Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1938)
- Date
- 1938-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 48, 17. VI. 1938 JODISCHi RUNDSCHAU Seite 5 Aus dem jüdischen Leben in Belgien Von Dr« Paul Reiwald Wir beginnen heute — im Rahmen unserer Berichte charakteristische Erscheinungen des jüdischen Lebens I. Die Stadt der Diamanten Der Fremde, der nach Antwerpen kommt, um das Zentrum des Diamanthandcls kennen zu lernen, hat cs nicht schwer. Unmittelbar neben dem Haupttiahnhof beginnt ein Viertel mit vorwiegend jüdischem Einschlag, und in ihm die P e 1 i k a n s t r a ti e, in der sich eine ■ Diahiantbörsc neben der andern, ein Geschäftshaus mit den Kontoren der Diamantaire neben dem anderen reiht. Man sieht ein wimmelndes Leben auf der Straße, die verschiedensten Typen vorn kaftanbekleideten, kleinen Agenten bis zu in eleganten holländisehen Großhändler, viele Geschäfte mit jiddischen Inschriften. Am Sonnabend ist ein großer Teil der Läden geschlossen und es herrscht eine merkbare Ruhe. Forscht man dann weiter, läßt man sich in das Innere der prächtig ausgestatteten Klubs und Börsen führen, hört man von den Umsätzen, die in Zeiten der Prosperity etwa 50 Millionen Francs pro Woche erreichen und in manchem Jahr Ueberschtisse von über einer Milliarde Francs im Lande elassen haben, sieht man die schönen, modernen Häuser der venue de Belgiquc, die oft fast ausschließlich von jüdischen Familien bewohnt sind, dann liegt der Schluß nahe, daß hier eine jüdische Gemeinschaft sich in langer, ruhiger Entwicklung ein eigenes, gesichertes Leben hat schaffen können. Da ist die Tachkemonischulc, in der 600—700 Schüler hebräisch unterrichtet werden; sie ist staatlich anerkannt und subventioniert. Da ist das Haus der Zentrale, in der die jüdischen Wohlfahrtsein richtungen zusammengefaßt sind, mit der Ezra als Hauptinstitut, die sich der Emigranten und Auswanderer annimmt; sie wurde geründet, als sich nach den Pogromen in Rußland 1905 der trom der Flüchtlinge über Antwerpen ergoß. Da sind die großen, an den Feiertagen überfüllten Synagogen. — ln zahlreichen Vereinen, vorwiegend zionistischer Richtung, konzentriert sicli das Lehen. Der Baz.ar, den der Keren Kajemeth jährlich veranstaltet, Dt zu einem richtigen jüdisehen Kinnes geworden. Aus allen Kreisen, weit über das zionistische Lager hinaus, drängt sich acht Tage lang die Menge zu Veranstaltungen aller Art, zu Tanz, Musikaufführungen, Kinderfesten usw. Aber dieses jüdische Leben, das so fest und sicher bcgründet erscheint, ist das Ergebnis einer ganz kurzen Ent- Wicklung. Erst seit 1SS0 beginnt der Aufschwung der Diamant- Industrie. Erst um 1000 wandern die Familien ein, deren Einfluß maßgebend wurde für die Gründling der zionistischen Organisation in Belgien und die ihr später ihre Präsidenten aben, die Fischers, die Torczyners und andere. Erst nach cm Kriege setzte der Haupt/uzug aus Rußland, Rumänien und Oesterreich ein. Schoo einmal dagewesen- Schon einmal hatte eine Welle jüdischer Einwanderung Antwerpen sein Oepriigc gegeben, um dann nach kurzer Zeit weiterzufluten. Schon einmal hatte liier ein kraftvolles, wenn auch nach außen verkleidetes jüdisches Dasein seine Stätte gefunden. Im 16. Jahrhundert flüchtete ein großer Teil der Marianen aus Portugal nach Antwerpen, und es dauerte nicht lange, bis sie Antwerpen zum Zentrum des damaligen Welthandels machten. Die Eingaben des Atitwerpener Magistrats, der sich zu den verschiedensten Malen ihrer Austreibung widersetzte, da er den wirtschaftlichen Vorfall der Stadt, ja des ganzen Landes hiervon befürchtete, geben noch heute ein lebendiges Bild ihrer Tätigkeit. So konnten die Marranen über 30 Jahre einen entscheidenden Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ausüben. Aber was blieb davon? Was weiß man heute von ihrem Wirken? Und die stürmischen Zeiten, in denen wir leben, legen die Frage nur allzunahe: Was wird das Schicksal der heutigen jüdischen Gemeinschaft Antwerpens sein? Wird man nach 100 Jahren wissen, daß es Juden gewesen sind, die hier einen ganzen Stadtteil gebaut und das Gesicht der Stadt verändert haben, daß sie es gewesen sind, die nach dem Weltkrieg Amsterdam überflügelt und eine Position von eminenter wirtsebaftspolitischer Bedeutung geschaffen haben? Kurze Zeit der Blüte, jähe Unterbrechung, die die Entwieklung für Jahrhunderte zerreißt, dann ein neuer, mächtiger Krafteinsatz, das ist die bisherige Geschichte des Judentums in Antwerpen. Das unsichere Geschäft Das Diamantgcschäft, der Handel des Luxusartikels par excelience, trägt in sich• den Charakter der Unsicherheit. Der Wechsel der Konjunktur macht sich heftiger bemerkbar als in anderen Artikeln. In ruhigen Zeiten sitzen die Diatnantaire gemächlich an den Tischen der Klubs, ziehen kleine, gefaltete Papiere aus der Tasche und schütten den kostbaren Inhalt aus, der von den scharfen Augen der Kenner kritisch gemustert wird. Oder sie sondern in iiireu Kontoren kleine Haufen der glänzenden Steine mit der Pinzette, wiegen sie mit einer winzigen Waage, die wie für ein Puppenheim gearbeitet scheint und auf keinem Tisch fehlen darf, und erwarten zwischen den vielen Maklern und Agenten die großen Kunden aus dem Ausland, deren Käufe manches Mal für Monate ausreichcii. Aber das Risiko ist bedeutend. Unverhältnismäßig große Teile des Vermögens müssen oft investiert werden, so daß der Einzelne einem Umschwung der Lage manches Mal nur schwer standhalten kann. Der plötzliche Wechsel des Ge- Schafts gibt ihm den gleichen aufregenden Charakter wie Börsenoperationen. Die Konjunkturen erzeugen oft weit übertriebene Erwartungen, Rückschläge eine unverhältnismäßig starke Depression. Darm läuft alles in den Klubs aufgeregt durcheinander, die Ruhigsten wissen sich der allgemeinen Niedergeschlagenheit nicht zu entziehen, und es scheint, als ob es nie mehr einen Aufstieg geben sollte. Hausse und Baisse, Konjunktur wie Krise tragen gleichermaßen dazu bei, daß cs oft wie ein Fieber über dieser merkwürdigen Stadt liegt, in dein das Schwankende, Ungewisse alles jüdisehen Schicksals zum greifbaren Ausdruck kommt. Armut in der Diamantstadt Aber nicht nur der Wohlsfand ist neuen und neuesten Datums, das gleiche gilt, so sonderbar es klingen mag, von der Armut. Es fehlt gänzlich an jenem eingeborenen jüdisehen Proletariat, das sich z. R. in Holland entsprechend der langen Entwicklung der Gemeinde, dort als Gegenstück zu den begüterten Schichten ausgebildet hat. Das jüdische Proletariat Amsterdams hat gewiß spezifische Züge, läßt sich aber in Haltung und Gewohnheit Arbeitermassen anderer Großstädte durchaus vergleichen. In Antwerpen gibt es zwar eine Reihe qualifizierter Diamantarbeitcr. Aber es handelt sich uin eine sehr begrenzte Sch übt. In Zeiten der Konjunktur mögen sie sich auf 2000—2500 belaufen, heute gibt es unter ihnen so maneben Arbeitslosen, und ihre Zahl wird 1500 nicht überschreiten. aus fremden Ländern — eine kurze Artikelserie über in Belgien. (Red.) Was sich aber auf der Straße, vor den Klubs drängt, das ist eine ganz andere Menge, die in vieler Hinsicht noch die Zuge des Luftmenschen trägt. Gelcgcnheitshaschcr, die hin und her laufen, an dieser und jener Stelle nach Preis und Angebot fragen, um an dem großen Geschäft ein ganz klein wenig mitzunaschcn. Es sind Menschen, die dem Ghetto des Ostens noch nicht entwachsen sind und sich in die Verhältnisse des Westens noch nicht hincingef imden haben, eine Klasse für sich. Wer jüdisches Leben in seiner Problematik sehen will, hier auf der Gasse liegt es vor ihm. Demi es handelt sich nicht uni einige wenige. Es sind Vertreter einer ganzen Generation, die der Umstellung und Umschichtung bedarf. Der Anteil der Juden am Diamantgcschäft Vielleicht ist es übertrieben, den Anteil der Juden am Diamantgcschäft mit 80—85 0׳״ anzugeben, wie manche tun. Sicher ist, daß er außerordentlich hoch ist und daß die übrigen wirtschaftlichen Betätigungen der Juden, so wichtig sie im einzelnen sein mögen, ihm gegenüber stark zurücktreten. Früher lag der Handel mit Edelsteinen ausschließlich in jiidischen Ffänden. Heute übt das Geschäft einen besonderen Anreiz für viele Juden aus, weil es sich um eine Wirtschafts- Position handelt, die relativ ain wenigsten gefährdet scheint, weil eine Verdrängung aus ihr keineswegs einfach isf. Die Fachzeitschriften heben immer wieder hervor, daß es sich um einen Artikel handelt, der weniger als andere standardisiert ist. Die persönliche Erfahrung, die internationalen Beziehungen spielen hier eine ganz besondere Rolle. Um wirkliche Kenntnis von den vielfachen Arten der Steine, ihrem verschiedenen Schnitt, Farben und Stärken zu bekommen, bedarf es einer weit längeren Lehrzeit als in anderen Branchen. Es ist begreiflich, daß in einer Zeit, wo den Juden eine Wirt- Schaftsposition nach der anderen entwunden wird, sie mit besonderer Energie ein Geschäft zu halten suchen, in dem sic kaum entbehrlich sind und dessen IJebertragung auf Dritte doch schwer zu überwindenden Schwierigkeiten begegnen dürfte. Der wirtschaftliche Zusammenschluß Die Bedeutung, die die wirtschaftliche Zusammenfassung gleichgesinnter Menschen für die Erhaltung und Entwicklung jüdischen Lebens hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Täglich treffen sich die Diamnnfaire im Klub und in der Börse. Die neuesten Ereignisse werden besprochen, es bildet sich leicht eine öffentliche Meinung, deren W'irkung dann über den engeren Kreis hinaus sichtbar wird. Ohne diese wirtschaftliche Organisation, die die politische erst trägt, ohne diese enge Zusammenfassung hätte der Zionismus schwerlieh in Antwerpen bestimmenden Einfluß gewonnen. —• Die 500 Mitglieder der Agudath Zion, des zionistischen Vereins bürgerlicher Richtung, sind zum weit überwiegenden Teil Diamnnfaire. Sie sind die finanzielle Stütze der Federation, an sie wenden sich auch in erster Linie die großen Sammlungen. Bezeichnend ist, daß sich hier der zionistische Einfluß auch in der Gemeinde auswirkt. Die Heiden Rabbiner, Brot und Schapiro, sind aktive Zionisten; die Vertreter der Gemeitule können, auch soweit sie dem nationalen Gedanken fernstehen, auf den grollen jüdischen Veranstaltungen, etwa dem Bazar des Keren Kajenietli, nicht fehlen. Achnlicli steht es mit den Wohlfahrtseitirichfungcn, die meist erst von führenden Zionisten geschaffen wurden. ,Wenn die Jugend die gewonnenen Positionen hält — und hier ist allerdings ein Fragezeichen zu machen, auf das wir aa anderer Stelle ztirückkommen müssen —, so ist es schwer vorstellbar, daß eine andere Richtung sich in Antwerpen durchsetzen wird. IT. Die Juden in Brüssel Die Zahl der Juden Brüssels wird der .Antwerpens kaum nachstehen. Eher dürfte sich für Brüssel durch den Zuzug der Juden aus Deutschland, die sich weit stärker hierher ,gewandt haben, ein leichtes Uehcrgcwicht bestehen. Man wird für jede der beiden Städte etwa 35 000 bis 40 ODO Juden annehmen können, das sind 90 bis 95 ״> der gesamten jüdischen Bevölkerung Belgiens. Die soziale Schichtung zeigt eine erhebliche Vcrschiedenheit gegenüber den Juden Antwerpens. Nur eine halbe Stunde Bahnfahrt trennt die beiden Städte, und doch möchte man oft meinen, daß es sich um Juden verschiedener Länder handelt, so scharf treten in mancher Hinsicht die Gegensätze hervor. Jüdische Finanzmänner Die Stellung der reichen Brüsseler Familien geht ln den meisten Fällen auf jene Generation von Wirtscliaftspionicren zurück, die im 19. Jahrhundert in ganz Europa der Entwicklung des Bankwesens lind seüiem Einfluß auf die erstarkende Industrie neue Wege bahnten. Manche waren Nachkommen von ,,Hofjuden“ aus Deutschland, andere wie die Familie Errcra wanderten aus Italien ein, dem sie ebenso wie dann Belgien eine ganze Reihe bekannter Gelehrter gegeEien haben. Typisch ist eine Figur wie der Bankier Nathan B i - s c 11 0 f s h e i m, nach dem ein großer Boulevard benannt ist und dessen Standbild vor dem Stadthaus in Boitsfort steht. Er organisierte das gesamte Bankwesen Belgiens, war unter den Gründern der Banque Nationale und deren erster Direkfor. Er gehörte jenen Kreisen an, die, vielfach untereinander verschwägert, fast das gesamte Eisenhahnwesen in Europa beherrschten, den Rothschilds in Frankreich, den Poliakoff in Rußland, den Köuigswerter in Oesterreich. Sein Schwiegersohn, der seine Unternehmungen fortsetzte, war Baron Hirsch, der Begründer der Ica. — Der Bankier Lambert half König Leopold II. bei der Finanzierung seiner Kongo- •Unternehmungen. Montcfiori-Levy gründete' ein Netz von Kleineisenbahnen. Später trat der Bankier Franz Fhilippsohn hinzu, der Bruder des bekannten Geschichtsforschers, der ebenfalls großen Einfluß auf die industrielle Entwicklung hatte. Und so spielt noch eine ganze Reihe von Juden eine hervorragende Rolle im belgischen Wirtschaftsleben. Fast durchweg handelt es sich lim autokratischc Natitren, jüdisch sehr interessiert und aktiv. Im Religiösen neigten sie mäßigen Reformen zu; die Lösung der Judenfrage suchten sie in der Emanzipation der Juden im Lande ihres jeweiligen Wohnsitzes. Viele beluden, Stiftungen und jüdische Anstalten gehen auf ihre Initiative zuruck. Die neue Generation Die zweite imd dritte Generation setzte diese Aktivität nicht in gleichem Maße fort. Man beteiligte sich gewohnterweise an philanthropisehen Institutionen, cs wurden oft ausgezeichnete Vorträge aus allen möglichen jüdischen Wissensgebieten veranstaltet, Oppenheim Das bekannte Spezialhags für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wilmersdorfer Str. 115116־ Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe und schließlich gab es die Teilnahme am Cotisistoire, eine Verwaltungstätigkeit recht platonischer Art. Unter der Wirkung der neueren Ereignisse im jüdischen Leben ist diese passive Haltung bis zu einem gewissen Grade aufgegeben worden. Kreise reicher belgischer Juden waren es, die sich in erster Linie um die Fürsorge für die jüdischen Einwanderer ans Deutschland in Brüssel bemühten. In Antwerpen war es eine Selbstverständlichkeit, daß die maßgebenden Zionisten die Grundlagen für das Hilfswerk schufen. Noch heute stellt der Präsident der zionistischen Federation dort an erster Stelle. Auch in Brüssel saßen anfangs bekannte Zionisten im Komitee. Später nahmen hier die Nichtzioiiistcn das Feld ein und brachten an dieser so bedeutsamen Stelle den philanthropischen Standpunkt, den die kleine Schicht der jüdischen Hochfinanz hier wie anderswo vertritt, in den Vordergrund. Zur Aufgabe des Komitees wurde in erster Linie die Hilfe für Weiterwanderung, besonders nach Uebcrsee. In jüngster Zeit ist nun von den gleichen Kreisen das ״Foyer Israelite“ gegründet worden, über dessen Er- Öffnung hier schon berichtet wurde. Seine Entstellung, ebenso wie die Teilnahme an der L111 cf 11 li 11 gshilfc, ist in erster Linie auf die Initiative Max Gottschalks zurückzuführen, des Präsidenten des belgischen Arbedsveniiittlungsamtes. Es soll nach der Absicht seiner Gnmdcr jüdische Kreise, insbesondere Ostjuden, stärker als bisher dem beigischen Leben eingliedern. Um das ״Foyer Israelite“ war vor einiger Zeit ein lieftiger Streit entstanden, der auch in der jüdischen Presse Widerhaill fand. Aber nachdem dT 7i״nMische Kritik, wie die eher Hinsicht nicht ganz wirkungslos geblieben ist, brauchte das Foyer keinen Schaden zu bedeuten. 1111 Gegenteil. die Nützlichkeit verschiedener F.iiinchtiingcn, zumal eines Auf ent- Gedankens der Bcrufsumsehichtimg der iüiEsdien Jugend. Berufslose oder ungenügend Ausgchiklete von der Straße fortzimehmeii, daran sind ZionKtcn und Nicht/iomsten glcichermaßen interessiert, ln Verfolg dieses Gedankens konnte das Foyer ans einer bloßen Abwchrntaßnahme zu einem wichtigen, jüdisch produktiven Institut werden. Die jüdische Masse Fs gibt eine Unzahl von jüdischen Vereinen und ()rganlsationen, politische, wirtschaftliche, religiöse. Der netigc« gründete ״Conseil des Aswkwiüoik Jtiivcs“ konnte allein. 34 vereinigen, womit ihre Zahl noch nicht erschöpft Dt. Es gibt im einzelnen cm großes Maß von Anstrengung und aufopferungsvoller Arbeit. Und doch lassen sich die aufgewandten Kräfte nicht zu einer eindrucksvollen Summe addieren. Es arbeiten Keren Kajemefh und Keren Hajessock die Union Sionistc, der Mitglicdcrzahl nach der stärkste zionistische Verein Belgiens, veranstaltet jeden Mittwoch Vortragsabende und darüber hinaus noch eine Reihe größerer, meist gut besuchter Meetings; die Misrachi haben einen ständigen Oncg Schabbath eingerichtet. Ein Handwerkerverband wirkt für die Interessen der verschiedenen Gewerbe. Die OrtEiodoxen sind wie überall fest zusammengeschlossen. Es gibt jüdische Zugabcscluilen, es gibt Bibliotheken, cs gibt dies und jenes, und doch spürt man deutlich ein Hemmnis, das alle Bemühungen nicht zu voller Wirksamkeit gelangen läßt. _ Eis fehlt die mächtige Stütze einer geschlossenen Gilde wie in Antwerpen, und dadurch gewinnt die Einstellung des kleinen Kaufmanns und Handwerkers so große Bedeutung. Dieser Einstellung ist aber jedes kollektive Handeln von vornherein verdächtig. Im kleinen verhindert sie ihn am wirt« schädlichen, im großen am national-jüdischen Zusammensclduß. Es sind Menschen, mau fühlt cs, die seit Generatioucn auf der Flucht sind, die nur noch die (־ine Losung! keimen: Rotte sich, wer kann. 30 suchen sie ihr Heil, angefangen beim Wirtschaftlichen, in einem extremen Individualismus. Sinn und Vorteil gcmeinsehafllielien Handelns müssen ihnen erst wieder zum Bewußtsein gebracht werden. Erfreulicherweise mehren sich gerade in letzter Zeit die Anzeichen, dal) es schließlich doch ״einigen wird, den toten Punkt zu überwinden. I):e Haiidwerkervercmiguiig. und einzclne ihrer Sektionen entfalten eine größere Aktivität. So wird für die Maroquinerie eine kleine Fachzeitschrift in Jiddisch hera-usgogeheit. Lin guter Kenner der indischen Wirtscluft«Verhältnisse, Dr. KoppcM.ibermann, ist beauftragt worden, die Grundlagen festzustellen, von denen aus weitere Maßnahmen getroffen werden können. Die Gründung des ״Conseil des A.ssociations Juivcs״, die Rechtsanwalt Lion Kubowitzki gelungen ist, ist ein Sieg des Einigungsgedankens. Die Juden aus Deutschland Man hätte hoffen können, daß vmt den aus Deutschland cingew,־widerten Juden Anregungen nrg,111:-.aforisc!1er Art kommen wurden, die von ostindischen Kicken hatten benutzt werden können. In der Tat haben die Juden aus I)cutschland eine musterhafte Organisation aufgebaut. Die Arbritsgcmcinschaft umfaßt eine sehr große Anzahl eingewanderter Juden und hat ihnen nicht mir durch ihre regelmäßigen Veranstaltungm einen Zusammenhalt gegeben, sondern auch dadurch, daß sie einen beträchtlichen Kreis für eine aktive Gcmeinschaftshilfe gewann. Wenn man hört, daß die Hidag, die Organisation zur Unterstützung notleidender Emigranten, mit einem monatlichen Beitrag von etwa 10 (»00 fres. mit Beratungsstellen, mit Klcidcrkammer usw. helfend eingreift, so kann man sich leicht einen Begriff von der Arbeit machen, die hier von Männern wie Dr. Marx, Scgall und anderen, geleistet worden ist. Aber die Kreise von West- und Osljtiden sind so geschieden geblieben, wie sie es von Anfang an waren. Bis jetzt besteht nur wenig Aussicht, daß sich die Berülirungspunkte mehren, daß dem einen Teil Formen der Organisation zugänglich würden, der andere in jüdischer Haltung und jüdischem Erleben bestärkt würde. Und doch täte eines so not wie das andere. Nach vier bis fünf Jahren Leben iri der Fremde haben die Juden a.us Deutschland kaum eine innerliche Festigung erfahren, ganz unabhängig davon, ob cs ihnen gelungen ist, sich eine neue Existenz aufz.ubatien oder nicht. Die Fremdengesetzgebung und vielfach auch die unvollkommene Beherrschling der Sprache mit ihren weitreichenden Konsequenzen macht ihnen in jedem Augenblick fühlbar, daß sie noch keinen festen Boden unter den Füßen haben. Von dem Bildungselement, in dem sie sich früher bewegt haben, sind sie abgeschnitten. Zu jüdischem Wissen und Wesen fehlt ihnen ihrer ganzen Vergangenheit nach mir zu oft der Zugang. Wie sollen sie ihren Kindern einen Weg zeigen, den sie selbst nicht finden? Hier könnte ein Zusammenschluß zu echter jüdischer Kulturarbeit und eine Palästina-Bewegung viel an inneren Werten aufbauen, woran es den Menschen heute fehlt.