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Jüdische Rundschau · 1938-05-20 · Heft 40 (20.5.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 40 (20.5.1938)
Date
1938-05-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 40 20, V. 1938 JÜDISCH F p 11 m ח r H A 11 Seife 3 Soziale Konflikte Vor wenigen Tagen ist es in Tel Aviv zu Zwischenfällen gekommen, die von der jüdischen Oeffentlichkcit als höchst unliebsam empfunden wurden. Vor dem Gebäude der Stadtverwaltung fand eine Arbeitslosen-Demonstration statt, und die Vertreter der Demonstranten verlangten vom Bürgermeister der Stadt Zuweisung öffentlicher Arheiten und Unterstützungen. Die Demonstranten verließen jedoch zu einem Teil dann noch nicht das Haus, sondern begannen einen Sitzstreik im Gebäude der Stadtverwaltung, Z11 ähnliehen Zwischenfällen kam es auch außerhalb Tel Avivs. Nun ist es gewiß unzweifelhaft, daß die Lage der arbeitslosen Arbeiter in Palästina, in einem Lande, in dem cs keine geregelte Arbeitslosenunterstützung oder sonstige Fürsorge gibt, außerordentlich schwer ist. Die von der Stadtvcrwaltung beabsichtigten Arbeiten zur Verringerung der Arbeitslosigkeit sind nur zu einem Teil in Angriff genommen worden,_ woran nicht zuletzt die Tatsache schuld trägt, daß die Palästina-Regierung mit der Bestätigung des städtisehen Budgets übermäßig zögert. Es ist psychologisch verständlich, wenn die betroffenen Kreise selbst nervös werden und hier und da eine Gruppe unter ihnen einmal die Nerven verliert. Die verantwortlichen Männer in der Stadt- Verwaltung selbst werden dies gewiß am stärksten empfinden und werden die Stimmung, die unter den Arbeitslosen herrscht, mit Nachdruck gegenüber der Palästina-Regierung zu vertreten wissen, von der die Bestätigung des städtischen Budgets und damit die Inangriffnahme wichtiger Arbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit abhängt. Auf der anderen Seite aber darf nicht verkannt werden, daß eine nicht scharf genug zu verurteilende Disziplinlosigkeit, wie sie in der Besetzung öffentlicher Gebäude in Form eines Sitzstreiks zum Ausdruck kommt, der Sache nicht nützen kann, um die cs geht. Mehr denn je bedarf der Jischuw der Disziplin in einer Zeit, in der er durch eine schwere wirtschaftliche Krise hindurchgeht, während das Schicksal über seine politische Zukunft fällt. Sowohl der Effekt nach außen muß bei jeder Handlung bedacht werden wie auch die Wirkung nach innen, weil nur durch die Aufrechtcrhaltung von Disziplin und Moral der Jischuw׳ seine Kräfte erhalten kann, diö er in den vergangenen zwei Jahren so vielfach bewiesen hat. Die sozialen Spannungen sind gewiß in einer Zeit der ökonomischen Krise wieder stärker fühlbar. Zu ihrem Ausgleich sollten alle beteiligten Faktoren ihre Kräfte zusammenfassen, die Arbeiterkreise sowohl wie die jüdischen Institutionen und nicht zuletzt die Regierung, die direkt oder indirekt einen erheblichen Einfluß darauf ausüben kann. Noch auf einem zweiten Gebiet, das allerdings der kulturellen Sphäre angehört, dennoch aber in einem gewissen Zusammenhänge mit diesem Problemkreis steht, ist die Spannung zum Ausdruck gelangt. Der Stadtrat von Tel Aviv hat es abgelehnt, die A r b e it e r s c h u I e in die Schul- Organisation der Stadt miteinzubeziehen und zu subventionieren. Damit stellte er sich in Gegensatz zu einem Beschluß des Waad Lcumi, der dahin ging, daß auch die Schulen der Arbeiterschaft in das allgemeine Erziehungs- System der palästinensischen Judenheit eingeschlossen werden sollen. Es ist nicht recht verständlich, warum cs notwendig war, gerade in diesem Augenblick den in der Stadtverwaltung herrschenden latenten Konflikt zwischen den Arbeitervertretern und der kleinen Mehrheit des Stadtrates zum Ausbruch kommen zu lassen, indem man einen alten Streitpunkt wieder aufleben ließ, und dadurch Kreise zu verbittern, die heute eine erhebliche Belastung auf sozialwirtschaftlichem Gebiete tragen. Gerade wer auf dem Stand• punkt steht, daß auf dem Gebiete der Erziehung eine Reihe nationaler Grundprinzipien gewahrt werden sollen, wie immer die weltanschauliche Steilung der verschiedeneu im Lande vorhandenen Schulsysteme ist (von denen es bekanntlich drei gibt, nämlich ein allgemein-zionistisches, ein misrachistisclies und ein Arbeiterschiihverk), wird einen Beschluß nicht begreifen können, der an dem größten jüdischen Ort Palästinas entgegen dem Beschluß der für die Gesamtheit des Jischuw verantwortlichen Instanz eine Sonderregelung herbeiführt. Der Waad Leumi, dem die Arbeiterschulen seit einiger Zeit administrativ unterstellt sind, hat denn auch sogleich gegen den ablehnenden Beschluß der Tel Aviver Stadtvcrwaltung protestiert. Auf einem derartigen Gebiete, das für die betroffenen Kreise von großer Wichtigkeit ist, sollte alles vermieden werden, was die vorhandenen Spannungen erhöhen kann. Die Bewilligung einer Subvention, die auch dieser Schulgattung zugute kommen soll, erfolgt erst später, nachdem der Konflikt auf die Spitze getrieben war. Iri einer Zeit, in der für wirklich produktive Arbeit alle Kräfte der Verwaltung notwendig gebraucht werden, ist dies hesonders bedauerlich, liegt doch auf einer Instanz wie der Tel Aviver Stadtverwaltung eine große Verantwortung für einen erheblichen Teil des Jischuw, so daß man nur wünschen könnte, daß ihre Arbeitsfähigkeit nicht durch Konflikte ge'ähmt wird, die jetzt zur Nichtbetciligung der Arbeitervertreter an den praktischen Aufgaben der Stadtverwaltung geführt haben. Die für den Jischuw verantwortlichen zionistischen Instanzen sollten für einen möglichst raschen Ausgleich des offen ausgebrochcnen Konfliktes mit Nachdruck Sorge tragen. Jüdische Jugend — wohin? Es ist noch nicht lange her, daß Günther Fricdländers Bro• schüre ״Jüdische Jugend zwischen Gestern und Morgen“ erschien (s. ״J. R.“ Nr. 19), Ein deprimierendes Bild wurde damals von der jüdischen Jugend in Deutschland entworfen. Die Frage: ״Jüdische Jugend — wohin?“ ist nicht nur unser aller Frage nach einer neuen Heimat, sondern wir fragen zugleich: Wohin geht der Weg der Seele und des Geistes? Ist diese Jugend tatsächlich so, wie sie Friedländer gesehen hat, hat sie keinen Zugang mehr zu den tieferen Bezirken des Daseins — oder trägt sie doch die Keime und das Verlangen für (vielleicht eine neue) Kultur in sich? Hier ist eine Schicksalsfrage unserer Generation gestellt. Wenn unsere Jugend nicht weiterhaut, werden wesentliche Werte dem Judentum verloren gehen. Wird die Jugend kulturfähig sein oder nicht? EineSchilderung, die jetzt von Heinz Frank gegeben wird (״Gegenwartsaufgaben jüdischer Jugenderziehung“ — Heft 4 der S.hriftenreihe ״Jüdische Wirklichkeit heute“ —, Vortrupp, Jüdischer Buchverlag, Berlin 1933), aus der Erzieherpraxis in einem großen Berliner jüdischen Waisenhaus erwachsen, zeigt unsere Jugend zwar in nicht ganz so schlechter Situation wie Fried-!ander: aber immerhin ist auch das abgewogene und sehr vorsichtig formulierte Urteil dieses Erziehers im ganzen negativ. Er kommt durch seine Erfahrungen zu dem Schluß: ״Nicht nur eine Verflachung der geistigen Interessen, sondern auch eine Vergröberung des Gefühls.“ Und hierzu stellt er noch eine ״Verwässerung der Phantasie“. Relativ hoch hat sich nach seiner Beobachtung nur das Interesse an Musik erhalten, wo aber auch das Operngenre der anspruchsvolleren symphonischen Musik vorgezogen wird. Und noch pessimistischer beurteilt der Verfasser das Gemeinschaftsgefiihl unserer Jugend; er meint, ״daß der jüdische Jugendliche die Fragen, die er zu lösen hat, von einem betont individualistischen Standpunkte aus sieht. Seine Erziehung zum Gemeinschaftsbewußtsein ist deswegen eine wesentliche Aufgabe, deren Lösung im Rahmen 11111111111111111111111111111111H1111111m111111!11111111111111111111111!11111111111nn1111111m11111m1n1111!111111111111!11111111!1111111!11111111111!11 Für Sdiabbat, den 21. Mai Und wenn dein Bruder neben dir verarmt und sich dir verkauft, so sollst du dich seiner nicht zum Sklavendienst bedienen. Wie ein Mietling, wie ein Beisa6 soll er bei dir sein, bis zum JobelJahr soll er bei dir dienen. Dann gehe er frei von dir, er und seine Kinder mit ihm; und er kehre zurück zu seinem Geschledit, und zu dem Besitz seiner Vfiter soll er zurückkehren. Denn meine Knechte sind sie, da ich sie aus dem Lande Mlzralm gelflhrt habe; sie sollen nicht verkauft werden, wie man Sklaven verkauft. Uebt nicht Gewalt über ihn in Grausamkeit, und türdite vor deinem Gott. 4m 3. Buch Mose, Kap. ZS, 39-43 UebetseM von Harry Torczyncr der Schule tast unmöglich ist.“ Frank erkennt allerdings an, daß die Bünde bei dieser Aufgabe zur Geineinschaftsbildung wesentlich mitgearbeite! haben; sie zu begünstigen werde zukünftig das einzige sein, ״was wir zur Stärkung des Ge״ meinschaftsgefühls unter jüdischen Jugendlichen tun können“. Freilich sieht auch er (wie Fr,'c!lancier) das Ende der Bünde gekommen, weil ihre Frage tc iingeii nicht mehr diejenigen unserer Zeit seien. ״Die Nachfolge des Bundes werden andere Gemeinschaften jüdischer Jugendlicher antreten, die ihre Entstehung nicht nur einer Ideologie verdanken: Hachscharahgruppcn und Allsbildungszentren im Stile von Groß- Brecsen.“ Kommt Frank schon im Kapitel ״Bildungsfragen“ zu dem Urteil, daß der jüdische Jugendliche alles vermeidet, was ihn zu geistiger Konzentration zwingen würde, daß er Bücher lesen will um des Nervenkitzels oder der Groteske willen, daß nichts Feineres ihn mehr anrei/t so kann es nicht überraschen, daß er im Abschnitt ״Religion“ nicht mir eine allgemeine Unkenntnis jüdi-cher Bram he feststellen muß (soweit nicht-orthodoxe Kreise in Frage kommen), sondern auch Unverständnis für das Wesen der Religion. Frank beklagt, ״daß unsere heutige Jugend es genau so wenig verstanden hat, eine positive Stellung zum Glauben cin/unchrnen, wie die Generation vor ihr“; aber er erkennt auch zugleich die besonderen Schwierigkeiten an, die sich gerade dieser Generation in den Weg stellen und ihr das religiöse Erlebnis verbauen. Religion beruht weitgehend auf dem Vorleben durch die Eltern: und dies fehlt unserer Jugend fast völlig. Aber abseits aller Einstellung zum Ritual -- bleibt das religiöse Erlebnis nicht eine entscheidende Phase in der Entwicklung jedes Menschen? Warum bemüht sich diese Jugend so wenig um den Zugang zu den religiösen Werten, dem Urquell jüdischer Kraft und Leistung, um von hier aus zur Schaffung neuer Kultunverte, 711 einer Synthese aus Vergangenheit und Zukunft, oder anders ausgedruckt: aus Wesen und ideal vorzudringen? Frank zieht aus dieser religiösen Unerfiilltheit den Schluß: ..Die judUche Jugend ist zum überwiegenden Teil nicht religiös erfüllt. Wenn sie in die Welt zieht, so tut sie dies nicht in dem Bewußtsein, jüdisches Schicksal zu tragen, sondern mit dem Wunsch, dem jüdischen Schicksal zu entgehe n.“ Fcstzustcllen bleibt: Die Diskussion um die Probleme der jungen Generation, die seit 1933 niemals recht in Schwung ekommen war, hat in den letzten Monaten an entscheidende unkte der Judenfrage gerührt. Die Dringlichkeit des Probletns ist erkannt; der Befund scheint uns bereits hinreichend geklärt z.u sein. Aber es fehlt an einer konstruktiven Weiterführung der Aufgaben. Grundsätzlich zu helfen ist unserer jungen Generation mir dadurch, daß man sie in den jüdischen Voikskörper organisch cingliedert und mit der Zukunftsgestaltung des Judentums verbindet. Schulen und Bünde, wie Frank cs vorschiägt, können wohl wichtige gemeinschaftsbildende Vorarbeit leisten; aber sie können das Problem nicht lösen, das mit einem Worte zu benennen ist: Lebensangst. Nur darum sucht diese Jugend dein Leben und seinen Werten zu entfliehen, weil sie ihrer selbst nicht mehr sicher ist und keinen Grund unter den Füßen fühlt, ln der Ungewißheit um die Gestaltung der Zukunft liegt das eigentliche Problem unserer Jugend, und nur von hier aus kann darum eine Therapie gefunden werden. N. Glück muß man haben Dreißig Jahre ist es her, daß ich nach Montreal kam, und ich war damals, nicht euch zugedacht, ein ״großer“ Habenichts, obwohl ich euch auch heute noch die Differenz zwischen Rockefeller und mir wünschte. Damals wohnte ich in einem alten ״Palast“, im Herzen der Altstadt, der ״Palast“ stand hinter einem richtigen, hohen Hause, das ihn vor Sonne, Luft und Licht schützte, und war mit Antiquitäten möbliert, wie man sie längst nicht mehr kennt. Ich hatte diese Möbel vom Trödelmarkt gekauft, sie waren ein bißchen krumm und sehr für Hausfrieden und Verständigung, sie wiegten sich mit mir hin und her, wenn ich lernte, sie nickten freundlich auf und ab, wenn meine Frau das Kleine einwiegte, sie stampften und schotterten mit, wenn meine Schüler die Haftara lernten, denn ihr müßt wissen, daß ich damals eine weitverzweigte Tätigkeit ausübte, ein Doppelleben förmlich, indem ich zu Hause Bar Mizwah-Unterricht gab und in anderen Häusern hebräischen Unterricht erteilte. Und, wie es geschrieben steht, es kam der Tag, ein eisiger Tag mit Schneesturm, der Schnee kroch einem bis in die Manteltaschen nach, unter die Augengläser, in den Kragen und legte sich schließlich wie ein Betrunkener lang hin auf die Erde. An diesem Tage war mir seltsam genug zu Mute; einige Schüler hatten sich mit ihren Bar Mizwah- Diplomen schlankweg vor mir in die jüdische Mannhaftigkeit geflüchtet, dafür kamen allerlei Verpflichtungen, Kredit hatte ich nicht, kurzum, es war lustig. Mein Hauptgläubiger, meine Frau, wollte sich mit mir auf die Hälfte einigen, auf 50 Cents für ein halbes Huhn zum Schabbat statt eines ganzen, und legte mir noch einen Zettel auf den Tisch: ״Sammy braucht einen Mantel, Sally fehlt ein Hut, Bennys Schuhe sind zerrissen, der Hauswirt war wegen der Miete da, und die Kohlen reichen nicht bis morgen.“ Ich sage ihr: ״Sorge nicht, Frau, wir haben einen guten Gott, der Wunder tat unsern Vätern, wie geschrieben steht, warum soll er nicht auch uns ein Wunder schicken, z. B. einen Fund, irgendeine kostbare Glückssache —■" ״In Gottes Ohren!“ sagt meine Frau und ist wieder zuversichtlich. Und wie ich zur Haltesfelle marschiere, singen wir Duett, nämlich ich singe zwischen den Zähnen: ״Der Wunder tat unsern Vätern“ und meine armen, unterdrückten, getretenen Galoschen quietschen mit, und der Schnee knirscht, und der Sturm pfeift darauf und mein Herz klopft den Takt dazu: ״In diesen Tagen, in dieser Zeit!“ Und Sammy braucht einen Mantel, pfeift der Wind, und Sally fehlt ein Hut, Bennys Schuhe sind zerrissen, der Hauswirt und die Miete, und die Kohlen reichen nicht bis morgen, pfeift der Wind, und in diesem Augenblick stolpere ich, gucke hin, es wird mir hell in den Augen, da liegt etwas vor mir auf dem Boden, als wollte es sagen: Was stehst du da wie ein lehmener Golem, ich warle doch auf dich, heb mich auf und lauf! ״Der Wunder tat unsern Vätern“, singen meine Galoschen, ich sehe mich um, ob es auch niemand merkt, bücke mich, ein Griff in den Schnee, gleich hinein in die Tasche, und schon stapfe ich wieder durch den Schnee weiter, als wenn gar nichts geschehen wäre. Und was, meint ihr, war es? Ein Hufeisen mit allen Nägeln darin! Ihr lacht? Ihr wißt wohl nicht, was das bedeutet? Der Strohhalm für den Ertrinkenden, die Hoffnung, das Glück! Und sogleich begann das Glück: an der Haltestelle brauchte ich nicht zu warfen, schon kam die Bahn, schon hatte ich sogar einen Sitzplatz, und wißt ihr, wo? Direkt an der Heizung! Und schon sagte der Schaffner: ״Ritte, das Fahrgeld“, und ich fuhr hastig mit der rechten Hand in die Manteltasche und noch hastiger wieder heraus, mit einem entsetzten ״Au!!“, als hätte ich mich verbrüht, denn meine Hand hatte da ein schmerzliches Rendezvous mit dem scharfen Gebiß des glückbringenden Hufeisens, sie blutete nicht übel, und verlegen und beschämt suchte ich mit der Linken mein Fahrgeld und fand cs nicht, dabei hatte ich es doch selber eingesteckt, und der Schaffner stand vor mir, die Fahrgäste luchsten, und endlich entdeckte ich das Loch, das mein Hufeisen in die Manteltasche gerissen und durch das wohl mein Fahrgeld entwischt sein mußte, und meine Finger suchten trotzdem nervös weiter, ich nehme das schmutzige Hufeisen aus der Tasche — ״Ah“, sagt ein Fahrgast, ״er ist ein Glückspilz!“ und ״Oh“, sagt ein zweiter, ״ein Hufeisen statt Fahrgeld“ und ״Das Fahrgeld“, sagt der Schaffner, ״oder verlassen Sie den Wagen!“ und beschämt und nervös verlasse ich die Bahn, während man mir ein: Weiter viel Glück! nachruft. Ich mußte nun durch den Schneesturm drei Straßenecken zurückstapfen, zu einem Bekannten, der mir die rechte Hand verband und Fahrgeld borgte, und dann, in einer glücklichen Stunde, zog ich von neuem los zu meinen Schülern. Beim ersten landete ich mit einer Stunde Verspätung, warf in Wut darüber meinen Mantel ab, um ihn mit der Linken aufz.uhängen, aber der Kleiderhaken in der Diele, meines Mantels ohnehin müde und über die unerwartete eiserne Belastung darin doppelt empört, brach mit einem Bautz aus der Wand aus, und das Hufeisen im Mantel zerbrach im Fall eine Porzellanvase in lauter Scherben. Versteinert stand ich da und erwartete, nicht wie ein Lehrer, meine Strafe. Holtcrdipolter fegte die Mutter meines Schülers herein, warf einen Blick auf mich, einen auf meinen Mantel, einen auf die Scherben und was für einen! auf mein Hufeisen und sagte: ״Seit wann ist der Rabbi unter die Hufschmiede gegangen!“ ich suchte nach einer Ausrede und sagte schließlich die Wahrheit über meinen Glücksbringer, bis Mutter und Sohn herzlich lachten und mir mehr Glück wünschten, denn Scherben.... Bei der zweiten Stunde war ich schon vorsichtiger, ich legte das Hufeisen ganz heimlich unter den Kleiderständer, den Mantel über einen Stahl und begann meine Lektion. Nach zehn Minuten kommt die Mutter des Schülers herein, bittet um Verzeihung, aber sie müsse ihren mißratenen Jungen vor meinen Augen bestrafen: ,״Mein Mädchen hat Urlaub, heut abend kommen Gäste, den ganzen Tag schufte ich wie ein Pferdchen, um die Wohnung aufzuräumen und da kommt dieser Lümmel und schleppt mir lauter Schmutz ins Haus, kommen Sie selbst, Rabbi, sehen Sie!“ Una sie führt mich in die Diele und, mir wird’s schwarz vor den Augen, da hat mein Hufeisen in seinem geschmolzenen Schnee ein Fußbad genommen, und Sclmiutzbachlein rinnen uhcr den Boden. ״Ist das nicht eine Schande? Ein junge, der bald Bar Mizwah werden muß, und so wenig Verstand und Einsehen für seiner Mutter Plackerei, und gerade auf der Diele, daß es nur jeder sofort sieht —“ ״Wirklich, Mutter, ich war es nicht, ich kann schwören —“ Ein paar Maulschellen der .Mama unterbrachen seine Beteuerungen: ״Was? Auch noch f:11«c!1 schwören? Lügen auch noch? Wer denn hat das 1 lufoNeri hier eingeschleppt? Vielleicht gar ich? Oder der Ral'hi?“ ich muß auch gestehen, hätte ich die Maulschellen bekommen, wire mir wohler gewesen, so stand ich da neben dem jungen, und schließlich kam ich zu Wort und erzählte meine wahre Glücksgeschichte vom Hufeisen, und Gott sei Dank, es ging auch diesmal noch mit Gelächter ab. Nach der dritten Stunde, ohne Zwischenfall, ergatterte ich mit Mühe und Not einen Platz auf der hinteren Piattform der Straßenbahn und stand, wie eine Sardine gepreßt, zwischen einem dicken Iren und einem Kerl, der sich oben festhielt. Meine Rechte war bandagiert, mir der Linken angelte ich nach den! Fahrgeld und knöpfte eben linkisch in der Enge meinen Mantel falsch zu, nämlich an die Knöpfe des Kerls. Das Hufeisen aber holte ich vorsichtshalber zur Hälfte aus der Tasche heraus, so daß es mehr Luft hatte, und konnte nicht ahnen, daß es sich durch manchen heftigen Ruck der Bahn und die Schwankungen der Fahrgäste ein wenig in die Manteltasche des Iren neben mir verbiß. Da kommt eine Haltestelle, der Ire drängt zum Ausgang, stößt um sich, reißt sich los, der Kerl neben mir drängt zur andern Seite, um im Wagen einen Sitzplatz zu erwischen, und ich zwischen ihnen, hin- und hergezerrt, stehe beiden im Weg, bis der Ire mit Wucht vom wagen springt und ein Stück meines Mantels mitreißt, der Riß reicht von der Tasche bis zum Saum unten, das Hufeisen saust dabei Gott weiß wohin, der Ire stürzt hin auf die Straße und ich über ihn, der Kerl hinterher. ״Ein Taschendieb!“ brüllt der Kerl, und die Fahrgäste fallen über mich her. Wie das hätte ausgehen können, will ich nicht ausdenken*, der Schaffner mischte sich sofort ein, wagte heldenhaft eine Operation, er knöpfte uns auseinander, der Kerl hatte seine Knöpfe, ich meine Knopflöcher wieder, der Ire fluchte, die andern^ lachten, und ich kam ein paar Stunden später als sonst in meinen ״Palast“, die rechte Hand verbunden, den Mantel zerrissen, den Hut zerknautscht, das Gesicht verschmiert, und meine Frau rang die Hände: ״Um Himmels willen, was ist dir passiert?“ Gebrochen sank ich auf den erstbesten nachgiebigen_ Stuhl, holte Luft und erzählte die Geschichte meines Hufeisens. Mein Traum vom Wunder war nach dem frommen Wunsch meiner Frau in Gottes Ohr gegangen, ich halte in einer glücklichen Stunde an einer glückliehen Stelle ein glückbringendes Hufeisen gefunden, aber was half das? Wenn ei״״r kein Glück hat, dann wird in seinen Händen auch Gold zu D.eek. ״Ein Hufeisen —sagte meine Frau, ״ja, ja, aber man muß auch Glück dazu haben.“ Nach dem Jiddischen erzählt von Leo Hirsch

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