erstochen großer an Zahl, als die Halme des Feldes“. Das ist ein poetisches Bild in he/ug auf den Schlachtentod, wie cs sich in der Literatur vieler V״lker findet. Die Uebersetzcr haben eben übersehen, daß die Verse des fV. Kapitals von ״Echo“ nicht nach den! Sinne, sondern nach dem Alphabet ancinandergeroiht sind, lfnd wenn der biblische Sprurhdichtcr in der alphabetischen Reihenfolge zu dem Buchstaben Teth gelangt, dann verfällt er häufig־ auf das Wort tow. Im Buche Echo ist das von sechsmal viermal geschehen. Im Psalm Kapitel 119, das 176 Verse enthält und wo jeder Buchstabe des Alphabets achtmal herangezogen wird, gebraucht der Psalmist fünfmal das Wort tow, erstens weil es so vielseitig ist, und dann weil der Anfangsbuchstabe Teth keine besonders große Auswahl an Vokabeln darbietet. Wir wenden uns jetzt den ״Kleinen Propheten“ zu, und zwar dein Buche Jona. Als letzterer sich darüber ungehalten zeigt, daß der Allgiitig« den Bewohnen! von Nmiweh hatte Verzeihung angcaeihen lassen, wird Jona von Gott gefragt: ״Hnhetcw choro loch?"' Die mir vorliegende Bibel- Übersetzung von Letteris imcl die meisten anderen geben das wieder: ״Zürnst Du auch mit Recht?״ Das ist nicht richtig. Zwar ist es nicht zweifelhaft, daß der Allgütige Jona belehren wollte, der bußfertige Mensch sei immer der Vcrgebring würdig. Aber nicht mit Worten wollte er es tun, soitdem durch ein sinnfälliges Beispiel. Zu diesem Zwecke mußte der Kikajon wachsen, den Propheten durch seinen Schatten erquicken und (hrvu plötzlich verdorren. Jetzt erst kann der Allgütige zur Nnt/anwemhing übergehen. Wenn Jona wegen einer Pflanze so traurig ist, die!!her Nacht iicrvorsprießt und!!her Narbt wieder emgeht, um wieviel mehr ist Mitleid am Plal/e fiir die große Stadt N'iniweh, wo mehr als zwölf Myriaden Menschen leben, die noch zu jung sind, zu unterscheiden zwischen der Rechten und der Linken. Vor diesem aiigentälligcn Beweis war e; verfrüht und pädagogisch nicht angczeigt, Jona ad absurdum zu führen. Die eingangs an den Propheten gern litcfe I rage: ״Hahetew choro loch" bedeutet daher schlicht: ״Bot Du sehr Nun wollen wir eine Stelle ans idem Buche Samuel I heranzi eben. Als Saul mm König!!her Jisrael erwählt wurde, wird er charakterisiert als: ״Bo.luir woi.niw, we-ejn iscli mibnei Jißroel 1,1 uw ininifiui." I las wird gew öhnlich übersetzt: ..!־'riesen und fein und kein Mann um den Kindern Jisraels war besser, denn er." Pt diese l'e hersd/ung möglich? Samuel lebte ja iinrh. Erdand i! 1/t sn;:,!r 1m Hohepunkte seiner I cbensbahn. Sollte dM im!. 1״ dnn nach dem Worte der Weisen das tanze Genie von Mnwlie und von Aaron vereinigt war, zimicköefien!missen hinter dcm jungen Saul, der gerade auf der I;s<'li111u11׳sue!1e begriffet! war? Nein, Samuel war größer 11ml Sau! war nicht ,.besser“, sondern 1״ ängc r“ als jeder Mann von Ji^raci. Und mm wollen wir mit einer Nelle aus der Tora schließen, so wie wir es begonnen haben. Am Anfang des II. Kapitels von Bercschith, wo von den Strömen des Cran Eden die Rede ist, komm* auch das Land Ghawiloli vor. Der darauffolgende Vers beginnt: ״Usch,uv lioorez ha hi tow“. Dieser Vers hat zu Erörterungen im Traktat Joma darüber Veranlassung gegeben, warum das Gold dieses Landes so besonders gut sein soll, und Tossafoth bemerken, es hatte die Eigenschaft, daß es im Schinclzprozcß nie an Gewicht verlor. Dieses Urteil wird jetloch von der Naturwissenschaft nicht bestätigt. Gold ist ein Element und bleibt sich immer gleich. Nur in der schärfsten Säure, die wir kennen, löst es sich auf, im Königswasser. Darin wird sich aber das Gold ans dein Lande Chawiloh von ander in Gold nicht unterschieden haben. Wenn man aber übersetzen wird: Das Gold dieses Landes war viel, dann ist es recht und es gibt keine Schwierigkeiten mehr. Muß nach alledem das jüdische Volk von der ihm lieb gewordenen Uchersctzung: ״Wie schön sind Heine Zelte Jaakow׳, Deine Wohnung Jisrael!“ Abschied nclinien? Das muß es nicht. Jedes Wirrt der Tora gleicht nämlich einem kunstvoll geschliffenen Edelstein, welcher in vielen Facetten funkelt, Auf 49 Arten kann man jedes einzelne Wort der Tora auslegen, und jede Deutung ist legitim. Parallel damit läuft jedoch der Grundsatz: Kein Wort der Tora löst sich los von seinem natürlichen sprachlichen Sinn. Und ihn hier anfge7cigt zu haben, war das Ziel unserer kleinen Untersuchung.