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Jüdische Rundschau · 1938-05-13 · Heft 38 (13.5.1938) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 38 (13.5.1938)
Date
1938-05-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 J 0 D IS CHE RUNDSCHAU Nr. 38, 13. V. 1938 Erneuerung der jüdischen Begriiisbildung Zu der Diskussion im Anschluß an den Artikel ״Gooil will and common sense“ in Sr. 4 über die l'roblcine der indischen und insbesondere der zionistischen BegrijfshUdnng veröffentlichten wir in Sr,2$ Artikel am C. /.. Klötzel und in Sr. 37 von Dr. Hubert Pollack. Der nachstehende Artikel beschäftigt sich mit dem gleichen Thema. (Red.) Mut zur Entwicklung Von Dr. Hans Pomeranz, Frankfurt a. M. Bewegungen, die iiirer Ausrichtung nach idealistische Bewegungen m״(|, ha!ren die Verpflichtung, von Zeit zu Zeit ihre geistigen < inmdlngen zu überprüfen. Soweit sie ihre Zukunftsidcc heg! timlcn, indem sic von einer abgelehnten Gegen- Wart au.-gehen, bedienen sie sich bekanntlich der Methode der mit sozial« i-sc:rtlichcu Mitteln durchgcfiihrten Analyse dieser Gegenwart. Aber keine Frage, daß sie damit nicht nur einen Ihn׳ rag zur Bereicherung der Wissenschaft liefern wollen, ,sondei n b׳•ab<ieilti•gen, ihren Menschen einen durch Erkenntnis■«' gesicherten idealistischen Antrieb zu geben. 1)011 alb kann die Versuchung, aus propagandistischen Gründen Dm;:!■ 711 sagen, die diesen Antrieb fördern, grob sein, und m nie im gesellschaftlichen!.eben oftmals Formen bleiben, die keinen Inhalt mehr haben, so können auch in einer Bewegung Theorien fortleben, die bei genauerer Prühing unhaltbar sind. W ir haben uns 71! bemühen, innerhalb der jüdischen Bewegung dieser Sunde ans dem Wege zu gehen. Etwa vorhandene liberalH־r!e Auffassungen können nicht deshalb aufrecht erhalten!־)hüben, weil sie alt und ehrwürdig und Personlichkeiten von Ruhm ihre Autoren sind. Aber andererseits ist der Mut zur lilierpru[enden Betrachtung, die Bereitschaft Zinn ״Auistaml der Jugend“ allein wiederum nicht ausreichend, um fiimlaiueiimli׳ I ehren in ihrer (ililtigkeit zu bezweifeln. Die BercitM'h.ut, /111 .!1: ■!;.!11 ׳' zu sein, midi von einem außergewöhn!,eben t '!re!-.! hei1!!!ng-\ ermogen begleitet sein. Die zionizi: ■ciie Welt kümmert sieh tatsächlich seit einiger Zeit winig 11m die S 'el'erprufung des zionistischgeistig! n | 11 n d;! :!! v n t .. Der Zionismus in Deutschland hat die Müde dm!. wcn:g-׳.!c11s in früheren Jahren, im allgemeinen geDu'lcn. Wir waren freilich in der letzten Zeit stark 10:11־ dhenoi abig lenkt, zudem hat sich die Zahl der Mcnsihen, die fur diese .Arbeit geeignet sind, stark verring! rt. Andere wi; d״r fanden, daß es 111 einer Bewegung auf solche Dinge nicht ankomme. Assimilation Fm!1״gib;, der in der inner jüdischen Unterhaltung ohne Affekt vwwamlt werden muß, ist der in kritischer Absicht gebrauchte Vorwurf der Assimilation. ״Am Haarez“ emp- Fehlt m seim-111 Atif-atz in Nr. ■t, diesen Begriff in die selbstkritische Petra! iitiing emzube/iehen. ln der Ta ז ist das nötig. Das Bt'dni!ui-, der anderen Seite gerecht zu werden und sie nicht mit einer S1 hl.agwortkiitik zu toten, hat auch Adolf B o h 111 vuanldh, der neuen Autiage seines bekannten Ruches ein Kapitel 111u׳r dieses kheina zu geben, dessen Inhalt in besonderer Wnw von dem Bedurtnis nach Gerechtigkeit bestimmt ist. Fr unterscheidet — und wir wollen hier der Einfachheit und Klarheit halber seine Disposition übernehmen — zwischen der .Assimilation als ״gewolltem Ziel“, der Assimilation ״im Spiegel des Bewußtseins“ und der Assimilation als ״geschichtlicher Tatsache“. Es ist klar, daß diese drei Formell einer ganz verschiedenen .Stellungnahme bedürfen. Gewollte Assimilation, gewollte Auflösung des Daseins des jüdischen Volkes, das ist sicherlich diejenige Teudenz, gegen die sich der nationaljüdische Angriff am eindcutigsteii richtet. Aber es ist höchst zweifelhaft, ob die zionistische Auseinandersetzung es im wesentlichen mit dieser radikalen Spielart nicht nur etwa heute noch zu tun hat, sondem es überhaupt in den letzten '21 Jahren zu tun gehabt hat. Gerade 1ms Zionisten in Deutschland ist vielmehr die Erscheinungsform der Assimilation im Spiegel des Bewußtseins als die viel tipischere bekannt geworden. Es handelt sich hier um die Haltung jener breiten Schicht von Juden, die du lieh der l’eber/eugung waren, daß sie durch Aufnahme der sic umgebenden Kuitnr Teile des sie umgehenden Wilkes ״.״•winden seien. Zugleich aber waren sie bereit, in gewissem l 'mfang, zum Teil sogar in erhebliebem 1' 111 f;1;1 g, jiidi-ch-religiö-e Weite zu prägen, oft sogar verbunden!10: einem gewissem verbliebenen Stammesbcwitßfecm, dafr■11־!:;׳ au« wohlüberlegten Gründen von einem nationalen Bewedhseiu streng geschieden wurde, Fs wäre aKo nicht richtig zu meinen, daß wir diese Frscheimingsform nicht ahge!( h:1t lütten: gerade an ihr haben wir einige J ihtz! :m'e lang •unsere ideologischen und polemischen halu.'k׳U׳׳n ewsoh!, imd um beiden Sehen sind die stärksten Kämpen fur ihn• Sache eingetreten, Sp:! eh;.״! wir vor, der A s s i m i I a t i o 11 als historischer Ta! - :1 c I! <.׳, so jst das Verbum .,bekämpfen“ nicht at'gebrad:', wd! man einen geschichtlichen Vorgang nicht!וו k.impfen Wen, ,Alter etwas anderes ist dafür wesentlieh, daß) j,!11׳ Situation, d u־• einen von Jahr zu Jahr meßbaren jiifli-u h< u Suh-ta!!־׳verhol brrbdzuftihren geeignet war, nicht als Faktum!!:ס!"!׳;.:׳:innen, sondern vom Standpunkt der nationalen Beweg.;:; ׳ als tragisch empfunden wurde. Dagegen hat lins du h>״sa!!!11er nlditzioiiistiseher Rabbiner einmal ungewollt ll:l;״t!׳'lmt: gehustet, ab er eine prägnante Formt!- lierung, ..A"imi! eion im Dativ”, für die bekannte Tatsache fand, daß t in in sich geschlossener, gegen Auflösung gefestigtet׳, kn'lekhver 1 »!־!.:ani-mus sich Worte der Umwelt tmgefährdet aneimmt kann. Fs liegt nahe, daß jeder Assimilationsiorgaiig!ummdir damit entschuldigt werden kann, daß er sich als einen Vorgang dieser erlaubten Art deklariert. Deshalb muß auf die stetige Gefährdung der jüdischen Existenz in den Landern der Galutli hingewiesen werden, und auch die Empfehlung »•11 zionistischen (iahithverhalfeits sind nur von relativem Wert. Wenn also ein Teil der Judenhcit sich bemüht, unter Wahrung seiner nationalen Gruppenexistenz ״Lehensmöglichkeifen innerhalb des Wirfsclinftsorganismus der Umwelt zu schaffen“, so ist das keineswegs Gegenstand einer ״abwertenden Kritik“. Wirtsrhaftspolitische Selbsthilfemaßnahmen und ein vom Denken bestimmtes Verhalten der Minorität ist ganz im Gegenteil die Parole zionistischer (tahilharbeit. Es hat sich aber dabei herausgestellt, daß diese Parole eben mir verh a 11 n i s m 11 li i gen Wert hat und daß sich ans der Tatsache des Zusammenlebens sehr bald Situationen ergeben, die dann einer Betrachtung eigener Art bedürfen. Dann liegt die Sachläge vor, die wir oft genug in unseren Auseinandersetzungen beschrieben haben, die Tendenz zur Uehcrsclircitung der Grenze. Wir luhrn in dieser Debatte die Fehler jüdischen Verhaltens aufge/rigt. Galath und Diaspora Dali diese■, Problem nun in den überseeischen Ländern,!111׳ ,,Am Haarez" in dem erwähnten Aufsatz sagt, .*nders liege, vcrmogwi wir nicht einzuselien, am wenigsten verstellen wir den Satz, ״die Juden sollen und wollen im neuen Volke autgeheu“. Nein, das wollen sie vielleicht, aber das solle 11 sie nie h t. Sie sollen vielmehr wissen, daß jenes Volk,!las sie aufnimmt, selbst eine Entwicklung durchmaciteii kann in der Richtung der heute aktuellen totalen Nationalisierung, Sie sollen also lernen, die Qrenre zu halten, noch bevor sic ihnen von anderen mitgeteilt wird. Wissen sollen sie, daß in jener Umwelt die gleichen Sozialgcsctzlichkeiten wirksam werden können, die wir kennengelernt haben. Es ist auch zu wenig bekannt geworden, daß unsere zionistischen!.ihren und IziKenntnisse zu diesem Thema nachgeprüft worden sind durch den amerikanischjüdischen Schriftsteller Ludwig L e v i s o h!1. Unbeeinflußt von allen Doktrinen, durch eigenes Denken (in naher geistiger Beziehung zu Blumenield) ist er gerade auf Grund seiner amerikanischen Beobachtungen zu dem gleichen Ergebuis gelangt. Dabei müssen wir bekennen, daß auch wir das Rezept für erschütterungsfreie Galiithexistenz nicht geben können, eine Einschränkung, die aber die Berechtigung unserer Bctrachtung nicht widerlegt, sondern erweist, weil sie die Berechtiginig unserer Gaiutli-U'psis, die die Eigenart unserer Diagnose ist, ja erst recht unterstreicht. Es besteht also keine Veranlassung, den (ialutlibegriff nach geographischen Gesichtspunkten aufzuhebeu. Der Jude im Galuth hat mit der Bezeichnung seines Aufenthalts als ״Gallith“, noch bevor es eine offizielle zionistische Theorie gab, nie etwas anderes gemeint als eine negative Kennzeichnung. Allerdings ist im Rahmen einer sehr konkreten Ucberlegtmg im Wandel der Zeiten und der Entwicklung ein Bewertungswandel möglich; derart, daß sich die Gola in eine Diaspora verwandelt. Judenstaat — Juden und Umwelt Das ist erst daun möglich, wenn durch eine radikale Armierung der Lebensform des Juden sich auch das Problem luden und Umwelt naturgeniliß und folgerichtig ändern muß. Dazu ist ein sehr entschiedenes Erlebnis für uns und die Umwelt nötig, damit sie diese Haltung ändert. Die moderne zionistische Bewegung hat deshalb ihr Ziel so weit gesteckt und es abgrlelmt, ein Beitrag neben vielen Beiträgen zur Linderung jüdischen Schicksals zu sein, weil sie wußte, daß eine völlige Armierung des jüdischen Status in der Welt nötig ist, um diesen Wandel denkbar zu machen. Deshalb trat sie mit diesem Anspruch auf, weil sie hinsichtlieh ihrer Funktion und ihrer Wirkungen Hoffnungen hatte, die natürlich für die Gegner der Sache das Gegenteil davon waren, nämlich Befürchtungen. Aber cs s ZIGARREN WOLF jg Frankfurt a. M., Seil 49 Groß- und Klulnvurkauf. Versand ab RM. 20.- frei Haus ist wichtig darauf hinzmvtTen, daß, wenn man dein Zionisnuis allzu weife Prätentionen nachsagt, diese Haltung auf merkwürdige Weise beslätigt wurde durch das Ausmaß an Gegnerschaft, das «r fand: es muß also doch wohl die Tragweite der Beweg u n g a u f tre i - den Seiten in gleicher Weise empfunden w o r - den sein, mit umgekehrten Vorzeichen freilich. Warum sind zum Beispiel bestimmte Teile des jüdischen Volkes, insbesondere in Amerika, Gegner eines Judenstaates, Gegner sogar eines Nationalheims, und zwar in höherem Maße Gegner eines großen als eines kleinen? Insoweit der Gegnerschaft eine politisch-juristische Meinung zugrunde liegt, die Meinung nämlich, daß die staatsbürgerliche Sielhing der Juden in anderen!״'indem beeinflußt werden könnte, handelt es sich um ein Thema, über das man reden kann. F״s liegt aber dieser Opposition eigentlich gar nicht in erster Linie diese Meinung zugrunde, sondern eine Ahnung, die sehr klare Grundlagen hat: da sie Gegner des Zionismus sind, empfinden sie all das, was wir weitausschauend als die Epoche eines erneuerten jüdischen Daseins erhoffen, als schreckhaftes Bild einer veränderten Form der Einordnung der Juden in der Welt. Heute, so denken sie, streitet mail über J u!1 en i u m s a u f f a s s u n g e 11. Der Zionismus gilt als Partei, seine Ideologien stoßen z. T. auf Gegnerschaft, und man kam! sogar überzeugend daraut hinweiscu, daß die Zionisten eine Minorität sind. Der Juden- Staat, so ahnen sie, schafft in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht einen ganz neuen nationalen Tatbestand, der über die Grenzen des geographischen Palästina weit hinauswirkt. Fr veranlaßt eine klare einheitliche udcnftimsatiffassimg, indem dieses eindeutige kontrollierbare .eben der Welt sichtbar wird. Er beendet die Debatte über das Wesen der Judenhcit, er beantwortet sie in dem Sinne, wie der Zionismus sie beantwortet, weil das Kernstück seiner Zukunftsvorstellung realisiert ist. Die ״Revolution mit langem Atem“ wäre geglückt und der neu entstandene Sachverhalt ist maßgeblich: Wir sind ein Volk! Dieser neue Tatbestand kann bei der Umwelt eine neue Bewertung des Juden erzeugen. Er kann der jüdischen Diaspora, die dann mm wirklich entstellen könnte, die verhältnismäßig stärkste Lehensmöglichkcit und Wertung sichern, die denkbar ist. Das kann, wenn es jemand kann, nur die zionistische Bewegung, die in ihrer Diagnose die pessimistischste, in ihrem Zukunftsbild die mutigste und optimistischste ist. Das können nicht die alten emanzipatoiisi hen Bewegungen, die verbrämt mit einer Synthese von Politik und Religion aus ganz anderen Gründen der Gola den Charaktcr der Gola bestreiten. Lösung der Judenfrage? Damit ist eigentlich die Neigung der Bewegung erklärt, ihr Endziel durch eine großzügige Formulierung zu definieren. Ftinsichtlich des Anspruchs, die materielle Judemiot in der ganzen Welt in ihrer Totalität lösen zu können, ist die Bewegung nach Herzl durchaus zurückhaltend gewesen. Gewiß findet sich in vielen Reden und Kundgebungen auch auf Kongressen der lapidare Satz von der Lösung der Judenfrage in all ihren Aspekten, Ucbcrtreibungen und krypiorevisionistische Neigungen für das Kolossale sollen nicht verteidigt werden. Untersucht man maßgebliche rednerische und literarische Aeußerimgen auf ihren Gruml, so ist der Bedeutungswandel dieses Versprechens der Lösung ״der“ Judenfrage unverkennbar, und es soll bestätigt werden, daß dieser Wandel ruhig war. Maßgebliche zionistische Aeußemngen bemühen sich seit langem 711 zeigen, daß die Judenfrage in dieser ökonomischen Betrachtung nicht erschöpfend gestellt ist, d. h. seit Achat! Ha,am beimihen wir uns, die richtig gefragte Judenfrage atifzmverfcn (ohne daß die soziale Existenzfrage des jüdischen Volkes negiert wird■). Fs kommt hinzu, daß die Frage der leiblichen Existenz ohnehin die fühlbarste und für die Umwelt augenfälligste Seife der Judenfrage ist, so daß eine zionistische Politik nicht darauf verzichten kann, ihre Verantwortung auch auf diese Frage zu beziehen, und vor allen Dingen die durch die Jmlcnnot erzeugte Einsicht der Umwelt politisch einznsclzen. Sie hat in letzter Zeit hei dem bedeutsamsten Anlaß, der sich bot, nämlich der Rede Wcizmatins vor der Pcel-Kommission, von dem ״Beitrag“ des Zionismus zur Lösung dieser Frage gesprochen, in weiser Beschränkung, und doch muß andererseits gesagt werden, daß wir doch die letzte Tragweite eines erfolgreichen jüdischen Staalswesens, auch in ökonomischer Hinsicht, noch gar nicht ermessen können. Und trotz dieser Beschränkung erschöpft sich der Anspruch des Zionismus im ganzen nicht in dieser Formulierung. Es genügt ihm im ganzen nicht, ״Beitrag“ zu sein. Er löst nicht die soziale Not aller Juden, aber er beseitigt die kollekt i v e Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes. Er allein sichert die Fortsetzung der jüdischen Geschichte. Er ist die Bewegung, die zur Wiedcreinfiigung des jüdisehen Volkes in das arbeitsteilige Lehen der Welt führt. Es jst ein Fernbild, wenn wir meinen, daß eine solche Bewegung־ die moralische Situation der Juden und mithin auch ihre allgemeine gesellschaftliche Lage ändert. Und von hier aus hat es einen Sinn zu hoffen: cs könnte sich Galuth in Diaspora verwandeln. Es ist ein legitimer Anspruch, wenn der Zionismus sagt, daß das alles einer umfassenden Ausdrucksform bedarf und daß eine Formulierung aus einem Guß erwünscht ist, um nicht in der ״genialen Diagnose“ zu verharren. Das meint der Zionismus, wenn er von der Lösung der (richtig gefragten) Judenfrage spricht. Es ist die Situation einer Bewegung, die sich in der Gegenwart unt die Gestaltung der Zukunft bemüht. Solche Bewegungen folgen einem Regulativ, das sie leitet, und welches Regulativ sollte cs anders sein als die Vorstellung, daß es möglich sein muß, aus dem Volke wieder ein Volk zu machen, oder sagen wir, das jüdische Volk zu machen? Diese Zielvorstcllung ist nicht pseudomessiauiseh; erst wenn wir mehr versprächen, wären wir es. Aber cs ist richtig, daß diese Aufgabe von gewaltigem Ausmaß einen unübersehbaren Teil enthält. Feilte Bewegungen — von ihren erwünschten oder unerwünschen Zielen ganz, abgesehen — realisieren nicht ihre Statuten, sondern erhalten ein gut Teil ihrer bewegenden Kraft gerade aus dieser Zone, Und sie haben das Schicksal, daß man diese Zone gegen sie ausspielt: Sie seien Utopien, sagt man. Uns aber soll mail mit der Poesie der Utopien nicht verwechseln und auch nicht in die Enge treiben. Hermann Cohen hat das einmal gesagt: ״Die Idee hat Wahrheit ohne Bild, ihr Bild ist die Wirklichkeit, die nach ihrem Vorbild entstehen soll.“ Zionisten und Nichtzionician In einer Unterhaltung über die Erneuerung der zionistisehen Begriff s weit wird es vielleicht auch möglich sein zu prüfen, wieweit sich in der großen inner jüdischen Auseinandersetzung eine Wandlung der Probleme anbahnt. Das dürfte schon deshalb möglich sein, weil sich die Sachlage in vielem so erheblich geändert iiat, daß nunmehr auch die Nichtzionisten die Aufgabe haben 7.11 sagen, wer sie sind und wie sie zu den veralteten Begriffen stehen. Ucberscewandcrung und sonstige Parolen ähnlicher Art wirken als Form einer Abgrenzung ungemein notdürftig. Sie sind Beweise für eine von innen entstandene ideologische Einengung bedeutsamster Art. Es ist der Entfremdung der Juden des Westens von den Kräften ihrer Geschichte zuzuschreiben, daß sie auf den Gedanken kommen könnten, Wanderung von einem Land in ein anderes geringeren sozialen Druckes könne den Zionisnnts ersetzen oder sei etwas Aehnliches. Die Millionen Ostjuden, die von Osten nach Westen gegangen sind, sind niemals auf diesen Gedanken gekommen. Das also wird keine Abgrenzung sein. Sehr klar wird die Auseinandersetzung, wenn uns gesagt wird, der Zionismus hindere die wandernden Juden, sich den Völkern der Umwelt in ihrer neuen Heimat cinztifügen. Wenn damit die alte form der Einfügung gemeint ist, so ist die Feststellung berechtigt, und der Gedanke ist instruktiv und seinem Wesen nach echfester Nichtzionismus. Nichtzionisten andererseits, die den Primat Palästinas anerkennen und ahnen, was selbst das noch unvollkommene heutige Palästina ist, haben es schwer, in ihrer durch eigene Entwicklung entstandenen ideologischen Einengung ihre Position zu mngreiizen. Wir haben von ihnen jene Elastizität zu verlangen, die hinsichtlich der Bereitschaff, veraltete Denkgewohnheiten abznsfreifen, von uns erwartet wird. Sie sollen sich aus der Palästinabcwcgung den Zionismus wegdenken und mit uns die Bilanz, aufstellen über das, was dann noch bleibt, Es ist fast noch erklärbarer, daß veraltete Theorien herumspuken, als die Vorstellung, daß alte Organisationsformcn, aber auch mannigfache gesellschaftlichc Bindungen die Entscheidung bim indem. Wer meint, daß er gebunden an einen bestimmten Kreis, die diesem Kreis gemäße Auffassung von ״L o valt y“ (wie das einmal Galsworfhy in dein Drama ״Gesellschaft“ bc- BRiEFiWflRHEH iw, Ernst Potsdamer Sir. 86 schrieben hat) zu wahren hat (— dem Kreis die Treue zu haltet! —), der soll sich überlegen, auf welche ״lovalty“ es im Augenblick ankommt, ob auf die gegenüber dem cigeneu Kreis oder auf die andere, die in einer Zeit wmväizeinder Ereignisse die wesentlichere, die geschiehtliebere ist. Zion Immer dann, wenn die Not des Volkes drängend wird, werden die durch allzu ökonomische Betrachtungen territorialistisch disponierten Kräfte geweckt. Der Zionismus ist eine Bewegung, deren Wesen zu definieren ist durch die ersten zwei Silben dieses Wortes. Die Yeranhvortungspolitik ״um des Volkes willen“, die von den Vertretern dieser Richtung gemeint ist, hat ihre Grenze da, wo die Sache selbst ideelich und politisch auf dem Spiele sieht. Es ist ein Unterschied, ob wirtschaftliche Existenzen wandernd von einem hochkapitalistischcn Wirtschaffsbassin aufgenommen werden oder ob es sich darum handelt, die Not des Volkes in Beziehung zu!)ringen zu seinem Bedürfnis nach nationaler Erneuerung um! beide Fragen zusammen durch eine Bewegung am Ort seiner geschichtlichen Bindung zu lösen. Diese Bewegung heißt Zionismus, sie hat ihr Ziel noch nicht erreicht. Sie sieht in einem Uebergang zwischen Aufstieg, Rückschlag und neuem Aufstieg. Noch gibt cs kein reifes Mutterland, das aus seinem Ueberschuß an Kraft, Werten und Menschen an die Uebcrtiahme neuer kolonisatorischer Aufgaben mit Sinn denken könnte. Kann die Gola zwei territoriale Gründungen vornehmen und entwickeln, ohne daß die eine uns wichtigste verkümmert und kristallisiert wird? Unsere Aufgabe ist es, die Herzen zu beleben, und die materiellen Mittel in Bewegung zu setzen, um die nächsten 10 und 20 Jahre zur restlosen und erschöpfenden Auswertung der gegebene!1 Chance zu nutzen. Jede andere Aktion schwächt das Volk an dem SchH'isselpunkt seines Lebens uml lähmt die Kraft, vernichtet unter Umständen sogar, wenn die Aktion mißdeutet werden kann, die Chance. Ob sich zudem in der jüdischen Welt materielle und menschliche Kräfte finden, die bereit sind, Pionierleistung cinzusctzen, auch in einer ihr seelisch fremden, unentwickelten Welt — (wo eigentlich?) — ist höchst fraglich. Der politische Augenblick ist zudem nicht leicht, und wie immer in der Politik muH das Volk dahinter stehen und nicht mit dualistischen Aktionen spielen. ״Deshalb halte sich ein jeder, der ganz in das hei'igc Land kommen will, dies alles vor Augen und prüfe sich, oh er Kraft hat, all das zu bestehen, damit er nicht auch das, was er bisher noch hatte, verliere.“ 25999

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