Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 52 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seif« 4 JDDI5CHE RUNDSCHAU Nr. 52, 1. VII. 1938 Jüdische Musiker beim Internationalen Musiklest London, Ende Jüni Vor einigen Tagen hat das 16. Musikfest der Internationalen Gesellschaft für moderne Musik, das zweite, das seit Gründung der Gesellschaft in London stattfand, seinen Abschluß gefunden. Nach dem überein- Stimmenden Urteil derer, die bereits in vergangenen Jahren an diesen regelmäßigen Festen I. G. M. teilgenommen hatten, waren die Londoner Veranstaltungen unzweifelhaft der künstlerische Höhepunkt in dieser Serie. Dank der finanziellen und publizistischen Unterstützung durch den ״Daily Telegraph and Morning Post“ sowie der Mitarbeit des englischen Rundfunks, der Dirigenten, Orchester, Chor und Konzcrthalle zur Verfügung gestellt hatte, war es möglich, ein Auffülmmgsniveau von überragender Qualität zu erzielen. Nicht zuletzt trug zu dem Otlingen eine bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Organisation bei, die in den Händen von Hubert Foss und Alan (׳'r.uik von der Oxford Universitv lag. Unter den 36 Komponisten ans 17 verschiedenen curo- Büschen und Uebersee-Ländern befanden sich die Juden Karo! Rathaus (England). Victor Uli mann (Tschecho- Slowakei), Aaron Copland (Vereinigten Staaten), Manuel Rosenthal (Frankreich), Roland - M a n u e 1 .(Frankreich) und Jozef Ko f fl er (Polen). Rathaus hat unter diesen sechs Komponisten mit seinem fiinfsätzigen Strcichquartett unzweifelhaft das musikalisch bedeutendste Werk gcliefert. In Satztechnik, Beherrschung des Mediums und in seiner echt kam inertnusikalischcn Haltung zeigte dieses Streichquartett eine Verbundenheit mit einer nohen Tradition. Der Komponist offenbarte sich darin vor allem als inspirierter Lyriker, und vieles in dieser Musik wächst ursprünglich und natürlich aus einen! musikantischett Empfinden heraus. Unter den fünf Sätzen wurde man nach einmaligem Hören Der elega! vornehme Herren-Schuh ILa Florida G. HORENCZYK dem zweiten Satz, einer Sarabande höchst expressiven Charakters, eine Vorzugsstellung cinräunicn. — Das zweisitzige Streichquartett von L'limann. einem ehemaligen Schüler Schönhergs, imponierte mehr durch seine technisch ingeniöse und sichere Behandlung der Stimmen als durch seine erfinderischen Qualitäten, in denen sich ein gewisser Eklektizismns verriet. Immerhin, das Werk gefiel allgemein wegen der Ehrlichkeit der Arbeit und der Gewandtheit seiner Sprache, — Mit einem brillanten Orchesterstück, ״El Salon Mexico“, war Copland, einer der bekanntesten jüngeren Amerikaner.^Vertretern Die . Idee zu diesem Werk Weise wiederzu gehen. 7.11 diesem ' Zwecke verwandte' er eine Anzahl von mexikanischen Volks- und Tanzmelodiett, die in ansprechender Weise verarbeitet werden. ״El Salon Mexico“ ist witzige, gut instrumentierte Unterhaltungsmusik im besten Sinne des Wortes, zeigt aber wenig originales Erfindungstalent. — Aehnüches läßt sich von der ״Suite dans 1 e goftt espagnol“ des Franzosen Roland-Manuel sagen. Auch dieses viersätzige Werk, das in der Hauptsache auf spanischen Motiven basiert, ist mehr oder weniger Unterhaltungsmusik mit nur geringer persönlicher Note. Die Suite sprach vor allem durch ihr gefälliges und gepflegtes, halbexotisches Idiom und durch die interessante Verwendung des Cembalo im Dienste moderner rhythmischer und koloristischer Effekte an, — Rosenthal, Dirigent am Pariser Rundfunk, stellte sich mit einer orchestral sehr gelungenen fünfsätzigen Suite, ״J e a n n e d'Arc“, vor, die als eine Art musikalischen Kommentars zu fünf Szenen aus dem Lehen der französischen Nationalheldin gedacht ist. (Der dritte Satz wurde bei der Aufführung ausgelassen.) Trotz einer oft nt drastischen Deutlichkeit und äußerlichen Theatralik, die an den Stil moderner Filmmusiken erinnerte, imponierte bei dieser ganz aus dem Geist des Orchesters erfundenen Musik eine gesunde Vitalität und die Unmittelbarkeit der thematischen Einfalle. Der Komponist stand am Dirigentenpult. — Kofflers dritte Sinfonie, op. 21, konnte sich nur einen Achtungserfolg erringen. Der Komponist hatte darin den an sich interessanten, aber höchst problematischen Vcrsuch gemacht, die sinfonische Form, die sich im wesentlichen auf dem Gegensatz harmonischer Zonen auf haut, mit Zwölfton-Thematik, dm ihrerseits diesen Gegensatz aufhebt, zu kombinieren. Das künstlerische Resultat war trotz dem offengichtlicheii Ernst der Ab'icht wenig überzeugend, Zionistische Politik und Propaganda Das Nach wuchsprob lern Von Dr. Gerhard Hold he im, Tel Awiw Die zionistische Bewegung ist überaltert. Ihre heutigen Wortführer waren fast alle bereits in der Vorkriegszeit Vorkämpfer der Idee. Und wer einmal die Protokolle der elf ersten Kongresse durchblättert, wird neben den unvergeßlichen Namen unserer großen Toten (und neben vielen, an denen keine zionistische Erinnerung mehr haftet) als Delegierte und Funktionäre den Oroßteil derer finden, die noch heute die Bewegung in ihren leitenden Gremien repräsentieren. Hiergegen kann sich gewiß kein Einwand richten. Jede Bewegung, die Neues schaffen will, braucht in jedem Moment den Rat und die Erfahrung derer, die sie aufwärts geführt haben und in ihrer Person die besten Traditionen verkörpern. Ein schwerer Schaden für die Bewegung ist aber, daß unsere verantwortlichen Körperschaften fast allein von der alten Generation beherrscht werden. Nicht nur, daß die Menschen mit zunehmendem Alter nicht gerade beweglicher werden. Unser Aktions-Comite z, B. weist kaum Verlndcrungen auf. Jeder kennt jedcn־ weiß meist vorher, was der andere denkt und sagen wird. Affekte regieren oft; alte Rivalitäten beeinflussen die Entscheidung. Die Bewegung erstarrt, wenn nicht neues Blut in sie hincingepumpt wird. Als notwendiges Komplement zu den Unentbehrlichen der ersten zionistischen Generation brauchen wir Figuren, die noch nicht abgestempelt sind, Talente, die neue Gedanken in die Debatten bringen, Exponenten der Generation, die während una nach dem Kriege heran wuchs. Und nicht nur, weil die großen Entscheidungen der Stunde nicht von den ״Alten‘‘ allein getragen werden können und dürfen. Was soll später werden, wenn die, welche dreißig und vierzig Jahre Akteure der zionistischen Arbeit waren, von der politischen Bühne abberufen werden? Es gab eine Zeit, da nannten wir den Zionismus ״die Jugendbewegung des jüdischen Volkes1'. Studenten waren es, die die neue Idee vor den jüdischen Massen verkündeten. Die führenden Männer der ersten Kongresse waren um zwanzig und dreißig Jahre jünger als die Personen, die heute die Zukunft des Zionismus bestimmen. Man wird antworten: Der Grund ist klar. In der revolutionären Epoche des Zionismus galt es gegen den Strom einer scheinbar natürlichen Ent- Wicklung zu schwimmen. Und eine saturierte, hi ihren Wohnländern sich fest verankert fühlende Generation spottete über den ״Utopismus“ und machte nicht mit. Lassen wir die Frage, ob nicht auch beute noch der Diirchschnittsjude in mittleren und älteren Jahren dem Zionismus in seiner reinen Form ferner ist als Jugend, die unmittelbarer zu fühlen vermag und bereiter ist, dem Ruf nach Erneuerung zu folgen. Niemand bestreitet: In den ersten zwei Jahrzehnten mußte der Zionismus von Menschen der jungen Generation getragen sein. Wenn dies klar ist, so ist aber keineswegs klar, warum heute gerade Mensehen b i s dreißig und fünfunddreißig Jahre an sichtbarer Stelle fast gar nicht mehr in die Erscheinung treten. Für alle Völker zeigt die Periode, in der wir leben, eine erstaunlich krasse Differenz zwischen der Mentalität von alt und jung. Bei uns gibt es das besondere Problem der Enge des Raumes in Erez Jis'rael. Ob unsere Schulen verstehen, die Judenfrage in ihrer Totalität zum Verständnis zu bringen — ich wage es zu bezweifeln. Das Land ist dieser Jugend nahe, aber wenig gekannt in ihren Quellen, ihren tieferen Zusammenhängen, ihrer historischen Entwicklung wird die Bewegung, die all das im Lande geschaffen, was heute der Jugend als Selbstverständlichkeit erscheint. Die Menschen, die unsere Schulen verlassen, stellen wahrscheinlich in ihrer großen Mehrheit vortreffliches Material dar. Judentum wird problemlos bejaht. Die Liebe zur Heimat sitzt ihnen im Blute. Mit Ideen wie Keren Kajemeth, Tozereth Dem Musikfest war einige Wochen vor seinem Beginn ein Kongreß vorausgegangen, der unter dem Motto ״Music and Life — 1938“ die verschiedenen Fragen zeitgcnössischen Schaffens zur Diskussion brachte. Von jiidisehen Vortragenden sprachen Dr. Ernst Meyer (Moderne Musikforschung), Harnet Cohen (Was ist moderne Musik?), Hanns Eisler (Das Zwölftonsystem), Franz Reizenstein (Hindemiths neue Kompositionslehre), Dr. Mordechai Sandberg (Das mikrotonale System) und Mayas Seiber (Die Musik des ״Swing“), Dr. Mosco Garn er Haare/, Awodah Iwrith, wurden sie groß. Man hat den erfreulichen Eindruck: ein diszipliniertes Geschlecht. Aber ich frage: Tritt diese ״Nachkriegsgcneration“ im politischen Leben des Jischuw, in den Lebensfragen der zionistischen Bewegung überhaupt in Erscheinung? In Ver- Sammlungen und als Redner hört ihr die ewig gleichen Namen der ״Alten“. Blickt in die Zeitungen — wo findet ihr einen Jüngeren, der zu Fragen der Stunde sich äußert? Eine Masse ist da, die im stillen wirkt und wortlos dient. Will etwa jemand behaupten, daß die Generation, von der wir hier reden, har an Talenten ist? Wo aber kommen diese zum Wort? Wo hören wir Aeltcren, was die Zwanzig- und Dreißigjährigen denken? Welches Bild von Kultur und Moral sie in sich tragen? Woher wissen wir( wie das Geschlecht, auf das die Blicke der Judenheit gerichtet sind, die Zukunft des Volkes sieht? Es ist ein Widersinn, daß in einem Moment, wo die Nation in ihrem Schicksalskampfe steht, die öffentliche Meinung des Jischuw ausschließlich von den ״Alten“ gebildet wird. Die Begabungen, die in der jungen Generation ohne Zweifel vorhanden sind, müssen die Chance bekommen, sich frei entwickeln zu können, damit sie der Gesamtheit zugute kommen. Die Voraussetzungen hierfür kann man schaffen, Talente entdecken, die auf den vielfältigen Ge* bieten der öffentlichen Vertretung der zionistischen Sache das Erbe der alten Generation antreten können. Diese Mensehen muß man ermutigen, ihnen die Richtung weisen, unter Umständen materielle Beihilfen stellen. Entdecken und Ausbilden — zukünftige Re« präsentanten der zionistischen Arbeit in den wichtigen Zen* tren der Welt, nicht zuletzt in den arabischen Nachbarländern. Entdecken und Aus bilden — unsere zukünftigen Sch’lichim, die in der Gola zu den Juden sprechen, ihnen die Augen öffnen und sie mit Liebe erfüllen sollen für den Oedanken der nationalen Wiedergeburt, Amerika — welch unermeßliches Feld. Dort ist das große Reservoir jüdischer Kräfte, ohne dessen Erfassung kein Auftrieb im Aufbau unseres Landes denkbar ist. Ist es nicht höchste Zeit, das nachztiholen, was wir verabsäumten? Ist nicht das junge Geschlecht in Erez Jisrael dazu berufen, die Herzen der Jugend dort zu gewinnen und eine zionistische Bewegung dort zu schaffen, die dieses Namens würdig ist? Eine solche Aktion muß zentralisiert sein bei der Zionistischen Exekutive, eventuell gemeinsam mit den leitenden Instanzen der beiden Fonds. Zur Ausbildung sind die Lehrer vorhanden. Worauf es ankommt, ist die Aufspürung der geeigneten Kandidaten. Hier muß ein Netz geschaffen werden, das seine Vertrauensleute überall in Palästina hat: auf dem Lande und in der Stadt, in Schulen, lueendverbänden, Sportvereinen, Parteien, landsmannschaftliehen Verbänden sowie lokalen Organisationen aller Art, Und matt darf sich nicht beschranken auf jüngere Menschen, die im Lande aufgewachsen sind. Auch unter den neuen Olim wird es manchen gehen, der unbeachtet sein Brot zu verdienen sucht und das Zeug in sich hat, Repräsentant der Bewegung zu werden. Nahemia de Lieme Wie uns aus Holland berichtet wird, hat Nehemia d c Li e m e in der holländisch-jüdischen Zeitung ״De Joodsche Wächter“ einen Artikel veröffentlicht, worin er zum Zeichen seiner Gegnerschaft gegen den Plan einer Teilung Palästinas aus der Zionistischen Organisation austritt. Nehemia de Lieme, 1920/21 Mitglied der Zionistischen Exckufive und seitdem ein scharfer Gegner der Weizmann- Politik, ist der Führer jener Gruppe holländischer Zionisten, die schon im Sommer 1937 unmittelbar nach dem Züricher Kongreß dc-11 Austritt aus der Organisation vollziehen wollten, dann aber bei der Landeskonferenz im Dezember von diesem Plan absah. De Lieme persönlich ist in den letzten etwa 10 Jahren nicht mehr in der Zionistischen Weltorganisatiou hc'rvorgetretcn und hat seine Tätigkeit lediglich aut die holländische Organisation beschränkt. Kinder- und Jugenddorf Ben Schemen. Zu Beginn des neuen Schuljahres am 1. Oktober können noch wenige vollzahlendc Jugendliche von 15—17 Jahren mit 9klassiger Schulbildung in die landwirtschaft'ichc und landwirtschaftlichhallswirtschaftliche Schule aufgenonuuen werden, Auskünfte erteilt die ״Jüdische Waisenhilfe", Berlin-Wilmersdorf, Prinzregentenstr, 75/1; Tel. 86 55 47 9 -13 Uhr. Y ogellaute Von Arthur Silbergleit Jizehak Katunk war ein kleiner Manufakturist und ein großer Vogelfreund. Manche behaupteten, er beherberge auch ui seinem Kopf einen Piepmatz. Einige hielten ihn für einen frommen, andere für einen freventlichen Narren. Er rodete nämlich seine Liebling!■ mit liebr.tiwhui Buchstaben an, So hieß cit1_Welk'11M!!1uh Alef, ein Dompfaff Bei-, ein Kanaricn- Bauern, umwhwirrtcn ihn,' ließen sieh auf seine Schultern hernieder und lauschten seinen Zuüüsterungen von katzenfreien Wolkeninseln und von der Heimat aller beschwingten Wesen wie einst König Salomos L.iehlingspapagci der Mahnung seines der Vogelsprache kundigen Herrn: ״Neige deine Ohren und höre die Worte der Weisen und nimm zu Herzen meine Lehre!“ Sonjte und Mond lächelten nachsichtig über den alten Kauz, der sich zu wachsendem Verdruß seiner braven Zipora weit lieber mit den kleinen Umherflatterern in seiner Wohnung als mit den großen Wandervögeln oder Hausierern in seinem Laden unterhielt. Seine Träume wurden immer vogelhafter, seine Worte immer verworrener. Einmal sali er sich in einem blauen Riesenbaiier hinter Gittern aus Mondstrahlen als Gefangener Gottes. Die Gefic* derten erschienen ihm bald als Beter mit gefalteten Fliiein, bald als Psalmisten, jede Melodie und jeder Schwingen* raus als neuer Lobgesang zum Ruhm des Herrn. In ihrem Jubel lebte gewiß noch der Glücksrausch der ersten Mensehen über die Herrlichkeiten der Schöpfung mit derselben Lauterkeit wie in der Musik uralter Felsennuelien voll Paradies-Sagen. Die kleinen Sänger dünkten inm große Propheten, geflügelte Verheilter des Messias. Jizcnaks Herz hüpfte zu ihren Freudetänzeri, Ihre kurzen Roller klangen ihm wohllautvoilcr als die langgezogenen Triller der Koloratursängcrin Lerche, galten sie ihm doch als Dank für alle zärtlichen Betreuungen. Denn er füllte ailmorgendlich die kleinen Futternäpfe und Wasserbehälter aus Porzellan und breitete nach Verglühen des letzten Goldlichts über alle Bauer kleine Decken. Da schmollte ihm der neugierige Mond. Um 80 herzlicher hießen Jizehak* Pfleglinge in aller Frühe ihren Schirmherrn mit Segenssprüchen für sein Tageswerk willkommen. Besondere Genugtuung fand er über seine Erfolge als Lehrer hebräischer Melodien. Ein Zärtlichkeitsduett entwickelte sich zwischen ihm und einem Schüler in rotschwarzem Federrock. Der Pfiffikus überzeugte seinen Vorsänger bald, daß hier ein Sopran entwicklungsfähig sei, wiederholte bereits nach wenigen Proben mit unverkennbarem Stolz auf seine Sicherheit die erste Ton reihe der Lechodaudiwcise und dankte mit lebhaftem Kopfnicken für die Belohnung durch ein Apfelscheibchen. Seine Pupillen erglänzten dann in solcher Seligkeit wie die Blicke eines Zaddik nach Genuß köstlichsten Rebensaftes, gereift auf den Weinbergen des Herrn und von Seinen Guadenfeuern durrhßlülit. Geradezu trunken vor Freude aber wurde Jizchak nach. der Geburt eines Vogelsöhnchcns, das durch leises Piepen Widerspruch gegen seine neue Umwelt an deutete und ihn ganz scheu, ja fast ängstlich an blinzelte. Er bemühte sich mit der Vogelmutter und Zipora um die Wette, Gottes jüngstem Geschöpf Zärtlichkeiten zu erweisen. Die Vogelmutter wurde auf ihn besonders eifersüchtig, Zipora aber, in sichtlicher Verlegenheit, verstand und beneidete sie und begriff auch Jizcnaks Zärtlichkeitsdrang. Die gütevolle Kinderlose, die vor Jahren aus Schreck über den jähen Donnerprall einer Hiobsbotschaft das Gehör verloren hatte und sich seitdem nur noch durch Schriftzeichen und Gebärden mit ihrem Mann verständigen konnte, ahnte seine Sehnsucht, mit einem Sohn seiner Träume reden und ihn bis zuin ersten Ausflug in die Welt väterlich betreuen zu können. Denn eine jüdische Frau voll Gottergebenheit lebt die Sehnsuchtsschmerzen aller Weltgeschöpfe mit so teilnahmsvollctn Herzen mit, daß man sie als Trösterin an allen Krankenbetten der Seele findet. Eines Nachts aber überfiel Ziporas Körper ein furchtbarer Schmerz. Sie fuhr wie gemartert empor und schrie so wild auf, daß sie Jizehak und die Vögel aus tiefem Schlummer schreckte und zu bangen Klageiautcn bewegte. Der schleunigst herbeigerufene, bereits taprige Manasse Belisch, der seit vierzig Jahren im Städtchen Apotheker, Arzt, Hebamme und Leichendiencr spielte, ordnete nach kurzer Untersuchung Ziporas sofortige Ueberfiihruttg In das Gcmcmclekrankenliaus an. Hier wurde sie bald vom Alpdruck ihrer Gallensteine erlöst. Jizehak dankte dem Allgütigen durch inbrunstvolle Gebete und Hallelujas, in deren Jubel auch Gottes gefiederte Kanimcrmusikanten cinstimm* ten. Zipora erholte sich verhältnismäßig rasch, begann aber nach einigen Monaten wieder zu kränkeln. Ihr imergriindliebes Leiden verschlimmerte sich zusehends, der Kräfte* verfall wurde so deutlich, daß die Blässe des immer schma* leren Gesichts bald dem Kissen glich, von dem sie mit «an!• tem Dulderinlächeln zur Decke wie zu einem Himmel Ihrer Träume emporblicktc-, Jizehak konnte das Nervenbündel, das seine Frau jetzt nur noch darstellte, nicht ohne tiefste Erschütterung ansehen. Er begann mit dern Allmächtigen zu rechten, weshalb Er einen so treuen Erfüller Seiner Gebote derart schwer strafe, und flehte Ihn um Erhörung seiner innigsten Herzensbitte an, Zipora bald genesen zu lassen. Jizehak hatte bereits seine gesamten Ersparnisse hin* egeben, um nunmehr ein üanzopfer seiner Liebe darzuringen. Eine« Tages nämlich erklärte ihm Ziporas Arzt, er halte vor einem neuen operativen Eingriff die Hinzuziehung eines Spezialisten aus der Hauptstadt für ratsam und bedürfe eines wesentlichen Zuschusses zu den bereits von der Gemeinde bewilligten Mitteln. Jizehak wurde bei dieser Eröffnung so weiß wie die Wände in Ziporas Krankenzimmer. Eine furchtbare Vision drohte gespenstische Wirklichkeit zu werden und trieb ihm Schweißtropfen auf Wangen und Stirn: Vor seiner Tür stand zur Rechten der Tod, zur Linken! das Leben, in der Mitte, das Gesicht ganz grinsende Habgier, ein hünenhafter Trödler, schwenkte einen großen dunklen Sack wild hin und her, klopfte ungestüm an und schrie: ״Laß׳ mich ein und gib mir, was du noch an Schätzen hesitzet!“ Jizehak glaubte an einen Spuk, da schlug ihm der Händler den Sack ums Gesicht: ,,Spute dich; mich erwartet schon andere Kundschaft!“ Vergebens bot Jizehak dem unheimlichen Besucher alle ererbten Kostbarkeiten als Pfänder dar. Der ^roße Sklave seiner Gier bestand auf dem Verlangen, jegliche wertvolle Habe nicht durch Darlehen, sondern durch Kauf in seinen Besitz, zu bringen und suchte ihn durch buhlerisches Münzenklimpern zu kirren. Da bemühten sich Vergangenheit und Gegenwart machtvoll auf Ihn einzuwirken, widerspruchsvolle Gewissensstimmen bedrängten in harten Kämpfen Jizehak immer stärker. Die autbangenden Vögel aber deuteten durch Klagelautc ihre Teil* nähme an seinem Schmerz, an, sich von manchem Augenzeugen festlicher Stunden trennen zu müssen. Noch einmal liebkosten seine Blicke alle durch Erinnerungen geheiligten Kostbarkeiten: den Kidduschbecher mit den kunstvoll aus silberner Wand hervorgetriebenen Abbildern des Knäblein Mose und der ägyptischen Königstochter, die Uhr des sei!• gen Vaters, das Armband aus der Brautzeit von Großmutter rlannchen, der iwivcrgeßbaren Mutter Kette mit der einzig echten Perle in der Mitte sowie den siebenarmigen Leuchter aus glanzvollen Ahnentagen. Dann breitete er die stolzen Schmucker vieler Andachtsschreine zu Füßen des Händlers