Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 48 (17.6.1938)
- Date
- 1938-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 48,17. VI. 1938 jüdische Rundschau Seite 3 Inner jüdische Auseinandersetzung in USA Aus dem Wochenabschnitt für Schabbat, den 18. Juni 1938 Von unserem Korrespondenten New York, 6. Juni Ein Problem bewegt jetzt die amerikanische Juden heit, von dem die meisten Leute geglaubt hatten, daß es längst vergessen sei. Dieses Problem lautet: sind die Juden eine Rasse oder eine Religion? Für die Millionen Juden in Europa muß das Wiederaufleben dieses Streifes in Amerika als ein neues Zeichen für die Naivität des jüdischen Lebens in Amerika erscheinen. Die Frage ist durch die Wahlen zum ״Amerikanisch- Jüdischen Kongreß“ aktuell geworden. Für gewöhnlich findet die Ernennung der Delegierten zu diesem Kongreß kein sehr weit verbreitetes Interesse. It\ diesem Jahre beschlossen die Veranstalter des Kongresses, die Wahlen populärer zu machen und zugleich neue Einnahmequellen zu erschließen, indem sie Scheine ausgeben, von denen jeder 10 Cents kostet nnd durch dessen Kauf ein Jude das Stimmrecht in derselben Art erwerben kann, wie es beim Zionistenkongreß durch die Schekel- Zahlung geschieht. Um die Aufmerksamkeit auf die Wahlen zu lenken, hielten es einige Beamten des Kongresses für richtig, daß die Juden und Jüdinnen, die die Delegierten zum Mifdeh Zioni - die Ehrenpflicht des Zionisten Drei Tage für Erei Israel Kongreß wählen, zugleich eine ״Volksabstimmung“ veranstaltcn, bei der sie einige Fragen beantworten sollen, z. B. für oder gegen die Errichtung des Judenstaates in Palästina, für oder gegen den steigenden Einfluß der Wohlfahrtsfonds iin jüdischen Oemeindelcbcn, für oder gegen die Schaffung einer zentralen Körperschaft zur Vertretung der jüdischen Interessen in Amerika u. ä. Aber die Bekanntgabe dieser Fragen wurde mit einer heftigen Gegnerschaft beantwortet. Man opponierte gegen den Gebrauch des Wortes ״Volksabstimmung“. Fast jede wichtige jüdische Organisation rückte vom ״Kongreß“, seiner ״Volksabstimmung“ und seinen Wahlen ab. Einige jüdische Verbände bezeichnetcn das Kongreßprogramm als nicht repräsentativ und verweigerten die Teilnahme an den Wahlen, Das ״American Jewish Committee“ ging in seiner Kritik noch weiter. Dieselbe feindliche Haltung nahm das jüdische Arbeiter-Komitee ein, dessen Vorsitz B. Ch. Viadeck führt, der Herausgeber der jiddischen Tageszeitung ״Forward“ und Mehrheitsführer im New Yorker Stadtrat ist. Infolge dieser Reaktion verzichtete der Amerikanisch- Jüdische Kongreß auf die ursprünglichen Fragen und ersetzte sie durch folgende eine: ״Wollen Sie eine Einheit aller jüdischen Gruppen in Amerika, die für die Sicherung der Gleichberechtigung der Juden eintreten, eine Einheit, deren Aufgabe es ist, für die Verteidigung dieser Rechte eine einheitliche, allumschließende Vertretung auf Grund demokratischer Prinzipien in Uebereinstimniung mit den amerikanischen Idealen zu schaffen?“ Aber anstatt die Erregung zu besänftigen, riet diese neue Frage einen noch größeren Widerspruch hervor. Rabbiner Cioldenson von der größten New Yorker Reform-Synagoge, dem Tempel Emanu-El, sprach die Meinung vieler Reformjuden aus, wenn er behauptete, der ״Amerikanisch- Jüdische Kongreß“ versuche den Eindruck hervorzurufen, als ob aile Juden gleiche Interessen verträten; in Wahrheit seien sie in verschiedene wirtschaftliche, politische und soziale Klassen geteilt, und jeder Versuch, den Anschein zu erwecken, als ob die Juden durch ein einziges Interesse gelenkt würden, sei falsch. Seine Auffassung wurde noch stärker einige Tage später vom ״American Jewish Committee“ herausgestrichen, das von jeher der stärkste Gegner des ״Amerikanisch-Jüdischen Kongresses“ war. Das Committee erklärte, die Juden müßten mit den übrigen amerikanischen Bürgern zusammen arbeiten, nicht aber sich als Juden separieren. Die Juden, so erklärte das Committee, seien Amerikaner, die wie andere Amerikaner den amerikanischen Geist wahren können, ohne daß die Notwendigkeit einer geschlossenen Aktion der Judenheit bestünde. So hat sich eine Problemstellung herauskristallisiert, die die amerikanische Judenheit scharf in zwei La£er teilt: auf der einen Seite eine markante, finanziell mächtige Minderheit von vielleicht 2000(10—300 000, aut der anderen Seite die große Mehrheit der amerikanischen Juden aus der unteren Schicht und dem Mittelstand, die die Mentalität jener Juden nicht verstehen können, die glauben, daß die Umwelt zwischen verschiedenen Typen von Juden unterscheidet. Vielleicht hat es in den letzten 20 Jahren nicht solche schaden Gegensätze im jüdischen Lehen Amerikas gegeben wie heute. Der ״Amerikanisch-Jüdische Kongreß“, geführt von Dr. Stephen Wise und Louis Lipskv, ist ein lockeres Gebilde, das sich aus verschiedenen jüdischen Organisationen zusanimensetzt, wie die Vereinigung der polnischen Juden, die Vereinigung der rumänischen Juden, die jüdisch-nationale Arbeiter-Vereinigung, den Misrachi, die Zionistische Organisation, die Hadaßa und verschiedene andere. Er besitzt keine wirkliche Amtsgewalt. Jedes Jahr hat er Wahlen abgehalten, lind fast jeder, der der Jahresversammlung als Delegierter beizuwohnen Lust hatte und das nötige Fahrgeld besaß, konnte sich selber wählen lassen. Aber in diesem Jahre bestand nun die Arbeitergruppe im Kongreß auf der Durchführung ״demokratischer“ Wanlen. Infolgedessen werden die Juden in den Vereinigten Staaten Ende Juni aufgefordert werden, in die Wahllokale zu gelten und die Kandidaten zu wählen, die nach Washington zu der jährlichen Zusammenkunft gehen sollen. Nur diejenigen sind wahlberechtigt, die einen der oben erwähnten 10-Cents-Scheinc erworben haben. Es ist möglich, daß ungefähr zwei Millionen Scheine abgesetzt werden. Manche Leute werden 1 Dollar oder noch mehr für das 10-Schein-Heft als Geste der Unterstützung für den Kongreli zahlen. Es ist aber zweifelhaft, ob mehr als 200 000 Juden zur Wahl gehen werden. Eine merkwürdige Episode in diesem Streif ist die Ahlehnung dieser Wahlen durch die zionistische I rauenorganisation ״Hadaßa“, die früher sehr nachdrücklich den Kongroß unterstützt hat. Kenner glauben, daß mit dieser ttngcwohnlichen Maßnahme die Leitung der Hadaßa eine Geste zu den wohlhabenden Nicht/.ionisten hin gemacht hat, die in steigendem Maße die Arbeit der Hadaßa in (י a 1 ä s t i n a unterstützen, sogar dann, wenn sie für den Keren Hajcssod und Keren Kajemeth nichts geben würden. Angesichts der fast hysterischen Gegnerschaft der Nichtzionisten gegen die Konercßwahlen glaubt man, daß die ״Hadaßa“ sich aus diesem Kampf fernhalten wollte. Schreiber dieser Zeilen glaubt weder, daß die Abhaltung der Wahlen einen Zusammenbruch der amerikanischen Judenheit, noch daß sie ihre Erlösung bedeutet. Die Jahresver- Sammlung des ״Amerikanisch-Jüdischen Kongresses“ wird wahrscheinlich nicht bedeutungsvoller oder ergebnisreicher sein als die früheren, unabhängig davon, wieviele Juden an den Wahlen teilnehmen, weil die Juden heute in einer Welt leben, in der sie nicht Hammer, sondern Amboß sind. Nichtsdestoweniger hat der Ausgang der Wahlen grolle Bedeutung als psychologischer Maßstab für die Haltung der amerikanischen Juden. Viele reiche Juden in Amerika haben B. HEU MAHN P I A N O S I KÜHLSCHRÄNKE: BOSCH RADIO I FRIG IDAIRE u. .. W1S, KurfOntendamm 205 / Ruf: 9137 18 nichts gelernt und nichts vergessen, wie einst die Bourbonen in alter Zeit. Sie begnügen sich mit veralteten Schlagworten, die die Juden in anderen Ländern längst als leer und illusorisch erkannt haben. Viele von ihnen widerstreben einer öffentlichen jüdischen Betätigung und möchten nicht mit jüdischen Zwecken, seien es seifet Erziehungsbestrebungen, identifiziert sein. Natürlich ist infolgedessen auch die betont antizionistische Strömung sehr stark. Viele Zuschriften, die in Tageszeitungen erscheinen, beweisen, daß diese Kreise noch an die Wirkung apologetischer Methoden glauben. Das ist der Hintergrund, auf dem die gegenwärtige Auseinandersetzung vor sich geht. Die Frage der Wahlen zum jüdischen ״Kongreß“ ist nur ein Anlaß, der die Gegensätze laut w'erden ließ. So seltsam es scheinen mag, der wachsende Antisemitismus in Amerika und die jüdischen Ereignisse in Europa haben nicht vermocht, die amerikanischen Juden zusammenzuführen, sondern treiben sie im Gegenteil weiter auseinander. Wir sind gegenwärtig in einer Phase, wo die amerikanische Juden sich untereinander zuweilen sogar heftig hekämpfen, und man kann nur wünschen, daß sich die Besinnung auf die positiven Aufgaben rechtzeitig einstellt. Einigung in letzter Stunde Wie uns unmittelbar vor Redaktionsschluß gemeldet wird,!st es bei einer Sitzung der Vertreter der führenden jüdischen Organisationen Amerikas In Pittsburgh Anfang dieser Woche zu einer Einigung gekommen. Bei der Sitzung waren u. a. der Amerikanisch-Jüdische Kongreß, das American Jewish Committee und das Jüdische Arbeiter-Komi- Sie zogen von SEINEM Berg einen Weg von drei Tagen, und vor Ihnen her zog der Schrein SEINES Bundes, einen Weg von drei Tagen, Ihnen Ruhe auszuforschen, und SEINE Wolke war Ober ihnen des Tags, wann sie aus dem Lager zogen. Und so wars: Wenn der Schrein auszog. sprach Mosche: Steh aul, DU, daft zerstieben deine Feinde, daft entlüden deine Hasser vor deinem Angesicht! Und warm er ruhte, sprach er: Kehr ein, DU, in die Mengen der Tausende Jlsraelsl 4.Rudi Mose, itap. 10,33-36. Verdeutscht von Martin Ruber tee vertreten. Die Einigung bestimmt folgendes: Bis zu einer Zeit, in der e'nc wirksame Zusammenarbeit der großen jüdisehen Organisationen hei der Verteidigung jüdischer Rechte durchgeführt ist, wird von keiner der an der Vereinbarung teilnehmenden Organisationen eitle ״Vo'ksabstimmung“ abgehalten. Die Wahlen der Delegierten für die im September stattfindende Jahresversammlung des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses werden abgehaiten, die anderen jüdischen Organisationen aber sind berechtigt, ihre Zustimmung zu verweigern und nicht an den Wahlen teil zunehmen. Die Organisationen, die die vereinigte Körperschaft bilden werden, haben eine gleiche Vertretung in dem geme'nsamen Komitee, behalten aber sonst ihre Selbständigkeit. Fragen der nationalen oder religiösen Weltanschauung sind aus der Kompetenz auszuschaiten. Die Vertreter der Organisationen haben es übernommen, ihre Körperschaften über diese Plattform zu befragen. Die Einigung gilt als ratifiziert, wenn al’e Organisationen bis zum 20. Juni ihre Zustimmung gegeben haben. Irene Kolsky. In diesen Tagen starb nach kurzer Krankheit, 26jahrig, in Paris Irene Kolsky. Mit ihr verlieren wir eine Künstlerin von Rang, einen Menschen, der mit strenger Selbstzucht an seinem Werk arbeitete. Der Salon des tuilerics, der soeben eröffnet wurde, zeigt Holzschnitte und Handzeichnungen von Irene Kolsky. Sie erreicht im Holzschnitt, den sie gelegentlich, um spontanere Eindrücke festzuhalten, mit dem Linolschnitt vertauscht, sehr starke Wirkungen. Von besonderem Reiz, sind ihre Kleinstadtbilder und die Seelandschaften der Bretagne (Bleistift- und Feder- Zeichnungen), die das Gefühl der Leere und Verlorenheit trefflich zu vermitteln wissen. Sie begann sich erst in den letzten Jahren aufzulockern in den Darstellungen von Straßenmusikanten, Zirkusleuten, Bauern, die aber immer eine Vision von Straffheit und plastischer Monumentalität verfolgen. Sie liebte es, die Figuren in unmittelbare Nähe des Betrachters zu rücken, sie massig und kraftvoll vor einen heileren. Hintergrund zu stellen. Im Holzschnitt ״Die Prozession“ im Salon des Tuileries reizte sie die Darstellung einer Bewegungskurve, einer Volksmenge, die in langem Zuge von vom nach rechts in die rückwärtige Bildzone abschwenkt. Die Aufgabe ist glänzend gekäst. Der mystische ״Tanz“, ebenfalls in der Ausstellung zu sehen, vermittelt etwas vom Pathos mittelalterlicher Totenfanzhiklcr. Kostbar sind Kolskys Tuschzeichnungen, von denen die meisten von ihr in den Holzschnitt übertragen wurden. Sie illustrierte Gogols ״Tagebuch eines Irren״' und den .,Mantel", sowie den ״Schatten“ von Andersen. Hier ging sie 7.11m farbigen Holzschnitt über, der mit zwei, drei Farben bestritten wurde. Zuletzt arbeitete sie an den Illustrationen zum Roman von Henri Troyat ״Le faux Jour“, deren Holzschnittfolge sie beinahe vollenden konnte. Rahe! Wischnitzer-Bern stein Die 66 Genossen der jüdischen Handelsbank fwria in Leipzig haben für das Jahr 1037 auf die ihnen /!!stellenden Dividenden von insgesamt 323,SO RM. verzichtet und diesen Betrag dem KKL als Spende zugewendet. Der eiserne Topf Eine Geschichte \om Baal Schein Herr Thapuach, heute ein alter Mann, hörte diese Geschichte, da er noch ein Knabe war, von einem weißbärtigen Wanderer in den Karpathen, wo die Legende vom Baal Schein unter den Juden noch lebendig ist. Die Geschichte aber handelt von einem Juden vom Dorfe, einem ungelehrten, einfachen Mann, der eine Gastwirtschaft in Pacht hatte. Er war ehrlich und gottesfürehtig und hielt, was er vermochte, betete dreimal des Tages, las einmal die Woche die Psalmen und war wohltätig nach seinen Kräften, fenügsam in seinem Auskommen und mahnte Gott nicht 11m esseres Glück, da er keinen Hunger litt. Brot war im Haus, zu Schahbath Kuchen und ein Stückchen Fleisch, manchmal auch Fisch. Verirrte ein Gast sich 7,u ihm, so ging auch der nicht hungrig weiter, und der Dorfjude war dessen dankbar und zufrieden und hat Gott nicht um mehr. Reich zu werden, hafte er kein Geschick, aber mit Kindern war er gesegnet, größeren und kleineren, sie hatten nichts Rechtes anzuziehen und liefen barfuß, aber darum sorgte der Mann nicht, da sie wuchsen und gediehen nnd satt wurden. Das älteste war ein Mädchen, nicht gar jung mehr, schon erwachsen und fast zwanzig Jahre alt oder darüber und immer noch barfuß und nur Fetzen auf dem Leib, bekümmert, daß sie auf dem Dorfe verkümmern müßte, denn ohne ein ordentliches Kleid könnte sie nicht in die Stadt und ohne Schuhe nie, und verirrte sich einmal jemand aufs Dorf, so wagte sie vor Scham nicht, sich sehen zu lassen. Sie weinte nachts ihre Tränen in die Kissen und schämte sich tags, es dem Vater zu gestehen, und er sorgte nicht darum; sie litt ja nicht Hunger, man mußte Gott danken. Und daß sie erwachsen war? Wahracheinlirt! war ihr der rechte Mann schon zu gedacht. Man mußte nur zuversichtlich sein, Gott sorgt, man braucht ihn nicht zu mahnen. Nur eine Sorge hatte der Dorfjude: wie selten kam ein Gast zu ihm, wie selten konnte er die Pflicht der Gastfreundschaft erfüllen! Aber da er doch das Dorf der Stadt nicht näherbringen konnte, begnügte er sich mit den seltenen Besuchern, und so war seine Art. Und so lebte er auf dem Dorfe, und niemand wußte von ihm, aber der heilige Baal Schern Tow wußte. Und einmal Schabbath-Ansgangs, es war im Sommer und die Zedern blühten, und der Himmel war voller Sterne, da rauchte der Baal Sehern sein Pfeifchen, sah ins Weite und lächelte und ging ans offene Fenster und rief: ״Alcksa!“ Das störte die Chassidim auf, wie ein Bienenschwarm liefen sie durcheinander. Aleksa war des Baal Sehern Knecht und Kutscher, er kam ans Fenster, und sein Flerr rief: ״Spann an! Wir fahren!“ Aleksa fragt nicht, wann noch wohin, läuft in den Stall, holt Pferd und Wagen heraus und richtet das Geschirr: ״Es ist angespannt.“ Der Baal Schern tritt aus der Tür, die Nächsten von seinen Chassidim verwundert mit ihm, er läßt sie einsteigen, einige feine junge Leute dazu und steigt zuletzt selbst auf, der Wagen ist voll und Aleksas Peitsche knallt, das Pferdchen läuft, und der Baal Sehern lächelt; wahrscheinlich freut ihn sein Einfall. Und als sie aus der Stadt hinaus sind, ruft er: ״Aleksa! Dreh dich um! Laß das Pferd allein laufen.“ Alcks« folgt. Und die Nacht ist voller Sterne, ein Windchen p*'c׳'f:, und der Baal Sehern ist gut aufgelegt und beginnt ein Lied. Die Chassidim summen mit, die Stimmen klingen zusammen wie eine große, vieltönige Stimme, das Lied steigt empor, wird herzlicher und vertiefter, und ehe sie es merken, saust das Pferdchen pfeilschnell durch Wald und Flur, Dörfer und Flecken, und ehe sie es merken, ist die Nacht erloschen, der Himmel licht, und hinter den waldigen Bergen steigt die Sonne empor. Und das Pferdchen steht, ein kleines Gasthaus wartet an der Landstraße, und aus der Tür tritt unser Dorfjude. Wie aus süßem Schlaf erwacht, blinzeln die Gäste gegen die Sonne und steigen vom Wagen. Und den Dorfjuden überwältigt die Freude: solche Gäste hat ihm Gott geschickt, weißbärtige und junge, in Atlas und Pelzstreimel, Juden, eine Lust anzuschen — und ühersehtvänglieh bittet er sic ins Haus; ״ich hange doch so nach Gästen“. Inzwischen hat Aleksa den Namen des Dorfes erfahren, das tagevveit von der Stadt entfernt ist, und wundert sich doch nicht der Weite seiner nächtlichen Fahrt, dcrengleichen er manche erlebte, und spannt lächelnd und achselzuckend das Pferdchen aus und zieht den Wagen unters Dach und das Tier in den Stall. ״Wir sind die ganze Nacht ge fahren, gegen Morgen wurde es kühl. Könntest du uns jetzt ein wenig Warmes bereiten?“ fragt, der Baal Schein und: ,,Mit der schönsten, größten Ehrerbietung“, antwortete der Dorfjude und wartet nicht erst, bis seine Frau und Kinder aui'slehcn, die Erfüllung der Gastfreundschaft träte er niemand ah, läuft seihst in den Stall und melkt die Kuh, macht Feuer im Herd und trägt die heiße Milch auf. Man trinkt und betet das Morgengebet, und da erst gebetet ist, wirds lieht im Haus, und die Chassidim singen. Und unser Dorfjitde sicht dabei, das Iiera geht ihm auf vor Freude, solche Freude hat er noch nie geschmeckt, solch Beten und Singen seinen Lebtag nicht gehört. Danach fragt ihn der Baal Schein, ob er ihnen zu essen geben würde. ״Vom Schönsten und Besten!“ sagt freudig der Dorfjude, läuft in Kammer und Scheuer, bringt frische Eier und Brot und Butter und Käse und lauter gute Dinge. Nach dem Essen sagt der Baal Sehern: ״Nun darf man ein wenig ruhen, wir sind müde von der Fahrt.“ Und der Dorfjude läuft und bringt frische Gchündo Stroh und bettet die Betten auf, und die Gäste schlafen. Danach waschen sie sich, und der Baal S■ hem ruft: 15״creite uns ein gutes Abendbrot!“ ,.Was äßet ihr gern?“ fragt der Dorfjude und bekommt zur Antwort: eine fleischige Mahlzeit. ,,Fleisch im Dorf? Ja, Geflügel, aber woher einen Schächter nehmen?“ Da sagt der Baal Schein, einer von ihnen sei Schächter, und schon ist der Gastwirt im Dorf und bringt Geflügel, und cs wird eine feiertägliche Mahlzeit. Abends werden wieder die Betten und das Stroh bereitet, in des Dorfjuden Stube hausen die Gäste, er selbst und die Seinen in der Schänke am Boden, alter den Baal Schein kümmerts nicht, er schert sich nicht darum, und die erstaunten Chassidim fragen ihn nicht. In der Schänke aller flammt die Freude, das Glück der GastIr umlselinft erfüllt den Dorfjuden ganz und gar, was gehn ihn noch die Bauern und Knechte an, die Trinker, von denen er sonst lebt, da er nun so teure Gäste hat! Das Herz wird ihm zu eng vor Gluck.