Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 46 (10.6.1938)
- Date
- 1938-06-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nn 46,10. VI. 1938 JOD ISCHE RUNDSCHAU Seife 3 IN ALLER KURZE Im Unterhaus teilte Kolonialminister MacDonald mit, daß zwischen dem 3. und dem 30. Mai 36 Fälle von Mord und 44 Fälle von Verwundung in Palästina gemeldet wurden. Er, teilte weiter mit, daß die Errichtung des Zaunes an der N׳ordgrenze so schnell wie möglich durchgciührt werde. Das amerikanische Repräsentantenhaus hat 50 000 Dollar für die amerikanische Delegation zu der dem Flüchtlings- und VX'andcrungsproblem gewidmeten Konferenz in E v i a n bewilligt. Am 31. Mai wurde im Pcoplc’s Palace, im East-end von London, eine Massenversammlung unter der Leitung der britischen Abteilung der Jcwish Agency abgeltalten. Professor Brodetskv, der den Vorsi«z führte, begrüßt״ die beiden Besucher aus Palästina, Dr. Alexander Ooldstcin und Dr. Benzion Mossinson, die nach England gekommen sind, um die ״Mifdeh Zioni“-Aktion zu leiten. Dieser Aktion waren sämtliche Reden der Versammlung gewidmet. Im ägyptischen Parlament wurde auf eure Anzahl von Anfragen hin die Palästinafrage erörtert. Der Ministerpräsident versicherte, daß die ägyptische R: g: rnng alle diplomatischen Schritte unternehme, um eine gerechte Lösung des Palästina-Problems zu erreichen. Der französische Obcrkommissar im Sandschak von Alexandrctte Jiat sich entschlossen, d׳m Belagerungszu stand zu verhängen. Der französische Zivil- Vertreter Garreau wird durch den Kommandeur des nach Antiochia entsandten marokkanischen Schützenhat,■!illons Collet, ersetzt, der die einheitliche Leitung von Vcrwalhing und Armee sicherstenen soll. Das vom Reichsverweser sanktionierte ״Judenjesetz“ ist im ungarischen Amtsblatt vom 1. Juni ersehenen und hiermit als (1. A. XV: 1938 ins 1mg. Corpus juris eingezogen. Die Durchführungsbestimmungen sollen noch im Laufe des Juni erscheinen. Zu gleicher Zeit vcrö.frntlieht das Statistische Landeszentralamt eine Bearbeitung der in den letzten sechs Jahren erfolgten Einwanderung und stellt fest: ״In den Jahren 1931—37 hat die Zahl der aus Polen Eingewanderten auffallend abgenommen, was zugleich das Aufhören der Einsickerung galizianischcr Juden bedeutet.“ Der Oberrabbiner von Schweden, Dr. Ehrenpreis, hat ein spezielles Dankgebet verfaßt, das in der Stockholmer Synagoge am 16. Juni anläßlich des SO. Geburtstages des schwedischen Königs, Gustav V., gesprochen werden wird. Nach dem Gottesdienst soll dem König ein Exemplar des Gebetes überreicht werden. Die Leiche des beim internationalen Grand Prix in Tripolis tödlich verunglückten Meisterfahrers Ladislaus Hartmann wurde vom italienischen Automobilklub nach Ungarn befördert und unter großen Elmingen in Budapest zur Ruhe bestattet. Rabb. Dr. Franz Hevesi hielt die Trauerrede. Prof. Adolf Straus, Begründer der BudapcsterOricntalisehen Akademie und Ordinarius an der VolkswirtschafOclien Universität, feierte dieser Tage seinen 85. Geburtstag. Strauß gehört zu den ersten Anhängern und Propagatoren der Her/1- Nordauschen Ideen und hatte eine Zeitlang auch die Präsidentenstelle der Zionistischen Organisation inne. Vorstand und Aufsichtsrat des Gemeinnützigen Bau- Vereins in Gelsenkirchen-Horst haben eine Anordnung erlassen, wonach Juden und Personen, die sich als Vertreter jüdischer Geschäfte betätigen, das Betreten der Wohnungen dieser Genossenschaft verboten ist. Wie die Zeitungen melden, wurde die Sängerin Gitta Alpär vorige Woche in das Buckingham-Palais geladen, um vor der englischen königlichen Famil׳e zu konzertieren. An Stelle des verstorbenen Dr. S. Ried! wurde 7um Vorsitzenden der S/cgeder Gemeinde (Llngarn) und des dortigen Gemeindedistrikts Dr. Robert Pap, der stellvertr. Vorsitzende der Advokatenkammer gewählt. In London starb Louis Zangwill, der Bruder von Israel Zangwill, im Alter von 68 Jahren. Louis Zangwill war als Schriftsteller bekannt. Professor Sigmund Freud ist am 6. Juni in London eingetroffen, um sich dort für dauernd niederzulassen. Von Käfe Münzer hat nach dem französischen Staat nun auch die Stadt Paris ein Gemälde für ihre Sammlungen erworben. Es ist die ״Matcrnite“, die auf dem letzten Herbst-Salon zu sehen war. Bei den S 111 d i e n w e 11 h e w e r b c n für sämtliche Mittelschulen Ungarns wurden zwei Abituiie iten des Jüdischen Knabengymnasiums mit Preisen aiixgezelcuiet. und zwar für Physik und Erdkunde. Auch ein Hörer des Gymnasialkurses des Rahbinerscminars erhielt einen Preis für Latein, sowie mehrere jüdische Studenten anderer Lehranstalten. Die Wahlen in der sefardischen Gemeinde in Belgrad ergaben einen Sieg der Zionisten. Prä-ident der Gemeinde ist Dr. David Albala, Vizepräsident der Zionistischen Organisation Sndslawiens. Das Jiddische Theater von Morris Schwarz (New York) gastiert gegenwärtig in Paris mit dem Zugstück ..Brüder Aschkenasi“, das auch in New York und anderwärts einen großen Bühnenerfolg hatte. In Juva (Fidschi-Inseln) s‘a!h im Aber von 77 Jahren Sir Henry Marks. Er war von 1926 bis 1936 Bürgermeister von Juva, _ Bcrufsumschichtunj״ in Ungarn Von unserem Berichterstatter Budapest, Ende Mai 1938 Aus der neuen Situation der Juden in Ungarn ergibt sich eine Fülle von praktischen Aufgaben für die Organe der Judcnheit. Da die bedeutendsten Teile der ungarischen Judcnheit in der Pest er Israelitisehen Gemeinde vertreten sind, ob'iggt cs in crs'cr Linie deren Leitung, Maßnahmen für die Zukunft zu treffen. Die ersten Umrisse eines teils cliarita'iven. teils sozialen Ulfs- Werkes haben wir schon in unserem Berichte vom 20. April (״Jüdische Rund•>chau“ N'r. 35) kurz aufgezeigt. Seither wurde im Amtygcbäudc der Gemeinde in Gemeinschaft mit der Chcwra Kadischa und den übrigen Wohlfahrtsinsfitutioncn I». WPHilftMM PIANOS I Kühlschränke: bosch R A D I O I FRIGIDAIRE u. a. Berlin W15, K u rf U ra t• n d a m m 205 / Ruf: 91371• ein sogenanntes ״Schutz- und H i I f s h n r e a u“ ins Leben gerufen, das jetzt vor allem der Bestandaufnahme dient, das aber auch praktische Hilfe leisten soll, eine organisierte Wohlfa 11 rts zentrale also, wie sic der Generalsekretär der Gemeinde, A. E p p I e r, schon seit langem befürwortete. Die Bearbeitung der einzelnen Aufgaben ist Fachausschüssen zugewiesen, ihre Erledigung soll in die Hände von ״Sozial- Schwestern“ gelegt werden, die nur leider hierzulande schwer aufzufinden sind. Es ist weiterhin die Rede von der Gründüng eines Selbständigkeitsfonds, entweder durch Scibstbesteucrung, wie Obcrrcgicrungsrat Dr. Ignatz Friedmann es vorschlägt, oder durch Zusammengehen der Gemcinde mit den ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen in Form von paritätischen Stütz- und Darlehenskassen. Die Gemeinde, die vor einigen Jahren ihre den Bedürfnissen der erwerbstätigen .Mittelschicht dienende Bürgerschule in übereilter Weise aufgelassen hat, denkt jetzt daran, in ihren Gymnasien höhere Oewerbeschulklasson einzurichten, und zwar hei den Knaben für Metall- und elektrische Industrien, bei den Mädchen für Ffandarheitcn und Hauswirtschaft. Sie bemüht sich auch, die Absolventen der 4. und 8, Klassen in Kleinbetrieben unferzuhringen, doch haf bisher die Zahl der Anmeldungen nicht die Hälfte der über 509 angebotenen Lehrstellen erreicht. Besser scheint sich ein Projekt zu entfalten, das — falls es zur Realisierung reift — von größerer Bedeutung werden dürfte. In Zusammenarbeit mit dem seit fast 100 Jahren wirkenden ״Handgewerbe- und Ackcrhati-Ausbildtingsverein“ (kurz MJKEFE genannt) ist auf dem der Gemeinde gehörigen Gut Hort die Errichtung einer Art Lehr gut geplant, auf dem nicht ganz vermögenslose Bewerber in drei- resp. 1'״jähriger Ausbildung zu Landwirten lind Gärtnern herangchildet werden sollen. Es meldeten sich hierfür im Ausland diplomierte Acrzte des Jüdischen Hospitals, denen die Nostrifizicrung versagt wird, junge Rechtsanwälte, Ingenieure, Beamte 1t. dg!.; sie sollen sich nach der ersten Ausbildung von den Erträgnissen ihrer Arbeit selbst versorgen und dann womöglich im Lande Kleinwirt- Gottes Wohnung »Wo wohnt Gott?" Mit dieser Frage überraschte der Kozker einige gelehrte MSnner, die bei Ihm zu Gast waren. Sie lachten über Ihn: »Wie redet Ihrl Ist doch die Welt seiner Herrlichkeit voll I' Er aber beantwortete die eigene Frage: »Gott wohnt, wo man Ihn einlSfet.’ Aus Martin Bubrr ״Hundert Chassidische Geschichten״ schaffen pachten oder kaufen, eventuell fiir Palästina oder Ueberseo zur Ver'iigung stellen. Der Verein ist außerdem bereit, in seinem e'gcncn Heim u!1d Farmgut in der Haupt- Stadt Extcrnistcn :nii/umlimeii und sie dabei an Sprachkursen, auch in Hebräisch, tcilnchmen zu lassen. Der Pcster Israelitische Frauenverein hat auf Initiative seines Sekretärs, Du Ludwig Den es, mit der Existenz- Vorbereitung für Mädchen und Frauen bereits begonnen. Derzeit unterhält er in seinem Krankenhause Lehrkurse fiir Krankenschwestern, Pflegerinnen und Kindermädchen, doch werden geschickte Kräfte auch in dem besonders in der Provinz bcnöt:g:cn Hausgewerbe unterwiesen und vom Zentralhiiro untcrgebracht. Der ( ),’euer Draciiti-che I rauenverein eröffnet eine Haiishaltungsschu'e: die orthodoxe Mädchenhürgcrschule sicht die Ausbildung von Kunstgewcrhlcrinnen vor, die — mit Rücksicht auf den Schahhath - möglichst unbeamteten, freien Beschäftigungen zugefuhrt werden sollen. Die jüdischen Industrie-, Handels- und Bankangcstclltcn werden nach ihrer Entlassung kaum mehr in ihren Beruf zuruckkehren können. In hc/ug auf eine reale Umschichtung größerer Massen ist man hier sehr skeptisch gestimmt; dagegen hat man angeregt, die hestehende soziale Alters- und!nvahdenvcrsicheriing der Privatbeamten in einen P e ח s i o n s I n 11 d s um/uwamle'n, damit die von den entlassenen Beamten eingezahlten Behage denselben ganz oder ini Verhältnis 7!! ihrer Dienstzeit zurückgezahlt werden können. Da in den a k a d e m 1 s c h c n B e r 11 f e n in nächster Zeit fiir die Juden ein Maximum von 'י• י festge'cgt wurde, ist in den Kreisen der jüdischen Anwärter auf diese Berufe eine starke Tendenz zur Umbildung b/w, Auswanderung zu beobachten. 1111 ״Landesvcrein der Ungarischen Israelitisehen Hochschulhörer“, der 8(Mi Mi'glicder zahlt, soll sich der liberwiegende Teil zur gewcrh'iciien l!׳nschiohlung gemeldet haben. Die \ 11 s w a ״der 11 ח g durfte - nach vorhergehender behördlicher Genehmigung vorläufig durch Gemeinde und Zionisfenvcrhand gemeitisdiafllieli nach l.ändem geteilt organisiert werden. Die hebräisch en Kurse des letzteren erfreuen sich einer ziemlichen Frequenz. Liner Jugcmllichen-AIija kommen die jetzigen günstigen Vorbcdingungen für die An י nah!110 an pdisiinen-isctie Hoch- und Fachschu'en zugute. Bei der unter Vorsitz von Dr. J. Patai und Dr. L. Ostern wirkenden ״t'niversitätskommission‘‘ des Palästina-Amtes haben sich hoher mehr als 100 Bewerber um Zertifikate gemeldet, von denen 35 schon mit Empfehlung erledigt erscheinen. Dr. A. Fürst Aus dem holländischen Kunstleben. Unser Haager RL.- Berichterstatter schreibt: B״i Aalderink in Amsterdam sind Zeichnungen und Gemälde des in Berlin geborenen jüdischen Künstlers Siegfried Gillis zu sehen. Insbesondere seine Arbeiten, die das jüdische Lehen zum Gegenstände haben, zeichnen sieh durch eine starke Charakterisierungskunst aus. — Die Ausstellung der in Holland tätigen Kunsttöpferin Lea H a I p e r n, die zur Zeit in London gezeigt wird, wurde in Gegenwart des holländischen Gesandten Graf von Limburg- Stimm von dem Schriftsteller Oifford Rax mit einer An- Sprache eröffnet. Unter den mehr als 250 Stücken befinden sich auch Tiere von besonderer Formgestaltung, — Der Graphiker Samuel J e s s 11 r 11!1 de M e s q ui t a beging seinen siebzigsten Geburtstag. Sein Werk wurde aus diesem Anlaß in der holländis׳T1cn Prc.se gewürdigt. -- Dr. H, Gerson wurde von den Direktoren der Tcylcrs-StiPung preisgekrönt für eine Arbeit über die Ausbreitung der holl,indischen Malerei des 17, Jahrhunderts. ״Versprengt in der Welt ...” r.rinnerunif am Sdiawuothfcst Aus Leserkreisen wird un« geschrieben: In der Millionenstadt Berlin sitze ich am Erew Schawiioth am Mittagstisch einer jüdischen Pension. Ich lese die ״Jüdische Rundschau“ und mein Auge fällt auf die Rubrik: ,,Versprengt in der Welt“ ... Da gewahre ich den Namen Moses Jacob Kugel mann, Lemförde, ausgewandert 1840 nach Savannah (USA.). Lemförde ist mein Heimatort, den meisten Lesern sicherlich völlig unbekannt. Der Große Brockhaus berichtet: Flecken in der Provinz Hannover, 841 Einwohner, bekannt durch Gänsezucht. — Plötzlich ersteht der liebliche Ort vor meinen Augen, lang hingestreckt, bekränzt auf der Ostseite von den letzten Wäldern des Weserberglandes, ehe es in die weite Norddeutsche Tiefebene übergeht. An der Westseite glänzt im silbernen Schein der schmale, mehrere Kilometer sich ins Land ziehende Binnensee, Dümmer genannt. Ich sehe über mir Scharen von Fischreihern, zappelnde Fische im Schnabel zu ihren Jungen in die hochgelegenen Nester zum Wald tragen. Ich gewahre am Abhang des Waldes, von geheimnisvoll, fortwährend rauschenden Tannen umsäumt, den alten Friedhof, der die Gräber meiner Eltern und Angehörigen birgt, aut dem die vom Kriegsschauplatz in die Heimat überführten sterblichen Ueberreste meines Schulfreundes die letzte Ruhestätte fanden. Am Eingang des Friedhofes, aber außerhalb der Reihe stehen drei längst verwitterte Grabsteine, deren Inschrift zu deuten, immer vergebliches Mühen blieb, wovon aber die Alten erzählten, von ihren Eltern ehört zu haben, es seien Gräber jüdischer Soldaten, die ei dem Rückzug Napoleons aus Rußland hier gestorben und beigesetzt worden seien. Heute ist Rüsttag zu Schawiioth . . . Erinnerung erwacht: An diesem Tage holten wir Jungen das grüne Laub der Zwergbirken, im Volksmunde ״Judenmaien“ genannt, um damit Haus und Synagoge zu schmücken. Die Hausfrauen liehen dazu ihre schönsten Topfhlumen, denn am Sehawuoth fand die ,,Konfirmation“ der schulentlassenen Mädchen, als Ersatz für die Bar Mizwa der Jungen statt. Die Neuzeit forderte schon ihren Tribut, In weißen Kleidern standen sic vor der heiligen Lade, um die seit Monaten geübten religiösen Fragen des Lehrers zu beantworten, wobei am Schluß jedes Mädchen noch einmal ein besonderes Glaubensbekennfnis zu sprechen hatte, dem zum Schluß ein gemein- *am gesprochenes ״Schma jisrael“ folgte. Vor und nach dieser Feier ertönte ein gemischter Chor und ein Mädchen *ang dann mit heller Stimme: ״Einst herrschte Gott über den Wassern allein, da rief er dem Lichte, und alle Wesen regten sich.“ Der Chor fiel dann wieder ein: ״Stimme des Herrn, du rufst so mächtig, Stimme des Herrn, du rufst so mild.“ (Den Alten aber war es untersagt, mit ihren tiefen Stimmen mitzusingen, wie sie es sonst gern zu tun pflegten. Vielleicht liest der jetzt in Holland lebende, bald 80 Jahre werdende Lehrer diese Zeilen.) Während meiner Schulzeit gab es in Lemförde etwa 10 jüdische Haushaifungen, und der reiche Kindersegen von damals ließ 25 Kinder die Schule besuchen. Das Schulgebäude lag am Ausgang des Ortes und diente zugleich als Synagoge, die als besonderer Raum den ältesten Teil des Hauses bildete. Die Decke war blau gestrichen und weiße Sterne zierten ye. Uebrr dem Almemor aber war das Auge Gottes dargestellt, das über die ganze Gemeinde schauen sollte, lieber dem Eingang dieses zwei Zwecken dienenden Hauses war eine Tafel eingelassen, die in hebräischen Lettern und deutscher lieber- Setzung die Worte trug: ״Ki bethi beth tefillo jikore!eehol hoamim“: ״Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker". Es galt uns Knaben als eine besondere Auszeichnung, wenn man vom Lehrer, der selbstverständlich in der Kleingemeinde gleichzeitig Kantor war. aufgefordert wurde, mit ihm die Tora für das nahende Fest ״stellen“ zu dürfen. Vom letzten Jomtow stand die Tora noch auf dem diesbezüglichen Abschnitt, während die Tora für den laufenden Schahhath von seihst ihren Weg ablief. Dann wurden die Festvorhänge aus der Lade genommen und mit dem schmuckloseren Schabhathvorhang gewechselt. Ich sehe ihn heute noch genau vor mir, jenen Vorhang aus blauem Samt, den das Wort ״Kugelmann“ heute in Erinnerung rief. Er war mit Silberstickerei reich verziert, trug eine schwer gestickte Krone, unter der die beiden Buchstaben כ״ת (Krone der Tora) standen. Die beiden Gesetzestafeln zierten den Vorhang, flankiert von zwei Löwen, die ihr geziingcltes Gesicht zeigten und deren aufrechte Schweife in einer besonders starken Quaste ausliefen. So gewann ich meinen ersten Eindruck von dor Stärke und Kraft des Löwen als Symbol Israels, den ich nachhaltig bewahrte. Wie erstaunt war ich aber, als ich nach einigen Jahren auf dem Jahrmarkt eines henachbarten Dorfes den ersten, wirklichen Löwen sah. Scheu hatte er sich in eine Ecke versteckt, den Schweif tief eingezogen, den Blick glanzlos zur Erde gesenkt. Der Bändiger schwang drohend die Peitsche über ihm und der I n־״e gehorchte geduckt, verstört. Meinem Vater fiel meine Bctangenheif auf, und als ich 111m den Grund angab, meinte er, dem Löwen sei es ergangen wie den Kindern Israels. Einst in seinem Lande ein stolzes und freies Volk, aber jetzt von seiner Heimat entfernt, ewig durch die Lande wandernd, ohne Rast und Ruhe, sei es verhärmt und schiiclitern_ geworden, der stolze Blick sei unem vertranten Auge gewichen. _ Unter den Dekorationen waren Schriftreihen ohne Vokale, die ich nicht lesen konnte, aber mit zunehmendem Alter gelang es mir, sie zum Teil zu entziffern, wobei mir der N’ante Moses Jacob K 11 g e I m a n n in Erinnerting blieb und heute wieder klar vor meinen Augen steht. Ls folgte auch der Name der Frau, der aber meinem Gedächtnis entschwunden ist. In der Truhe lagen noch eine ganze Anzahl Vorhänge, so ein weißer aus S״ide mit Gold bestickt, ein einfacherer aus weißem Leinen, der am Jom Kippur a'dgezogcn wurde, ein schwerer Brokatvorh.v'g mit bun'en Blumen für Sirrtchat Tora und etliche schon Fügst vrru'bt״ mul verschossene Vorhänge. Alle trugen die Namen der s'ifter langst vergangencr Geschlechter, die man mit Namen nicht mehr kannte, aber a'l ׳ hatten sicherlich unter dm h״scheidenslem Verhältnissen gelebt und doch nod! Gelegenheit zu milden Gahen, wie es auf den Vo-lvingen immer zu lesen war. geftinden. Wem es dazu n׳ch׳ reichte, der hatte einen Wimpel oder Mappe zur Toraumw iekhing gespendet, die in bunten Farben, mit primitiven Bil lern geschmückt, in großen Mengen die Lade füllten und iewodig bei der Geburt eines Knaben zur Synagoge gebracht wurden, Reim Aufrollen der Tora zur Vorlesung warf der Srhnnimes sie den Knaben zu und glücklich war, wer sie attffing und aufgerollt dann zum Almemor zuriiekgah. Am Festrsinorgen aber erst wurden ans dem Hause des Vorstehers, der sic in Sicherheit bewahrte, die silbernen, meistens vergoldeten Kronen geholt, die silbernen Schilde, die Zeiger beim Vorlesen aus der Tora. Nur der beste Schüler durfte heim Aufsetzen der Kronen und Umhängen des Schmuckes behilflich sein, es galt als heiliger Dienst. Wenn dann das Ausheben begann, glänzte es aus der Lade, in die das Schimmern des ״Ncr Tamid“ fiel wie Gold und Silber. Die Tora wurde herattsgenommen und die kleinen Glöckchen, die den Schildern angehängt waren und in den Kronen angebracht waren, ließen ihr liebliches Läuten erklingen, das• laut ertönte, wenn der Vorhcter die T6ra hoch emporhob und das Schma jisrael dabei sang. — ln den Schmuck waren die Namen der Spender eingraviert, ja die kleinen Plättchen innerhalb des Gehäuses, das den Schildern aufgesetzt war und die die Festcsnamen trugen, enthielten Buchstaben des Gedenkens. Die Gemeinde Lemförde, die das Gotteshaus bisher noch' erhalten hat, besteht heute noch aus einem kinderlosen Ehenaar, einem alten Geschwisterpaar und einer al'einstehenden. Dame. Rei dem Besuch meines Geburtsortes hielt ich mich dort nicht lange auf. Es erging mir wie dem Besucher in Löwenhcrgs ergreifendem Gedicht, dem man zurief: ״Von Ihren Leuten wohnt hier keiner mehr.“ Die Such-Notiz in der ״Jüdischen Rundschau“ hat mir die Vergangenheit ins Gedä htnis zurückgerufert. Ich habe sofort dem Einsender wegen Moses Jacob Kugelmann geschrieben, denn heute muß einer dem anderen helfen. Hugo Roherg, Berlin W 15, Dannstädtcr Str. 10