Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 40 (20.5.1938)
- Date
- 1938-05-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 40, 20. V. 1938 in den Hintergrund getreten, was Realität werden könnte, wenn wir es ,wollten und wenn wir die besten Kräfte dafür einset/ten. Heute gilt es, die Erkenntnis in unser Bewußtsein ziirückzurufen, daß der kommende große Aufbau jüdisehen Lebens in Palästina, den wir erwarten, wieder zu einem Teil von jenen Vorstellungen und den ihnen entspringenden Kräften gelenkt werden muß, die nicht bereit sind, sich jeder angeblich vorhandenen Realität des Lebens zu beugen. Jene Kräfte sind es ja, die — wie keine anderen menschliche Opferfähigkeit Hervorrufen können, wenn sie von der Seele Besitz ergriffen haben, und sie standen daher mit Selbstvcrständlichkeit an der Wiege der zionistischen Palästina- Arbeit und haben sic ein weites Stück begleitet. Heute wird dem vielleicht der Einwand cntgcgcngehalten, daß die N o t d e r (io! a 11 es nicht gestatte, viel zu überlegen und den Aufbau nach Prinzipien durch/uführen, die noch so hoch sein mögen, aber durch ihre anspruchsvollen Wertmaßstäbe hier oder da das Tempo verringern, [)er Druck der Wanderungsnot des jüdischen Volkes sei so stark, daß die Oeffnung eines rettenden Hafens auch nicht um ein (icringes verzögert werden dürfe. Demgegenüber sollten wir uns einmal darauf besinnen, daß diese judennot nicht von heute ist, sondern auch in früherer Zeit mit elementarer Wucht auf das jrtdischo Volk drückte, und daß dennoch .Menschen bcreit waren, gegenüber den Verlockungen anderer Auswanderungslamler, die damals offen standen, Palästina und die mit ihm verbundenen Ideale mit ganzer Kraft zu vertiefen. Auch heute soll die Not nicht zur l'ubesonnenheit fuhren, sondern sie soll da/ai beitragen,' daß wir a 1 < gestalte n 11 e Baumeister der j ti - di sehen Zukunft fähig sind, aus den besten Llementen unseres Volkes ein innerlich erneuertes Volksleben zu schaffen, das unter höchsten indischen wie menschlichen Ansprüchen zu bestellen vermag. Diese fiedanken haben nicht mir Bedeutung für die •allgemeinen Prinzipien des Aufbaus, sondern sie wirken sieh im Leben des Einzelnen aus, der sich aK Teil der nationalen Bewegung empfindet. In jedem Mcn-ehen konkurrieren Selbstlosigkeit und Eigennutz miteinander, und es ist selbstverständlich, daß diese Kräfte auch bei den Menschen nicht lahmgelegt sind, die Träger des zionistischen Werkes sind. Nun erstreben wir gewiß nicht die l 'nterwerfung des Menschen unter ideelle Vorstellungen im Sinne der Aufgäbe seiner Persönlichkeit. Im (iegenteil, wir glauben, daß sich das Eigenste des jüdischen Menschen erst in der nationalen Wiedergeburt finden und erfüllen kann, und daß der Einzelne durch die Art, wie er ein Träger der Idee ist, selbst Innerlich reicher wird und das Volk in seiner Vielfalt kräftigt. Dennoch erfordert die Aufgabe des Wiedererstehens eines Volkes nach Jahrhunderten der Zerstreuung ein Höchstmaß an Selbstlosigkeit und die Zurückdrängung jener Triebe, die sonst im Menschen vielfach vorherrschen, der rückslchfslosen Sucht zum Aufstieg, der Eitelkeit und verwandter Eigenschaften. Wer unser Leben betrachtet und unvoreingenommen ist, wird bemerken, daß es in ihm neben aller Opferfähigkeit besonders der Jugend auch manches gibt, was jette Selbstlosigkeit \ennissen läßt, daß auch — und es wäre veiwunderlich, wenn es anders wäre — der jüdische Palästina-Aufbau eine Plattform für Eitelkeit und Hochmut, für Erwerbsstreben und Karrieresucht abgegeben hat. Der Kampf hiergegen, der in einer neuen Epoche des Aufbaues not tut, wird in erster L.inie ittt KÜHLSCHRÄNKE audt FRIGID AIRE NÄHMASCHINEN SINGER u. «. FRANKFURT a. M. B* *cihovenstr»üt* 62 * Tri. 7S 71b m*■ /V A tt rt A. * t, tS 1 A J nn tlöLDiCHMIDT Ci c w i s s e!1 d c s M e 11 s c h c n ausgetragen, im Herzeti jedes Lui/elnen \!*!1 uns, der den Verlockungen seincr eigenen Seele aufgesetzt ist; mein durch Predigt und Moralgespraeh kann geholfen werden, sondern nur durch B e w ti (i t tu;» 1: h 1! 11 g der Klippen, die auf diesem Wege Hegen und die ebenso sehr Gefahren für den menschlichen Wert des Einzelnen sind wie für die Haitung der Gesamtheit. * Die Krise in Palästina, die wir heute erleben, hat ohne Zweifel manche Gegensätze verschärft, die auch in den Jahren der Prosperity vorhanden waren, wenn sie auch damals durch das Bild des allgemeinen Gedeihens überstrahlt wurden. Es ist unzweifelhaft, daß heute die sozialen Gegensätze unter der jüdisehen Bevölkerung des Landes wieder heftiger sind und stärker empfunden werden, ein Zustand, der unt so bedatierlicher ist, als ja der Jischtiw als ganzer in einem politischen Kampf und auf der Wacht steht und daher mehr denn je der inneren Einheit bedarf. Es ist daher die Frage zu י teilen: Was tu n wir zur Abschwächung dieser Gegensätze? Man wird antworten, daß es Sammlungen gibt, um die Not der Arbeits- und Einkommenlosen zu lindern, und daß sich an diesen Aktionett die Arbeiter ebenso wie die bürgerlichen Kreise des Landes ,'und neuerdings die Zionisten in der Welt draußen beteiligen. Gestehen wir es dennoch offen: Es ist wenig, was hier getan wird, wenig nicht nur im materiellcn Sinne (gemessen an der zu beliebenden Not), sondern noch mehr im moralischen, in dem der Verantwortung des Menschen für den Menschen, des Die Emi&rraxitenfrage in Belgien O י• G9 Brüssel, tf>. Mal Das Emigrantcnprohlcm ist für Belgien in ein neues Stadium getreten. Gerüchte hatten sich verbreitet, daß der Joint in Brüssel ein besonderes Komitee gebildet habe? das sich der Auswanderer annehmen würde. Diese falsche Nachrieht, ebenso wie die Schließung der holländischen Grenze, hat dazu beigetragen, eine Einwanderung nach Belgien zu veranlassen. Der Innenminister hat daraufhin Anweisungen erteilt, 11m eine s c 11 a r f e U eher w a c h u n g d e r G r e n - / e 11 zu gewährleiste•!!. Die heimlich eingewanderten Emigranten befinden sich in schw ieriger l äge. Es ist zu befürchten, (lall ihre Ausweisung erfolgt. Hinzu kommt, daß das belgische Hilfskomitee angesichts der stark vergrößerten Lasten, die ihm der neue Zuwachs an IJnlerstüi/iipgshcdiirftigen gebracht hat, eine sehr schwerwiegende Entscheidung getroffen hat: es hat — wie man hofft nur auf kurze Zeit - - sämtliche llilfs- Zahlungen eingestellt. Dadurch sind die Nciihinzugc/ogenon in gleicher Weise betroffen wie alle die, die seit längerer oder kürzerer Zeit bereits auf die Hilfe des Komitees angewiesen waren. Ebenso wie in Brussel ist nunmehr auch in An t werpen eine Vertretung aller jüdischen Organisationen gcschaffeu «orden. Die Versammlung zu ihrer Konstituierung wurde durch den (ieineindevorsit/enden Julius S c li n e r b geleitet. Au Stelle Ussischkins hat Nathan Bistritzky die KKl -Aktion für das Gaiil geleitet. Die Durchführung der Aktion, bei der er Abend für Abend vor überfüllten Ver- Sammlungen in Brüssel, Antwerpen und Liege sprach, hinderte ihn nicht, sich seiner besonderen Aufgabe, der Erziehungsarbeit an der zionistischen Jugend, zu widmen. Jüdisches Leben in Sydney Sydney, 12. April Hier fand eine zionistische Konferenz statt, die mehrere Tage dauerte. Ich bin leider die einzige Jüdin aus Deutschland, die zu solchen Veranstaltungen kommt. Die Konferenz war sehr interessant. Bei der Eröffnung waren u. a, der Premierminister und der Oberbürgermeister anwesend, die beide Ansprachen hielten. Die Feier fand in der Maecabean Halt statt. Es war ein wunderbarer Abend. Die anderen Tage waren auch recht interessant. Die Wi 70 ist hier durch Mrs. Ben/ion gegründet worden, und alle Mitglieder des Council of Jewish Women sind auch Mitglieder der Wizo. Auch vom Council aus fand eine Kon* ferenz statt, die sehr interessant verlief. Aus verschiedenen Teilen der Welt kamen Delegierte. Bei einem Essen war Lady Wakehurst, die Gattin des Gouverneurs von New South Wales, zugegen. Ich war auch einmal hei einem Nachmittagstcc, wo Ladv Wakeluirst sprach. Neulich sang Alexander Kipnis hier im Rathaus. Auch hier war der Gouverneur mit seiner Gattin anwesend. Der Beifall war enthusiastisch. Paula Rosenstrauß Juden für den Juden, der für eine gemeinsame große Sache kämpft. Es gibt in Palästina eine immerhin nicht allzu kleine Zahl von Reichen und Wohlhabenden bzw. sehr gut verdienenden Menschen, die gewiß auch etwas von der Krise zu spüren bekommen, denen es aber trot/dem ganz ausgezeichnet geht. Was tun diese Kreise c r n s t h a f t für die Milderung der Not, die dicht in ihrer Nachbarschaft vorhanden ist? Und nicht nur diese allein. Es leben außerhalb Palästinas, besonders in den Westländern, eine nicht geringe Zahl von Menschen, die mit Ercz Israel verbunden sind, die in seinem Namen auftreten und zu den Juden sprechen, und die recht wohlhabend sind. Uns scheint, daß all diese Kreise, wenn ein wirkliches menschliches Feuer in ihnen brennen würde, nicht mehr ruhig bleiben dürften bei dem Gedanken daran, daß jene In so vielen Reden und Aufsätzen verherrlichten Pioniere in Palästina zu einem Teil wirkliche Not leiden. In manchen der neu gegründeten Siedlungspunkte, deren Bewohner Tag und Nacht auf der Wacht stehen und vielleicht für die Grenzziehung des künftigen Judenstaates eine Aufgabe erfüllen, deren Bedeutung sich erst in den kommenden Geschlechtern erweisen wird, fehlt es am Nötigsten, und die Einschränkungen betreffen die Der eleqanteDnmen BERLIN W 15 Kurfürfttendamm 35 Einj. Grolmanatr. , der vornehme Herren-Schuh RUF: 91 31 31 N HAB E R: G.HORENCZYK LaFlorida primitiven Dinge des täglichen Lebensunterhaltes. Kaum weniger schwer haben es arbeitende Menschen und Angehörige des Mittelstandes in der Stadt. Wo bleibt die Ungeduld und Unruhe, die durch das jüdische Volk gehen sollte, wo bleibt die kraftvolle Anstrengung seiner Reichen im Lande und außerhalb seiner Grenzen, 1un wenigstens einen Teil dieser Sorgen zu beheben? Es geht dabei nicht um soziale Hilfe, sondern um viel mehr, nämlich um die Erhalt ungderVolkskra ft, die die Grundlage unseres Staates bilden soll, und um eine letzte Probe auf den Wert der Gemeinschaft — eine Probe in jener Stunde, die vielleicht der großen Verwirklichung der zionistischen Idee vorangeht. Diese Probleme werden im Judenstaat nicht weniger bedeutungsvoll sein. Er wird mit Hilfe aller Sch ichteil und Gruppen des jüdischen Volkes erbaut werden, und niemand soll von ihm ausgeschlossen sein, der den guten Willen hat, ein Glied der neuen Gemeinschaff zu werden. Das gilt nicht zuletzt für den Teil des Volkes, der Kapital ins Land zu bringen vermag, das zusammen mit jüdischer Arbeit den Boden des Landes entwickeln und ihm neue Früchte entlocken soll. Die Bedingungen, unter denen dieses Kapital ins Land kommt, sollen möglichst günstige sein, um ihm seine Entfaltung zu ermöglichen; es wird darauf ankommen, daß eine kluge Wirtschaftspolitik alles tut, um weit mehr, als es die Mandatsregierung konnte, die Investition jüdischer Kapitalien in Palästina zu begünstigen. Dabei ist aber darauf hinzuweisen, daß zu einer solchen klugen Politik als nicht fortzudenkender Bestandteil die Regulierung der sozialen Lebenssphäre gehört. Nur so werden Spannungen von vornherein auf ein Mindestmaß lierahgedrückt werden können, nur so wird auch der Faktor der menschlichen Arbeitskraft im jüdischen Lande den notwendigen Schutz erhalten. Es scheint uns, daß gerade diese Zeit die Lösung eines solchen Problems erleichtert. Die Bcdingungen, unter denen jüdisches Kapital in der Welt außerhalb Palästinas vielfach arbeiten muß, sind nicht leicht, und aus diesem Grunde wird das einwandernde Kapital weit eher bereit sein, sich einer Gesetzgebung zu unterwerfen, die im Interesse des ganzen Aufbaues liegt und unter weiteren Perspektiven ihm selbst zugute kommt. Wir brauchen vorbeugende Maß■ nahmen gegen jede Zügellosigkeit in der sozialen Sphäre, die sich schon mehrfach in Palästina, 7. B. auf dem Gebiete des Bodenkaufs, so unheilvoll bemerkbar machte, die aber auch etwa in der Frage des mangelnden Arbeiterschutzes teilweise zum Ausdruck kommt. Man ist auf diesem Gebiete in Palästina weit zurück, nicht zuletzt weil das Land eine orientalische Sozialvcrfassung hat, und weil das Nebeneinanderbestehen zweier Wirtschaftssektoren, des jüdischen und des arabischen, die Regelung dieser Fragen für die Mandatsrcgierung sehr erschwert. Was ganz Palästina vielleicht wirklich nicht haben konnte, das ward im Judenstaat viel eher zu ver- BHIEFMflRKEH Hfl. Ernst Potsdam•r Str, 86 wirklichen sein, eine soziale Gesetzgebung, die die großen Ideen vom Neuwerden unseres Volkes in konkreter Form bestätigt. Dies könnte auch eine der Gaben sein, die wir den Arabern vermitteln, die auf dem jüdischen Territorium leben werden, und so einer der Ansatzpunkte zur inneren Befriedung des Landes. Auf diesem Gebiete gilt cs sich vorzubereiten und wachsam zu sein, denn sicher ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß bei uns Kräfte auftreten werden, die einer ungeregelten Entwicklung das Wort reden. Die Krise unseres Lebens in Europa, die manche Erkenntnisse, die früher schwer schienen, leichter macht, kann so zu einer erzieherischen Kraft für uns selbst werden, die dem neuen Gemeinwesen in Palästina Spannungen und Sorgen erspart, die sonst unausbleiblich wären. Vielleicht brauchte man über all dies nicht zu reden, wenn das Menschliche, das Moralische sich von selbst verstünde — so wie es in den ersten Tagen unseres Werkes in Palästina weitgehend der Fall war. Das ist gewiß in manchem auch heute noch so, und es gibt in Palästina einen Kern von Menschen, die so beschaffen sind und danach leben. Dennoch tut es not, die Maßnahmen der Erziehung und auch der Organisation zu treffen, die allein Aussicht gewähren, daß in einem großen Aufbau, wie wir ihn uns erträumen, jene eigentlichen zionistischen Ideale zu ihrem Recht kommen. Ein Volk zu werden, wenn man zerstreut war durch die Jahrtausende und über die Kontinente, ist keine leichte Sache; es ist mehr als eine willkürliche Häufung von Menschen int Lande, und es wird nur gelingen, wenn diese Menschen miteinander verbunden sind durch Ihr Gefühl und durch ihre Haltung im Leben. Mit diesen Menschen in einer Zeit wie der unsrigen einen Staat zu gründen und den Staat in allen Sorgen des Völkerlebens zu verteidigen, ist eine Aufgäbe von nicht geringerem Rang; auch ihr Gelingen hängt davon ab, wie stark die Kräfte sind, die die Mens dien u n t e r e i n a n d e r verknüpfe n, einen mit dein anderen, Familie mit Familie, Gemeinde mit Gemcindc und jeden Einzelnen mit d<*m Ganzen. Dabei geht es nicht um theoretische Erkenntnisse und um. noch so schöne Worte, sondern um das, was wirklich geschieht und was im Gedächtnis jedes Menschen als ein Prüfstein dafür haften bleibt, was die Sache wert ist. Das ist das Menschliche und zugleich Moralische, das sich in der nationalen Wiedergeburt offenbart. Denken wir daran in der Stunde vor der Entscheidung, und stärken wir d i e Kräfte im jüdischen Volk, die sich um die Bewältigung dieser Aufgabe mühen! Verantwortlicher Redakteur! Dr. Robert W e 113 c h, Berlm-Ch&rl. 9 (auch verantwortlich für die Aufnahme von Bildern). Stellvertreter 1 Kurt Loewenstein, Berlin W 15. Anzeigenteilen und verantwortlieh für den Inhalt der Anreisen! Hermann F i n n, Berlin W18. Gültig Anzeigen Preisliste 5 vom 1. April 1935. Verlag Und Anzeigem crwaltung! Jüdische Rundschau, Berlin W 13. Meinekestr. 10. D.A. 1/1938! 28043. -~ Druck! Siegfried Schalem, Berlin-SrhSneherg.