Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 55 (12.7.1938)
- Date
- 1938-07-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHE RUND5CHA0 Nr. 55, 12, V||. 1938 Jugendalija wird angesiedelt Ein großes Ereignis bildete für den Enich Jesrecl die Niederlassung der Kwusa ״Alonim“ am Orte ihrer ständigen Ansiedlung auf dem Boden des Keren Kajemeth in Kushus- Tabun. Diese Kwuza besteht zum Teil aus Mitgliedern der Jugend-Alija aus Deutschland, die als erste ihre Ausbildung in Ejn Charod vor zwei Jahren beendet hatten, zum anderen 1 eil aus Mitgliedern des ״Noar llaowcd“ in Erez Jisrael. Hiermit wurden die ersten jungen Menschen angrsiedclt, die mit der Jugend-Alija ins Land gebracht worden sind. Vor zwei Jahren zog die Kwuza auf den Hügel von Scheich Ahrch, und nun ist es mit Hilfe des Keren Ilajeßod gelungen, das Lager an den endgültigen Siedlungspunkt zu überführen, «so den jungen Leuten 2000 Dunum Boden zur Verfügung stehen. An Stelle des üblichen Holzzaunes wurde dieser Punkt mit einer Steinmauer umgeben, die an einem Tage, durch ficberhafte Arbeit vom frühen Morgengrauen bis zum Abend, fcrtiggcstcllt wurde. Es ist die vierte Siedlung, die im Jahre 5698 mit Mitteln des KH. auf KKL-Bodcn errichtet worden ist der zweiundzwanzigste Punkt, der seit Beginn der neuen Ansiedlnng gegründet wurde. (Die in Nr. 48 gebrückten Bilder stammten noch vom alten Siedlungspunkt der Gruppe. Red.} öiillliÄSIs Links unten: Das Lager im Aufbau; die Steinmauer ist zur Hälfte Kol01: KII und KKL Rechts oben: Bau eines Verteidigungspostens. Rechts unten: Beim Bau der Mauer. ״;־די'.־■ י•; '"י* Palästinensischer Tonfilm ״Leber den Ruinen“ Das Wort vom 1״ ihnlam! Palästina״ liegt seit langem in der Luft. .Mehr ab einmal wurden ( lemdtte in die Welt Mittclmeere--, zwi-chen Tel An, 1\v und Haifa, erbaut. Die ״Pr«- jcktemacher, deren niorahsehe und materielle Vollmachten von jeher zweifelhaft erm hienen. verschwanden aber, wie sie gekommen waren. Indes hat es auch an tatsächlichen Versuchen nicht gefehlt. Eine in Tel Awiw gegründete ״I ilmgcsellschaft״ drehte in der Zeit der Prosper!fy einige tausend Meter Spielfilm, die irgendwo unverwendbar in einem Tresor ruhen, nachdem der hiesige Einanzmann nicht bereit war, weitere grobe Kapitalien zu riskieren. Was aus Palästina im Ausland oder liier auf der Leinwand erschien, war entweder von ausländischen Firmen oder im Auftrag jüdischer Organisationen hergestcllt (zum Teil von dem vorzüglichen Tel Awiw er Operateur Walter Kristeller aufgenonmien), waren Wochenschauen, Spezialaufnahmen, Rcklamehamier, ferner ein umstrittener f ilm ״Das ist das Land״ von Agadati, und L c r s k i s photographischmeisterliches, leider ״unfilmisches" Werk ״Awodali" (Musik: Dessau), das wirklich die These ״Hhiiland Palästina“ zu he- *tätigen schien. Alle diese f ilme waren entweder ״stumm“, von Schallplatten-Toi! begleitet, oder im Ausland naehsynchroni- Die ״Cannel-I ilm Co.“, die in Sdiechunat Montefiore bei Tel Awiw ein kleines Studio unterhalt, bringt seit etwa zwei Jahren — und in letzter Zeit mit einer Lichtton-Apparatur versorgt — eme hcbraisch-palastinensische Wochenschau heraus, die qualitativ nicht immer gleichwertig ist. Unterstützt von einigen Kapitalisten haben der Leiter der ״Carmel-Film“ Nathan Axelrod am! der Regisseur Alfred Wolf nun in aller Stille und ohne große Ambitionen den ersten wirklich hundertprozentig in f.re/ Jhracl und von Juden hergestellten hebräischen Tonfilm heran-״«■bracht, der im ״Migdal-Or“ uraufgeführt wurde, eingeleitet durch eine Ansprache des Bürgermeistens Rokacb. Die Handlung basiert auf einer Kindcrerzählung des in Nahalal lebenden Schriftstellers Zwi Liebermann: Ein Dort im oberen üalil versucht — nach Zerstörung des!weiten Tempels — eine schnell unterdrückte Revolte gegen die Römer. Männer und Frauen werden erschlagen oder in die Sklaverei geführt. Die Kinder, sich selbst überlassen, bilden eine Art Kinder-Rcpublik, bauen das zerstörte Dorf wieder auf, pflügen, säen, ernten und — ״neues Leben blüht aus den Ruinen“. Abgesehen von kleinen Rollen, die von den Schauspielern O a b a 1, Konstantincr, der Tänzerin Danja L. e w i n u. a. betreut werden, liegen die darstellerischen Aufgaben bei einer Kindcr-Dilcttanten-Gruppc. Zwar haben einige von ihnen sehr einprägsame ״filmische“ Pliysiognomieri, zwar gelingt es, sie einige Male einzeln oder in Gruppen unbefangen vor die Linse zu bekommen, aber der Eindruck photographierter ״Schülcraufführung“ dominiert, verstärkt durch einen im Dialog oft geduldeten kindlichen Rezitations-Tonfall. Allerdings ist die literarische Vorlage für einen kurz.- weiligen oder gar humorigen abendfüllenden Untcrhaltungsfilm auch allzu primitiv und handlungsarm. Die Phantasie der Kinder hätte sich hauptsächlich auf ciri Ziel konzentrieren müssen, das selbst von erwachsenen, routinierten Schauspielern oft nur schwer erreicht wird: auf die Darstellung von Menschon, die vor fast zwei Jahrtausenden lebten und darauf, wie sie lebten. Wer einmal einen Araber (ohne Unterschied des Alters) in seinem Zelt ruhen, über Dünen schreiten oder einen steilen Berghang hinunter klimmen sah, weiß, daß in diesem Film von Ruhe und Bewegung des Orientalcn so wenig zu spüren ist wie in einem Beduinenlager am Hule-See vom Großstadtgetriebe Tel Awiws. Hingegen ist Landschaft und Natur teilweise charakteristisch erfaßt: Galil, Jordan-Fluß und -Ebene, Berge, Quellen, Weingärten, üelbäume und Getreidefelder, Pflanzen und Blumen. Dort, wo der Film ״Kultur-Film“ wird — und er wird cs etwas allzu oft —, ist auch dem Photographen, dessen Arbeit tcchirisch sehr unterschiedlich ist, einiges Beachtliche gelungen. In Betracht zu ziehen sind: die relativ geringen matericllen Mittel, die zur Verfügung standen, die Tatsache, daß hier Privatinitiative allein am Werke war, das erfolgreiche Bemühen, nicht ins Kitschige oder Geschmacklose abzuglei־ teri, die unzweifelhaft ernste, schwere und hingebungsvolle Arbeit der Regisseure und aller Beteiligten (zu erwähnen die Begleitmusik Pogatschows). Das Resultat ist ein Erstlingswerk, das zwar nicht am internationalen Produktions-Maßstab gemessen werden kann, das aber das Interesse weiter Kreise des Jischuw und vor allem der Golah bean- Sprüchen darf und hoffentlich auch finden wird. Zur Bekämpfung der Sdmlnot Der Psychologe Dr. M. B r i 11, Mitglied der pädagogisehen Abteilung der Hebräischen Universität, untersucht im ״Tarbiz“ die Frage der in Palästina unter den Juden herrsehenden Schulnot und kommt zu folgendem Ergebnis: Im angemeinen nimmt man in den dem Erziehungsdepartemcnt unterstehenden Volksschulen die Kinder nach vollendetem sechsten Lebensjahre auf. De facto aber gibt es eine Anzahl von fünfjährigen Kindern in den untersten Klassen der Volksschule. Demgegenüber bleiben viele Kinder im Schulalter ganz ohne Schule und treiben sich auf der Straße herum. Alle Versuche, diesem Zustand ahzuhclfcn, scheitern an den fehlenden Mitteln. Es wird vielfach behauptet, der Jischuw sei nicht in der Lage, neue Lasten fiir die Erziehung auf sich zu nehmen. Angesichts dieser Lage scheint cs dringend, die Forderung aufzustellcn, daß die öffentlichen Schulen die Kinder nicht vor dein vollendeten sechsten, ja vielleicht sogar nicht vor dem vollendeten siebenten Lebensjahre aufnehmen dürfen. Natürlich soll hier nicht verlangt werden, daß man die jüngeren Kinder ihrem Schicksal überlassen soll. Es muß dafür gesorgt sein, daß sie in Kindergärten untergebracht werden, und diese Kindergärten sollten sie eventuell länger behalten als bisher. Die Kosten der Er- Ziehung im Kindergarten sind wesentlich geringer als jene der Ausbildung in der untersten Klasse der Volksschule. Durch Einsparung der Differenz können Mittel gewonnen werden, um neun- bis zwölfjährige Kinder ein zu schulen, die bei den jetzigen Zuständen außerhalb der Schulen bleiben. Die Schulcrzichung dieser Kinder ist von so hoher Wichtigkeit, daß alle Bedenken demgegenüber verstummen müssen. Malkah Locker und Seejw Bar Dymion wurden eingeladen, im Hause L a t z k y ־ Bcrtholdi in Tel Awiw ihr neuestes Werk, eine Art chorisclien Mystcrien-Spicls, vor einer Anzahl von Gästen vor/.ulesen. Frau Locker trug die Dichtung, die den Namen ״Totentanz. Ta r zach (Eine historische Revue)“ trägt, selbst vor. Der Vorlesung folgte eine angeregte und interessante Diskussion. — Seejw Bar- Dymion ist der Verfasser des wesentlichen Liedertextes (״Wiegenlied") in dem palästinensischen Spiel-Tonfilm ״lieber den Ruinen“. (Schluß des Palästina-Teils)