Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 53 (5.7.1938)
- Date
- 1938-07-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653591--32370-2684089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 53, 5. VII. 1938 JÖDISCHI RUNDSCHAU Seite 3 Alte Illusion und neuer Glaube Von Rabb. Dr. Max Nuß bäum Es war am 27. Juli (3. Aw) des Jahres 1492, kurz vor der endgültigen Austreibung der Juden aus Spanien. Abrabanel erschien bei lsabella und Ferdinand zur Abschieds-Audienz. ״Ihr seid reisefertig?“, erkundigte sich die Königin. ״Hoffcntlieh findet ihr alle ein Unterkommen.“ —. ״Für kurze Zeit“, antwortete Abrabanel. ,,ln Portugal acht Monate, in Fez und Marokko nach Willkür der Kiistengeineinden. In Nawarra, solange es Eurer Hoheit beliebt. In Neapel dauernd, sofern seine Hoheit, den König, seine Zusage nicht gereut. In Genua drei Tage, in Venedig und Pisa zwei Wochen. In Rom vielleicht einen Monat. Nur einer hat bedingungslos seine Staaten geöffnet: der Sultan der Osmancn.“ Darauf Ferdinand: ״Ihr zieht es vor, zu den Heiden zu gehen?“ Abrabanel entgegnete sanft: ״Die meisten gehen nach Portugal, und sic gehen deshalb dorthin, weil cs den Staaten Kastilien und Aragon am nächsten liegt. Dort wollen sic warten, bis sic zurückgerufen werden....“ Dieses legendäre Gespräch — es ist dem in diesen Wochen erschienenen Roman Ernst Sommers ,,Botschaft aus Granada“ entnommen — bringt uns auf die Idee, einmal darüber nachzudcnken, wie weit entfernt wir Juden — auch an großen Wendepunkten der jüdischen Geschichte — von der Wirklichkeit und wie t sehr wir der Illusion auseliefert sind. Betrachtet man die Ereignisse der letzten ahre und die gleichzeitige Reaktion der Juden in der Welt auf diese Ereignisse, so merkt man erst, wie gefährlich diese psychische Eigenschaft werden kann. Die Welt verändert jeden Tag ihr Gesicht, und die Wirklichkeit erhält täglich neue Konturen, Bestehen bleibt scheinbar nur die I 11 u - sion, die sich unsere Menschen von dieser Tagtäglichkeit machen. Wenn Juden glauben können, die Weit ändere sich überall, aber nicht dort, wo ihre Enklave anfängt und die II lusfön die Grenzen zieht, so wird man an einen Ausspruch Rifandellos erinnert, der in seinen Werken öfters aut dieses Problem — natürlich von einem allgemeinen Aspekt her — hingewiesen hat. Er sagte, daß alle grotesken und tragischen Situationen im Lehen daher kämen, daß es in der Welt eine sogenannte ״stehende Meinung“ gibt — eine Meinung, die beständig bleibt, obwohl sieh das Objekt, auf das sic sich bezieht, verändert, weil die Menschen an einer solchen Meinung ״nngehakt“ sind. — Flies könnte auch eine gute Charakteristik so mancher jüdischen Haltung sein. Denn wir Juden sind in der Tat oft an einer solchen Illusion ״angehakt“. Wir haben von der Weit eine ״stehende Meinung", obwohl alles längst in Fluß geraten ist und die Statik einem dynamischen Prozeß Platz gemacht hat. Wenn man in den letzten Wochen die jüdische Presse, die Berichte des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde und die ^ier Reichsvertretung verfolgt hat, wird man begriffen haben, wie sehr wir Juden in diesem Lande an einer historischen Wende leben. Wir haben in den letzten fünf Jahren — trotz aller Anstrengungen — unseren jüdischen Apparat, sogar in ausgebauter Form, aufrecht erhalten, weil wir im Besitz einer guten Tradition waren, weil wir einen guten Stab von Mitarbeitern besaßen und aus Vorräten schöpfen konnten, die das Judentum in Deutschland in einer normalen Entwicklung von Jahrhunderten aufgespeichert hat. Jetzt aber sind wir in jenem Stadium, in dem wir die Ansschöpfbarkcit unseres Reservoirs spüren müssen, durch die Schrumpfung der jüdischen Wirtschaft, durch die Auswanderung unserer Jugend, durch die Verkleinerung unseres Menschen-Vorrates und — mutatis mutandis — durch die Verringcrung der Arbcitsqualitäi. In der jüdischen Diskussion der letzten Wochen sind die Worte ״Liquidation“ und ״Auflösung•‘ immer wieder gebraucht worden, und man sprach von den Endstadien eines Entwicklungsprozesses. Und trotzdem haben wir uns in der Betriebsamkeit des jüdischen Lebens in der Großstadt oft bluffen lassen und das Tatsächliche etwas verschleiert gesehen. Wir müssen von unseren Menschen heute Verständnis für die Abba ube Strebungen unserer Institutionen verlangen. Da wir den Apparat aufrecht ei halten wollen, muß er verringert und verkleinert werden. Trotzdem dürfen unsere Menschen keinen einzigen Tag, keine einzige Nacht, auch nicht eine Stunde mit dem Wort ״Auflösung" allein leben. Sie müssen lernen, die W orte ״Auf! ö sang hier“ und ״A ti f b a u d r a u ß c 11“ in einem Atemzug zu sagen, zu denken und zu fühlen. Nicht nur die große Welt draußen, sondern auch die kleine jüdische Welt hat sich verändert. Es gibt das Resultat einer fünfjährigen Aufbauarbeit unserer jüdischen Menschen in allen Ecken und Enden der Welt: Die Realität P a! ä s t i - n a s und morgen vielleicht die des Judenstaates — ein Faktor, von dessen Möglichkeiten wir im Jahre 1933 träumteil und sprachen, den wir aber in diesem Ausmaß nicht besaßen. Gewiß befinden wir uns in der Gallith im Prozeß der Liquidation — mit menschlicher Tragik und vielen Härten. Aber dafür ist die Aufbauarbeit Palästinas da, das Hinausgehcn unserer Menschen nach Ueberscc, Gründungen neuer Gemeinden und ein pulsierendes Leben in allen Teilen des jüdischen Raumes. Man kann sich das Motto vorstellen, das ein späterer jüdischer Historiker abschließend über das 20. Jahrhundert setzen wird: Auswanderung der Juden aus Ost- und Mitteleuropa — Verschiebung der jüdischen Hegemonie nach dem Judenstaat und nach Ueberscc. Es ist wahrscheinlich, daß der Judenstaat 3—4 Millionen Juden beherbergen wird. Der Rest wird in Westeuropa und Ueberscc sein Dasein fristen. Nach einem alten geschichtlichen Gesetz wird sich das Schwergewicht des Judentums von Europa weg nach Palästina und Amerika verschieben. Und vielleicht ist es eine höhere Fügung, die den Sinn in sich trägt, das jüdische Volk ans den Spatiniingssphären eines vulkanischen Bodens hinauszuzichen und es in geradere Entwicklungsbaiinen zu lenken. Unter dem Aspekt der Ewigkeit gesehen, braucht man keine Sorge um die Existenz des jüdischen Volkes als ״Ding an sich“ zu haben. Denn wir befinden uns in einer Epoche jüdischer Renaissance. Unsere Generation ist dazu bestimmt, die Wehen der Geburt auszukosten. Dies ist ein schweres Erbe und eine harte Mission. Aber es sind Wehen der Gehurt, und eine Gehurt ist in jedem Falle eine neue Wirklichkeit. Daher unser Mut, mit alten lllusioiicn aiifzuräumen. Verliert man dieses Endziel nicht aus dem Auge, so gibt es für diesen Prozeß der Liquidation die muimstößliehe Forderung, daß der kleinste Funke jüdischer Kraft nicht verlorengehe und das geringste Atom jüdischer Substanz nicht abhanden komme. Nach Palästina gehen unsere zionistische Jugend und Menschen, für die dieses Aufbauwerk eine Konkretisierung ihrer Ideale darstcllt. Große Teile des jüdischen Volkes werden — aus vielen persönlichen und sachliehen Motiven — ihren Weg nach Ueberscc nehmen. Aber über beiden Wegen steht leuchtend die Feuersäule des Begriffes ״Jüdisches Volk“, und wir müssen unter allen Umständen vermeiden, daß Menschen, die aus' irgendwelchen Gründen nicht nach Palästina gehen, das Gefühl haben, daß sie außerhalb jeder jüdischen Verantwortung leben. Alle, die hinausgehen, sollen wissen, daß es in der Welt ein einziges jüdisches Volk gibt. Es geht 11m den Nationalisierungs prozeß der Juden in der Welt. Die Strahlen der palästinensischen .Sonne müssen auch ein jüdisches Herz in New York zu erwärmen imstande sein. Dies hängt allerdings nicht von der Stärke der Sonne, sondern von der Abnahmebereitschaft des Herzens ah.... Palästina-Arb eit in Südafrika Von unserem Berichterstatter Johannesburg, Ende Juni Die südafrikanische Keren Hajessod-Kampagne wurde am 23. Juni mit einem Bankett in Johannesburg unter dem Vorsitz des Gerichtspräsidenten der Transvaal- Provinz, Richter G r c e 11 b e r g, eröffnet. Hauptredner des Abends war der südafrikanische Erziehungsminister J. H. Hofmeyr, ״Wenn ich eine Definition des Zionismus abztigehen hätte", sagte der Minister u. a., ״so würde ich ihn als die Mamfestierung des ewigen und unsterblichen jüdischen Geistes erklären, der sieh durch die Verbindung mit Zion erhalten hat." Der südafrikanische Ministerpräsident, General J. M. B. Hertzog־, hatte folgendes Hegrüßungstclcgrainm gesandt: ״Ich sende ihnen meine her/lichstett Wünsche für den Erfolg Ihrer erneuten Bestrebungen, die notwendigen Fonds zur Unterstützung der zionistischen Bewegung zur Errichtung eines jüdischen Nationalheims in Palästina zu erlangen. Es ist mein aufrichtiger Wunsch, daß der Erfolg Ihrer Bemühungen alle Erwartungen ubertreffen möge.“ Namens des Keren Hajessod sprachen Rabbiner Wolf Gold, Reverend M. L. Perlzweig und Dr. Max S o i o w e i t s c!1 i k. Anläßlich der Eröffnung der Keren Hajessod-Kampagne brachte das südafrikanische Keren 1 lajessmt-Koniitee alt Tausende von Juden in Südafrika eine instruktive Broschüre ״Ercz Israel“ zum Versand, in der das Aufbauwerk des Keren Hajessod und der dazu vom südafrikanischen Judenturn geleistete Beitrag in einer Reihe von Statistiken dargestellt wird. Dr. F. P. Die Nachrichten, die in den letzten Monaten zu uns gelangten, bieten kenn erfreuliches Bild. Juden, denen wir nicht halfen haben, kehren^ mi'-cryn^ Volk den Kücken, sobald nachten“, haben sich in Anunka .-״fort eiigh-elie Namen die Welt sag!, und‘ die AiU'11 schließen, um nicht zu sehen, welche^ Blicke sie wirft. Ein enges Blickfeld! Eii^ kleines jüdischer Schick-alshaftigkoit gibt. Wenn morgen und übermorgen ein Jude in der Welt sich nicht zum jüdischen Walke bekennen wird, so ist dies an sich für die Zukunft des Volkes gleichgültig, denn der Wagen der Geschichte kann im hinreißenden Tempo seiner Rider nicht aut den Einreinen Rücksicht nehmen, der sich ihnen entgegenstemmt. Aber er wird eine groteske Figur abgeben, wie, ־wenn sich ein Neger in Amerika nicht zu seiner Rasse bekennt oder ein Chinese abstreitet, daß es ein chinesisches Volk in der Welt gibt. Es ist für unser Land, für unsere Jugend, die den Staat haut, für das jüdische Volk, das die besten Kräfte hergibt, für unsere jungen Menschen, die Nacht um Nacht die Wacht am Jordan halten, gleichgültig, oh cs irgendwo noch eine opportunistische Schicht gibt, die sich nicht zum jüdischen Volk bekennen will. Aber es kann für viele ein persönlichcs Unglück sein, wenn cs ihnen nicht gelingt, sich vor jeder Auswanderung die s e c I i s c 11 e H a o h s e 11 a r a zu verschaffen, die imstande ist, altgewohnte Illusionen zu begraben, um den Glauben an unsere jüdische Wirklichkeit zu ermöglichen. Von Erez Israel nach Whitechapel Meine Fahrt ging, mit einigen Auslassungen gesagt, von Erez Jisracl direkt nach Whitechapel oder, um noch epigrammatischer zu sein, aus dem Emek Jcsreel in ein Insulares Ghetto des Westens, aus der ״Heimstätte“ in eine der bevölkertsten ״Zufluchtsstätten“. Whitechapel ist allerdings kein Ghetto mehr. Es ist ein riesiger Teil der riesigsten Großstadt mit einigen riesig breiten und langen Straßen, von denen aus eine Unzahl von Gassen und GäRchcn den Londoner Osten mit einer fast noch mittelalterlichen Regellosigkeit durch schneiden. Zum ersten Male war ich an einem Sc habbat h in dem Londoner Judenviertel. Das habe ich mit Absicht so eingerichtet, so wie ich auch zwei Monate vorher kurz vor Schahbath- Anfang in Tel Awiw eingefahren bin. Tel Awiw kommt am Schahbath zu Atem, zum schönsten, ruhigsten Atmen von der Weit. Es gliin/.t von Feierlichkeit. Der Schahbath singt in ihm. Er ist anders als jeder andere Tag. Das Gleiche kann man von Whitechapel nicht sagen. Zwar wird auch hier vielfach gefeiert und sogar gesungen. Die Synagogen sind zum Teil voll, auf den Straßen sieht man Erwachsene flanieren und Kinder herumtollcn, denen allen der ״gute Anzug" und das Müßiggehen schabbathliche Haltung gibt. Aber daneben, und insbesondere auch neben vielen geschlossenen Geschäften, läßt sich das Werktägliche aus dem Whitechapeler Schahbath nicht verbannen. Dieser reicht, wieviele Tausende ihn auch feiern mögen nicht über den Rang des Privaten hinaus. Auf der Whitechapel koad stehen viele jüdische Händler in ihren Holzbuden und wollen oder können auch ain Ruhetag nicht auf ihre ״Parnosse“ verzichten. Da? Geschäft scheint nicht einmal schlechter zu gehen als an Werktagen. Unter den Flanierenden gibt cs Unorthodoxe genug, die ihre Schabbathruhc immerhin zum Einkauf benützen. Feste Preise gibt cs hier nicht. Sie werden noch unfester, wenn der Käufer unbeschränkte Zeit hat, mit dem Handelsmann um sie zu streiten. Das geht selten leise vonstatten und ergibt, wie man sich leicht vorstellen kann, eine ziemlich unschabbathlichc Atmosphäre. Da sitzt etwa ein Mann mittleren Alters hinter einem Tisch mit Alteiserncm. Nimmt man den ganzen rostigen Kram zusammen, so ist er insgesamt kaum ein halbes Pfund wert. Sein Wert besteht in der Menge. In der Menge fast wertloser Kleinigkeiten: alte Stifte und Nägel, Schlösser und Leisten, Büclisen und Kästchen. Das Renommierstück dieses Duodcz-Magazins ist ein, wie es scheint, gußeiserner Schabbath-Leuchter. Ich frage nach seinem Preis: Six Pence, also etwa dreißig Pfennige. ״Wer, guter Mann, kauft schon am Schahbath rostige Nägel oder diesen Leuchter? Wer — um Gottes willen?“ Der Mann lächelt und wiegt den Kopf hin und her. Und wie um mir die Antwort zu erteilen, kommt ein Junge in einem zerschlissenen Matrosenanzug heran und fragt nach dem Preis für ein Büchschcn. Der Mann nennt ihn: ein Pennv. Der Junge legt, ohne ein Wort zu sagen, einen halben Penny hin und nimmt die Ware mit sich. Der Händler sieht mich nicht ohne Triumph an. Er hat sein Geschäft gemacht — auch oder gerade am Schahbath. Er kennt seine Leute. In Whitechapel herrscht ein großes Maß von Lokalnatriotismus. Die kleinen Ostjuden hier mit ihrem unnachahmlichen (und schwer verständlichen) Jiddisch-Englisch sind stolz auf ihr Quartier. Es gibt hier viele Tausende von Alteingesessenen, es gibt eine Whitechapel-Tradition. Leichter und rascher als bei anderen Völkern verdichtet sich ja bei den Jude״ überall in der Welt tägliche Ucbting oder Gewöhnung zur Tradition, zu etwas von außen nach innen sich Bindendem und Verpflichtendem. Wie man am Werktag arbeitet oder ißt, und wie man den Schahbath verbringt, wo man den Kaffee mit Kuchen zu sich nimmt oder sein Spielchen macht, das sieht der Sohn vom Vater ab und gibt es an den Enkel weiter. Auch daraus wird ein, wenn auch zwischen den einzelnen Generationen leicht zerbrechlicher ״Zaun“ um das jüdische Leben. So beschaffen ist auch der Zaun rund um das Judenviertel von Whitechapel. Aber er ist doch noch etwas weiter. Er erstreckt sielt nämlich vom Osten Londons bis in den Osten von Europa. Oder richtiger: der europäische Osten, die alte Heimat ans Jahrhunderten, läßt die große Mehrzahl der Whitechapeler nicht los. Sie verbinden mit dem Stolz, englische Untertanen geworden zu sein, den andern, immer noch dem ostjüdischen Stamm anzugehören. Auf jeden Fall pflegen sie die Erinnerung daran. Die Minderzahl von ihnen, die sich völlig anglisiert hat und auch weiterhin anglisiert, rekrutiert sieh nicht immer aus den Besten und gibt daher Anlaß zu manchem ungerechten Urteil über Whitechapel. Sicht man sich dort unter der Masse richtig 11m. so kommt man zu der Erkenntnis, daß hier Tausende von Juden mitten in oder am Rande einer Großstadt ihr kleinstädtisches oder sogar dörfliches Leben weiterführen, Es ist ein fasttragikomischer Zustand: Diese jüdischen Menschen sind einerseits dem ausgesetzt, was man die Gefahren der Großstadt nennt, und ziehen anderseits wenig inneren Vorteil aus der Nähe oder der Mitte der Großstadt. Golusliaftcr kann daher kaum ein Goius sein als gerade dieser. Die verlorene Heimat liegt im Osten, diese im Westen ist nur eine halbe und mehr oder minder vorläufige, wie sehr auch der Stolz auf sie gewachsen und echt ist. (Nirgends in London sicht man, zum Beispiel, mehr Bilder des englischen Königspaares als in Whitechapel.) Es ist daher selbstverständlich, daß die zionistische Idee hier einen guten Boden findet. Flüchtlinge waren sic ja einmal fast alle, diese Ostjuden im Londoner Osten, vertriebene oder dem Zwang der Verhältnisse weichende, und mit dem Flüehtlingstum ist notwendig die Selmsucht nach endgültigen Lehens- und Problemlösungen verbunden, die ja, für uns Juden, mir der Zionismus und Erez Jisracl zu bieten haben. Es gibt daher in Whitechapel viele leidenschaftliche Zionisten, besonders unter der Jugend, und es spielt dabei auch eine Rolle, daß der Weg nach Zion sie nicht aus dem Empire, dem sie schon jetzt angchören, herausführt. Manchmal glaubt mail aus Aeußcrungen herauszuhören, Whitechapel sei nicht nur ein Vorort von London, sondern auch einer (im anderen, gefühlsmäßigen Sinn) von Erez Jisrael. Es ist bekannt genug, aber immer wieder wert, wiederholt zu werden, daß eine Majorität der Juden in Whitechapel nicht anders als die in Erez Jisracl von ihrer Hände Arbeit leben: als Chauffeure, Schneider, Bauarbeiter, Metallarbeiter usw. Auch das Kleinhandwerk ist unter ihnen stark vertreten, wie sie überhaupt in sich einen fast geschlossenen wirtschaftlichen Organismus darstellen. l:s fehlt dazu nur das Land, der Boden. Dies eben ist es. was ans Whitechapel heraus nach Erez Jisracl schreit — ganz anders als in andern europäischen |1ulemac!־fcln, wo eine scheinbare mehr oder minder perfekt(■ Assimilation den Ruf verdeckt und den Blick verstellt. Fis ist ein schon fast tragi-elier Din druck, fernt, jüdische Gestalten, alte Männer mit schwerem Schritt und immer noch muskulösem K׳׳rpcrb 11! -011! יt, die, nach ihrem Aciißcrcti, fast ebenso gut im K’t'ar < :hn-siiiim oder dem Asphaltboden. Das ist ein Fxcmpel and g'ine Dcmoii- In Whitechapel gibt es kaum etwas, was man nicht auf fen kann, (her wird das ״I iiftjiidenüim" f•"!nn! 1 e!נ an den Haaren an die Luft gezogen, und verf lischt Mts Bild eines das Schicksal der Bürgerlichkeit mul 1!!;-,(nirn Scßhiftig- Quartier, und vielleicht"isVder Mangel *an Schönheit und die daraus hervorwachscinlo Sehnsucht nach Schönheit mit ein Grund dafür, daß von!vor viele Kunst! r r I e h e n mul Künstlcrlcistungen nusgecraiigeii Und. Aber auch nach diesen chapel nicht beurteilen. Fs ist kein 4 rcibli.uis für Talente. Diese sind schließlich auch mir ein Beweis dafür, wieviel menschlicher Ueberfluß, wieviel Reichtum au jüdischen Kniften in diesem Großstadt-!,Hiartier \ersammelt ist. Es ist der Reichtum eines Volkes, das auf der Schwelle einer neuen historischen Epoche stellt .. . In Whitechapel ist man noch stolz darauf, jüdisch zu sein, stolz auf das ostjiidischc Herkommen und auf die allgemein jüdischen Ziele. Die ganze Oststadt bringt auch in den Zionismus und in die Idee vom jüdischen Volk und Staat die jiddische Gefühlswelt mit. Es gibt Imponderabilier. und Argumente, die zwischen der verlorenen osteuropäischen alten Ficimat und der ersehnten neuen im ferneren Osten eine kortstruktive Brücke schlagen. Der Weg vom einen zum andern Ufer ist nicht so weit wie im übrigen Westeuropa. Der Whitechanel-Jude ist sich nämlich im Großen und Ganzen bewußt, daß er in einer ihm fremden Welt wohnt, so sehr er diese auch lieben und an ihr hängen mag. Er kümmert sich daher ostentativ um jüdische Dinge, auch um solche, die ihn nicht unmittelbar berühren. Er ist da, wo das Judentum ruft. Ich habe 7. B. einem jüdischen Meeting im Londoner Westen beigewohnt, 711 dem, wie mir Kenner versichert haben, 00 ״״ aller Besucher aus dem (ästen der Stadt gekommen waren. Die Whitechapeler wollen wissen, was vorgeht im Judentum, und wollen auch dabei sein, wenn etwas vorgeht. Sie wohnen, wie schon gesagt, in einer großen Kleinstadt, deren innere Größe aber auch darin besteht, daß sie ihre Zugehörigkeit zur großen jüdischen Welt bewußt und betont erlebt. Sic haben ihre jiddische Zeitung, ihr (bescheidenes) jiddisches Kulturleben — und demnächst, wenn Morris Schwarz mit seiner Truppe aus New York wiederkommt, wird in ganz Whitechapel großer Jontcf sein. Hermann S i!1 s 11 e i m e r