Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1938)
- Date
- 1938-05-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38, 13, V. 1938 jüdische Rundschau Seife 3 Optimistische Perspektiven In den letzten Tagen kamen aus Palästina «ine Reihe von Nachrichten über die wirtschaftliche Situation, die einen ausgesprochen optimistischen Charakter tragen. So wurde bei der Generalversammlung der Indu- *triellenbank in Tel Aviv darauf hingewiesen, daß der Tiefpunkt der Krise wohl überwunden und ein gewisser Aufschwung des Wirtschaftslebens bereits zu bemerken sei, dem auch eine Besserung auf dem Arbeitsmarkt folgen werde. In der Bauindustrie und auf dem Zitrusmarkt seien Er- Weiterungen zu spüren, und neues Interesse für die Schaffung von Industrien in Palästina sei gleichfalls spürbar. Diesen Bemerkungen liegen sehr reale Tatsachen zugrunde. Die Zitrus-Saison des jetzt abgelaufenen Winters hat, wie an dieser Stelle berichtet wurde, einen Mehrertrag von rund einer Million Pfund gegenüber dem vorhergehenden Jahre erbracht, und es ist klar, daß diese Mehreinnahme nicht nur den Zitruspflanzcrn selbst, sondern der Wirtschaftliehen Entwicklung des ganzen Landes in der nächsten Zeit zugute kommen wird. Auch auf industriellem Gebiete hat es sich gezeigt, daß die Krise, die man gefühlsmäßig sehr oft zu überschätzen geneigt ist, wenn man die Schwierigkeiten einzelner Betriebe ins Auge faßt, als ganze doch nicht so stark gewesen ist, wie man dachte. Besonders die größeren Unternehmungen haben sich zumeist als relativ krisenfest erwiesen, und der Industriezcnsus, der im August des vergangenen Jahres durchgeführt wurde, und dessen Ergebnisse jetzt vorliegen, beweist, daß sowohl der Produktionswert als auch besonders die Exportsnmme eine sehr achtbare Höhe erreicht hat. Ueber neun Millionen Pfund Wert der Industrieproduktion bei einer Million Industrieexport sind Zahlen, die ins Auge fallen, besonders wenn man berücksichtigt, daß der Export sich seit dem Prosperitätsjahre 1035 verdoppelt hat. ln der Tat kommt es darauf an, die psvchologisehen Faktoren hei der Beurteilung der ökonomischen Lage nicht außer acht zu lassen, da gerade ein Land wie Palästina weitgehend von der Investitions 111 s t des Kapitals abhängt. Das gilt sowohl von der Zufuhr ausländischen jüdischen Kapitals als auch von der Mobilisierung des in Palästina selbst in den Banken festliegenden jüdischen Vermögens. Die wirtschaftliche Depression kann nur dadurch überwunden werden, daß es gelingt, in steigendem Maße der Wirtschaft Kapital /ti/uführeit und dadurch das Volumen der Gesamtwirtschaft wieder zu erweitern. Noch auf sehr lange Zeit hinaus ist die Wirtschaft Palästinas keine in sich gegebene feste Größe, sondern ihr Gedeihen hängt von der fortwährenden Erweiterung ab, sowohl nach der Seite der Produktionskapazität wie im Hinblick auf die lntensitat der Produktion und den Zustrom von Menschen, d. h. damit die Ausweitung des inneren Marktes. Für diese Neuinvestition von Kapital wiederum ist die stimmungsmäßige Beurteilung der Lage von ausschlaggebender Bedeutung, und es ist daher wichtig zu konstatieren, daß bei allen Sorgen des Tages, die auf der Wirtschaft Palästinas auch weiterhin lasten und durch die politische Unsicherheit genährt werden, doch die ersten Anzeichen eines stimmungs mäßigen Umschwunges erkennbar sind und möglicherweise Hoffnung auf eine Wiederbelebung der Investitionstätigkeit gehen. Es ist gewiß noch nicht zu übersehen, ob und in welchem Tempo sich diese Hoffnungen realisieren werden, und es Niemand ist stark oder reich genug, um ein Volk von einem Wohnort nach einem andern zu versetzen. Das vermag nur eine Idee. Die Staatsidce hat wohl eine solche Gewalt. Die Juden haben die ganze Nacht ihrer Geschichte hindurch nicht aufgehört, diesen königlichen Traum zu trSumen: ״Hebers Jahr in Jerusalem!" Ist unser altes Wort. Nun handelt es sich darum, zu zeigen, dab aus dem Traum ein taghellerGedanke werden kann• /Im Theodor Herzls ״hidenstaat״ Zu Herzls Geburtstag am IO■ Har ist gewiß notwendig, die Dinge mit Vorsicht und Zurückhaltung zu beurteilen, andererseits aber soll man gerade diese Anzeichen einer stimmungsmäßigen Entspannung mit aller Deutlichkeit registrieren. ek. Der Herzog von Devonshire Die Nachricht von Tode des Duke o f I) e v o 11 s h i r c erweckt die Erinnerung an eine Epoche der Nachkriegsgeschichte, die für den Zionismus von großer Bedeutung gewesen ist. Als im Herbst 1922 Bonar Law ein konservatives Ministerium in England bildete, zog der Duke of Devonshire, der von 1916 — 1921 die brilische Krone als Generalgouverneur in Kanada repräsentiert hatte, als Staatssekretär in das Kolo- 11 i a I a m t ein. Der Kabincttswcchsel wurde damals in /ionistischen Kreisen mit lebhaften Befürchtungen bcgleitet. Kurz zuvor hatte zwar der Völkerlnmdsrat das Mandat über Palästina bestätigt, und die ״Palrstinc Order in Gonncil“, die als die Verfassung Palästinas gelten konnte, war erlassen worden. Dennoch mullte cs zweifelhaft erscheinen, ob der prozionistische Kurs in bezug auf Palästina würde aufrecht erhalten werden können, wenn die allgemeine Tendenz, der englischen öffentlichen Meinung nach dem Ausgang des griechisch-türkischen Krieges, die ans der Kriegs/eit herrührenden Verpflichtungen als kostspielige ״Abenteuer“ zu liquidieren, immer mächtiger wurde. Der Widerstand gegen die Politik der Balfour-Deklaration und des Mandates kortzentrierte sich vornehmlich auf den rechten Flügel der Konservativen. Die Wahlen zum Unterhause brachten zwar ein Anwachsen der Labotir Party, führten aber zur Spaltung der Liberalen und brachten eine klare konservative Mehrheit Man wird nicht irren, wenn man es vorwiegend Ormsbv-Oore (der damals Unterstaatssekretär int Kolonialamt war) zuschrcibt, (laß die jüdischen Befürchtungen sich allmählich als unbegründet erwiesen. Dennoch wäre es ungerecht, die Haltung des Duke of Devonshire als belanglos darzusfclleii. Er war der Staatssekret,är, und wenn die Politik des Mandates in jener außerordentlich kritischen Periode von ernsthaften Erschütterungen verschont geblieben ist, so wird man es auch wesentlich ihm zuschreiben dürfen. Er mußte in mehreren Oberhausdebatten eine Politik verteidigen, die ein großer Teil seiner Fraktions- und Standesgenossen als die unangenehme Erbschaft einer gegnerischen Regierung empfand. Es war eine gewisse Rertthigting für die Zionisten, als er im Januar 1923 der arabischen Delegation, die unter Führung von M1! z a Kazim Pascha in London tätig war, erklärte, daß die Palästina- Politik Englands sich nicht ändern werde. Die allgemeine Near East-Politik des Ministeriums Bonar Law war auf Befriedung und Gewinnung der arabischen Freundschaft orientiert. Im Jahre 1923 wurde die Herrschaft des Emirs Abdullah in Transjordanien fest begründet, Politik und Bühne So alt wie das Theater ist der Streit darüber, was es darstellen soll. So alt wie der Kulturbund ist der Streit darüber, welche Aufgaben er zu erfüllen hat. Wir waren immer der Auffassung, daß er sich an zwei Prinzipien zu orientieren hat: an dem künstlerischen, d. h. dem Ziel, wirkliehe Kunst zu übermitteln, und an dem jüdischen, d. h. ein Institut zur Vertiefung des jüdischen Lebens zu sein. Beide Aufgaben bergen ihre Schwierigkeiten in sich. Dennoch ist es ein weiter Weg, den der Kulturbund zurückgelegt hat, wenn man die Spanne von der Eröffnungsvor- Stellung bis zu der jetzigen Aufführung des Palästina- Stückes ״Das Gericht“ überblickt. Gewiß sind die Möglichkeilen dieser Bühne in vieler Hinsicht beschränkt. Wir glattben aber, daß bei der Bemühung um den jüdischen Gehalt des Gebotenen eine aufsteigende Linie zu konstatieren ist. Zum ersten Male seit seinem Bestehen hat sich der Kulturbund an ein zeitnahes Stück gewagt, das ein Stück jüdischen Lehens unserer Tage ist. Es ist gewiß auch ein Stück Politik, das in ihm, in seiner Handlung und in seinen Menschen vor unseren Augen abrollt. Dennoch aber ist es mehr als Politik und mehr als eine Tribüne der Propaganda. Es kommt ja darauf a!1, von der Bühne her nicht zu deklamieren, sondern L eben zu zeig e n, vcrdichtetes Leben, das in der schauspielerischen und dratnaturischen Leistung zur Dichtung wird. Gewiß ist nicht alles iinstlerisch vollendet, was gerade dieses Palästina-Stück uns bietet. Es hat seine Mängel und ist noch nicht der Ausdruck __ dem Irak (man sprach damals ״och von ״Mesopotamien“) die englische Unterstützung für die Erlangung der völligen Unabhängigkeit und Eintritt in den Völkerbund versprochen, schließlich mit dem Heilseh,1s ebenfalls eine vertragliche Regehing der Beziehungen herbeigeführt. Der Vertrag mit König Hussein von Hedselias enthielt einen Passus, demzufolge England sich zur Mitwirkung hei der Bildung einer ara* bisdien Föderation bereiterklärte: England betonte, daß es hinsichtlich des Sdiut/es der Rechtsstellung der palästinensischeii Araber im Völkerhiiiidsmaitdat bindende Verpflich* tungen übernommen habe, und Hussein erkannte Großbritanniens besondere Stellung in Mesopotamien, Transjordanieit und Palästina an. Dieses Letztere konnte als eine verklausuliertc Anerkennung der Balfour-Deklaration und des Mandats gedeutet werden. Sofort setzten Gegenaktionen seitens der palästinensischen und syrischen Araber ein, um König Hussein zu einer Abänderung des ursprünglichen Vertragstextes zu bewegen. Nach wie vor blieb Palästina im Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzungen in England. Mehrere Peers (Lord Islington, Lord Lamiiigton, Lord Sydenliam) verlangten von der Regierung die Vorlage des Briefwechsels zwischen Sir Henry MacMahon und dem Sherif Hussein, sowie Rechen- Schaft über die Belastungen des englischen StaatdiHiishalts durch die Atifrcehterhaltung einer Garnison in Palästina. Der Duke of Devonshire betonte als ()berhausmitglied in seiner ersten großen Rede, wenn auch nicht mit Wärme, so doch mit Korrektheit, daß das Mandat kerne einseitige Verpflichtung Englands *ri, <f!׳re׳n man sieh nach Belieben entledigen könne, sondern da II es eine )nternatifmafe Verpflichfnng darstelle, die England ausfnhren müsse und daß es auf Grund der Ralhmr-f)oktala'ioti mit der Ausführung des Mandates betraut worden sei. Das poiiti-clie Gewicht jener Interpellanten war imle"en « stark, daß die Regierung eine!!(’sondere P;1 las* j!!;! - K o m nt! s s i o n einsetzte, zu der 11. ,1׳. der dau!;dige Staatssekretär für Indien, Earl Peel, und der Kriegs!״! ni-ter 1.001 Derby gehörten. In die Amt*i'icnode de* Duke of I )evottshire und dieser Palästina-Kommission fiel eine Serie von Vcr-urlicn. den a r a bische n W i d (י r - 11 ml d u r c h V e r s d 1! n u n £ ztl beseitigen. Der Duke ging nach dein Scheitern aller Versuche zur Versöhnung <״ u eit, den Arabern irti Oktober 1921 die Biidimg rin er ■\ r a b Agenev vorzuschlagen. Auch die-es Angebot fand auf arabischer Seite entseliiedcne Ablehnung, und das Kolnn!a!amt beauftragte den High Conums-toner, nunmehr einen Advtsorv Council ausschließlich aus höheren IC',amten im Wege der Ernennung zu bilden. W. G. einer großen Kunst, die heute in Palästina in einem Stadium des Beginnes auch noch gar nicht möglich ist. Was dennoch die Herzen der Zuschauer allabendlich erschüttert, ist nicht nur das Bewußtsein, Vorgänge zu sehen, die Söhne, Brüder und Töchter täglich erleben, wenn sie drüben in Palästina auf Wacht stehen und arbeiten, sondern auch das Gefühl, Teilnehmer an diesem Spie! zu sein, das das Spiel des jüdischen Schicksals ist, in das jeder einzelne Jude unentrinnbar miteinbezogen wird. Fn der Tat, welch ein tragischer Vorwurf, das Leben selbst sprechen zu lassen in einem Kulminationspunkt, der heute vor unseren Augen itn Kampf 11m Palästina emporsteigt! Hier wird Politik zum Symbol menschlichen Lebens und menschlicher Tragik, und in diesem Sinn# ist die Idee des Stückes, das die Tragik des Ztisammenpralls der Gegensätze vorführt, besonders eindrucksvoll. Auch wir glauben, daß die versi lihmgeiieri Wege der Politik mit dein hehren Zweck der Kunst nichts gemein Italien, aber wir glauben, daß die g r <> I! e 11 :11 c n s c 11 I i c 11 c n!de a 1 e, die stell heute in Palästina \>!r unseren Augen entfalten, sich mit den ästhetischen Idealen der Kunst in jener Ebene treffen, in der sich die besten humanen Ziele und Gedanken bewegen. Und unter diesem Gesichtspunkt gewinnt die Dar- Stellung der großen Vorgänge unserer jüdischen Gegenwart eine Bedeutung, die über das Tlicntcrm.ißige hinausgdit: sie ist vielmehr ein Faktor der Selbrter/ichting, die steh in der Erschütterung dt s :nenscltl;eben I Irr/ens offen hart. Hier w,aclist die Buhne über sich selbst hinaus in eine Sphäre, die ihrer gewiß nicht unwert ist. —n. Reise über das Meer Das Schiff fährt nach Indien. In ein paar Wochen ist man dort. Man könnte all die Märchenhaftigkeit einer Welt sehen, die sonst nur aus Büchern und Bildern zu uns spricht. Man könnte den Dschungel sehen, Schlangen ohne Ende und Tiger und Löwen und so vieles dazu. Aber das alles wird ja nun doch ein Traum bleiben. Man kann davon nur im Hafen von Amsterdam träumen oder auf 11011er See bis weit in das Mittclmccr hinein. Dann muß man aussteigen. Jetzt gellt es in die dunstige Ferne gen England. Der Blick geht über die letzten Streifen des Landes, die der Horizont dann wegwisclit. Dort standen viele, die zuriickhleiben mußten, während ihre Lieben in die Welt hinatisfuliren. Das war ein großes Abschied״elimen. Der ganze holländische Familiensinn kam in ihm zum Durchbruch. Ich fragte mich, ob da wohl auch Juden darunter seien. Wir Juden sind ja so viele Abschiede gewohnt. Juden und Juden Dann fängt man an, sich zu fragen, was man wohl jetzt tun könnte, und beschließt, sich einmal seine Mitreisenden anzuseheii. V'iele von ihnen sitzen schon jetzt in den Liegestiililcn herum. Damen wandeln über das Deck lind hüllen sich fröstelnd in ihre Jacken und Tücher, ln der Passagierliste stehen einige jüdisch klingende Namen. Ich sehe dann auch bald Herrn Hamburger. Denn das muß Herr Hamburger sein. Es kann kein Zweifel daran bestehen. Er geht mit trippelnden Schritten über das Deck. Er kennt sicherlich schon das ganze Schiff bis in den Maseliinenranm hinein. Das Glas, das er um seinen Hals hängen bat, benutzt er in cinenifort. Dann ist da noch ein junger Kerl. Er sieht wie ein Inder aus. Seine randlose Brille steht in einem eigentümlichen Kontrast zu seinem dunklen Oesicht, das von schwarz-braunen Haaren überschattet ist. Dann ist da noch ein Ehepaar, ganz zurückhaltend, ganz zurückgezogen und ganz ruhig. Hier in der Ferne sieht man die Unterschiede der Tcmperamente zwischen Juden und Juden. Man sieht die Verschicdenheiten von Juden vieler Länder: wie sie ein anderes Gehaben haben, wie sie ein anderes Denken besitzen. Eine englische Lady, Jüdin, Schwester eines verstorbenen englisclt-jiidische 11 Staatsmannes, ist an Bord. Wenn mail sie nur anschaut, dann weiß man eigentlich, wie sehr wir Juden Kinder der jeweiligen Umgebung sind. In jedem einzelnen Menschen wirkt ein Zusammenspiel von Schicksal und Umgebung aus Jahrhunderten, jeder bewahrt in sich ein Stück historischen Gedächtnisses, niemals abrustreifen timl niemals ahzulcgen, wie man ein altes Kleid abtut. Auf diesem Srhift liier, das auf den Ozean hinausfährt, sammelt sich eine Welt jüdischen Daseins in diesen paar jüdischen Menschen. Die jQdisdic Kiste In Southampton hat das Schiff die ganze Nacht und einen ganzen Tag Eracht geladen. 111 unaufhörlicher Folge und immer wieder mit der gleichen Eleganz, nimmt der Ladekran die schweren Kisten, die Automobile und die Ballen in die Höhe und läßt sie daun in den unergründlichen Bauch des Schiffes herab. Es nimmt kein Ende. Man sieht interessiert dem Spiel der Lasten zu. Man bestaunt die Aufschriften der Kisten und Kasten, die in die weitesten Fernen der Erde gellen. Unter den vielen Kisten, die so herankomtnen, sehe ich plötzlich eine große, bänderbcschlagcne in mein Blickfeld geben. Das ist nicht eine Kiste wie jede andere. Es ist eine besondere Kiste. Auf ihr steht groß und breit der Name ״H a i f a“. In diesem Augenblick strömt eine große belebende Freude in das Bewußtsein. Diese Kiste geht in das jüdische Land! Ihre Fahrt ist weit. Aber sie hat ein jüdisches Ziel. Ich wage noch einen Blick in die Luke hinein, in die die Kiste verschwunden ist. Sie stellt tief unten in einer Ecke. Ich sehe wieder und wieder auf den Namen ״I Haifa“. Bald ist er verschwunden. Eine andere Kiste ist daraufgesetzt worden. Judenstaat - drahtlos Man liegt den ganzen Morgen mit geschlossenen Augen in der Sonne und horcht nur auf den einen Laut: das Meer redet die Schiffswändc entlang. Sicher und unaufhaltsam gleitet der Dampfer durch die Wogen. Man wohnt in der Nähe der kalten Unendlichkeit des Meeres und fühlt sich doch sicher und geborgen. Wir sind weit draußen im Ozean. Es geht min schon Tage so. Was man von menschlichen Spuren sieht, das ist wenig. Ah und zu kann man einen Dampfer unter dem Kimm als einer! schmalen Strich ausmacheri. Kriegsschiffe kreuzen unseren Kurs. Sonst aber fesseln nur die Schaumkronen der Wellen den in die Ferne schweifenden Blick. Eigentlich ist die Welt für uns so klein gewordi 11. Gerade diese letzten Jahre haben auch uns luden die Technisierung des 20. Jahrhunderts erschlossen. ״Die Meile und die Stunde sind gleich lang, wie sie es immer gewesen sind. Aber was bat (Lose Zeit aus ihnen gemacht! Lias Wunder von Zeit und Raum, da* noch vor wenigen j,ihren in unendlicher Erhabenheit in 11n*c!en (!edanken thronte, ist zu einem iniciitcrin n /,ililcuspicl geworden. Romantik gibt es nicht mehr. Es gib! nicht mehr Raum und Zeit in altem Sinne. Ls gabt mir Bewußtsein und Erkenntnis — und manches Mal noch!echt einmal das. in uns ist das alles wie eine Selbstverständlichkeit emgegatigen. Wir!iahen gelernt, was die Technik vermag: wie sie durch ihre Lrrungenschatten der technischen Nu ■luicdm mißct nnttliing, durch Flugzeug und drahtlose Verbindung die Menschen einander näherrücken läßt; wie sie;!her dabei zugleich den großen Gegensatz aufzeigt: technisch sind die Menschen einander nähergebracht worden, aber geistig und seelisch sind sie entfernter denn je. Ich lese jeden Tag in der Schiffs/eitung von den Ereignissen in Palästina. Die indische Lady neben mir, die solch ein hoheitsvolles Wesen zur Schau trägt, liest das alles gewiß mit anderen Augen. Und was mag jener dunkelhäutige Araber sagen, der mit einem Fez auf dem Kopf an der Reeling stellt, und mit der Zeitung in der Hand in dia Finten starrt? Wir lesen alle dieselben Worte. Aber sic klin• gen anders in uns an. Wieder ein Jude erschossen! Wieder ein Araber tot! Wieder gemordet, wieder gebrandschatzt! Aber von jedem aus sieht sieh das anders an. Es sind die Tage, in denen der Bericht der Pcd-Kom* mission erscheinen soll. Ich hin oft genug in der Kabine des Funkers und lese die neuesten Telegramme. Er holt sie mir aus der Unendlichkeit des Raumes in diese engen vier Wände. Niemals habe ich die Macht der Technik ein drucksvoller und stärker gespürt als in dem Augenblick, wo ich, fern jeder menschlichen Siedlung, verloren in der Weite des Meeres, davon höre, daß ein J 11 d e!1 s t a a t nun nach zweitausend Jahren der Unstaatlichkeit des jüdischen Volkes errichtet werden soll. Das ist ein großes Gefühl. Ist das hier ein Traum oder ist (Ins Wirklichkeit? Erlebe ich hier aut dem Meere einen Wendepunkt der jüdischen Geschichte mit? Was sagt die Welt dazu? Ein paar Stunden später sehe ich einen Engländer, der über das Deck schlendert. ,.I)id yoti read...", sage ich zu ihm, ״haben Sie gelesen..." Er meint nur in seiner trockenen Art: ״Weshalb sollen die Juden nicht einen eigenen Staat haben wie andere Völker? Weshalb sollen sie nicht endlich ein Zentrum besitzen, auf das sie blicken können <׳ Die Juden müssen einen eigenen Staat haben. Sie haben ein Recht dazu." Dr. Arno Herzberg