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Jüdische Rundschau · 1938-05-24 · Heft 41 (24.5.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 41 (24.5.1938)
Date
1938-05-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 41, 24, V. 1938 JODISCHP RUNDSCHAU Seite 3 Zionismus und Sefardim Unter den zahlreichen Aufgaben, die noch immer vor der zionistischen Propaganda stehen, gibt es eine, deren Wichtigkeit besonders lange verkannt worden ist und in der mehr als Ansätze überhaupt nicht vorhanden sind. Der Zionismus ist bis heute im wesentlichen eine Sache der aschkenasischen Judenheit. Die sefardische Judenheit steht in ihrer Masse noch genau so fremd beiseite wie vor vierzig Jahren. Diese Frage wird erneut aktuell im Hinblick auf den vor kurzem in Amsterdam abgehaltenen Kongreß der sefardischen Gemeinden. Die geschichtliche Entwicklung ist hier recht eigentümlieh verlaufen. Gerade der Teil des jüdischen Volkes, der im Mittelalter der höchstentwickelte war und in den westeuropäischen Ländern schon frühzeitig die bürgerliche Gleichberechtigung erhielt, der in Uebersee Entscheidendes zur kolonisatorischen Expansion und wirtschaftlichen Erschiießung geleistet und alles in allem niemals das Ghetto gekannt hat, ist in den ehemals türkischen Ländern rund um das Mittelmeer mit dem Verfall der ottomanischen Herrschaff selber in Lethargie und Geschichtslosigkeit versunken. Als die jüdische Philanthropie im 19. Jahrhundert sich zu organisieren begann, ging das von Juden aus dem Elsaß und Südwestdeutschland, die in Paris als französische Juden lebten, mithin also von Aschkenasim aus. Ihre Gründung, die Alliance Israelite Universelle, erwählte als Objckt ihrer ,Fürsorgetätigkeit im wesentlichen die sefardische Judenheit — so ganz und gar hatten die Rollen gewechselt. Der Zionismus hat zu H e r z 1 s Zeiten als Stimmung und Gesinnung unter den Sefardim Fuß gefaßt. Der begeisterte Empfang, den etwa die Judenheit Bulgariens Herzl auf seiner ersten Durchreise durch Sofia bereitete, zeugt dafür. Aus Saloniki, der sefardischen Metropole, kam David Florentin, eine charakteristische Figur der Vorkriegs• kongresse. Einiges geschah zur Pressepropaganda in spaniolischcr und französischer Sprache, und was man im engeren Sinne orientalische Juden nennt, trat mit der Jemeniten- Alijah von 1912/13 sogar ziemlich stark in den zionistischen Gesichtskreis. Die Zeit nach dem Kriege hat all das in einem gewissen Sinne vergrößert, und jemenitischer und orientalischer Jischuw haben in Palästina eine gewisse Berücksichtigung errungen. Auf das Problem als ganzes, das sefardische Judentum als solches für den Zionismus zu erfassen, fiel bei allem nur spärliches Licht. Die Schwierigkeiten sollen nicht verkannt werden. Ist schon der sefardische Jischuw in Palästina der sozial wenigst entwickelte Teil der jüdischen Bevölkerung, obwohl doch sicher gerade die aktivsten und regsamsten Kräfte zur Alijah gehen, so gilt von der Masse der noch Zurückgebliebenen erst recht, daß Zionismus für sie gleichbedeutend ist mit Europäisierung. Mit anderen Worten: Europäische Lebensauffassung und Berufsethik, europäischer Arbeitsbegriff und europäischer Rhythmus müssen eindringen, um die naiv-traditionelle Palästina-Beziehung m zionistische Kraft zu wandeln. Die französische Ideologie der Menschen- und Bürgerrechte wirkt auf die Juden in Nordafrika mit ungeschwächter Kraft in assimilatorischer Rieh- Jung; rund um die Aegacis ist das Spaniolische vor den Landessprachen der neuen Staaten auf dem Rückzuge. Ueberall herrscht Labilität; die Rückwirkungen des jüdisch-arabischen Gegensatzes in Palästina treten hinzu und zwingen die sefardische Judenheit vielfach in eine Solidarität, deren positiven Sinn und deren geschichtliche Perspektive sie noch nicht erkennen. Der Zionismus wollte Immer das ganze jüdische Volk erfassen. Er kann sich nicht damit abfinden, daß ganze Teile imerweckt ein nur vegetatives Leben außerhalb seiner Zusammenhänge führen. Das Problem der sefardischen Judenheit ist größer, als es bisher in der zionistischen Oeffentlichkeit erscheint. Damit, daß die Alijah-Kommission des Zionisten-Kongresses bei der Schlüsselung der C-Zertifikate einen bestimmten Prozentsatz für ״Orientalen“ festsetzt, ist die Sache noch nicht zu Ende. Es geht darum, die seit Jahrhunderten verschütteten Energien einer ganzen Judenheit wieder ans Licht zu bringen. Ein großer Teil dieser Judenheit lebt inmitten einer arabisch sprechenden Umgebung; und wie diese Umgebung• von den Ausstrahlungen Palästinas erreicht wird, so könnte auch das potentielle Kräftereservoir der sefardischen Judenheit für den Aufbau Palästinas nutzbar gemacht werden. Das kann und soll Die Geschichte \on den Töpfen Von S. J. Agnon Aus dem Hebräischen von Efraim Frisch ״Hachnassat Kall ah“ heißt ein (in hebräischer Sprache im Schocken Verlag erschienener) Roman von Agnon. Der Titel ist etwa mit ״Ausstattung der Braut“ zu übersetzen. Dieses Gebot zu erfüllen, hat sich der fromme und gelehrte Reb Judel auf den \Veg gemacht, um für die Aussteuer seiner heiratsfähigen Tochter zu sammeln. Die Unterhaltungen zwischen ihm und seinem Fuhrmann Note bilden auf der langen Fahrt die rehvollsten Episoden dieses Baches. Hier erzählt Note seine Geschichte. (Red) Obgleich die Welt mich den Fuhrmann aus Brody zu nennen pflegt, bin ich kein Sproß aus Brody und auch dort nicht geboren, sondern stamme aus Busk, dort bin ich geboren, und mir genügt das, denn keim Mensch kann an zwei Orten geboren sein. Wenn dem so ist, warum heißen sie mich den Fuhrmann aus Brodv? Aber so ist schon der Lauf der Welt, daß die Leute sich an die Lüge halten, die ihnen lieber ist als die Wahrheit, denn wäre ihnen die Wahrheit lieber, so würden sie mich nicht den Fuhrmann aus Brody, sondern aus Busk heißen. Angesiedelt ist die Stadt an einem Fluß, und viele Brücken verbinden sie, und ein großer Handel ist da mit Seilen und irdenem Geschirr und Leinen. Auch ein großer Palast befindet sich dort, er ist uralt, und kein Jude hat irgendeinen Nutzen von ihm. Jetzt aber lassen wir den Palast und den Fluß und die Brücken und alle Einwohner von Busk, mit Ausnahme des einen, der der Ursprung aller meiner Leiden ist, und es sei Sein Wille, daß über jenen Mann und meine Nöte das Ende komme, zum Beispiel, daß jener Palast über ihm Zusammenstürze und ihn unter sich begrabe, damit wenigstens zweien Juden zugleich einmal doch ein Nutzen aus ihm erwächst. Wer rber ist jener Mann? Wir sagten schon früher, daß die Einwohner von Busk mit Töpferwaren und Leinen handeln, und es ist bet ihnen Brauch, daß wenn sie Leinen verschicken, *ie es mit Tongeschirr zudecken, damit die Straßenräuber unterwegs es nicht entdecken. Einmal dingte mich jener Mann, Ware nach Brody zu fahren und sagte mir nicht, daß es Leinen sei. Da der Wagen mit irdenem Geschirr bedeckt war, nicht heißen, daß wir den Antagonismus gegenüber den Arabern, der uns in Palästina aufgezwungen wurde und den wir uns nicht als das letzte Wort der geschichtlichen Ent- Wicklung vorstellen, anderwärts auch von uns aus nähren möchten. Wir müssen aber klar sehen und dürfen, wenn die andere Seite derartige Versuche der geographischen Erweiterung und Vertiefung des Gegensatzes unternimmt, nicht eine Judenheit vernachlässigen, die durch diese Versuche c r s c h ii 11 e r t werden kann und ohne zionistische Führung überhaupt stumm und unbeweglich bleiben muß. Ein anderes kommt hinzu: Bei aller Inaktivität der Sefardim ist es sehr wahrscheinlich, daß im Falle der Grün- Sorge für Auswanderer Das Problem der Emigration beschäftigt im Augenblick wieder in starkem Maße die öffentliche Meinung der Welt. Der Völkerbundsrat hat bei seiner Genfer Sitzung beschlossen, eine einheitliche Organisation für alle diese Fragen zu schaffen, in der das Nansen-Amt und das jetzige Büro des High Commissioners für Emigranten aus Deutschland aufgehen sollen. Zugleich ist beschlossen werden, daß der High Commissioner seine Tätigkeit auch auf die aus Oesterreich Auswandernden ausdehnt. Neben dieser Initiative läuft der Plan, der von Präsident Roosevelt entworfen wurde und die Schaffung eines Internationalen Komitees für Emigranten hilf e vorsieht. Die Konferenz der Regierungen, die dem Vorschlag von Präsident Roosevelt zugestimmt haben, ist auf den 6. Juli nach dem französischen Ort E v i a n einberufen worden. In den Vereinigten Staaten selbst trat ein Komitee zusammen, das unter Vorsitz des früheren High Commissioner für Emigrauten aus Deutschland, James MacDonald, die Probleme studiert, die diese Konferenz beschäftigen werden. Unzweifelhaft muß es begrüßt werden, daß die öffentliebe Meinung und auch die Regierungen der in Frage kommenden Länder erneut mit Dringlichkeit auf die Lösung eines Problems hingewiesen werden, dessen menschliche Seite im Vordergrund des Interesses steht. Es handelt sich selbstverständlich bei dieser Frage nicht nur um Juden, sondern um eine viel größere Zahl von Menschen aus vielen Ländern und verschiedenen Erdteilen, die durch die Umstände unserer Zeit zur Emigration veranlaßt worden sind. Dennoch bilden die Juden darunter eine erhebliche Gruppe, und zwar eine solche, die unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten nach einer Regelung ihrer Lage strebt. Man soll allerdings die Hoffnungen auf eine radikale Lösung des Problems nicht überspannen. Während die Vorbereitungen zur Konferenz am 6. Juli getroffen werden, haben einige Länder, die selbst an der Konferenz teilnchmen werden, ihre Grenzen gegen Zuwanderung von Emigranten mehr oder weniger geschlossen. Das Problem ist dabei trotz seiner Bedeutung quantitativ nicht so groß, als daß eine Lösung nicht gefunden werden könnte. Wenn wirklich eine Anzahl von Staaten sich dazu entschließen würde, eine gewisse Zahl von Menschen, die heute heimatlos sind, in ihren Grenzen aufzunehmen, so wäre eine Lösung der Frage in rclativ kurzer Zeit zu finden, zumal ja auch zum Beispiel bei den Juden der Wille besteht, seitens der privaten Hilfs- Organisationen alles zu tun, um eine Seßhaftmachung der Auswanderer insbesondere in überseeischen Ländern in die Wege zu leiten. Gerade auf diesem Gebiete könnte es sich erweisen, was guter Wille zu leisten imstande sind. Es kommt dabei in erster Linie darauf an, die Menschen aus dem Zustand der Fluktuation herauszuführen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich für die Dauer ansässig zu machen und zu produktiver Arbeit zu gelangen. Die Konferenz in Evian wird zu dieser Frage ein deutliches Wort sagen können, wenn die bei ihr vertretenen Regierungen ernstlieh daran gehen wollen, das Problem zu lösen. Die Aufgaben der bisherigen Völkerbunds-Institutionen und auch des neu zu schaffenden Völkerbundsbüros liegen ja mehr auf rechtliebem und formalem Gebiete, während die materielle Unterbritigung der vorhandenen Emigranten durch jene organisatorische Zusammenfassung durchgeführt werden könnte, die in der Initiative Präsident Roosevelts vorgesehen ist. Hoffen wir, daß der Plan trotz allen Schwierigkeiten gelingt, und dting eines Judenstaates dieses Faktum eine gewaltige Kraft der Belebung und Anziehung ausströmen wird. Der Unter״ schied zwischen Nationalheim und Judenstaat ist zwar viel* fach nur ein Unterschied im Grade der Sichtbarkeit; aber auf diese Sichtbarkeit kommt es oft entscheidend an, gerade für ein!Denkvermögen, das komplizierte Dinge nicht begreift. Man kann kaum zweifeln, daß die latente, von der religiösen lleberlieferung genährte Palästina-Tendenz der Sefardim zu einen! starken Alijah-Drange sich entwickeln wird, wenn der Judenstaat einmal Wirklichkeit ist. Die zionistische Bewegung wird gut tun, sich darauf zu rüsten. daß er auch einem erheblichen Teil der in der Welt vorhandenen jüdischen Emigranten, soweit sie nicht bereits in Palästina oder anderen Ländern ansässig werden konnten, den Weg zu neuer Seßhaftigkeit und zur schaffenden Arbeit ebnet. Die Eroberung der Sprache Der Zionismus fordert für die Wiederherstellung unserer vollen jüdischen Existenz die Eroberung von Volk, Land und Sprache. Von diesen drei Grundclcmcnten eines gesunden Volksdascins ist dem Zionisten in der Golah nur eines wirklich zugänglich: die Sprache. Das Volk kann er fordern. Für das zweite der genannten Elemente, das Land, gilt das gleiche. Hier ist ohne weiteres deutlich, daß mar» das Land in konkretem Sinne nicht ״besetzen“, ״bevvohnen“ oder ״besiedeln“ kann, bevor man nicht in aller Wirklichkeit zu ihm ״aufsteigt". Für die hebräische Sprache dagegen gilt diese objektive Situation dos ״non possumus“ nicht. Die Sprache ist ein ״Stück Volk“ und ein ״Stück Land“, das auch in der Golah schon erobert werden kann. Sie ist ein Haus, das schon in der Gallith gebaut, bezogen und bewohnt werden kann. Und weil dieses konkrete Stuck Judentum und Zionismus, das die hebräische Sprache uns darbietet, schon jetzt und hier und überall erobert werden kann, so folgt daraus für den Zionisten, daß sie zuerst erobert werden m u ß. Es muß für uns neben den Begriff der ״Eroberung des Landes“ die ,.Eroberung der Sprache“ als ein Begriff von gleichem Rang und gleicher Wertigkeit treten. ״Kibbusch hassafah", die Eroberung der Sprache, muß für den Zionismus der Oolah eine genau so geläufige Vokabel werden, wie cs ״kihbusch haawodah“, die Eroberung der Arbeit, für den Zionismus im l.ande ist. ״Kihbtisch hassafah“ hat in der Golah das zu sein, was ״kibbusch haawodah“ drüben ist: der Ort der Bewährung nämlich. Die Rückkehr zum Judentum ist in erster Linie eine Rückkehr zur hebräischer! Sprache, weil sie der Schlüssel ist, der allein die innersten Herzkammern jüdisehen Seins aufzuschlicßen vermag. E. W. 50 Jahre Jewish Publication Society. Als am 3. Juni 1888 die Jewish Publication Society in Philadelphia gegründet wurde, stellte sie sich die Aufgabe: ״Veröffentlichung und Verbreitung von wissenschaftlicher und religiöser Literatur sowie Belehrung über jüdische Religion, Geschichte und Literatur,“ Dieses Programm hat sie in den fünf Jahrzehnten ihres Bestehens erfüllt. Die erste Publikation war Lady Magnus’ ״Outlines of Jewish History“, und dann folgte die Geschichte der Juden von G r a e t z. Es würde zu weit führen, alle Veröffentlichungen der Gesellschaft aufznftihren; es sei nur noch bemerkt, daß sie auch das ״American Jewish Year Book“ herausgibt, dessen •10. Band im September erscheinen wird und das für jeden, der sich über das jüdische Leben in Amerika informieren will, unentbelirlieh ist. Die Gesellschaft hat während ihres Bestehens über 200 Bücher herausgebracht und über 2G Millionen Exemplare abgesetzt. Um die Wachhaltung des jüdischen Bewußtseins in Amerika hat sich diese Organisation Verdienste erworben, Personalien aus Budapest. Unser Dr. A. F.-Berichterstatter schreibt uns: Der Redakteur des jüdischen Wochenbiattes ״Orszägos Egyetertcs“, Max Pi nt er, ist, 60 Jahre alt, verschieden. Das Blatt wird von seinem Sohn weitergeleitet. Gestorben sind ferner der Primarius des Siechenhatises der Fester Chewra Kadischa, Dr. Ladislaus Man* doki, sowie der Assistenzarzt Dr. Török, Sohn des Universitätsprofessors Dr. Ludwig Török, des 2. Vorsitzenden der Pro-Palästina-Vereinigung. In Eg er (Erlau) wurde der Vorsitzende der dortigen Gemeinde; und langjähriges Mitglied der Stadtrepräsentanz, Desidcr K a 11 i t z de Nagvecser, zu Grabe getragen — Rabbiner Dr. Armin Flesch in Mohnes feierte sein 50jährigcs Rabhinerjubilätim. dachte ich, es seien Töpferwaren. Ich spannte meine Pferde vor den Wagen, ergriff die Zügel und fuhr los. Das Land stand voll reifenden Getreides, die Bäume hingen voller Früchte, und die Sonne schien, und das Herz war heiter und die Pferde liefen, wie sie sollten. Sie liefen nicht wie ״Laßuns-laufen“, noch wieherten sie wie ״Ziehe-mich“, sondern wie richtige Pferde. Und ich saß im Wagen und sang zu meinem Vergnügen, ״Wie der Ton in der Hand des Töpfers ...“ und das irdene Geschirr sekundierte mir scheppernd. Vorübergehende und Begegnende grüßen mich und ich antworte ihnen, darunter sind Leute, groß wie Riesen und mit langen Elaaren, wie bei bösen Tieren, ihre Augen treten hervor, sie blicken in den Wagen und gehen weiter. Hätte ich damals die zwei Tropfen Wasser nicht getrunken, wäre ich ohne Anstoß und böse Begegnung nach Brody und zurück nach Busk gelangt. Doch unterwegs gewahrte ich eine aus dem Berg strömende Quelle und stieg ab, um zu trinken. Nachdem ich getrunken, wollte ich mir noch Wasser für unterwegs mitnehmen, ich holte ein Gefäß, es war nicht ganz. Ich nahm ein anderes, es war ebenfalls nicht ganz, und so waren alle Gefäße. Der Leinenweber, der sein Leinen versendet, ist nicht darum besorgt, cs mit ganzen Töpfen zu bedecken, ihm genügen zerbrochene, die ihn nichts kosten. Als ich die erste Reihe wegräumte, wurde das Leinen sichtbar. In diesem Augenblick erschien ein Räuber, — schlug mir ins Gesicht, so daß mir der Hut vom Kopfe fiel. Nicht etwa, daß er behüte beabsichtigt hätte, mich durch Bioßköpfigkeit zu einer Sünde zu bringen, denn er stülpte mir auch gleich einen Topf über, und nicht nur das, er zog sogar einen Strick durch beide Henkel des Topfes, damit er mir nicht vom Kopf falle, und band meine Hände an einen Baum fest. Dann versetzte er mir noch einen Schlag zum Abschied und machte sich davon. Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß er cs mit meinen Pferden tat, denn Pferde sind auf der Flucht sehr nützlich. Und wo blieb Note? Nicht euch gesagt, ihr Wanderer auf den Wegen, Note stand da und versank fast in den Boden, denn indessen war ein Platzregen niedergegangen, und der Boden wurde zu weichem Lehm. Ich tanzte allerlei Tänze, um mich herauszuziehen, mein Kopf stieß dabei gegen den Topf, und ich versank nur immer tiefer. Doch der Heilige, gepriesen sei Er, schickt die Heilung vor dem Schlag. Wäre nicht jener Topf gewesen, wäre ich mit dem Kopf in die Erde gesunken und wärever« schlungen worden wie Korah zu seiner Zeit. Während ich so dastehe, kommt ein Wagen angefahren, dicht mit Chassidim besetzt. Sie sehen einen tanzenden Topf und sprechen: Willst du behaupten, daß der Topf von selber tanzt? Ich schrie aus meinem Topf heraus, ich sei es, Note, der darunter gefangen ist. Sie kamen herbei, zogen mich heraus, bedeckten meinen Kopf, setzten mich in den Wagen und brachten mich nach Brody. Da sieht man, daß dieses Leid über mich kam nur infolge des Trinkens, und doch ist das noch nichts gegen jene Not, die mich infolge Essens traf. Sprach Reb Judel: ״Ich wundere mich über diese Geschichte, steht es denn nicht deutlich im Midrasch: es ist eine Gepflogenheit in der Welt, daß wenn einer an einem Fluß vorbeikommt, er sich nicht enthalten wird, zwei drei Schluck Wasser zu trinken, und du hast doch nach den Worten des Midrasch getan, warum bist du so bestraft worden?“ — Sprach Note: ״Wegen zweier Tropfen Wasser, die ich getrunken, ist die ganze Angelegenheit ins Rollen gekommen, wurde ich gefesselt, meines Geldes und meiner Pferde beraubt und wie ein leeres Gefäß weggestellt. Doch wegen des Essens, das ich nachher gegessen, wurde ich um eine Frau bereichert. So_ wie das Sprichwort lautet: ein Leid ruft das andre, oder die letzte Not macht die frühere vergessen.“ — Sprach Reb Judel: ״Hast du so viele Not, Reb Note?“ Erwiderte ihm Note: ״Ja, viele.“ Darauf Reb Jude!: ״Kein Mensch ist ohne Leid, Reb Note, aber wohin will ich damit hinaus? Dahin, daß du so ganz beiläufig den babylonischen und jerusalemitischen Talmud, die Tosefta und Raschi zitiert hast, denn daß ein Leid das andere ruft, steht in Raschis Kommentar zu den Psalmen, und daß die neuen Leiden die alten vergessen machen, ist eine Stelle im babylonischen und jerusalemitischen Talmud und in der Tosefta am Ende des ersten Abschnittes Berachoth.“ Und Reb Judel schickte sich an, aus dem Wagen zu klettern, um nicht weiter die Dienste eines Jüngers der Weisen in Anspruch zu nehmen. Sprach Note: ״Ihr habt übertrieben geredet, Reb Judel, dergleichen Dinge lernt ein Mensch von selbst. Wohfcr wäre mir, ich hätte sie nicht gelernt, denn sobald das Einer tut, kann er es nie mehr aus seinem Sinn kriegen. Wenn Ihr mich nicht unterbrecht, will ich’s Euch gern erzählen." (Schluß folgt)

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