Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 51 (28.6.1938)
- Date
- 1938-06-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 51, 28. Vi. 1938 JÖDISCHF RUNDSCHAU Seite 3 Juden aus Deutschland in Chile Rückblick und Ausblick Von unserem Berichterstatter Santiago 14. Juni 1938 Betreuung der Einwanderer Vor ungefähr fünf Jahren setzte die erste größere Ein- Wanderung von Juden aus Deutschland nach Chile ein. Das Land litt damals noch sehr unter den Folgen der Welt- Wirtschaftskrise, die in Chile im Jahre 1932 ihren Höhepunkt erreicht hatte. Anfang 1934 wurde die wirtschaftliche Situation in Chile merklich besser. In diesem Jahr war cs schon eine stattliche Gruppe von Juden aus Deutschland, die sich in Chile nicdcrlieilen. Die Einwanderer wurden in erster Chilenisches Dorf Linie von dem Komitee zur Unterstützung der Immigranten aus Deutschland betreut, das in! Juni 1933 von aus Deutschland stammenden Juden, die aber schon viele Jahre in Chile leben, gegründet wurde. Das Komitee hat im Laufe der Jahre eine sehr ersprießliche Tätigkeit geleistet. Die geldliehen Anforderungen, die an dasselbe gestellt werden, sind erheblich, und es ist immer wieder derselbe Kreis, der die notwendigen Beträge zur Verfügung stellt. Das Komitee ist auf sich allein angewiesen. Besonders erwähnenswert ist die warmherzige und entgegenkommende Art, mit der die Eingewanderten von den! Komitee behandelt werden. Heute setzt sieh das Komitee aus den Herren Siegmund Freudenthal, Erncsto Goldsc.hmidt, Jose Lcvi und Alex W'crthcimer zusammen, von denen Ernesto (ioldschmidt und Jose l cvi nun schon über fünf Jahre in selbstloser Weise für die Ein- Wanderer tätig sind. Sehr wichtig für alle Auswanderung?- anxvärtcr ist die Tatsache, daß das Komitee in keiner Weise bei der Einwanderung selbst behilflich sein kann. Diese Funktion hat das H i c e m - B ii r o in Santiago, das in gewissem Sinne mit dem oben erwähnten Komitee zusammenarheitet. Die Hiccm hat die Aufgabe, die ordmmgsgemäße Einwanderung der jüdischen Familien aus Deutschland, von denen eine hegrenzte Anzahl jährlich einwandera •dürfen, zu organisieren. Präsident der Organisation in Santiago ist Dr. Mauricio Weinstein und Geschäftsführer Leon Dimand. — Ferner haben aus Deutschland kommende jüdische Frauen ein Komitee gebildet, das sich zur lobenswerten Aufgabe gesetzt hat, Kranke zu betreuen und überhaupt in sozialer Hinsicht zu wirken. Erwerbsmöglichkelten Unter den Auswanderern herrschen immer noch falsche Vorstellungen darüber, welche Berufe für Chile an gebracht sind. Für Akademiker ist cs vollkommen ausgeschlossen, in ihren Berufen hier untern!kommen; sie müssen sich umstellen. Für kaufmännische Angestellte ist es auch sehr schwierig. Das chilenische Angcstelltengesrtz schreibt vor, daß in einem Betrieb, der über 5 Angestellte hat, 85 "0 derselben Chilenen sein müssen. Allerdings werden bei diesem Gesetz Ausländer, die 10 Jahre im Lande sind und es während dieser Zeit höchstens ein Jahr verlassen lassen haben, als Chilenen angesehen. Trotzdem ist es ungemein schwer, als Ausländer Stellung zu finden. Etwas besser ist die Situation für weibliche Angestellte, für die in vereinzelten Fällen Anstellungsmöglichkeiten bestehen, doch müssen diese die spanische Sprach e beherrschen und eventuell auch Englisch und Französisch. Die sozialen Schutzgesetze für Angestellte und Arbeiter sind in Chile ganz vorbildlich. Aussichten haben in Chile in erster Linie Handwerker mit Kapital und Berufslandwirte, sowie Kaufleute mit Kapital, die eine für das Land nützliche Industrie errichten wollen. Sprachkenntnisse Jeder, der nach Chile einwandern will, sollte sich darüber klar sein, daß er unbedingt Vorkenntnisse der spanischen Sprache haben muß, wenn seine Einordnung hier im Lande nicht sofort mit Schwierigkeiten beginnen will. Auf Erlernen der spanischen Sprache vor Antritt der Reise nach Chile sollte jeder Einwanderer bedacht sein. Gesellschaftliche Einordnung Im Jahre 1931 schlossen sich die Juden aus Deutschland zu einem Gemcindebund deutschsprechender Juden zusammen. Im Laufe der Jahre hat cs sich aber herausgestellt, daß an einem solchen Zusammenschluß kein genügendes Interesse vorhanden ist, da sich die Pflege der Geselligkeit als undurchführbar erwiesen hat. Ein Programmpunkt des Gcmeindebnrules, nämlich die Pflege der Kultusangelegenhciten, soll weiter durchgofülirt werden, und es hat sich ein Ausschuß gebildet, der die Vorarbeiten zur Gründüng der ״Chewra" leistet. Sonst ist jedem Einwanderer die Möglichkeit geboten, der Zionistischen Vereinigung von Chile anzugehören und liier sich zionistisch zu betätigen. Vor einem Jahr hat siel! ein kleiner Kreis junger Juden aus Deutschland zu einer zionistischen Arbeitsgemeinschaft 711samniengeschlossen; da aber dieser Gemeinschaft nur wenig Neueingcwanderte hei treten, ist es schwer, diese zionistische Gruppe lebensfähig 711 erhallen. Erfreulicherweise hat sieh die Gruppe der deutschsprcchcndcn Zionisten in Buenos Aires berciterkkirt, den Chile-Kreis durch Uchcrscndung von Propagandamaterial und Palästinafilmen usw. zu unterstützen. Es ist zu erwarten, daß die kleine Gesellschaft der deutschsprechenden Zionisten in Santiago dadurch neue Impulse erhält. Der Wizo sirfd eine Anzahl jüdischer Frauen aus Deutschland beigetreten. Fine sehr positive Leistung ist von Einwanderern aus Deutschland vollbracht worden: Die Gründüng des Makkabi Chile im Jahre 1934 ist ausschließlich auf die Initiative eines kleinen Kreises jüdischer Einwanderer aus Deutschland zurückzuführen. Heute zählt der Makkabi Santiago über 500 Mitglieder, doch meist hiesige Judeifc Außer einigen Gründern sind nur wenige Einwanderer aus Deutschland dem Makkabi in den letzten Jahren beigetreten. Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben der Gemeinschaft der Juden aus Deutschland bildeten der Besuch von Dr. Arthur Ruppin im Jahre 1935 und die Anwesenheit des Vertreters der Jewish Agencv für Südamerika, Dr. Ahraham Mibaschan, im Oktober 1936 und 1937. Was ein Emigrant vor der Ausreise wissen muß Auch hierüber ist vieles zu sagen, was der Einwanderer wissen muß, wenn er sieh von vornherein auf das Leben in Chile einstellen will. Man darf bei der Beurteilung des Lebens in Chile keine Vergleiche mit Europa anstellen, wenn man in vielen Dingen nicht enttäuscht sein will. Um sich mit den Sitten und Gebräuchen des Landes vertraut machen zu können, ist Beherrschung tler spanischen Sprache erforderlieh. Erst dann ist man in der tage, am kulturellen Leben des Landes tcilzunchmen. Eine ständige Theatersaison wie in Europa kennt man nicht; doch gastieren oft Opern- und Schaiispiclgescllschaften ans Europa und Argentinien. Eine Hauptahweehshmg für den Chilenen bildet der Kinohesurn. Es gibt einige prächtige Kinos in der Hauptstadt, die getrost mit ersten Lichtspielhäusern europäischer Großstädte verglichen werden können. Allerdings fällt es anfangs schwer, sich an die späten Anfangszeiten zu gewöhnen. Die Nacht- Vorstellung beginnt um 10 Uhr. 1111 Musikleben ereignet sieh viel. Die bedeutendst eil Künstler besuchen Chile, doch werden oft so hohe Eintrittspreise gefordert, daß Einwanderern, die mit jeden! Peso rechnen müssen, der Besuch der Konzerte erschwert wird. Im übrigen ist Santiago eine moderne Stadt, die sich in den letzten Jahren ungeheuer entwickelt hat, mit Prachtbauten, einem sehr eleganten Geschäftsviertcl und schönen Parkanlagen. Straßenbahn und Omnibus sind sehr billig. Für '2(1 Centavos kann man kilometerweit fahren; doch verkehren zu wenig Fahrzeuge, so daß sie immer überfüllt sind. Ausflüge wie in Europa kann man nicht unternehmen. In der Mittelzone, also in der Gegend von Santiago, fehlt der Wald, und um überhaupt hinaus- /!!kommen, muß man ein Auto bähen. Nur der in Santiago liegende Flügel San Cristöbal ladet zu Ausflügen ein. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Hauptstadt. Allerdings haben Gebirgssportlcr in Chile ein schönes Betätigungsfeld, ln die herrliche (iebirgsxvelt der Kordillcre kann man viele Exkursionen unternehmen, doch sind diese kostspielig und ohne Führer oft gefährlich. Bei Austingen kommt in Südchile und in dem llaupthafon Chiles. Valparaiso, der mit Recht die Perle des Pazifik genannt wird, jeder auf seine Rechnung. Wer Sport treiben will, hat hierzu auch jede Möglichkeit. Das Sportiehen steht i!1 Chile auf beachtlicher Höhe. Namen wie Anita l.izana, die berühmte chilenische Tennis- Spielerin, welche im vorigen Jahre amerikanische Meisterin wurde, und Manuel Plaza, der auf den Olympischen Spielen in Amsterdam 1928 für Chile im Marathonlauf den zweiten Platz eroberte, haben auch in Europa guten Klang. Wer cs sich leisten kann, hat die Möglichkeit, die allermodernsten Wohnungen zu beziehen. Im allgemeinen bevorzugen besonders verheiratete Immigranten kleine nette Hausdien außerhalb des Zentrums der Hauptstadt. Im Anfang ist es empfehlenswert, in Pensionen zu wohnen, die nicht allzu teuer sind. Für die Erziehung der Kinder gibt 05 eine Anzahl erstklassigcr Schulen, welche vorbildlich geleitet sind. Der Aufnähme der Kinder von Immigranten stehen keine Schwierigkeiten entgegen, auch wenn die Kinder erst Spanisch lernen müssen. Es müssen nur die Zeugnisse der Schulen aus Deutschland vorgelegt werden; die Kinder verlieren eventuell ein Jahr. An Lebensmitteln ist alles in Hülle und Fülle vorhanden. Trotzdem sind die L c b e 11 s 11 a 11 u n g s k 0 s t e 11 im Larnle sehr hoch. Interessant ist die folgende Tabelle, die das statistische Hauptbüro in Santiago angefertigt hat, und aus weicher die Teuerung klar ersichtlich ist. Die Tabelle zeigt, welchen Umfang die Teuerung von 1928 — 1937 angenommen hat, und es ist dabei zu berücksichtigen, «laß die Einkommen im Vergleich zu 1928 nur wenig gestiegen sind. Im Vergleich z 11 m Jahre 1928 sind i m Jahre 19 17 folgende Lebenshaltungskosten Erhöhtingen cingetreten: Ernährung 64,6 "a Wohnung 77,2 "0 Heizung und Licht 63,7 0״ Kleidung S9,4 0 ׳ Von 1936—1937 folgende Erhöhungen: Ernährung: 19,7 ״«, Wohnung: 8,5״!, Heizung und Licht: 12"״ und Kleidüng: 1 ״״. Im Jahre 1938 ist alles noch teurer geworden. Ein Angestellter verdient im Durchschnitt 709 Pesos monatlieh, wobei diese Summe auch nicht als Norm angesehen werden kann, denn es gibt verheiratete Angestellte, die 600 fflkck rnl Santiago - Andre Maurois ihr bekannte französischjüdische Schriftsteller, wurde in die französische Aka•׳ (eigentlich Andre Herzog! ist 31 ,fahre ult. I iele sei• nrr Werlte gelten tler eng• lischen Geschichte und hui• tur, z. II tler Shrllev-Ro■ man ״Ariel‘, die Disraeli• Biographie, die Mtmographie über Edward 17/. und zuletzt die (auch in ittf IV' besprochene) Ge• schichte Englands. )1וווווווווווווו1וווווו1(111ח1ו!1(1ו11זווו1יו1!1!וו!1וווו11ו1ו1ו1ו!ו!1וווו11ו!1!ווו1ו1ווו1וווווו1)!ווח!ו!ו1}1ו1ו1ו!וווווווו1ו11וווווווו;וווווו!ו!1ו111וו1וו11! Pesos verdienen, und unverheiratete, die über 201)0 Pesos verdienen. Das ist auch oft reine Glückssache und kommt auf die Kenntnisse an. Das statistische Amt kommt in seinen Untersuchungen zu der Feststellung, daß ein Angestellter mit drei Kindern sein Gehalt wie folgt anlcgcn muß: 45 "״ für Ernährung 20 ״״ für Wohnung 7,5"״ für Lieht und Heizung es Gehalt dard, den ten kann, Bei diese;runde gelt für das für di April regnet es nur in Au-nahmdallcn. I '!!angenehm ist der Winter, wo es sehr naßkalt ist und oft regnet. Im Sommer kühlt es sieh nachts schon ab, was die I lit/e am Tage ertraglicher macht. So ist es in der Mittel/nne Chiles, also in der Hauptstadt Santiago und Umgehung. 1111 Süden sind lange Regenpcritulen, was besonders Einwanderer beachten müssen, die sich in Südchile niederlassen wollen und dementsprechende Kleidung und Regenmäntel mitnehmen sollten. Was soll eine Einwandererfamilie mitbringen? Sommer- und Winterkleidung wie in Europa. Für die Wintermonate sind dicke Mantel mit/ubringen und für die Regenzeit am besten Trejich-Coats, die mit Wollfuttcr versehen sind. Dann empfiehlt es sich, alle alten Kleidungsstücke mit/ubringen, die hier leicht gegen Klein 1110hcl eingetauscht werden können. Möbel sind nicht zu empfehlen, da F'racht und 7.011 zu hoch sind. Diese kann man hier verhältiiismäßig billig kanten. Jedes 1 iamlw erkszeiig, auch gcbrauehtes, sollte imtgcbracht werden, das immer von Nutzen ist. Empfehlenswert sind Weil-, Daunenmul Steppdecken. Dann e\c11tne!l eine Waschmaschine, da man sonst auf Waschanstalten angewiesen ist. Wer aufs I and zu gehet! gc- Regenpenodi Ausblick allgemeinen haben >ich «Im I!״Wanderer ganz gut eiiigclebt; Frauen fällt es mitunter schwerer. Zinammcniasseud kann gesagt werden, daß nur der, welcher festen Willens ist, sich auch unter Entbehrungen uui/ustelleit, sieh einigermaßen einlebt. Der Existenzkampf ist ungeheuer schwer und die Schwierigkeiten bei jeder I'.xistcn/gmndiing unermeßlich. Niemand soll glauben, daß er mit in Europa erworbenen Fach- Kenntnissen hier jede Aufstiegsmöglichkeit hat. Es sind fast in jedem Berufszweig erstklassige Spezialisten im l ande, und nur /aiher und unbeugsamer Wille kaut! zum Erfolg führen. Es ist weiter angebracht, daß jeder Immigrant den Chilenen gegenüber ein bescheidenes und zurückhaltendes Wesen zur Schau tragt, denn nur dann erwirbt er sich Achtung und Wertschätzung. I'ttr überhebliche Leute hat der Chilene nur ein verächtliches Achselzucken übrig, und diese schaden der Immigration sehr Die Frage der B e 11 a n d 1 u ״ g d e r 1 tu m i g r a t i o n nach Chile wird wieder erneut akut werden nach den Präsidcntschaftswahleii im Oktober dieses Jahres. Die Amtsperiode des jetzigen Stantpräsidcnten Arturo Alessandri läuft un ()ktober ab, und es ist noch nicht nhzusehen, welche: Politik sein Nachfolger und die neue Regierung in Emwandcrungsfragen cinitchmei! wird. jeder _ Einwanderer, der über Argentinien nach Chile kommt, wird auf dem Gipfel der herrlichen Kordillcrenkctte an der argentinisch-chilenischen Grenze das Christusdenkrrml bewundern als Hüter der Freundschaft zwischen Chile und Argentinien mit der Inschrift: ״Eher sollen diese Berge zu Staub zerfallen, che das chilenische und das argentinische Volk die Freundschaft bricht, die es zu Füllen Christi beschworen hat.“ Fliese Worte stellen die Gefühle des chilenischen Volkes dar: Friedliche Beziehungen zu jedermann und Oastfreundschaft, Heinz G otthHI