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Jüdische Rundschau · 1938-07-08 · Heft 54 (8.7.1938) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 54 (8.7.1938)
Date
1938-07-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 54, 8. VII. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Juden auf der Wanderschaft Von Dr. Felix A. Theilhaber Die Wanderung von Juden hat in der Wissenschaft eine neue Beleuchtung erfahren. Die ewige Wiederkehr des scheinbar Zufälligen lost sich auf als Ausfluß und Folge eines Volkstums ohne Lebensraum, ohne Raum überhaupt. Warum muß der jüdische Mensch von Zeit zu Zeit wandern? Wohin kann der Jude wandern? Für die Aufhellung dieser iin Augenblick wieder besonders wichtigen Probleme gibt 1ms die Geschichte eine gute Begründung. Im Mittelalter tritt der Jude in den Vordergrund in einer Epoche, in der in Zentraleuropa die primitive Haus- Wirtschaft und die Selbstversorgung der bäuerlichen Einzel- Wirtschaft gesprengt wird und der Kreis sich zu einer B i n n e 11 w 1 r t s c 11 a f t erweitert, in der in größerem Umfang Güter ausgetauscht werden. In den neugcgrlindcten Städten, die als Standplätze dienen und in deren Schutz sich das Handwerk entwickelt, siedeln Juden, die das jetzt richtige Austausclirnittci, das Geld, und den Kredit regeln. Aber nach einigen Jahrhunderten hat sich die neue Wirtschaftsform eingespielt; geschlossene Innungen wollen den Absatz ihrer Erzeugnisse selbst besorgen und ein finanziell erstarkter Händlerstand, in Kaufmannsgilden zusammengeschlossen, drängt auf Beseitigung der jüdischen Konkurrenz. Der Jude erfüllte eine volkswirtschaftliche Funktion — seiner Berufstätigkeit nach —, die eine Dynamik der Wirtschaft voraussefzt. Aus Mittel- und Westeuropa vertrieben, als liier die Ockotiomic des Mittelalters Ihre Form gefunden hatte, kann er nur dort auf eine Existenz rechnen, w o der G ü t c r 11 m I a 11 f unentwickelt diese_ neue Organisation nicht gefunden Int. Polen lädt die Juden ein und gibt ihnen besondere Rechte, Auel! in den verarmten, wirtscliaftlich zurückgebliebenen, mohammedanischen!..ändern nimmt man die Vertriebenen nicht aus rein humanen Gründen auf. Mit dem Beginn der Neuzeit, als der Binnenverkehr und damit die lokale Wirtschaft gesprengt wird und der Ausbau einer Weltökonoiiiie sicli anbaluit, ist auf einmal Hatz bei den jüngsten und schwächsten Nationen, die sich zum Welthandel bekehren, in England und Holland. Noch die der Humanismus gesiegt hat, öffnen sich den Juden, wenn auch nicht sehr weit, die Tore zu den Staaten, die den Rahmen der mittelalterlichen Ständewirtschaft zu lockern beginnen, und je mehr neue Produktionsmethoden Platz greifen, uni so mehr Juden werden zugelassen. In Deutschland bestanden Beschränkungen bis in das Jahr 1860, und bis zu dieser Zeit herrscht auch eine sichtbare Emigration, besonders in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der der Teil der jüdischen Jugend, der keine Nicdcrlassungscrlaubnis bekam, in Staaten auswandertc, die einem unternehmungslustigen Element Arbeitsgelegenheiten bieten konnten. Die Ankömmlinge verstärkten u. a. die bescheidenen Gemeinden der spanischen Juden der Nordstaaten und bildeten den Grundstock zu dem Judentum der Vereinigten Staaten. Die folgende örtliche Verschiebung der Juden innerhalb Deutschlands verschleiert den Charakter der weiteren Wandcrbcwcgiing, weil sie nicht über die politische Grenze hinaus führt. Aber auch diese Umsiedlung in steter Aufgabe der alten Wohnplätze erfolgt nach inneren Gesetzen. Und so ist die Räumung der Ostmark durch die Juden innerhalb zweier Generationen und ihre Verlagerung nach Mittel- und Westdeutschland ein zumeist Wirtschaftlieh bedingter Prozeß, der diktiert wird durch die Notwendigkeit, sich an die Punkte zu hegeben, wo die Verteilung der Waren und die Absatzmöglichkeiten einen neuen Aufschwung nahmen, also insbesondere eine Uebcrsicdlung in die Großstädte. Die Hälfte der Juden aus Deutschland stammt aus Gegenden, die durch die Teilung Pojens zu Preußen gekommen waren. Dieses polnische Judentum hatte sich im 17. Jahrhundert über die Ukraine ausgedehnt, dann über die bessarabischen Kleinstädte nach dem heutigen Nordrumänien ausgebreitet, während die Juden aus Südpolcn, d. h. aus Galizien yber die Slowakei nach Ungarn gelangten, stellenweise bis nach Kroatien. Im Norden schob sich das dem polnischen lange Zeit angegliederte litauische Judentum in die baltischen Provinzen und nach Ostpreußen vor. Wir haben eine Reihe anscheinend exakter Volkszählungen aus den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts. Danach betrug die Judcnheit in Rußland, Polen, in der Ukraine, Galizien, in der Slowakei, in den deutsch-polnischen Provinzen, in Litauen, also in all den Gcbictenj in denen Jiddisch gesprochen wurde, rund 1,25 Millionen (siche auch u. a. Kuppin). Durch eine gewaltige Volksvermehrung entstammt dieser Judcnheit eine Nachkommenschaft von etwa zehn Millionen, die sich inzwischen über alle Erdteile verstreut hat. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte sch trotz der Verluste die polnische Judcnheit über die alten Wohnsitze hinausgezogen; im 19. Jahrhundert stieß die Ausbreitung auf immer größer werdende Widerstände. Rußland riegelte sein Kernland völlig ab. In Hunderten von kleinen Städtchen der Ramiprovinzen bildeten Juden die Majorität der Einwohnerschaft, und es entwickelte sich eine starke Handwerker- Schaft, so daß ein bodenständiges Volkstum entstand mit allen Eigenarten einer Volkskultur. Durch neue Wohnbeschranklingen wurden die jüdischen Massen in dem 19. J11. immer mehr zusammengepfercht, und nur dadurch, daß sich in diesen Teilen des gewaltigen russischen Reiches die junge Industrie entwickelte (so z, B. die Textilindustrie in Lodz, und Bialystock, die Zuckerraffinerien in der Ukraine), das Ucbcrsecgeschäft in l.ibau, Riga und Odessa aufblübte, fanden jüdische Menschen ihr Brot. Als aber die Pogrome zur Armut noch die Lcbensbedrohung hinzufügten, geriet die russische Judenheit in eine rasche Wanderbewegung, wobei die Zahl der Amerikafliichtlingc ziffernmäßig die Massen der berühmten Völkerwanderung iibertreffen dürfte. Wir wollen hier nicht mit Tabellen aufwarten, sondern uns mit einigen einprägsamen Zahlen begnügen, um nicht durch viele Ziffern das Hauptsächliche ln den Hintergrund treten zu lassen. Die Hauptwanderung der Ostjuden ging in die neue Welt. In ganz Amerika, also vor allem In den Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien, Brasilien, Mexiko usw. sind die jüdischen Einwohner zu 90 0״ erst seit 1880, also in den letzten 55 Jahren eingewandert, so daß bei der inzwischen mäßigen Fruchtbarkeit die Zahl der Einwanderer nicht viel kleiner ist als die, die wir heute dort anzutreffen schätzen. Die Vereinigten Staaten veröffentlichen laufend Zahlen über die Immigrationsbewegung, die sich mit diesen Annahmen decken. Die Zahl der seit 1880 in ganz Amerika eingewanderten }uden ist 4>/a Millionen, von denen das Hauptkontingent etwa knapp 4 Millionen Ostjuden oder deren Nachkommen sind. Eine weitere Million von Ostjuden konnte im westlichen Europa; zum Teil ln Südafrika, Australien, besonders in Palästina sich ansässig machen. In Palästina sind in den letzten 55 Jahren 200 bis 250 000 Juden aus Ostcuropa zugezogen. Wäre die Abwanderung dieser fünf Millionen Men sehen nicht erfolgt, so würden im Osten sich noch mehr Juden in den Städten und Städtchen zusammendrängen. Auch so war hier die Zahl der Menschen gewaltig angewachsen. Die ökonomische Lage der meisten Orte vertrug keine so rasciie Volksvcrmehrung, zumal dort, wo sich keine Industrie entwickelte, die nennenswerten Arbeitskräften Arbeit geben Oppenheim Das bekannte Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorf er Sfr. 115116־ Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe konnte. Und wo Fabriken gegründet wurden, nahm zumeist die nichtjüdische Bevölkerung in diesen Großbetrieben die Arbeitsplätze ein. Die zweite U m s i c d 1 u n g s w e 11 e führt nun «ine große Zahl von Juden — dem Zug in die Großstadt folgend — eben dahin, wo Bedarf an neuen Menschen zu sein scheint. In den Brennpunkten des Verkehrs entwickelt sich ein günstiger Markt für den Verschleiß der Güter und die moderne Freizügigkeit, die wieder einmal Folge oder Voraus- Setzung des Aufschwunges ist, gestattet einen ungehinderten Zuzug. So bilden sich Großgemeindrn: an der Spitze Warschau mit 335 OOO Juden. Budapest, Kiew, Lodz, Moskau folgen mit weiteren Hundcrttausendcn. Allein sechs Städte fassen eine Million Juden. In Ungarn ist dieser Umsicdhmgspro/cli soweit vorgeschritten, daß bereits über die Hälfte der jüdischen Bevölkcrung in der Hauptstadt lebt. Im heutigen Rußland hat durch die Aufhebung der Ausnahmebeschränkungen ein weiterer Binnen wandcrungsnrozcß eingesetzt, der schon nach zehn Jahren ein Viertel aller Juden in die östlichen, weniger entwickelten Rayons überführte, die ihnen vordem verschlossen waren. Noch bestellt die Möglichkeit, entferntere, erst jetzt aufstrebende Fabrikorte auszusuchen und durch den Wechsel des Domizils einen Platz, in der Wirtschaft zu finden. Für die Verschiebung der rum ה n i s c h e 11 Juden liegen Ziffern nicht vor. In Polen kann die jüdische Binnenwanderung dieses stürmische Tempo nicht weiter durchhalten. Die Hauptstädte des Landes zählen bereits iiher 30"״ Juden. Der Sättigungsgrad an jüdischer Bevölkerung ist in den Großstädten erreicht. Die polnische Binnenwanderung wird höchstens den Charakter einer temporären Umsiedlung von einem Ort zu m anderen an nehmen, so wie im sputen Mittelalter die Inden nur zeitweise an einzelnen Orten lebten, solange sie derscliatt 1)״״'der Unsicherheit *des’ Vcrdicnenk'önriens muß sich in vielem nachteilig auswirken. Wenn auch alles Geschehen und auch die Geschichte der Wanderungen in Wellenbewegungen, in stetem Auf und Nieder seit zwei Jahrtausenden sich abspielt, so verbergen sich in der verwirrenden Fülle der Rüder doch immer wieder dieselben Tendenzen. Seit genau 4(1 Jahren lehrt 1ms der Zionismus, dieser Irrfahrt «ine Richtung zu geben, und durch die Konzentration der Massen auf eigenem Grund und auf mütterlichem Boden den Weg zurück einem siunhaften Zielpunkt und einer Lösung zuzuführnt. Aus der Wirtschaft In der Aufsichtsratssitzung der Süddeutschen Zucker A. G., Mannheim, wurde mitgeteilt, daß der Rest der bisherigen Flegenheitnersehen Beteiligung Mitte Dezember 1937 vollständig abgegeben und in Verbindung damit Albert Llegenheimer aus dem Aufsichtsrat ausgeschieden ist. Mit dem gleichzeitigen Ausscheiden des Kommerzienrats Dr. Theodor Frank seien die letzten nichtarischen Einflüsse bei der Gesellschaft ausgeschaltet, Bei der Tuch-Groß-Vcrsand-Firma Oebr. Heine in Leipzig wurde durch eine unter Führung der Sachsenbank unter Beteiligung der Adca stehende Gruppe die Gründung einer A.-O. vorgcnoinmen. Das Unternehmen geht damit in arischen Besitz über. Der Name der A.-G. lautet: Gebrüder Heine Tuchhandels-A.-G. in Leipzig. — Die Tuchgroßhandlung S. Strauß in Ulm ist in den Besitz, der Firma Kaudcrcr & Co. Ulm ühergegangen. Juden und Araber Von Lucy von Jacobi Die ,Märchen aller fünf Erdteile beginnen meist: ״Es war einmal vor grauen Zeiten..Einzig in Palästina beginneu alle Geschichten: ״Es ist noch gar nicht so lanae her...“ ״Es ist noch keine drei Jahre her, keine fünf, Keine zehn Jahre...“ Aber fünfzehn Jahre — das ist schon keine Erzähiung mehr, das ist wirklich Geschichte. Es ist gar nicht lange her, da gab es noch keine einzige der herrlichen Autostraßen, die das Land kreuz und auer durchschneiden, den Wüstensand besiegen, in kühnen Kurven steile Berge erklimmen und die sich in kurzen Kehren entschlossen von den Höhen der Heiligen Stadt in Tiefen hinabstürzen, die weit unter dem Meeresspiegel liegen. Es ist erst ein paar Jahre her, da war dieses blühende Land Sandwüste und Sumpf, und seine fruclittrachtiigste Ebene, der Emek Jisrael, heißt heute noch bei den Arabern ״Tal des Todes“, obgleich der Emek heute Palästinas ״Tn! des Lebens“ ist. Aber damals gedielien hier mir Typhus und Malaria; davon zeugen als einzige Beweise arabische und jüdische Friedhöfe. Es gab die allen holprigen Karawanenstraßen, auf denen man in Regenzeiten im Morast, in den Trockenzeiten im Sand versank und stcckenblieb; es gab die schmalen Pfade zu den versteckten Araberdörfern, die schweigsam, malerisch und nicht eben einladend hinter stachligen Kakteenwällen verschanzt liegen. Verschanzt auch vor einander. Denn man faßt viel zu wenig ins Auge, daß dem sehr problematischen ״erwachenden paua rahischen Nationalismus“ blutige Stammesfehden sowohl als auch jede Art von mörderischen simplen Ueberfällen mit Raub, Erpressung und Verschleppung sclbstverstündlich sind. Ein arabischer Rechtsanwalt in Jaffa sagte mir: ״Sie können diese Mentalität nicht mit dem Kopf begreifen, geschweige denn sich in sie einfühlen. Ein Menschenleben gilt hier nichts — nicht dem, der es nimmt, aber auch nicht dem, der cs riskiert: es ist ja dazu da, aufs Spie! gesetzt zu werden. Mohammed Ibn Ishak, der Evangelist und Chronist des Islam, erzählt, wie der Prophet den Kricgsgefallcncn das Paradies verspricht und «* so verlockend schildert, daß Omeir Ihn Alhuman, der gerade einige Datteln verzehrte, ausrief: ,So liegt also zwischen mir und dem Paradies nur der Tod von der Hand dieser Leute?* Er Warf dann die Datteln weg, ergriff sein Schwert und kämpfte, bis er gelötet wurde. — So unsere Ucberlicferung. ln diesen! Sinn leben und sterben sie noch heute. Man hat ihnen diese Vorstellung eingeimpft. Bemerken Sie wohl, Omeir nimmt sich nicht einmal Zeit, seine Datteln aufzuessen, so begierig ist er nach dem Schlachtcntod. Er hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. So steht der primitive Mohammedaner noch heute zu diesen Dingen. Und wer das Leben des Fellachen oder des Beduinen kennt, begreift, daß es verhältnismaß'״ leicht sein muß, ein solches Leben wegzuwerfen. Auch er.se! 7t die Gefahr dem primitiven Araber Fußball und Sport und jede Art von Unternehmung, die Sie in Europa kennen. Zwischen einem gebildeten Araber und einem primitiven ist der Unterschied nicht kleiner als zwischen einem Europäer und — eben einem primitiven Zeltbewohner.“ Ich bat den Rechtsanwalt, micri in ein arabisches Dorf, fünfzehn Minuten von Jaffa, zu begleiten. Wir waren durchgefahren, es schien mir ein Märchen aus 1001 Nacht, — noch sehe ich den mächtigen Johannisbrotbaum auf dem sandigen Dorfplatz, darunter würdige Greise im Turban und mit bunten Gewändern, die Nargile vor sich; Jugend im gestreiften, hemdartigen Rock, verschleierte Frauen, dir dunkeln Kleiderbündein glichen, mit Lasten auf dem Kopf ah- und zugehend. Als wir uns im Wagen näherten, riefen sie 1ms auf arabisch etwas zu, junge Burschen stürzten uns entgegen, und da gerade in dieser Gegend Unruhen herrschten, fanden wir es richtiger, weder zu halten noch Gas zu geben, sondern im gleichen Tempo weiterzufahren. Ich wäre so gerne ausgestiegen. Der Rechtsanwalt sah mich sprachlos an. Schließlich sagte er: ״Ich bin hier geboren, meine Eltern und Großeltern sind hier geboren. Aber es ist noch keinem von uns eingefallen, ein Dorf zu besuchen. Was wollen Sie da?“ Ich sagte: ״Sehen Sie, wenn ich in Italien oder in der Schweiz bin, dann gehe ich auch In die Dörfer, ich trinke ein Olas Milch in einem Bauernhof, weil wir das sbhr schön, sehr anziehend und interessant finden." Er konnte das nicht begreifen. Er hielt das für eine närrische Ausländer- Schrulle. ,,Aber auch wenn ich wollte, ich könnte es nicht“, sagte er. ״Vielleicht kämen wir ohne Kugel davon. Aber man würde mich für einen Verräter oder Rodenverkäufer halten. Und wenn man mich schon nicht dafür hält, so würde man so tun, als ob matt mich dafür hielte, weil ja jeder Mensch Feinde hat und das eine gute Gelegenheit wäre, einen Menschen zu diffamieren. Morgen stünden die ersten Verdächtigungen in der Zeitung, und das würde kein Ende nehmen, bis ich die Existenz, wenn schon nicht mein Leben, eingebüßt hätte. Sie gehen ja wieder weg, aber ich muß hierbleibcn, und mir kann das nicht gleichgültig sein.“ Und wie halten es Juden und Araber jenseits der Grenze? Ein »ehr kluges junges Mädchen, eine Sephardin aus Beirat, mit europäischer Bildung, sagte mir: ״Die Manner in diesen Himmelsstrichen haben keinen Sinn für etwas Neues, der Begriff ,Zukunft‘ existiert ja hier nicht. Die ,Zukiinft ist selbst für die Reformisten nur eine abgewandeltc Form der Vergangenheit. Unsere Männer und Brüder — sic sitzen wie die Araber oder mit den Arabern den ganzen Tag im Kaffeehaus.“ (Ich muß meiner kleinen Beiruterin die Verantwortung für diese Darstellung überlassen: icli selbst habe darüber kein Urteil. Den Europäer mutet diese gute Beziehung zwischen syrischen Arabern und luden wünschens- und erstaunenswert an; da man doch in Palästina oft betont, daß nicht oder nur in vereinzelten Fällen palästinensische Araber an den Ueberfällen beteiligt sind, sondern meist syrische! Und gerade die verhalten sich in ihrem eigenen Land durchaus friedlich gegen die Juden!) ״Wenn Sic Ras cn Nakura (du• Grenzstation zwischen Palästina und Syrien) hinter sich 11h’• >, sind Sie in Sfrhc! I1nf“, sagt man in Haifa. Aber gerade b : Ras en Nakura kommen (Le Banditen herüber. ״... im KaffcehaUl, Vormktag schon vhen Sie sie bei Schach, Domino und Würfel-Spielen, Nachmittags rauchen sie endlos die Nargilch und — politisieren. Und Politik ist hier auch nichts anderes als ein Schachspiel. Sie haben viel weniger ein bestimmtes Programm in1 Auge, das dem Land Ruhe und Wohlstand und Gerechtigkeit sichern könnte, als die Lust am Spiel, am Schach/ug, am listigen, durchdachten, kühnen oder bluffenden Spiel. Auch die Frauen nehmen leidenschaftlich daran teil. Kommen Sie am frühen Morgen in die Frauengemiirlicr, kommen Sie am späten Abend: Sic finden die weiblichen Familienmitglieder, Tanten und Kusinen, immer bei Putz, Karten, — Politik, Poli* tik hier natürlich nach den persönlichsten Gesichtspunkten: insofern ein Gatte, Vater, Bruder in die Affären verwickelt sind, denn es sind immer ,aftairs׳, und sie sind immer ,verwickelt‘.“ ^״Gerade, offene Ziele hat hier niemand, Plane.( Entwürfe, Laden 'iimler ,*Mauernische"das ״ Brett' davorL all Verkaufseine Kette von'der nieder!! Decke, an der schwingt sich der Kaufmann hinüber, Meist aber sitzt er vor dem Laden, trinkt Kaffee und raucht die Wasserpfeife — wie vor tausend Jahren. — Schn Sie sich unser Haus an, die Imme üble Khalifeh, ein Haus voll Tanten und Kusinen, das übliche ״moderne“ Haus des Vorderen Orients, mit dem Großvater Im weißen Bart und Käppchen, über die Heiligen Schriften gebeugt. Die Zimmer stehen alle offen, damit ein Luftzug durchstreichen kann. Die Zimmer sind ja schön, nicht wahr, nur Bad und Toilette sind etwas stiefmütterlicher reggekommen. Aber welche L.uft soll uns hier erquicken, was kann atrs den staubigen, heißen Straßen hercinwchen? Immerhin, wir sind schon froh, wenn cs überhaupt weht, wir machen immerfort Durchzug, man wird ganz verrückt davon, immer fliegen alle Vorhänge wie gebauschte Segel, immer stürzen Blumenvasen und Gläser... Die alte Dienerin im Turban? Nein, keine Araberin — das ist eine syrische Jüdin, sic versteht nur arabisch und ein wenig fran/'ftsisch. Sie war die Amme meiner Mutter und sie macht nicht um vier Uhr nachmittags Schluß wie die Osereth in Palästina; die sitzt auch in der Nacht an einem Krankenhett, wenn nötig. Meine Kusinen, meine Freundinnen, alle stöhnen über das leben in Reimt, sie nennen cs eine Hölle, besonders wenn sie einmal in Paris waren,“ ״Und Sic —?“ ״Ich? Ich komme mir zu Besuch nach Hause. Ich arbeite seit Jahren drüben in Haifa im Büro. Ich lebe sehr bescheiden, aber ich habe mein ausgdulltes Leben, Arbeit und danach ein bißchen Erholung, ein Gespräch mit Freunden, mit jüdischen und arabischen Studenten, die sehr vernünftig denken. Es reicht, um am Strand in Rath Galiin ein Bad zu nehmen und einen Imbiß im jüdischen Arheitrr-Restaurant, daa sehr gut geführt ist oder in unseren! kleinen arabischen Oasthaus —“ (Ein zwed״•׳ A-tik•י| fo'gt)

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