Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1938)
- Date
- 1938-05-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37,10. MAI 1938 Am Ostufer des Kinnereth 11״1״■s« Von unserem palästinensischen Korrespondenten gl. Tel Aviv, Ende April 1938 Sicht man von Z c m a c h aus, der kleinen arabischen Stadt, die am Ausfluß des Jordan aus dem Kinnereth-Sec gelegen ist, die Ufer des schönen Sees entlang, so fällt einem der starke Gegensatz zwischen den beiden Ufern auf, die die ovale Wasserfläche einsäumen. Am Westufer zeigt das dem Wasser anliegende Land ein kultiviertes bewohntes Gesicht. Dicht bei Zcmach liegt De ga 11 iah, die Mutter der Kwuzoth, das sich in den letzten Jahren mit seinen gepflegten Hasenflächen und Rosenbeeten, seinem Pilan/enreichtiim und seiner fast tropischen Baum- und Blütenfülle immer mehr einem großen Landsitz angeähnelt hat. Weiter schließen sich die Das Motorboot nähert sich dem primitiven Landungssteg von Ejn Geh anderen Kwuzoth an, das alte Kinnereth, das junge Bat eie in. Drüben liegt die alte Stadt Liberias, seit der großen letzten Mut vor mehreren Jahren verändert und doch fn den Umrissen trotz, der neuen Viertel auf den Hügeln unwandelbar vertraut. Und so ziehen sieh die Anwesen weiter den See hinauf und um ihn herum, mit alten Namen wie Kapcrnaum an die Geschichte erinnernd. Jetzt in diesen Muhlingstagcn, wo der llermou eine besonders leuchtende und große Schneekappe trägt und die Hänge von Blumen überquellen, tragen auch die primitiv bebauten oder von den Herden der Beduinen abgeweideten Madien einen üppigen Anstrich. Und doch ist das (.) s t u f c r des Sees von dem des Westens sehr verschieden. Betrachtet man es von weitem, vom entgegengesetzten Ufer oder von Zcmach aus, so scheint seine Linie von Ansicdlungen nicht unterbrochen, wie tutbewohnt. Die jüdische Siedlung, die das alte -Liberias neu belebte, in seine Nähe eine Kette neuer Kolonisationspunkte fegte, reichte nicht herüber nach dem Osten. Hier gehört zu Westpalästina mir ein schmaler Lamlstreifen, schon auf halber Höhe der Berge beginnt transjordanisches Gebiet bzw. mehr nach Norden zu der syrische Bezirk. Und diese — geographisch gesehen — unnatürlichen Grenzen, zu einem Teil auch die Konzentration auf andere Sicdlungsgegenden, hat die Ufer des Sees in zwei verschiedene Zonen gespalten. Seit einiger Zeit jedoch bestellt am Ostufer ein erster Ansatzpunkt der j ü d i s c 11 e n Siedl u n g. Als mit der großen Liiiwaiiderungswelle Menschen und Kapitalien in Massen ins Land strömten, die ein Arbeitsfeld suchten, bildete sich eine private Gesellschaft, die in dieser Gegend einen größeren Bodenkomplex erwarb und den ehrgeizigen Plan faßte, hier Alittclstämilcr zur Ansiedlung zu bringen. Die große Fruchtbarkeit des gegenüberliegenden Ufers, das reichliche Ernten spendete, und zwar früher als die übrigen Gegenden Palästinas, ließ die Gründer des Unternehmens auf große Erfolge hoffen. Man sprach von Gemüseanbau in großem Umfange, von Export, von intensiver Wirtschaft. Es wurde zuerst mit Anbaucxperimcnten in der Nähe von Bethania auf der anderen Seite des Sees begonnen. Bald aber stellten sich Schwierigkeiten ein. Sowohl die abgelegene Lage des Ortes als auch manche anderen Momente ließen das Projekt nicht recht gedeihen. Das Abschwcllen der Prosperity tat tias seine dazu, um eine rein privatwirtschaftliclie Siedlung in dieser Gegend in die Lerne zu rücken. Schließlich übernahm der Araber und Juden verladen gemeinsam Sand auf den Schleppkahn SM Höfe '«liÄtfci Keren Kajcmcth einen Teil des Bodens. Die Kwuzah Bat elem, die bei Kinereth auf dem Westufer saß, nutzte die Gelegenheit, um einen Anhaltspunkt für die Ansiedlung zu erhalten. So wurde vor ungefähr eineinhalb Jahren der Boden besetzt, ein neuer Ort entstand, der sieb E j n G e b nannte und in engster Verbindung mit Batelcm blieb. Am Ufer von Deganiah liegt ein großes Lastboot mit einem eingebauten Motor versehen und einem Schleppkahn hinter sich. Dieses Fahrzeug nimmt uns am Morgen auf und führt uns in cinstiindigcr Fahrt quer über den See nach dem neuen Punkte. Nach und nach schälen sich während der Reise die Details des von weitem so einförmig scheinenden Landes heraus. Auf dem Hügelkanun sieht man ein arabischcs Dorf liegen, schon zu Trnnsjordanien gehörig. In halber Höhe des Berges zeichnen sieh die umfangreichen Reste einer alten Stadt und Festung ab, die diese Gegend in früheren Zeiten beherrschte. Nicht immer war ja dieser Bezirk so dünn bevölkert und so weltabgeschieden. Das erste, was die neuen Siedler bei der Durchforschung ihres Geländes fanden, waren umfangreiche Reste früherer Siedlung, die darauf hindeuten, daß sich seinerzeit um den blauen See ein Ring von Volkreichen Dörfern zog. Und cs ist nicht so schwer, sich das vorzustellen. Zeigt doch die Entwicklung am Westufer, die ja noch keineswegs beendet ist, wie sich diese Landschaft immer mehr zivilisiert. Ejn Geh ist in den Unruhe/eiten gegründet worden und mußte daher wie alle neuen Punkte an einem Tage besetzt und mit den nötigen Vertcidigimgsmitteln versehen werden. So finden wir es heute nach dem bekannten Muster derartiger Punkte vor, mit wenigen Baracken auf engem Platz hinter einem Kugelzaun, mit Wachtturm und Scheinwerfer versehen. Das einzige feste Gebäude am (Matz ist — charakteristisch genug — die kleine Kammer, die die Waffen birgt. Und außerhalb des Zaunes ist ein kleines behagliches Holzhäuschcn, wo die arabischen Nachbarn mit türkischem Kaffee empfangen werden. Im übrigen trägt alles den Charakter des Primitiven und Provisorischen. Und provisorisch ist die gesamte Anläge. Denn nach genauerer Durchforschung des Geländes hat man sich entschlossen, die endgültige Siedlung an einen anderen Punkt zu verlegen, der ein Stück weiter nördlich gelegen und strategisch günstiger ist. Man wird dann zum gegebciien Termin die Baracken abbrechen, überführen und an der neuen Stelle wieder zusammenstellen. Heute leben hie!׳ einige Dutzend Menschen, die ihre ersten Anbauversuche machen und zugleich die Wirtschaftszweige ausbauen, die sofortigen Verdienst versprechen. Der Boden wird später seine Ernten liefern müssen, heute versucht man das Wasser dazu einzuspaniien. Am Ufer ist ein Schuppen für Netze und Boote; man fischt im See und verkauft der! Fang in Tibcrias und den umliegenden Siedlungen. Man begnügt sich nicht mit den hergebrachten uralten seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden am Tiberiassee geübten Methoden. Man experimentiert in Fang und Fischzucht lind erhofft mit der Zeit dadurch größeren Verdienst. Zugleich werden die Bausandlager, die nahe bei Ejn Geb liegen, abgegraben und der Sand mit dem Schleppkahn auf der anderen Seeseite verkauft. Seite an Seite sieht man hier Juden und Araber den Sand auf die Autos oder die Schleppkühne schaufeln. Es gehört zu den heute überall auftauclicnden Gegensätzen, daß die Juden bei Tage friedlich neben den Arabern arbeiten, aber nachts trotzdem die Posten um ihr Lager gelten lassen. Trotz seiner exponierten Lage ist Ejn-Geh bisher keinem Angriff ausgesetzt gewesen, und die Beziehungen zu den benachbarten Dörfern sind gut. Und doch findet sich in der Nähe des Lagers seit gestern ein neues Grab. Die Gruppe hat wie alle anderen Arbeiter im Lande ihren Anteil für die Wache in Chamitah an der Nordgrenze gestellt und eines ihrer Mitglieder ist den Kugeln ztim Opfer gefallen. Ein bitteres Markzeichen auf dein Wege. Nicht der gesamte Bodenkontplcx, der zur Verfügung stellt, ist anbaufähig, der größere Teil wird vermutlich nur zur Weide zu gebrauchen sein, und Ejn-Geb erwirbt jetzt seine ersten Schafe. Auch die ersten Anhauversuche mit Gemüse sind gemacht worden. Aber es hat sich gezeigt, daß hier andere Bedingungen herrschen als im Jordantal, daß starke Winde besonderen Schutz für die jungen Pflanzen nötig machen usw. So geilt es ja immer bei den Anfängen in einem neuen Bezirk: man kann zwar auf die Erfahrungen der Kolonisation an anderen Stellen zurückgreifen und tut es auch, muß jedoch diese Lehren den spezifischen Ortsbcdingungen anpassen und sie entsprechend abwandcln. Das ge- Schicht in Ejn-Geb. Man lernt aus den Erfahrungen Deganias, zugleich aber auch aus den Fehlern und Erfolgen, die man selbst in der kurzen Siedlungszeit gemacht hat. Letzten Endes ist es dasselbe Bild au allen neuen Punkten. Als 1ms das Schiff zusammen mit einer schweren Ladung Bausand nach Dcgania zurückbringt, sehen wir das Ostufer mit anderen Augen an. Es scheint nicht mehr so gleichförmig, wir unterscheiden seine besonderen Formen, die Phantasie läßt in Ejn-Geb selbst und in seiner Nähe neue Siedlungspunkte entstehen. Wie immer, wenn man in Palästina in einen neuen Bezirk eindringt, der bisher von jüdischer Siedlung unberührt war, erhebt sich ein Gefühl der Befriedigung, das Bewußtsein des Vorwärtsdringens. Zugleich aber wird gerade bei der Betrachtung von Ejn-Geb besonders klar, was sich ohnedies an vielen Punkten der Neukolonisation aufdrängt: auch mit der größten Anstrengung, der besten Arbeit, selbst mit den größten Mitteln werden wir erst zu einem großen und freien Ausgreifen kommen, wenn sich die politische Lage wirklich klärt. Wir brauchen Ruhe zum Arbeiten, Klarheit zur Voraussicht. Diese Zäune und Türme, diese Scheinwerfer, sie sind ein Zeichen, daß die Juden sich auch durch Kugeln nicht von der Siedlungsarbeit ahxhrecken lassen. Sie sind zugleich das Zeichen dafür, unter wie schweren und anormalen Bedingungen die jüdische Jugend heute um jeden Fußbreit Bodens zu kämpfen hat.;■?* .,«P 8m Bei einem Ueheriall hei Chamitah am 111. April wurde der ans Deutschland stammende 11 ilfsptdizist ,Serin A 11 11 a w (Wolf Keusch) gelötet. Er gehörte der Kwuznh ,,Hatclern“ an, dir jenseits des Kinnen•! h-Sees den neuen Sied lungspunkt Ejn Geh gegrumtet hat. I)nrt, liehen dem Enger, ivurde Keusch begraben. Die vorstehende Aufnahme wurde einen Tag nach dein Begräbnis gemacht. Im Hintergrund das Ostufer des Kinnercth-Sees. ... Konferenz der Arbeiterpartei Jerusalem, 3. Mai. (Lahor.) •f:׳<l Delegierte aus 120 Orten des Landes wohnten der Eröffnung der vierten Konferenz der palästinensischen Arltiiteipurtei heg die heute Abend in Betli Hapoalim in Recliowotlt stattfand. Tausende von Besuchern, von denen die meisten nicht mehr in der Halle untergebracht werden konnten, und draußen stehen mußten, wo die Ansprachen durch Mikrophone übertragen wurden, Hörten Salman Rubaschow, der die Ver- Sammlung cröffnete und der jüdischen Opfer der Unruhen gedachte. Rubaschow gedachte ferner des verstorbenen Arlosoroffs, Joseph Aronowitz’ und Moses Beilinsons. Dr. Wcizmann, dem beim Betreten der Halle ein warmer Empfang bereitet wurde, grüßte die Versammlung und sagte, die Arbeiterbewegung in Lire/, Israel und in der zionistischen Bewegung habe in diesen schweren Jahren eine große Starke bewiesen. ״Ich hoffe“, sagte er, ״daß diese Periode in der Geschichte unseres Volkes eine Uehergangszcit in eine neue, unerhört schöpferische Epoche darstellt." Berl Ka/tielson leitete darauf die Debatte ein. Rabbi Lishman begrüßte die Konferenz, mt Namen der Exekutive der Jewish Agency. Der High Commissioncr, Sir Harold MacMichael, besiehtigte das Sicff-Institut in Reehowoth und frühstückte danach mit Dr. Wcizmann in dessen Haus. Versuche mit tropischen Pflanzen «rD.vJ (;fr < 'fr * t* /«׳•׳■־ tß.-m Irt De gan ia wurde auf den Namen Arthur Ru pp ins. anläßlich seines 60. Geburtstages ein Versuchsgarten angelegt, um die Möglichkeit der Kultivierung tropischer und subtropischer Nutzpflanzen in Palästina zu erproben. Das Bild zeigt eine Reihe von P a p a j a - Bäumen, die aus Afrika stammen. Wie man sieht, tragen die Bäume bereits Frücht•c Foton R. Weltteil