Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 41 (24.5.1938)
- Date
- 1938-05-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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י s JÜDISCHE RUNDSCHAU PAULS TI NA-BLA Nr. 41, 24. MAI 1938 Einwandererheim auf dem Karmel Krisen in derlei Aviver Stadtverwaltung Von unserem pa 18 8 i! nensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, 17. Mai 1938 ln der Stadtverwaltung■ von Tel Aviv ist gestern eine Demonstration ungewöhnlicher Art beendet worden. Eine Gruppe von Arbeitslosen hatte vor fünf Tagen vor dem Rathaus der Stadt demonstriert und verlangt, man solle die geplanten Arbeiten beschleunigen, um der Not der Massen abzuhelfcn, die auf Beschäftigung warten, und zugleich der Unterstützungskasse ״Mischin“, die für Arbeitslose sorgt, die nötigen Gelder für ihre weitere Arbeit sichern. Der Bürgermeister empfing eine Abordnung der Demonstranten, wiederholte jedoch nur das, was schon bei früheren Gelegenheiten gesagt worden war, nämlich daß die Ausführung der geplanten Arbeiten von der Bestätigung des städtischen Budgets und etlichen technischen Vorbereitungen abhängig sei und man sich bemühen würde, den Lauf der Dinge so weit wie möglich zu beschleunigen. Die Arbeitslosen wollten sich mit diesem Bescheid nicht zufrieden geben. Sie verlangten sofortige Hilfe und gaben klar ihrer Absicht Ausdruck, so lange einen Druck auf die verantwortlichen Männer der Stadt auszuüben, bis sie und ihre Kameraden ihres minimalen Existenzminimums sicher waren. Sie setzten sich, etliche Dutzende von Menschen, in den Räumen der Stadtverwaltung fest und beschlossen, das Haus nicht eher zu räumen, bis ihre Forderungen befriedigt wären. Es zeugt von besonnener Beurteilung der Sachlage, daß die Leitung der Stadt das Haus nicht mit polizeilicher Gewalt räumen ließ, und für die Disziplin der Demonstranten, daß sie sieh fünf Tage lang im Rathaus aufhielten, ohne die Arbeit zu stören oder zu Beschwerden Anlaß zu geben, ln diesen fünf Tagen bemühte sich die Stadtleitung, die Hilfsaktion für die Arbeitslosen zu beschleunigen, und gestern konnte sie mitteilen, daß eine Reihe der projektierten Arbeiten, die einer großen Zahl von Arbeitslosen Beschäftigung bringen, sofort oder nach ganz kurzer Zeit in Angriff genommen werden. Außerdem wurde für Unterstützungszwecke eine monatliche Beihilfe versprochen und das Budget für soziale Hilfe um £ 10 000 erhöht. Danach verließen die Demonstranten in voller Ordnung das Stadthaus. Eilt schwerer Zwischenfall in der Geschichte Tel Avivs ist abgeschlossen. Es wäre wünschenswert, daß die verantwortlichen Instanzen aus diesen Vorgängen eine Lehre ziehen. Da es in Palästina keine staatliche Arbeitslosenunterstützung gibt, so sind die jüdischen Institutionen allein verantwortlich sowohl für die Arbeitsbeschaffung als auch für die Unterstützung. Es ist in den letzten Jahren viel dafür gekämpft worden, daß die Juden sich mit den sozialen Fragen befassen, die in Palästina immer grölieren Umfang angenommen haben. Aber bis heute sind die für dieses Problem vorhandenen fnstitutionen noch nicht ausreichend und vor allem nicht mit den nötigen Mitteln ausgestattet. Die Stellen in Tel Aviv, die in der heutigen schweren Zeit soziale Hilfe leisten müssen, leiden unter einem chronischen Geldmangel, und es bedurfte erst des starken Druckes der Demonstranten in der Stadtverwaltung, um eine Erhöhung dieses Budgets um £ 10 000 durchzusetzen. Was die Arbeitslosenunterstützung betrifft, so hat man sich bisher zu dieser Maßnahme nicht entschließen können und versucht statt dessen, neue Arbeiten zu beschatten, die eine größere oder kleinere Zahl von Händen zu absorbieren imstande sind. Diese Tendenz ist zweifellos richtig, jedoch darf sie nicht so weit getrieben werden, daß der Arbeitslose keine Stelle hat, an die er sich tim Unter- Stützung wenden kann, wenn der Arbeitsmarkt nicht genügt. Die Arbeiterorganisation hat daher ihre Unterstützungskasse ״Mischan“ für diesen Zweck herangezogen, von überall her Mittel dafür zu beschaffen gesucht, vor allem die Arbeiter, die Beschäftigung haben, zu Beiträgen für diese Institution ermuntert. Aber alle diese Anstrengungen reichen nicht aus, und es ist die erste Pflicht aller öffentlichen Stellen, hier in die Bresche zu springen. Denn je länger di« Besserung der Wirt- Schaftslage auf sich warten läßt, desto schlimmer wird das Los des einzelnen Arbeitslosen und desto größer die Zahl derer, die von der Depression betroffen sind. Die Stadtverwaltung Tel Aviv hat noch eine zweite Krise zu überwinden. Innerhalb der Diskussionen über die Budgetgestaltung der Stadt lehnte der Bürgerblock, der in der Stadt mit einer Stimme die Mehrheit gegenüber den Arbeitern besitzt, es ab, die von der Arbeiterorganisation gegründete Schule in das allgemeine Schulnetz aufzunehmen. Um diese Budgetierung geht seit Jahren ein erbitterter Streit, und als der Bürgerblock auch dieses Jahr — obwohl ein positiver Beschluß des Zionistenkongresses in der Angelegenhcit vorlag — auf seinem Standpunkt beharrte, gingen die Vertreter der Arbeiterpartei in die Opposition. Der stellvertretende Bürgermeister, der zur Arbeiterfraktion gehört, verzichtete auf sein Gehalt und gab die Arbeit in der Verwaltung auf. Die anderen Mitglieder der Arbeiterfraktion traten von ihren Posten als Vorsitzende der verschiedenen Kommissionen zurück. Dieser Schritt erregte begreiflicherweise in der Stadt großes Aufsehen. Die Beziehungen zwischen den beiden Teilen der Stadtverwaltung sind niemals befriedigend gewesen. Die Arbeiter klagten dauernd über Uebergriffe der Majorität, sowohl in der täglichen Verwaltungsarbeit als auch bei Ab- Stimmungen, wo vielfach der Bürgermeister sein Recht zu Ent- Scheidungen auch gegen eine starke Minorität ausnutzte. Erst vor kurzem wurde in diesem Zusammenhänge eine heftige Interpellation des stellvertretenden Bürgermeisters im Stadtrat behandelt, und inan glaubte einen modus vivendi gefunden zu haben, wenn auch viele schon damals in bezug auf die künftige Zusammenarbeit pessimistisch waren. Jetzt ist diese Koalition, die auch bisher nicht gut funktioniert hat, zerfallen, die Arbeiterparteiler behalten zwar ihre Plätze innerhalb des Stadtrats, scheiden jedoch aus der praktischen Verwaltungsarbeit an den leitenden Stellen aus, die sie bisher innehatten. Im Zusammenhang mit diesen Ereignissen ist ein öffentlicher Kampf entbrannt, eine Durchbrechung des bisher stillschweigend anerkannten Burgfriedens. Jede Seite klagt die andere an, daß sie in diesen schwierigen Zeiten die nationale Einheitsfront bedrohe. Sicher ist, daß der Bürgerblock voraussehen konnte, daß die Verletzung der Interessen der Arbeiter an einem so empfindlichen Punkte wie dem des Schulwesens — um die Anerkennung dieser Schule wird seit Jahren heiß gekämpit — eine überaus scharfe Reaktion hervorrufen würde und daß sich der Konflikt auch zu einem Kampf mit dem Waad Leumi, der für die gesamte Erziehung verantwortlich ist, auswachsen könne, wie es auch in der Tat geschehen ist. Es ist bedeutsam, daß die Arbeiterparteien trotz ihrer Proteste und trotz der Oppositionsstellung, die sie jetzt einnehmen, ihre Sitze im Stadtrat nicht verlassen haben (was vielleicht dazu hätte führen können, Neuwahlen durchzufiihren) und sich mit dem Niederlcgen der leitenden Posten begnügten. Vermutlich hat die komplizierte politische Situation sie von dieser äußersten Konsequenz zurückgchalten. Praktisch bedeutet dieser liebergang in die Opposition, daß der Bürgerblock von jetzt an in der täglichen Arbeit der Stadtverwaltung noch unbcschränk- ■V ' 1*1׳* kP ■ . 1 MÄ Der neue ״Maori Volim“ (Einwandererheim) auf dem Karmel, gegründet von der llitachdulh Olef Germania und der Abteilung der Jewish /lgencp zur Ansiedhmg von Juden aus Deutschland. Hier können Einwanderer, insbesondere Familien, wohnen, solange ihr definitiver Siedlungsplatz noch nicht beziehbar ist. i'ut<>: Archiv H, 0. G, l1llM111n!1111:1111j1!1i11!11111!(1!11M1111j11m11!!11111111111!>!11111i1111m!111!11i11111!1m111111m!11M111111N111!mm1111111[1111t11111111n1 ter herrschen wird als bisher. Viele Bürger von Tel Aviv befürchten, daß dieser Block geneigt sein könnte, die Interessen der bedürftigen Massen der Bevölkerung in ungenügendem Maße zu berücksichtigen. Die gesamte Entwicklung der Ereignisse ist um so ernster, als die Stadtverwaltung von Tel Aviv mehr als ein Drittel des Jischuw und das bedeutendstc lokale Selbstverwaltungsorgan der palästinensischen Judcnhcit darstellt. Man muß nur wünschen, daß es dem Eingreifen verantwortlicher neutraler Instanzen gelingt, dieser! unzeitgemäßen Konflikt so schnell wie möglich wieder beizulegen — obwohl bei der Hartnäckigkeit der Parteigegensätze die Tel Aviver selbst in dieser Hinsicht etwas pessimistisch sind. Proteststreik in Tel Aviv Der Tel Aviver Arbeiterrat beschloß, als Protest gegen die Entscheidung des Tel Aviver Stadtrates, die Arbeiterschulen von der städtischen Schulorganisation auszuschließen, einen Streik zu proklamieren. Dieser Beschluß des Arbeiterrates wurde von der Exekutive der Histadruth g u t g e h c i ß c n. Jüdische Arbeiter begannen einen Sitzstreik im Oebäude des Landwirtschaftsrates in Chedera mit der Forderung, die arabischen Arbeiter in den jüdischen Plantagen durch Juden zu ersetzen. Die Polizei vertrieb die Streikenden und verhaftete 32 von ihnen. Daraufhin kam es zu einer Demonstration einiger hundert jüdischer Arbeitcr, und das Büro des Ortsrates wurde von Sitzstreikern besetzt. Zwölf jüdische Arbeiter wurden in Petach Tikwah verhaftet, die von einem jüdischen Plantagenbesitzer die Ersetzuug eines arabischen Arbeiters durch Juden gefordert und ihn dabei insultiert hatten. Neue Siedlung von Juden aus Deutschland Vierzig jüdische Familien aus Deutschland begannen mit der Errichtung einer neuen Siedlung im Entck Chefer, die ״Sa d ot Warbitr g“ genannt werden soll. Die Siedlung wird von dem Central British Fund for German Jewry durch die Rassco finanziert. Eine neue Vorstadt von Tel Aviv Foto«: R« Wet1««tuUu1 ..._ ׳*5:1»*• *. it*.'*15 jgjsjö •i ■ U i ' ■*•1 ־״-■ V yW-y teieLäid l. ' ־ ׳ *■ 77s. ״am Tel Aviv dehnt sich aus, und zwar nach allen Seiten. Nach Süden ist dieser Expansion eine Grenze gesetzt, denn hier liegt die Mutterstadt Jaffa, von der aus vor 30 Jahren die ״Villenvorstadt“ Tel Aviv gegründet wurde, die inzwischen die Mutter überflügelt hat. Das früher gemischte Jaffa ist jetzt rein arabisch geworden. Aber südlich und östlich von Jaffa entstehen bereits neue jüdische Viertel, die mit Tel Aviv verbunden sind. Noch ist diese Verbindung keine so enge wie die der Vororte im Norden (auf der Straße nach Petach Tikwah), wo hinter dem deutschen Dorf Sarona — einst ein fernabliegender Spaziergang durch Felder und Pardessim — .Wohnviertel und Industricstätten in dichter Folge entstanden sind. Aber auch an der Straße nach Jerusalem, die von Tel Aviv nur mit Durchquerung einiger arabischer Häusergruppen zu erreichen ist, entwickelt sich neues Leben. Gleich nachdem man die Stadt verlassen hat, ehe man zu der großen Anlage der Ackerbauschule Mikwe Jisrael (der ältesten modernen jüdischen Einrichtung im Lande, 1870 von der Alliance Israelite gegründet) kommt, biegt eine neue Straße rechts nach Süden ab. Eine Tafel zeigt an, daß wir in den Bereich der ״Agrobank“ gelangen. Diese Bank hat den Sandboden erworben, parzelliert, Straßen angelegt und Häuser gebaut, die nun bereits von zahlreichen Familien bewohnt sind, deren Haushalts Vorstände in Tel Aviv arbeiten. Es gibt mehrstöckige Miethäuser und daneben einfache Eigenheime (Bild 1), «in Teil des Viertels ist von Mitgliedern der Arbeiter-Organisation bewohnt, auch mehrere Zionisten aus Deutschland treffen wir hier. Der Vorzug dieser Siedlung liegt darin, daß sofort die Straßen in dem sonst unpassierbaren Sand angelegt wurden, auch sorgten die Gründer von Anfang an für Gärten und Grün. Auf dem noch unfertigen Platz ist in der Mitte ein grünes Rasenrund (Bild 2). Die Wizo hat liier auch wertvolle Instruktion*- arbeit geleistet, indem sie die Frauen der Siedler in der Anlage vor! Gärten unterwies. Dadurch bekommt das Städtchen, in den Dünen gelegen, ein freundliches Aussehen.