Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 43 (31.5.1938)
- Date
- 1938-05-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 43, 31. MAI 1938 PALÄST Palästinensische Kunsterlebnisse nie neue Aiienby-Brocke Reise-Eindrücke Von Hermann Sinsheimer Wenn von künstlerischen Darbietungen in Erez Jisrael die Rede ist, so stellen sich sogleich zwei Namen ein: Ha bima und Toscanini — also der Name jener Schauspieltruppe, die bereits Weltruhm hatte, als sie sich, gänzlich hebraisiert, in Tel Avviw niederließ, und der Name jenes großen Dirigenten, der durch seine Besuche seine Kunst des Dirigierens in den Dienst kultureller Arbeit in Palästina stellte. Die Habima war während meines Aufenthaltes in Erez Jisrael noch auf Reisen — eine schmerzliche Lücke in der dichten Erlebnisreihe, die das Land bot. Dahingegen war Toscanini da, und es war schon Erlebnis genug, zu beobachten, wie die sieben Konzerte, die er dirigierte, vor- und nachher das ganze Land in Aufregung und Begeisterung verjetzt en. Aber sowohl Toscanini \— ungeachtet des einheimischen und aus Palästina nicht mehr wegzudenkenden prachtvollen Huberman-Orchesters — als auch die Habima sind nicht autochthon, sondern in das Land verpflanzt. Die Habima allerdings wird, wenn sie in einigen Monaten zurückkehrt, ihr Haus in dem neuen Stadtviertel vonTelAwiw, von Oskar Kaufmann entworfen, fertig vorfinden, und spätestens im nächsten Frühjahr wird, wie der bauführende Architekt versichert, das Gebäude eröffnet werden können. Die Erwartunen, die sich daran für die theatralische und literarische ykunft des Landes knüpfen, sind — mit Recht! — hochgespannt. Inzwischen aber ist man darauf angewiesen, sich aus den Vorstellungen der im L@nde seihst gegründeten und gewachsenen beiden Ensembles — ״Ohel“ und ״Matate“ — ein Bild von der Entwicklung der nationalen jüdischen Dar- Stellungskunst zu machen. Bekanntlich bedeutet der Name ״Bima" Höhe, erhöhten Ort (des Priesters oder Richters). ״Ohel“ aber heißt Zelt und Matate vollends Besen. Schon diese drei Namen sind der Ausdruck einer besonderen und Unterschiedlichen Haltung gegenüber der Bühnenkunst. Das Feierliche des Namens Bima fehlt bei den Bezeichnungen der beiden anderen Theater: ״Zelt“ und ״Besen“ sind dem Zustand und den Bedürfnissen des Landes von gestern und heute entnommen. Dem entspricht auch ihre Organisation. Beide sind nichts anderes als Thcater-Kvvuzot, darstellerische ]Kollektive, die das Bestreben haben, auch das Literarische in ihren Kreis einzubcziehen und die Dichter für ihr Repertoire wenn nicht in, so möglichst nahe bei ihrer Gemeinschaff, also jedenfalls im Lande selbst zu finden. Darin hat es der ״R e s e n“ am leichtesten. Denn er ist ein aktuelles Theater, ein Mittelding zwischen Bühne und Kabarett, der sich auch — manchmal sehr geschickt und mit großem Instinkt für das Wirkende und Wesenhafte der Bretter und des Brettls, die zusammen die Welt (die palästinensische Welt!) bedeuten — seine Stoffe aus der allernächsten Nähe des Tages holt, obwohl er sich freilich in der Form an ausländische Vorbilder hält. Zwar hat er für seine meist kurzen Szenen einzelne Autoren, aber der Stil dieser Szenen und die Art ihrer Darstellung weist deutlich genug auf eine sehr intensive Gemeinschaftsarbeit hin, auf eine auch im Textliehen produktive Probenarbeit, wodurch bis in die spätesten Serienaufführungen hinein das!mprovisatorische der Kunst- Übung glücklich betont bleibt. Dieses Improvisatorische empfängt vom Publikum her eine stark akzentuiert« Beglaubigung. Die primitiven Bänke in dem primitiven ״Bet-Am“, einem weit!äumigen Vcrsammlungshaus, sind besetzt mit einem werktätigen Publikum, das den Theaterbesuch nicht als ein Ausruhen von der Problematik des Tages auffaßt, sondern als eine Gelegenheit, mit den eigenen Problemen und mit denen des ״Nebenmannes״ in satirisch-witziger Form erst recht konfrontiert zu werden. Dieses Publikum also geht mit, wie cs ׳in der Theatersprache heißt, und es geht nicht nur selbst mit, sondern es reißt auch die Spieler mit sich, die sich dadurch in der Situation sehen, auf der Bühne als eine Partei über den Parteien im Parkett zu figurieren. Dies aber bedeutet, in Form und Stoff, eine tiefe Verbundenheit zwischen Bühne und Parkett, die elementar genug ist, um der rein artistisch vorläufig noch bescheidenen Kunstübung des ״Matate“ Weg und Zukunft zu öffnen. Heilte kann man an die Einzcllcistungcn der Truppe noch keinen ״europäischen“ Maßstab anlcgen. ״Matate" ist heute noch eine Experimentier- und Vcrsuchshüfme, in jedem Sinn eine Truppe, die auf Eroberungen ausgeht und daher kaum in der Lage ist, heute oder morgen schon die Grenzen ihrer Ausdrucksmöglichkeiten abzustecken. Man möchte sagen: ״Matate“ ist heute noch ein Augenblickstheafer, das sich mit Momentaufnahmen befaßt. Die Raschheit und Unmittelbarkeit des satirischen Witzes oder der volkstümlichen Geste sind dafür die Merkmale. Nicht ״Ewiges“, sonder״ bewußt und betont Zcitgebundencs wird hier traktiert — von einem Nachwuchsod#r, richtiger, Vorwuchscnscmble für eine eben erst, wenn auch noch so jäh zusammcinvaclisende Theatergemeinde. Ebenfalls ganz hart auf dem Boden, den dieser Besen zu kehren sucht, steht die andere Theatertruppe: Ohcl — das Zelt. Auch der Ohel ist ein Kollektiv. Seine Mitglieder sind von Hause aus nicht ״gelernte“ Theaterleute, sie waren Siedler und Arbeiter, bis der Regisseur Haie v v unter sie getreten ist und ihnen, man kann es nicht anders ausdrticken, das Theaterspielen beigebracht hat. Sie stammen alle aus dem europäischen Osten, was für ihre geistige und sprachliche Haltung von Belang ist bis auf den heutigen Tag. Man könnte aus ihrem Ensemble leicht ein paar Profile hcrausgreifeu und schildern, in denen sich bereits künstlerische Persönlichkeitswerte atisdrückeu. Mit anderen Worten: Der Ohel weist schon ein paar eigenwillige Talente auf, ein paar Profagonisten, mit denen — ich nenne mit guter Absicht keine Namen! — ein Stil zu erfüllen ist und somit das, was man Theaterkultur zu nennen pflegt. Der Ohe! hat auch mit sich selbst das Experiment gemacht, einen aus Deutschland kommenden Tlieaterrcgisseur — Friedrich Lobe — aufzunelimcn und dauernd zu beschäftigen. Lobe gehört nicht dem Kollektiv an, er ist ״mir“' engagiert. Ich habe eine von ihm inszenierte Aufführung des chinesischen Stückes ״Der Kreidekreis“ gesehen, an der die weitgehenden peripherischen Möglichkeiten des Ensembles besonders dcutlieh zu erkennen waren. Die Vorstellung war sowohl ein gutes Stück Kunst wie auch ein ... Kunststück. Man spielte nicht die in Deutschland bekannte Fassung der chinesischen Vorlage, sondern eine vom Regisseur selbst, wenn auch in Anlehnung an jene, hergestellte. Diese Fassung nun war auf der Bühne in einem streng rhythmischen Stil realisiert, unter genauer Ausbalancierung ihrer äußeren und inneren Bewegtheit. Es wurde so gespielt, wie es einem ethnologisch fremden, also im Grunde gefühlsfernen Stück zukam. Und trotzdem war dieses Spiel zum gegenwärtigen Erlebnis geklärt, es war nicht arm an Nuancen und Reizen, es war spielerisch und streng zugleich, cs war, kurz gesagt, eine niveauvolle europäische Aufführung in hebräischen Lauten. Dies beweist, daß die Darsteller des Ohcl das Niveau der Heimatkunst überwunden und den Rang einer souveränen Darstcllungskunst erreicht haben. Hier ist also der Grund zu einer gesunden artistischen Entwicklung gelegt, deren Schicksal nunmehr vom Vorhandensein und von der Auswahl der zu gestaltenden literarischen Produktion abhängt. Die zweite Ohel-Aufführung, die ich sollen konnte (die Truppe war vor Pcßacli einige Wochen auf einer Tournee in Aegypten), war das ostjüdische Stuck ,,Josche Kalb“ (״Josche Egel“), das im vorigen Jahr der amerikanische Protagonist des jiddischen Theaters, Morris Schwarz, als Gast des Ohel inszeniert hatte. Das Stück ist eine Art von ני fSSmm SMI .־י./ \ '׳•S *r*•‘־״.V. iifei'Vk-i'• -lei■;* 7, iftll ili# 1a#J ד,"*♦ ,< - ׳ Die neuerbaute Brücke über den Jordan in der Sähe von Jericho wurde vor kurzem für den Verkehr eröffnet Aa*l*nci*f©Wj ostjiklischem Mysterium, das, ähnlich wie der ״!)vbbnk"', chassldische üedankengänge folkloristiseh unter- und auch übermalt. Es neigt zu mystizistischer l'eberlntztheit und!st — als Ganzes — ein greller Bilderbogen, der in der Ausdeutung der Titclfigur sich über den Rahmen des Dichtcriseheit hinaus bis ins Gottesdienstliche erstreckt. Die Aufführung wurde unter der virtuosen Hand des Morris Schwarz, der als Regisseur ein großartiger Theatraliker ist, ein stürmischer Wirbel von .Musik, Gesang und Tanz. Hier waren die Ohel-Leute in ihrem ureigensten Eiement, da sic hebräische Gesänge und Dialoge mit jiddischem Niggnn durch*™ 11 ken konnten.’ .Mau kommt, aus westlichen Anschauungen, •nicht immer mit, aber das ewige Theater, das Morris Schwarz entzündet, hält einen ganzen langen Abend vor lind setzt auch den ermattenden oder gar befremdeten Zuschauer in Flammen. Es wird herrlich getan/t und hinreichend gesungen — es ist eine triumphale Eiisembleleistung, in der das Gesicht des einzelnen Darstellers im Gruppenbild verschwindet. Hier wird das hebräische Theater vom jiddischen ticist gesegnet, und man blickt bewundernd auf den tief im Volk uml in seiner Tradition verwurzelten S’ainm einer Kunst, dessen Geäst über das Kulissenwerk hinausragt. Das Woher solcher Kunstübung ist deutlicher als das Wohin, denn das Ziel soll ja nicht ein jiddischer, sondern ein neuer jüdischer Stil sein. Aber die großartige Spielfreudigkeit der Ohel-Leute, das ununterdruckbar Echte einer Ensemblekunst und vieler Einzclbegabungcn deutet wesentliche Entwicklungsmögiiclikeiten au. Leider war cs mir durch die Umstände versagt, auch eine Inszenierung Halevys zu sehen, aber aller Augenschein deutet darauf hin, daß er wie der Schöpfer, so auch der berufene Führer der Truppe ist — in jeder Faser ein Mann des Theaters! dessen künstlerischer Geist in den Kollektivgeist eingeflossen ist lind diesem Inhalt und Form gegeben hat. Noch heute bildet der Ohel eine Kwuza. Zwar wohnen die Mitglieder nicht mehr zusammen, aber sie haben ein Ge^• meinschaftshaus, in dem sie gemeinsam essen und arbeiten, diskutieren und probieren. (Ich selbst habe ihrem ״Repertoire-Ausschuß■■ dort ein indisches Stuck in deutscher Sprache voriesen dürfen und dankbar die eifervolle Aufmerksamkeit in Tel Awiw von zwei Seiten - wie es jeder kenntwie es nur wenige kennen llechow AUenbp bei Sacht Innenhof eines Hauses aus der türkischen Zeit mit besonders Synagoge in der Vorstadt Harakcwct, dem ältesten Teil der Koto.( w.n.r Mich״! SchK.r. schönem handgeschmiedetem Trcppengiitcr Stadt, dessen Häuser noch aus der türkischen Zeit stammen. ,ÜßmA ■'iät