Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 49 (21.6.1938)
- Date
- 1938-06-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ■TOPISCHE RUNDSCHAU Nr 49 21, VI. 1938 Zwischen Himmel und Wasser Aul dem Ozean — Dakar — Wir und sie — Rio de «Janeiro *־** Die Metropole Buenos Aires gegeben wird, noch Länder mit weiten leeren Räumen; wir bagatellisieren gewiß nicht die Schwierigkeiten von deren Erschließung, aber bei einer wohlwollenden Ein- Schätzung aller dieser Möglichkeiten könnte ein durchführbarer Plan für die nächsten Jahre aufgestellt werden, der eine fühlbare Erleichterung bringen würde, ln der jüdischen Presse war die Rede von einer Aus- Wanderung von ■100 000 Menschen, verteilt auf vier Jahre, wobei besonders die Jungen und Arbeitsfähigen zu berücksichtigen sind. Dies ist die Erwartung, die wir Juden mit der Konferenz in Evian verbinden. Die Judenfrage, wie sie heute akut geworden ist, bestätigt die Prognose Theodor Uer/is, der gesagt hatte, daß diese Frage nur im Rate der Kulturvölker zu lösen ist. Er ging dabei von der Meinung aus, daß ein gemeinsames Interesse aller Volker, besonders auch derjenigen, die eine Judenfrage in ihrem eigenen Land peinlich empfinden, daran bestehe, diese Angelegenheit ein für alle Mal ans der Welt zu schaffen lind dadurch eine Ursache von allerhand Unstimmigkeiten zu beseitigen. Wie die Dinge heute liegen, sehen wir ein, daß die quantitativ so außerordentlich umfangreiche Aufgäbe nicht in der einmaligen und vollkommenen Weise gelöst werden kann, die Her/1 vorschwebte, der meinte, daß ein neugeschaffener Judenstaat alle Juden aufnehmen solle. Große jüdische Massen müssen heute die Zulassung in Lander erstreben, in denen noch Raum vorhanden ist, vor allem in Länder, die wirtschaftlich noch große Aufgaben der Entwicklung haben, bei denen wirtschaftlich ertahmie Elemente in einer für die Gesamtheit niit/lichcn L'onn Hand anlegen können. Aber so sehr wir auch diese gewaltige 11 iltsaktinn zu fördern haben, so wissen wir zugleich, daß die Judenfrage in ihrer prinzipiellen Form die Schaffung eines neuen Status für das jüdische Volk als solches erfordert. Dies war schon vor zwanzig Jahren Gemeingut der Erkenntnis der Volker, sie fand ihren Ausdruck in dem von allen führenden Nationen damals bestätigten Palästina- Mandat, das für das jüdische Volk auf Grund seiner historischen Verbundenheit mit dem Lande ein ״N a t i 0 n a 111 e i m" vorsalt. Gegenwärtig sind die Verhandlungcn im (ränge, die der endgültigen Form dieses Nationalheims gelten; bekanntlich stellt im Vordergründe dabei der Plan der Schaffung eines Juden Staates auf einem Teilgebiet Palästinas. Die .Modalitäten und Einzelheiten, für die Sache selbst von entscheidender Wichtigkeit, stehen hier nicht zur Debatte. Hier kommt es nur darauf an, die Tatsache iiervor/uheben, daß nicht nur Tausende ein/ebier Juden eine Zuflucht, sondern das jüdische Volk eine ihm gesicherte Ficirnat braucht. All dies kann nicht ohne aktive Teilnahme der Juden, ja ohne den Einsatz aller ihrer Kräfte erfolgen. Es ist gewiß viel verlangt, wenn wir sagen, daß die Juden, innerlich aufgewühlt und mit angespannten Nerven, sich dieser Verpflichtungen immer bewußt sein müssen. Aber in der Tat muß so Außerordentliches gefordert werden, und die Tatsache, daß alle zusain inert dies tun müssen, daß keiner ausgenommen ist, daß wir im Schicksal, aber auch in der großen Aufgabe vereinigt sind, ist gewiß eine seelische Erleichterung dieser schweren Forderung. Und ein Blick in unsere Geschichte hilft uns, die Kraft dazu auf/ubringen. Kurt Blumenfeld in Paris Vor.'itzemh.׳ der ZionEti-chc״ Vereinigung für Deutschland, Kurt Bin men fehl, letzt Jerusalem, hat sich mehrere Wochen in Pari-■ au!gehalten 11ml hat dort eine zionistische Propaga nd aaktion (■:!!geleitet. Der Besuch Kurt Blumcnfclds stellt in ■oder Hinsicht für Paris etwas gar/ Neues dar. Blumen fehl hat als erster den Versuch einer ^zionistischen doch von der Vktivienmg dieser Kräfte auch eine belebende Wirkung auf die Eiligkeit der anderen zionistischen Gruppen in I raiikreieh auvehen. In! Rahmen seiner Aktion hielt Kurt Blumenfeld drei öffentliche Vortriige, die von mehreren hundert Personen Ixoueht wurden, ln dein ersten Vortrag gab Pdumenfeld eine Analyse der jüdischen Lage nach den jüngsten Ereignissen, die die moralische und wirfscViaftliche Basis eines Teiles der europäischen Judenheit zerstört haben. Er wies darauf hin, daß mir eine neue Bewegung der A u t o e m a n z i p a t i o 11 den Ausweg aus dieser hoffnungslosen Lage weisen könnte. In einem zweiten Vortrag schilderte Blumenfeld den entscheidenden Beitrag, den Palästina zur Lösung der Judennot liefert. In seinem Schlußvortrag beschäftigte sich Blumenfeld mit den aktuellen Fragen der zionistischen Politik, die heute durch die bevorstehende Gründung des Judenstaates an einem entscheidenden Wendepunkt angekommen ist. Das jüdische Volk, so sagte er, müsse verstehen, diese ungeheure Chance auszunutzen. Die Gesamtdarstellung der jüdischen und zionistischen Situation, die von dem Redner unternommen wurde, hat auf die Zuhörer einen tiefen und nachhaltigen Ei ml nick gemacht. Die öffentliche Aktion Blumcnfclds wurde durch eine Anzahl von Zusammenkünften im kleineren Kreise ergänzt, in denen sich an die einleitenden Vorträge Kurt Bhmienfckls angeregte Diskussionen knüpften. Es gelang i!1 diesen intimen Bc-p edumgen eine An/ah! wertvo'ler Persönlichkeiten, die bisher dem zionistischen Kreise ferngeblieben waren, für die zionistische Arbeit zu gewinnen. Sollte es möglieh werden, c’aß Blumenfeld seine erfolgreich begonnene Propagandaarbcit im kommenden Winter fortsetzt, so ist sicherlich von seinem Besuch eine dauerhafte Aktivierung und Inte:;. ivierung der zionistischen Arbeit in Paris zu erwarten. Auf meiner ersten, großen Reise habe ich tausend Bilder, Szenen, Dinge und Menschen gesehen, zum ersten Male gesehen, und fast nichts ist mir völlig neu vorgekommen, als hätte ich in einem früheren Leben die ganze Welt bereist. Vielleicht haben sich die Erzählungen und Schildenmgen von Polarforschern, Expeditionsleitern und nicht zuletzt die Bilder unzähliger wissenschaftlicher Filme so tief in mein Bewußtsein eingegraben. Jedenfalls sali ich nichts, vvas ich nicht heim Namen nennen konnte. Aber diese Bilder, Szenen, Dinge und Menschen sind immer anders. Jeder Mensel! sieht sie anders. Und seltene Dinge und Menschen bewundert man auch, wenn man sie zum zweiten Male sieht. Und dann die Klänge, die Töne, die Geräusche, die Farben und die Lebendigkeit der Natur und der Menschen! Was das Auge in einer Sekunde sieht, das Ohr in einer Sekunde hört, kann man nicht an e:nem Tage aus dicken Büchern entnehmen. Wenn man mit gut fnnktion:־’-׳en(len Sinnen eine Reise macht, genießt man die Welt. Und je weniger man zu erstaunen und sich zu begeistern braucht, desto deutlicher sieht man sie, vernimmt man ihre Klänge, begreift mau den Sinn des Ganzen. Acht Tage Himmel lind Wasser, Sonne. Mond und Sterne. Acht T Erkennen der Welt. Acht Tage und Nächte Denken. Dann näherten wir uns Dakar. Dakar Die exotischsten Bilde, ׳>ie wir überhaupt auf der langen Reise gesehen haben, bot uns der Hafen von Dakar, die Anlegestelle nach acht Tagen Fahrt. Sie waren phantasfiscli, weit wir hier nachts landeten. D e c Bilder übertrafen alle Frzähhmgen der alten Seeleute und sonstigen Reisenden, welche schon oft in Dakar waren. Die 'Veit und ihre Bilder verändern sich. Das ״Negerdorf“ entpuppte sich als ein moderner Hafen mit unzähligen elckfrischen Lampen, deren Schein uns langsam die merkwürdigsten Geister entschleierte. Denn von weitem sahen die weißbekitleltcn Neger wie kooflose Gespenster aus, die einen sonderbaren Tanz ausfiihrteii. lieber den gesnensterhaften, huschenden, scheinbar köpf- und ■fußlose!! Figuren in weißen I appen und Lumpen gehüllt, schwebten blitzende Au״en und blinkende Zähne 7.vv:«chen den zahlreichen wartenden Furopliern. Nach und nach, als das Schiff langsam ganz nahe an den Kai herankam, erblickten wir die Hiitidc und Füße und staunten über die Gesichter der langen Neger, die die Hälse reckten und uns — im vollen Lichte des Schiffes — mit rot 1 ichfunkcTncien Angen bewunderten, als wären wir die seltensten Geschöpfe. Die Sirenennfiffe müßten sie aus dem tiefsten Schlafe geweckt und nach dem Hafen gelockt haben, um ein paar Francs zu verdienen oder zu erbetteln; denn sie gähnten, stöhnten und reckten die Arme und die schmalen Körper wie aus der Ruhe anfgescheuchte Tiere. Diese Gesten verrieten eine Primitivität, die uns erschütterte.. . Wir sahen Menschen mit zwei Händen und zwei Füßen, wie wir, aber sie schauten zu uns herauf wie zu Göttern. Was mochten diese schwarzen Menschen von uns gedacht haben? Siedler haben sie uns beneidet, denn wir reisten erster Klasse und waren gut angezogen. Wie reich mußten wir in ihren Augen ausgesehen haben, als wir ihnen feine Zigaretten himmterwarfen; sie dachten, daß wir das mehr ans Spaß als aus Wohltätigkeit taten, wie viele andere Reisende es vor uns getan haben. Wir verließen das Schiff. Wie anders sie unten auf uns schauten! Wie anders ihr Rück von oben herunter aussah! Eine unheimliche Angst trieb uns wieder aufs Schiff. So, drei Stock hoch können sie nicht springen. Verschiedene Typen Unser Schiff gleicht einer Provinzstadt mit einer verhältirsmül’eg großen Anzahl jiüFscher Einwohner. Im ״Arnienviertci" der ״Alsina“ wohnen ebenso reiche Bürger wie arme Leute in den vornehmen Straßen. Auch in unserer Gemeinde wohnen Menschen, denen der allzu große Drang der jüdischen Volksnusscn zur Volksgemeinschaft unangenehni ist. Auch auf dem Schiff befinden sich — Ausländer; das scheinen einige von uns nicht gewußt zu haben. Psychologisch ist ihre Enttäuschung sehr zu begreifen. Denn sie reisen nicht erster Klasse, um gut zu leben, sondern gerade, um der Volksmasse zu entgehen und drei- bis viermal am Tage Modeschau 711 spielen. Wie unsere Unterhaltungen mit den I enteil aus dem ,,Armenviertel“ sie aufregen! Wirklich, sie sind zu bedauern. Bis Tanger konnten sie sich wenigstens in die Kabinen zurüekziehen. Von Dakar ah aber ist der angenehmste Aufenthalt auf dem Schiff auf dem Deck. Und das haben wir bereits in Casablanca erobert. Zum Glück!;ostet ein Liegestuhl bis Buenos Aires nur '25 Francs und andere Stühle zu speziellen Preisen gibt es Und sie kamen — zu uns — aufs Deck. Fs war ein Gang nach Canossa. Und immer freundlicher kamen sic. ״Was für eine Hitze“, sagten sic mit gezwungenem Fächeln. ״Sie fühlen aber auch alles“, sagten wir und rückten zusammen, um ihnen Platz zu machen. Und sie setzten sich zu uns. Und wir fragten sie — wer und was sie sind, woher sie kommen und wohin sie reisen. Und siehe da! Bald stellten wir fest, daß sie und wir gemeinsame Bekannte und Freunde haben. ,,Schließlich sind wir hier alle Ausländer“, sagt jemand. Wie schnell die feinen Damen sich uns anpaßten! Sie staunten über die amüsanten Gespräche und Anekdoten der Volksmasse. Und je näher wir uns kennenlcrnten, desto lästiger fielen sie uns. Ob wir vielleicht die Plätze tauschen möchten? Ausgerechnet unsere Kabinen gefielen ihnen besser als die ihrigen. Und hei jeder Gelegenheit fragten sie uns, ob wir tauschen wollen. Nein, niemand wollte tauschen. Gerade weil sie uns den Vorschlag machten, erschienen uns unsere Kabinen wertvoller., In Rio da Janeiro Das überwältigendste, packendste und eindrucksvollste F.rlehnis auf unserer Siidamerikareise war ohne Zweifel die Finfahrt in den Hafen von Rio de Janeiro. Die Wirklichkeit übe!׳traf liier alle Phantasie, Wär haben uns einen Wald von Masten, Schiffen und Kränen vorgestellt; und wahrscheinlich waren auch derartige Bilder zu sehen und wir sahen vor lauter Räumen den Wald nicht. Aber angesichts der endlosen Bergketten, die immer größer und riesiger vor uns aufwuchsen, zerrann das gewohnte Hafenbild in Bedcutungslosigkeit. Gegenüber der Majestät der Natur verblaßte das technische Menschenwerk. Wir hatten noch obendrein das Glück, unseren ersten Blick auf Rio bei Sonnenaufgang zu werfen. Der weltberühmte ״Zuckcrhut“ war mit rotem Sonnenlicht übergossen. Gerade hinter einer Palme erhebt sich der rote Ball. Zusehends wechseln die Farben, und das Goldmeer verwandelt sich bald in ein Silbermeer. Jetzt funkeln die grünen Spitzen im hellen Sonnenlicht.‘ Jetzt sehen wir eine riesige Stadt inmitten einer Wildnis. Die Millionen brennender Lampen verlöschen wie eine Flamme. Bis so spät in den Tag hinein brennen in Rio die Lampen. Fs ist Frühjahr, sechs Uhr morgens, auf offener See und schwül wie am Aequator. Und doch verlassen alle Passagiere das Schiff. Wer will nicht die schönste Stadt der Welt von der Nähe bewundern? Auch wir lassen uns mitreißen. Und schon nach einer Stunde spazieren wir durch das Judenviertel von Rio. Alle sogenannten Ghettobilder haben ein Gesicht. Alle jüdischen Läden in der ganzen Welt haben dasselbe zu verkaufen. Fs gibt Juden mit Käppchen und Jüdinnen mit Perücken. Erst auf der Rückfahrt nach dem Hafen sehen wir, daß Rio von Negern wimmelt. Aber aus ihren Augen sprüht nicht jene wilde Glut, die an Raubtiere erinnert. Sie schauen zivilisiert, wenn auch trübe aus. Beim Verlassen des Hafens von Rio stehen wir stumm an der Reeling der ״Alsina“ und lassen uns von den springenden Wellen des Meeres bespritzen. Ein scharfer Wind verwellt die Benzin- und Oclgerikhe und singt uns ein Lied der Natur, alle Klänge, Geräusche und das Getümmel der großen Stadt verwischend. Wie nichtig ist die Hast der Menschen! Wie sinnlos dies Durcheinander! Und wie wahr und treu ist die Natur! Alle Juden müssen zurück zur Natur. Nur mit der Natur können wir in Frieden leben. Allein die Natur liebt uns. Stundenlang stehen wir da und —!ausdien. Man fühlt sich wie an einem Versöhnungstag zu Ne’ila; der Tag ist groß und heilig, die Gebete rühren und erheben, und dennoch denkt man dabei an die kommende Mahlzeit nach dem Fasten ,.. Was man in der Stadt in einer Woche nicht vergessen kann, vergißt man auf dem Meere in einer Stunde. Erst nach dem Abendessen beginnen wir uns zu unterhalten. Zunächst wortkarg, dann immer lebhafter. ״In Rio möchte ich schon leben“, sagt einer; er hat eine moderne Brille auf... ״Warum in Rio ja und in Buenos Aires nicht? Waren Sie schon in Buenos Aires?“ fragt jemand. ״Nein, nein. Aber wo so viele hinfaliren“ ... ״Und warum fahren Sie auch dorthin? Wußten Sie es denn nicht früher?“ ״Ja, ich konnte nicht wählen. Na, egal. Es wird schon gehen.“ ״Wirds auch — wenn Sie so denken!“ Schon ist der Streit da. Und in einer solchen Stimmung ist er unausbleiblieh. Nach dem Aufenthalt in Rio sind die Menschen eigenartig gestimmt. Manche sind traurig, andere gereizt, die einen sind streitlustig und die anderen enttäuscht. Man müßte uns mit aller Gewalt von der Großstadt fernhalten. Die Großstädte sind das Unglück der Juden. Die Großstädte spalten uns in Parteien, ja in feindliche Gruppen. Ohne daß wir es wollen, beginnen wir mit ״wir“ und ״sie“ zu sprechen. Nun Buenos Aires Wegen der Uehcrfülle von Eindrücken übergehen wir S a n 10 s und Montevideo und wenden uns Buenos Aires zu. Die Eindrücke, welche wir in KIcin-Argentinicn auf der Pariser Internationalen Weltausstellung gewonnen haben, bestätigen sich hier immer mehr und mehr. Buenos Aires ist nicht bloß in Quadrate eingeteilt, sondern gleicht tatsächlich einem riesigen Schachbrett der Wirtschaft. Geld beherrscht hier alles. Alle sprechen von Arbeit und lohn. Der Eine verzweifelt auf der Arbeitsuche und der Andere bricht unter der Arbeit zusammen. Die Juden leben hier weder im Goius noch in einer Heimat. Wie abgehärtet man in diesem Durcheinander wird! Nirgends ist das Mitleidsgefühl bei den Menschen so abgestumpft wie hier. Eine oesinnungraubende Hast tötet ihre Gefühle und Empfindungen. Was ist hier eigentlich amerikanisch? Wir haben noch nichts davon gesehen. Buenos Aires ist ein Gemisch von Europa und Amerika. Es ist beides, und es ist beides nicht. Fs ist eine seltsame Stadt mit einer großem Zukunft, di« nicht die Zukunft aller in Argentinien lebenden Menschen sein wird. Argentinien hat eine große Kultur, aber Buenos Aires hat viele Kulturen. Buenos ASres besitzt über 200 Kirchen und kaum 25 Bihliotheken, 160 Plätze, Parks und Monumente und kaum 25 Krankenhäuser. 60 Zeitungen und Zeitschriften in den wichtigsten Weltsprachen sind ausgefüllt mit Annoncen und Sensationen. Die Reklame beherrscht das Leben in dieser Stadt. Auch der Rundfunk steht im Dienste der Reklame. Lieder, Arien, Musikwerke, Theaterstücke und seihst Meldüngen werden unterbrochen; inmitten der zartesten Weisen brüllt die Stimme der Reklame, ernüchtert sie den Menschen, paukt sie ihm in den Kopf, zwingt sie ihn, Tausende von Artikeln zu kaufen. Der Grüne, der Europäer, besonders der Westeuropäer, sucht hier oft stundenlang nach einer Buchhandlung. Buch- Handlungen in europäischer Aufmachung gibt es hier wenige. Die ״Librerias“ sind meist Papier- und Schreibwaren-ue• schäfte, welche auch Bücher führen. Ebenso sieht man selten Musikalienhandlungen; Klaviere in Schaufenster sieht man fast nicht. Dagegen fallen uns auf Schritt und Tritt Lotterievcrkaufsstellen auf. Jede Woche werden einige Leute in Argentinien auf Kosten anderer reich. Der Argentinier kauft jede Woche einen Lotteriezettel. Und die Zettel haben Keinen Einheitspreis. Der eine verkauft sie mit 1,20, der andere mit 1,30, und der Dritte mit 1,40 (besondere Nummern werden auch mit 1,50 verkauft). Die Juden beteiligen sich sehr lebhaft am Lotteriespiel; sie sind dabei Käufer und Verkäufer. Sehr viele Juden sind dabei arm und reich geworden. Ein Leben voller Merkwürdigkeiten, das einem hier entgegentritt! Moses K a t z, Buenos Aires Todesfall. Die Photographin Ocnja Jonas, Dresden, die auf internationalen Ausstellungen als Porträtistin Aufsehen erregte, ist, 42jährig, gestorben. Sie genoß einen besonderen Ruf durch ihre Kinderbildnisse. Ucbcr 20 000 Aufnahmen haben sie, besonders auch in England, bekannt gemacht. E. B. Verantwortlicher Redakteur! Dr. Robert Weits c h, Berlin-Charl. 0 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter: Kurt Loeivemtcin, Berlin W 16. Antcigenlciler und verantwort• lieh ftir den Inhalt der Anzeigen! F.ricl1 I, i e p וזז a n n, Berlin W 15. Gültig Anzeigcn-Prcisliste 5 vom 1. April 1936. Verlag und Anzeigenverwaltung: Jüdische Rundschau, Berlin W15, Meinekestr, 10, D.A. 1/1938! 28043. — Druck! Siegfried Scholem, Berlin-Schöneberg,