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Jüdische Rundschau · 1938-05-31 · Heft 43 (31.5.1938) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 43 (31.5.1938)
Date
1938-05-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Saite 6 J0D1SCHE RUNDSCHAU Nr. 43, 31. V. 1938 SßB®* Jüdischer VERGANGENHEIT XXIV. Die spanische Kabbaiistenschule Rabbinismus und Mystizismus. Der von Mose ben Nachman unternommene Versuch, den Gegensatz zwischen dem Autoritätsglauben und der Philosophie zu mildern und zugleich die rabbinische Tradition mit den Lehren der Kabbala zu verbinden, blieb erfolglos. Der Rabbinismus konnte in dem hundertjährigen erbitterten Kampf gegen die Philosophie einen cntschcidenden Sieg erringen, weil er in der immer wachsenden kabbalistisehen Strömung einen Verbündeten fand. In diesem Verbündeten erwuchs dem Rabbinismus aber bald ein gefährlieber Rivale: die Kabbala erhob nicht selten selbst den Anspruch, an Stelle der talrnudischen Tradition zu treten und das ganze jüdische Leben in den Dienst eines schwärmerisch - mystisehen Erlösungsideals zu stellen. Die ״prophetische Kabbala." Am stärksten stießen die Gegensätze in Spanien aufeinander, wo die Mvstik im laufe des 13. rr, ... lahrhimderts sich von litelblatt der Sohar-Ausgabe aus Oerona in Katalonien Mantua vom Jahre 155t). über Scgovia nach Süd- Aus: Jüdisches Lcx.ki'ti, Band V. Spanien bis zu der Hauptstadt Kastiliens — Toledo — aus breitete. Sie mußte sich hier nicht nur mit der talmudisch-rabbimschen Richtung, sondern auch mit der noch nicht erloschenen maimnnidischen Tradition auseinandersetzen. Viele ihrer Anhänger gingen von den Ideen des Maimonidcs aus, um sie im Sinne der Kabbala urnzudeuten und auszuwerten. Die verschiedenartigsten Ucherlieferungen sollten zu einer einheitlichen, mystisch-symbolischen Weltanschauung verbunden werden. Die treibende Kraft in dieser geistigen Bewegung war die in jener Zeit im Volke erstarkte Erlösungsschnsucht: die auf diesem Boden erwachsene ״prophctische Kabbala‘* bahnte einem mystischen Psetidomessianismus den Weg, der am Ausgang des Mittelalters eine gewaltige Massenbewegung hervorrief und die ganze jüdische Welt erschütterte. Abraham Abulafia. Der erste Vertreter der prophetischen Kabbala war Abraham ben Samuel Abu- Iafia aus Saragossa (1210 bis um 1201), — ein abenteuerliehen Geist, eifriger Asket, Visionär und Ekstatiker. Anfangs ein Jünger der Philosophie des Maimonides, wurde er durch das ״Buch von der Schöpfung״ (Sefer Jezira) zur Kabbala bekehrt. Er sah aber sowohl in der Philosophie als auch in den spekulativen Lehren und in der in Deutschland ausgebildeten ״praktischen Kabbala“ bloß Vorstufen zu einer ekstatisch-prophetischen Erkenntnis, die die menschliche Vernun ft durch die göttliche aufhebt und die Wunderkräfte des Heiligen Namens in den Dienst innerer geistiger Erleuchtung stellt. Als neunzehnjähriger Jüngling ging er nach Palästina, um sich von dort auf die Suche nach den Ueherresten der verschollenen zehn Stämme fsraels zu begeben. Infolge kriegerischer Verwicklungen im Heiligen Lande כפר* הזרד ״sk* 6יך׳» jrtf# bl #>«**׳* י«־י«*04#יוןיפממ ין3ת י3ר8*ן«0 *ייקי* b {*ג Ki* *מג*יך6 י• ems• מי*־ נג< Icm en■»« i r*j y» orvl»! Ll dkm פהמנטובדז rs-n* rW* »*»• r/«u rrw «ו «Ws-mt■ מ•«! יJ51 *זא Jüdische Kunst in Paris In einem Privathaus finde ich einen Leo Michelsohn, ein zierliches, nur etwas mattes Daincnporträt; wir kannten Michelsohns sehr reizvolle Südlandschaften und ein in Berlin erschienenes jüdisches Fabclbuch mit Holzschnitten, die durch ihre lockere Faktur bei straffer, geschlossener Komposition bezauberten. Eine delikate Landschaft von Genin, auch in Privathand, erinnerte an Mahveise und Farbengebung an das köstliche Balimädchen im Jüdischen Museum in Berlin. Vor einigen Tagen hörte ich Chagall bittere Worte reden. Zangwill sprach sie einmal in London auch: ״Wenn ich von Juden leben sollte, die meine Werke kaufen!“ Gewiß, wir sind arm. Auch hat das Schaffen Chagalls für den Fremden sicherlich einen besonderen ״exotischen“ Zauber. Neuerlich errang er sich einen großen Erfolg in Antwerpen. Seit einigen Jahren malt Chagall auch Blumen. Sie sprechen eine gedämpftere Sprache. Max Band bereitet für den Herbstsalon eine Hochzeitsszene vor; wir lieben die innigen Mutter-mit-Kind-Bildcr Bands. Er bewegt sich im vertrauten Themenkreis. Der Zusammenhalt der jüdischen Künstler hier ist nicht sehr stark. Einige haben den Versuch gemacht, gemeinsam auszustellen. Der Versuch mißlang. Chagall meint übrigens, die Ocffentlichkeit könne nicht verstehen, was dieser Zusammenschluß ohne leitenden Gedanken bedeuten solle. Die Ursachen für die mangelhafte Beteiligung der Kirnstler liegen tiefer. Es fehlt der jüdischen Kiinstlcrschaft die eigene starke Kulturgemeinschaft, die für sie wirbt, die sie trägt. Samuel C 0 0p er, der hervorragendste Miniaturmaler Englands im 17. Jahrhundert, wird in der Ausstellung englischer Malerei, die jetzt im Louvre gezeigt wird, als ein Mann ״unbekannter Herkunft“ figuriert. Dabei waren Samuel Cooper, der Maler Karl II. von England, und dessen Bruder Alexander Cooper, Hofmaler der Königin Christine von Schweden, Juden. Aus dem ausgezeichneten Katalog der Pariser Ausstellung erfährt man, daß am englischen Hofe und in der Gesellschaft viele Fremde arbeiteten: Irländer, Hugenotten, Deutsche. Passy, mit seinen modernen Studio-Wohnungen, beherbergt recht viele Künstler. Man muß sie nicht im Montparnassc-Viertel suchen. Hier lief mir dieser Tage Nina Brodsky über den Weg, die in Berlin, wie erinnerlich, einen jüdischen Kalender noch etwas tastend und schüchtern illustrierte und nun ihre ausgereifte Persönlichkeit in zweijähriger Arbeit am Stadttheater in Basel entfalten konnte. Nina Brodsky führte ihre Drehbühnen- und LichtdekormodeUe in der vorjährigen Pariser Weltausstellung vor, augenblicklich kann man eine Probe ihres Könnens im Theater des Chätclet in einer von Maurice Lehmann gestellten Revue sehen. Daß diese Frau auch eine hervorragende Porträtistin ist, zeigt ein Selbstporträt aus der Berliner Zeit. Einen recht hoffnungsvollen Eindruck gewinnt man bei der Betrachtung des Neuhaus der Bibliothek des Jüdischen Lehrerseminars von Julien Hirsch. Als Querflügcl im Hol eines gediegenen Althaus in der rite La Bruyfcrc, ganz sachlieh mit sparsamen Ausdrucksmittcln, behandelt, bietet der Bau eine glückliche Lösung der Aufgabe. Im Erdgeschoß, an den Hauptbau anschließend, sehen wir einen modern gestalteten Leseraum und in mehreren Stockwerken daneben, die durch die vertikale Gliederung der Fensterfront zusammpngefaßt erscheinen, die Bücherdepots — eine Sehenswürdigkeit in bezug auf Anlage und Raumnutzung. Die Bibliothek besitzt über 50 000 Bände. Es ist zu erwarten, daß sie unter der Leitung von Rabbiner Back und Herrn Schapira ein wissenschaftliches Zentrum wird. Rahel W i s c h n i t z e r - B e r n ste In mußte er sein Vorhaben aufgeben und nach Europa zurückkehren. Er lebte unstet bald in Spanien, bald in Griechenland, bald in Italien und in Sizilien, und sammelte überall Schüler um sieh. Von einer ״inneren Stimme“ getrieben, ging Ahniafia im Herbst 12S0 nach Rom mit der Absicht, als Für- Sprecher des jüdischen Volkes vor dem Papst Nikolaus III. zu erscheinen und ihn zum Judentum zu bekehren. Wegen dieses Versuches wurde er zum Tode verurteilt, kam aber durch den Tod des Papstes mit einer Gefängnisstrafe davor. Er wandte sich nach Sizilien und weissagte hier in schwärmerischer Exaltation das Herannahen der messianischeu Erlösung. Das Verdanunungsurteil der größten rabbinischen Autorität seiner Zeit —- des Salomo Adret in Barcelona (Raschba; 1235—1310) — zwang ihn, nach der Insei Comtino bei Malta zu fliehen, wo er nach 1291 starb. Mose de Leon. Noch zu Lebzeiten des Abulafia (um 1280) tauchte in Spanien das Buch auf, das die Hauptschrift der jüdisch-mystischen Literatur ist unef von den Anhängern der Kabbala in eine Reihe mit den heiligsten Urkunden des udentums gestellt wird. Das in aramäischer Sprache veraßte Buch ״So har“ (Liclitglanz) wurde zuerst bekannt und verbreitet durch Mose ben Schem-Tob de Leon (um 1250—1305), der es als ein Werk des berühmten Tannaitcn Simeon ben Jochai aus dem zweiten uachchristliehen Jahrhundert ausgab. Die Gestalt des Mose de Leon ist eine der geheimnisvollsten des jüdischen Mittelalters. Er ist uns nur bekannt als Autor einiger kabbalistischer Werke, die vollständig unter dem Einfluß des Sohar stehen, und als Abschreiber alter Schriften. Er soll nach manchen der wirkliche Autor, nach anderen der Bearbeiter des Kanons der klassischen Kabbala sein. Der ״Sohar." Das umfangreiche Buch stellt einen kabbalistischen Midraschkommentar zur Thora dar, der aus verschiedenen Quellen entstanden ist und dem Inhalt und der Gliederung nach einige Schichten aufzeigt. Außer dem Kernteil enthält das Buch zwei sehr alte, stellenweise dichterisch schwungvolle, stellenweise äußerst dunkle Stücke (die ״große“ und die ,,kleine“ Versammlung — Idrot) und besondere mystische Partien (״Der treue Hirt“; ״Buch der Verborgenheit“ u. a.) und Ergänzungen (״Tikkunim“). Seinen Hauptgegenständ bilden der Mensch und sein Schicksal in Ihrer Verbundenheit mit der überirdischen Welt der göttlichen Urkräfte (Scfirot), die sich in der irdischen Welt widerspicgeln. Das Werk wurde der Grundstein für die weitere Entwicklung der Kabbala und übte in den folgenden Jahrhunderten auf das jüdische Volksleben eine umwälzende Wirkung aus. Literatur. Ueber Abraham Abulafia und Mute de Leon: A. Jellinek, Philosophie und Kabbala (1854); ders., Mose de Leon (1851); A. Geiger, Das Judentum und seine Geschichte; G. Karpeles, Geschichte der jüdischen Literatur, II. — Ueber den Sohar: Ad. Franck, Die Kabbala (deutsche Uebersetzung von A. Jellinek) 1922); D. H. Joel, Die Religionsphilosophie des Sohar (1849); M. Munk, Versuch einer Einführung in die Philosophie der Bibel (1922); E. Müller, Der Sohar und seine Lehre (1923)} vgl. auch die Literatur über die Kabbala im Aufsatz Nr. XXII. Deutsche Teilübersetzungen des Sohar: E. Müller, Der Sohar (1931); Gerhard Scholem, Die Geheimnisse der Schöpfung (Schocken-Bücherei Nr. 40). Literatur-Nachtrag zum Aufsatz Nr. XXIII: Eine Ueber- Setzung des ״Buches der Frommen“ im Auszug ist in den Gesammelten Schriften von Samson Raphael Hirsch am Ende des 6, Bandes enthalten. Dr. J. H. Orthodoxe Gruppe In Neuendorf. Im Lehrgut Neuendorf wird eine orthodoxe Gruppe eingerichtet, die dort an der praktischen und theoretischen Ausbildung in allen Zweien der Landwirtschaft teilnimmt und von einem orthodoxen ugendführer geistig betreut wird. Die Ausbildung dauert zwei Jahre. Die monatlichen Kosten betragen 65 bis 75 RM. Für Minderbemittelte ist in den meisten Fällen ein Zuschuß erhältlich. Anmeldungen für Jungen und Mädchen mit Angaben über die Zahlungsmöglichkeit sind bis zum 5. Juni zu richten an; Agudas Jisroel, Berlin N 4, Johannisstr. 8, oder an: Noar Agudati, Bundesleitung, Berlin N 4, Artilleriestraße 31. Eine Predigt an Bord ״Das Schiff streicht durch die Wellen, fidelin...“ endlieh! Südlich en, östlichen Meeren zu, Brüdern zu, Freunden zu, — einer Heimat zu, dem Licht und der Wärme zu. Ich habe den Gongschlag, der zur ersten Mahlzeit ruft, überhört. Ein Rlaubein ut/ter macht mich darauf aufmerksam. Ich taxiere staunend den Durchmesser der Sonne, darin tauche ich zögernd in den Schiffsbauch, Im Speiscsaal sind alle Tische besetzt. Halt, atn Fenster ein Plätzchen für mich. Ein älterer Herr mit knallblaucn Augen, hellrot gegerbtem Gesicht und seine Tochter, ein zweiter Mann, Mitte 40, heiteres Wohlwollen und sicheres Gleichgewicht ausstrahlcn d, blauäugig, mit leichtgewelltem Haar, das von Blond ins Weifte ubergegangen ist: Engländer. Man überläßt mir zuvorkommend den freien Platz und wir sind bald, trotz meines schlechten Englisch, in einem guten, wohltuenden Gespräch. Die Engländer wollen Ostern im Heiligen Land verbringen, und sie fragen ohne Neugier, mit Freundlichkeit und Freimut, was mich dahinführt. Ebenso freimütig und still gehe ich ihnen einen kurzen Abriß der Umstände, die mich dem Lande meiner Väter zuführen. Sie verstehen gut zuztihörcn, gut zu fragen, mit sparsamsten •Worten. Bald verlassen wir alles Vergangene, wir schauen nur vorwärts, wir freuen uns auf das Heilige Land: — ich lehre sie ein paar italienische Worte für den Verkehr mit den (übrigens polyglotten) Kellnern, was Anlaß zu Scherz und Gelächter gibt. Au? Deck stecke ich in meinen Büchern. Ich sehe zuweilen Mr. Ross, den jüngeren meiner Tischgenossen, mit einem Chaluz im Gespräch, oder auch mit einem Mitglicd der dänischen Kirchengescllsehaft, die gleichfalls über Ostern nach ״Teibiriäs“ will. Die Dänen halten sich ganz unter sich. Am Morgen des vorletzten Reisetages; skr alte Herr!erklärt mit seinem prächtigsten schottischen Akzent dem Kellner energisch: ״Mai pasta!“ — (״Miäh pähstäh!“ sagt mein Schüler, und es soll bedeuten: ״Niemals Teig-Vorspeisen!“) — er erzielt jedesmal beim Schiffspersonal und den Nachbartischen große Heiterkeit, und Mr. Ross sagt zu mir: ״Ich werde noch oft, wenn ich Sonntags in meiner Kirche stehe, an die frohen, unbeschwerten »age auf unsercr braven ,Gcrusalcmmc‘ zurückdenken.“ Am Abend beteten die jüdischen Männer zum Ausgang des Schabbat in einem viclfenstrigen Raum auf Deck; die hebräischen Worte erklangen in dem uralten geheiligten ,Tonfall des Ostens, in dem vielleicht schon Abraham, Isaak lind Jakob zu ihrem Gott gesprochen haben. Einige Zuschauer standen dicht um die Fenster ge- Schart, mit jener Neugier, wie man etwa die Bräuche der Aschanti-Neger im Zoologischen Garten beobachtet — ein Beginnen, das mich selbst schon verletzt hat. Ich ging still fceßeite ins Dunkel. Nach dem Abendbrot verkündete ein junger Mann, es werde ein englischer Priester zu den Reisegefährten sprechen. Um neun Uhr versammelten sich Dänen und Juden, und Mr. Ross erschien, diesmal mit schwarzem Piastron, mit seinem guten, erwärmenden freimütigen Lächeln, und er sprach zu denen, die ihn umringten; er sprach dies: ״Diese Woche war eine große Woche fiir mich. Ihr habt von jeher einen großen Platz in meinem Herzen einenommen, ich habe euch immer geliebt, euch und eure andsleute. Mir scheint, daß meine Liebe zu euch sich noch vertieft hat in dieser letzten Woche, die ich mit euch verbracht habe. Ich verstehe jetzt euer Leben besser als je vorher. Ihr steht heute an einem großen Wendepunkt eurer Geschichte. Der Tag ist angebrochen, u0׳ der Gott eurer Väter nach so bitterer Prüfung euch sein altes Versprechen einlöst: ,An dem Tag machte der Herr einen Bund mit Abraham und sprach: Deinem Samen will ich dies Land geben, von den Wassern Aegyptens an bis an das große Wasser Prath.‘ (I. Moses, 15. 18) und ,da erschien der Herr Abraham und sprach: Deinem Samen will ich dies Land geben‘ (I. Moses, 12, 6—7) und ,Und nun spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: ,Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein. Weil du so wert bist vor meinen Augen geachtet, mußt du auch herrlich sein, und ich habe dich lieb. So fürchte dich nun nicht, denn ich bin bei dir‘ (Jesaja 43, 1, 4, 5). Ihr habt eine große Aufgabe vor euch: Neues Land zu erschließen und urbar zu machen, eine neue Heimat euch und den euern aufzubauen. Ich möchte euch dazu ein paar Worte sagen. 1. Seid geduldig! Gottes Zeitmaß ist nicht unser Zeitmaß. Ihm sind tausend Jahre wie ein Tag und ein Tag wie tausend Jahre. Er übereilt nichts. Seine Mühlen mahlen langsam. Daß dieses Sprichwort ein Wahrwort ist — wir haben es erfahren. Habt auch Geduld mit uns Engländern! Wir haben ein anderes Tempo, einen anderen Rhythmus als ihr. Vertraut uns doch! Wir gehen sehr langsam vorwärts. Aber wir kommen zum Ziel. Wir werden euch nicht im Stich lassen, seid dessen gewiß! Uns ist eine große und schwere Pflicht auferlegt — und ihr müßt versuchen, uns zu verstehen, und Hand in Hand mit uns zu arbeiten. Habt Mitleid mit uns (have sympathy with us). Ich glaube, daß dieses Werk, das wir zu verrichten haben, uns von der örtlichen Vorsehung selbst übertragen worden ist Wir aben euch immer freie Bahn (open door) gegeben und euch herzlich willkommen geheißen. 2. Seid wohlwollend gegen die Araber! Laßt ,Schalom!‘, euern schönen Friedensgruß, in euer Herz geschrieben sein. Und denkt vor allem im Verkehr mit euern arabischen Nachbarn an die Bedeutung diese» )Friede sei mit dir‘. Denn nur durch die Liebe könnt ihr es möglich machen, nebeneinander in dem Land zu leben, das Gott euch gegeben hat, euch und ihnen als gemeinsame Heimat. 3. Fürchtet euch nicht! Solange Gott lebt, braucht Ihr euch nicht zu fürchten. Er hält euch in seinen Händen. Er hat euch zugeschworen, euch zu!eiten und zu schützen. Er hat euch die Tore ins Gelobte Land geöffnet, in das euch zugeschworene Land. Er hat euch dort angesiedelt, und keine Macht der Welt wird imstande sein, euch je wieder zu vertreiben. Ein göttlicher Wille ist am Werk. 4, Vergeßt Ihn nicht. Kehrt euch nicht ab von dem Buch, das Er euch gegeben hat. Wenn ihr das tätet, seid sicher; all eure Anstrengungen würden vergeblich sein. Nichts und niemand könnte dann etwas für euch tun, nichts könnte euch und euer Werk retten. Wenn Er bei euch ist, wird die Wildnis und die Einsamkeit heiter und vertraut und die Wüstenblume wird zur Rose.“ — Auch dies letzte sprach Reverend Ross gar nicht Salbung»- voll, sondern heiter und zuversichtlich, so wie ein älterer Bruder zu den jüngeren spricht, die zur Feldarbeit ausziehn: ״Und vergeßt mir ja das Brot und den Krug nicht, Kinder!“ Er sagte noch viel Gutes und Freundschaftliches, er verstand es, alle Herzen aufzuschließen und alle jungen und alten Herzen lachten ihm vertrauensvoll zu. Wie gern vertraut man, wie gern öffnet sich jede Seele dem Tau der Liebe. Die jungen Menschen, die aus den Landschulen kamen und zur Feldarbeit gingen, umringten ihn und drückten seine Hände, auch ich ergriff sie glücklich und sagte überströmend: ״Oh, Mr. Ross, Eil make you our High Commissioner!“ Er nahm die Ernennung, wie sie gegeben war, er schüttelte lachend meine Hände und sagte: ״Und ich wüßte mir nichts Besseres, als Ihnen Ihr Land in Wohlstand und Frieden und ohne Einschränkung zurückzugeben.“ Es war Scherz und Freundschaftlichkeit in diesen Warten, und die sie sprachen, waren Menschen ohne Gewicht und Bedeutung in dem harten Triebwerk dieser Welt. Aber cs war gut, es war ein beglückendes Omen, solche Worte zu hören. Mit ihnen im Herzen die letzte Nacht auf dem gastlichen Schiff zu verbringen und zu denken, daß vielleicht ein Samenkorn in die Herzen gefallen sein mochte. Mit glühenden Wangen fand uns der Morgen. Lux ex Oriente. Das Licht kam aus dem Osten, es verzauberte die Hügel von Haifa; am Strand standen bunte Gestalten in Turban und Tarbusch, Kamele zogen daher aus 1001 Nacht, — darüber winkte unsere Neue Welt vom Karmel. Ein unnennbares Gefühl weitete meine Brust zum Zerspringen. Ein kühler Frühlingswund wehte, eine Frühlingssonne ging hinter olivenem Schleier auf — und doch leuchtete sie mir in das ganze Herz und durchdrang jede Faser meines Körpers: die Sonne meiner Väter, das Licht aus dem Osten, Lucy v. Jacobi

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