Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1938)
- Date
- 1938-05-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Salt* 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 37, 10. V. 1938 Die Arbeit der Ica Ideologie und Wirklichkeit Zum Thema: Erneuerung• der zionistischen Begriffshildung Zu der in Sr. f cingekiieten und durch einen Aufsatz von C, Z. Klötzel in Sr. 28 fort gesetzten Diskussion' über die Frage der zionistischen Begriffsbildung veröffentlichen wir nachstehend einen weiteren Beitrag. (Red) Von einem Mitglied des Rates der Ica wird uns ge- •chrichen: Die unaufhörlich wachsende Not der jüdischen Bevölkerung in Ost- und Mittel-Europa verpflichtet die Jewish Colonisation Association, ebenso wie die anderen großen philanthropischen Organisationen der Judenlieit, das Höchstmaß an Bemühungen 711 entfalten. Demgemäß hat die Ica unter vollständiger Ausnutzung ihrer technischen und finanziellen Möglichkeiten unter den Arbeiten, die ihr Pro• gramm ihr verschreibt, diejenigen besonders zu fördern sich bemüht, die dem Aufbau von Existenzen dienen. So sucht sie in erster Linie die jüdische landwirtschaftliche Bcvoilicr u n g ihrer überseeischen Kolonien zu vermehren. In den letzten /eiten hat sie sich ganz besonders der Kolonisierung von Juden . aus I) c u t s c h 1 a nd auf ihren argentinischen Böden ge« idmet und um sie in die Landarbeit ein/ufuhren, ein l.cl!rling־-wcrl< in Argentinien in der Weise eingerichtet, dal! einem Mitgliede der zur Ansie-dlung bestimmten Familie die (iclcgcnheit geboten w ird, ein ganzes Jahr vor der Ankunft der I amihe sich bei einem besonders geeigneten alten Kolonisten in die Methoden der argentinischen Landwirtschaft einzuarbeiten. 130 Menschen ist auf diese Weise Gelegenheit gegeben worden, sich zu bewähre 11. Jeweils 110 F amilien aus Deutschland sind auf diese Weise installiert, und bis zum Ende dieses Jahres ist die Scilhaftmaehung von weiteren 2*>0 Familien aus Deutschland in Aussicht genommen. In Brasilien, «!> die jüdischen Kolonistcnfamilien mit etw a 5(30 Seelen 30> > 20׳ bearbeiten, hat die Ica neulich eine Domäne von 2000 ha in der Nähe von Rio de Janeiro erworben, du sic: als eine Art Stadtrandsiedlung ebenfalls( für die Ans.tssigmachuag von Juden aus Deutschland nutzen will. Die kolonisatorisch(' I atigkeit der lea erstreckt sich naturlich nicht nur auf Juden aus Deuts! bland, sondern in grollen! Umfang auch auf solche aus Osteuropa. Sic sirdeh auch nicht mir m Südamerika, sondern auch in P a I;1 >1111 a, wo sie jetzt außerhalb ihrer alten Kolonien, dir etwa f.fiu Famiiicn zahlen, an dem Werke der Emica zur Hälfte tcilmmmt, Die Emica hat bereits im Süden des Landes neue ( 1111p!'n־n gebildet, sie bat gleichzeitig das Hule- Problem in Angriff genommen, Emil ich verfolgt die Ica eine uinf.mgm In I 1*0:0:! in Osteuropa selbst, wo sie in Polen, Rum!111! n, <u1׳ I M׳bc1׳l!״s|1 ׳u akei s!ch um mehr al- Igimn he I an du nt!־ kümmert, die ungefahr int) ()00 ha kiiltwicmi. 1)10.011 I amihen leiht sie agrononuschr Hilfe und :man/ielit 11 Beistand in Gestalt um Krediten zum Ankauf um Inventar, künstlichen I)ungcinittrln und Saatgut, zur Frrii htimg v׳m f armgebaiiden, zur Pilanzunjf von Obstgarten, zur Schaffung von landw ittsihaftliehen (iennssenscliatten usw. Ztmi Aufgahenkreis der Ir;* m du-seii I.aiidem ist ganz besonders die (3rgan1-.at1-.it dos K 1 e 1 11 - K r e d : t f s zuti n s 1 e n von Kauf 1 e 11 t e;1 11 n d H a n d w e r k e r n urch Schaffung von Dai U■heimkas■-(-!! zu rechnen. Hier arbeitet die Ica genuinsam mit dem Joint. Auch für die indische Jugend in diesen ländern sorgt die Ica weder durch Whulning und Unterhaltung zahlreicher professioneller Sehulen, So subventioniert sie in Polen 14 solcher Schulen und weiter 1t I ehrlingsüberwachungswerke, außerdem 44 handwerkliche Kurse mit einem Bestand von 5000 Zöglingen. Aehnliehe Institutionen werden in Rumänien, in 1 ettland und in der Tschechoslowakei unterstutzt. Hierzu kommt endlich die A 11 s w a n d e r ti n g s - I ü r s 0 r g r. Die Ausführung dieses Teiles des Ica-Programnts ist der I lias-Ica-Fmigratioits-.Association (H i c e ni) übertragen. Die Hierin he muht sieh, neben ihrer normalen Arbeit zugunsten der osteuropäischen Auswanderer, ganz besonders um die im Verlauf der letzten Jahre aus Deutschland gegangenen Juden; sic hat seit 1933 17 400 von ihnen befördert,?571) nach Ucbersee. Der Maler l.udwiß Blum bat für den tsrhechoslowakischen katholischen PaU-t!!•.׳!■ Wrem in Brunn für ein Palästina-Museum, da. im Altbriinner Kloster angelegt wird, ein Bild von len!.;dem, g.-ilirn vom Oelhng, gemalt, niese•' Bild ist in zehn!',oben in Prag repodu/icrt worden. Ein Modell des Bildes!.f!!! der 1 ondnner .,Royal Aeademv Exhibition“ aiisgcsti 111 worden. Zionismus und Judenstaat Die Debatte über die Frage, ob unsere zionistischen Grundbegriffe in der veränderten Wirklichkeit der Gegenwart noch gültig oder ob sie überlebt und deshalb erneuerungsbedürftig sind, mag manchem theoretisch und lebensfremd erscheinen. Sie ist es aber nicht. Nur eine Bewegütig, die fällig ist, ihre Begrifislnlilungen immer wieder am Malistab der sieh wcitercntwickclndcn Wirklichkeit zu messen 11!111 auf ihre Gültigkeit zu prüfen, vermag erfolgreich daran mitzuwirken, die Wirklichkeit im Sinne ihrer eigenen Zielsetzung zu verändern. Jeder,!ier einigermaßen zutreffende Informationen darüber erhält, in welcher Weise heute Juden hei ihrer Einwanderung in überseeische Länder alle jene Fehler unvermindert wiederholen, ja noch um ein Vielfaches verstärkt wiederholen, die sie bei ihren Wandcnmgsbewegungcn in Europa begangen haben, der wird Klötzels Feststellung zustimmen müssen, daß unsere zionistischen Grundbegriffe nicht revisionsbedürftig sind, weil sie immer wieder von der Wirklichkeit bestätigt werden. Aber wer hat schon diese zutreffende״ Informationen? Und wer von denen, die sie haben, hat genügend Urteilskraft, genügend jüdisches Verantwortlichkeitsbewußtsein und geniigend Kenntnis der jüdischen Geschichte, um cinzusehen, daß nur unsere Betrachtung der Ding« richtig ist, daß nur unsere Begriffe vorn Jtidcscin gültig sind, daß unsere Zielsetzung die allein mögliche, weil die allein notwendige ist? Klötzel fordert darum nicht Revision unserer Grundbegriffe. Fr fordert vielmehr, daß die zionistische Bewegung damit beginnen solle, ihre richtigen Grundsätze zu den Leitsätzen jüdischen Verhaltens zu machen. Ein ausgezeichneter Gedanke. Er findet sich — wie alles, was an zionistischen Gedanken noch heute Gültigkeit hat — hei Theodor Herz! immer wieder als Erkenntnis und als politische Forderung formuliert. Nur verwirklicht worden ist er bisher nicht, liegt das, wie ״Am llaarez“ der Autor des Artikels in Nr. 4 1ms glauben machen will, an fehlerhafter Formulienmg unserer Einsicht, an Uebcrlchtheit unserer Begriffe? ()der gibt cs dafür sehr viel nüchternere Gründe? Wer die Geschichte der Zionistischen Organisation kennt, der weiß, weshalb die zionistischen Grundsätze bis zum heutigen Tage nicht die Leitsätze des jüdischen Verhaltens in der ganzen Welt geworden sind: weil die Trägerin dieser Grundsätze, die Zionistische Organisation, mir eine sehr bescheidene Position im Leben der Gesanitjudcnheit besitzt.. Die Zionistisehe Organisation ist heute ein jüdischer Verein, wie es beispielshalber die Ica, der Ort, der Joint, die Hiccm, die Ose und viele andere auch sind. An realer wirtschaftlicher Macht wird sic von der Ica und vom Joint erheblich über- Keine Lehrverträge mit jüdischen Firmen Durch eine neuere Entscheidung eines Landgerichts ist die Ablehnung der vormundschaftsgcriclitüchen Genehmigung für einen Lehrvertrag zwischen einem jüdischen W jren h a u s u n d ein e m arischen Lehr m ä d c h e n gebilligt worden. Die vom K a 0! m c r g e r i c h t in dem Beschlüsse vom 4. ö. 3b (mifgcteilt in .,Jüdische Rundschau*‘ vom 31. 11. l'ijb) nnch offengelassene Frage, welche .Stellung die Vorimindschaftsgerichte gegenüber Lehrverhältnisscn in einem vcrtraucnsratpilichtigen Großbetriebe jüdischer Prägung ein- /unehnien haben, ist in dem vorliegenden Falle von dem l.amlgerieht allgemein — nicht etwa nur für Beamtenkmder — a b 1 c h n e n d beantwortet worden. troffen. Ihre Fonds, der Keren Hajessod und der Keren Kaiemeth, sind vom Wohlwollen und dem Geldbeutel derselben Personen abhängig, die auch vielen anderen Vereinen mehr oder minder große Zuwendungen machen. Die Zionistische Organisation ist heute nur sehr nebenbei Trägerin der einzigen ernstzunehmeiiden Idee unter den Juden. In erster Linie ist sie ein Kolonisationsverein, dessen Betätigungsfeld Palästina ist, Zu untersuchen, ob diese Entwichlung zwangsläufig war oder oh sie vermeidbar gewesen wäre, ist müßig. Der innerzioiiistisclic Parteienstreit hat sich jahrelang an dieser Frage erhitzt und wertvolle Encrgien lahnigelegt. Gefruchtet hat er nichts. Seine Fortsetzung ist sinnlos. Die Zionistische Organisation aber wird dadurch nicht starker, daß sie sich um Prinzipien streitet, sondern dadurch, daß sie ihre Position erweitert. Wenn sich manche nichtzionistisclicii Mitglieder der Jewish Agency gegen den Peelschcn Teilungsplan wenden, weil er den Judenstaat verwirklichen will, so geschieht das aus dein ganz richtigen Instinkt dafür, daß die Errichtung des Judenstaates — mag er zunächst eine so unzulängliche reale Gestalt haben, wie er will — das imvenncidliehe Ende jener jüdischen Haltung bedeutet, die das Vorhandenscin eines jüdischen Volkstums ideologisch hinwegdiskutieren und im persönlichen Verhalten des täglichen Lehens außer acht lassen will. Die Errichtung des Juden- Staates macht Assimilation im Sinne der historischen E11twicklung* des 19. Jahrhunderts 11 n m ö g I i c 11. Das ist für viele eine sehr schwere seelische Belastung. Nichts ist menschlich verständlicher, als daß sie bestrebt sind, sien einer solchen Belastung zu entziehen, indem sie sich nach Kräften bemühen, die Entstehung des Judenstaates zu verhindern. Sie werden dadurch — wenn schon nicht in ihrem Wollen, so doch in ihrer Wirksamkeit — zu Feinden nicht mir der Zionistischen Organisation, sondern des jüdisehen Volkes. Die Auseinandersetzung mit diesen ihr durch die gemeinsame Arbeit in der jewish Agency nahestehenden Kreisen der nichtzionistischen Judenlieit wird von der Zionistisdien Organisation erfolgreich nur geführt werden, wenn diese Gegensätze auf zionistischer Seite klar erkannt und nicht mit ideologischen Salto-Mortalcs überbrückt werden. Die Entstehung des Judenstaats ist eine Frage der Zeit. Damit wird für die Durchsetzung der als richtig erkannten und immer wieder durch die Wirklichkeit bestätigten zionistisdien Grundsätze eine sehr viel breitere Grundläge geschaffen sein, als sie bisher bestand. Aber die Zionistische Organisation wird dann, ehe sie die Grundsätze des Zionismus unter den Juden der Ciolah wird durchsetzen können, erst einmal daran gehen müssen, ihnen im Juden* Staat selbst Geltung zu verschaffen. Dr. H 11 h e r t P o 11 a c k, Berlin Gustav Mahler und das Amsterdamer Concertgcbouw- Orchester. Unser Haager Berichterstatter schreibt uns: Das fünfzigjährige Jubiläum des Ooncertgehouw-Orcliestcrs wurde /um Beschluß dieser Saison festlich begangen. Das Festkonzert, das gegeben wurde, stand im Zeichen Mahlers. Mengelbcrg dirigierte die Achte Symphonie. Der Aufführung (hei der als Solist unter anderen auch Hermann Scliey mitwirkte) wohnten auch die Witwe Mahlers und der Dichter Franz Werfe! hei. Im Anschluß an die Erstaufführung wurde vom holländischen Minister für Unterricht, Kunst und Wissen- Schaft, Prof. Slotemakcr de Bruinc, eine Gedenkausstellung eröffnet, in der neben anderen interessanten Stücken auch einige Manuskripte von Gustav Mahler zu sehen sind. Das jüdische!.ehrgut Geringsliof (Hattenhot-Fulda-Land) bittet um Ueberlassung eines Grammophons nebst einiger guter Konzertplatten für seine Kulturarbeit. Die Gütige Novelle tun Jakob Picard (schieß) Aber die alte Frau, die stets ein schwarze« Spitzenhätibdicn mit lilafarbener N1n11«rhle1fc trug, hat nie einen der Briefe -elhst gi le-eu. Wie denn? Was hatte es dann fiir einen Sinn, ihr zu schreiben?' Um es klar zu sagen: sie konnte nicht׳ lesen, hatte es nie gekonnt, abgesehen davon, daß sie «eit langem schlecht sah mit ihren alten Augen. Und wer mußte dt m abluifcn? Die Tante Fradel, da« war klar. S<־:t 1e. «eit die Briete kamen, hatte sie cs übernominell, du•-(׳ der ein-amen Mutter \or/uic-en. Das war eine Aufgabe recht mich ihrem Herzen. Jedesmal, wenn'einer der Briefe gekommen war, schickte die Mutter eine Rotschalt an Frau I radel, meistens durch eines der Kinder, die vor ihrem Hause spielten, und die beeilte sich stets hin/ugehen, um die Neuigkeiten zu lesen und auch das Geld unnvech- »ein zti lassen durch ihren Mann. Freilich, viel stand nie auf den vier Seiten der kleinen 11!liierten Bogen des nicht eben vornehmen Papiers; es gehe ihm gut, dem Sohn, und er habe Arbeit, das las man zunächst lange und regelmäßig darin; und die ersten Jahre Hatte er auch noch kein Geld geschickt. Dann schrieb er eines Tages, er sei gesund und nabe »ich nun selbständig gemacht, ein eigenes Schnhgeschält aufgetan und bald werde er mehr schicken können. Aber es wurde nie mehr, so daß Tante Fradel ihre Schlüsse zog und niemals, das wollen wir noch besonders erwähnen, erzählte sie den anderen Einzelheiten aus den Briefen, so daß es wirklich war, als würden die nur von der Mutter gelesen. Diese aber war nun wieder sehr stolz auf den?'Ohm; ein Sohn und gar Kaufmann in Amerika. Schließlich schlug Fradel vor, sic wolle ihm, — er nannte sich jetzt Harry — Vorschlägen, er möge die Briefe direkt an sie adressieren, der Einfachheit halber, wie sie meinte, damit sie cs so am schnellsten erführe, wenn einer cingctroffen sei; denn, und das hatten wir vergessen zu sagen, selbstverständlich hatte sie es auch übernommen, ihm zu schreiben. Das geschah freilich nicht so, daß sie ihn von sich aus an redete, nein, seine Mutter spracli mit ihm, redete ihm zu, gab ihm Ratschläge, Ratschläge aus dem Stadtdien daheim, das noch nicht einmal eine Eisenbahn hatte, hinüber ms weite Amerika; mir ihre Schrift lieh Tante Fradel dazu. So gingen die Jahre, und Fradel war beglückt über die Rolle, die sie da spielen konnte, und dabei dachte sie stets an den eigenen Sohn, der hei ihr und gut geraten war, und sie war dankbar im Herzen. Einmal aber blieben die Briefe aus, einen Monat, zwei Monate; Tante Fradel suchte Mutter Lipschitz zu beruhieen; Ameiika sei weit, und ein Meer liege zwischen ihnen und dem Sohn, und ein Schiff oder gar zwei könnten untergegangen sein, und was der Trostgrunde mehr waren. Und schließlich kam dann noch ein Brief; aber der hatte schon eine fremde Aufschrift; und in ihm stand zu lesen, und es war gar deutsch geschrieben von einem Landsmann, daß der Sohn an Lungenschwindsucht, die ihn ja schon lange geplagt habe, gestorben sei, und außerdem, daß er nichts!unterlassen habe, als seine geringwertigen Arheitskleider, denn er habe, wie er selbst, in einer Schuhfabrik gearbeitet. Von einen! Geschäft oder derlei großen Dingen oder gar von Erbsachen stand nichts in dem Brief. Nun, das wird man begreifen und gar billigen, daß der Sohn seiner alten Mutter den Traum hat erwecken müssen, er sei wieder ein Kaufmann geworden — das wollen wir nebenbei nur bemerken. Aber nun geriet Tante Fradel in arge Zwangslage, so wie wir sie kennen. Mehrere Tage ging sie umher, ging mit sich zu Rate und war beschwert. Wie hätte sie aucri der armen Mutter das Leid antun können, ihr die schlimme Nachricht zu sagen, zumal ja die alte Frau in letzter Zeit immer hinfälliger geworden war. Und schließlich kam sie mit sich überein zu lügen, so schwer es ihr fiel; aber sie vertraute, daß Gott es ihr verzeihen werde um des Guten willen, weshalb sie e« tat. Sie ging hin zti Männchen Lipschitz. und las aus dem Brief, den sic ohne Umschlag mitgenommen hatte, vor, was die beruhigen konnte, erfand einen Grund für die Verzögerung und erzählte Dinge, die der Sohn früher auch schon geschrieben hatte. Erleichtert und befriedigt hörte die Mutter zu... Aber ein Monat ging vorüber, und es war Zeit, daß wieder ein Brief kam; schon hatte die Mutter gemahnt. Da setzte sich Tante Fradel hin und schrieb einen Brief aus Amerika und las ihn danach der Besorgten vor. Und den nächsten Monat wiederholte sie cs. Damit sie es leichter habe zu antworten, begann sie eines Tages an den fremden Sohn, der nicht mehr lebte, zu schreiben. Und antwortete sich selber als der tote Sohn. So setzte sie es fort eine lange Weile. Aber jetzt fragt ihr, wie das mit dem Gelde geworden sei, das doch kommen mußte. Nun, auch da wußte die Se Frau Rat. Wozu war ihr Mann in der Chewra Kaa? Ihm legte sie alles dar, und dort trug er den Sachverhalt vor; mul diese barmherzige Vereinigung stellte allmonatlich einen Betrag zur Verfügung, mit dem die geringen Bedürfnisse von Männchen Lipschitz befriedigt werden konnten, und Frau Fradel sagte ihr ein für alle Male, sie wechsele die Dollars nun sogleich um ... So verging wieder Zeit, und eines Tages gab es Krieg, den Krieg gegen die Franzosen. Und der Sohn von Tante Fradel, der hei den Reitern mit den roten Kragen gedient hatte, mußte mit. Nun, da gab cs freilich ein anderes Hin- und Herschreiben; Tante Fradei, diese andere Mutter, hatte jetzt selbst ihre große Sorge; wir brauchen darüber kein wort zu verlieren, um es deutlich zu machen. Aber sie ver- ״aß darüber nicht ihre alte Pflicht, mit Amerika zu korrespondieren, und jeden Monat ging sic mit dem vorgetäuschten Brief über die ausgetretene knarrende Holztreppe hinauf zu Hanuchen Lipschitz im Hause hinter der Synagogc. Aber auch sonst besuchte sic, die doch auch schon in den Jahren war, die Greisin nun öfters, denn mit der ging es, das fühlten alle, zu Ende. Sie lebte im Grunde nur noch von der Hoffnung auf die Briefe ihres Sohnes, nein, gar von der, ihn selbst bald noch einmal sehen zu körnten. Tante Fradel hatte ihr eines Tages, nachdem sie beim letzten Brief den sehnlichen Wunsch geäußert hatte, ihn wiederzusehen, bevor sie sterbe, einen Antwortbrief vorgclesen, in dem er versprach, bald zu kommen, ״wenn die Geschäfte es irgend zuließen“. Es war aber gerade an dem Tag in jenem harten Winter, da Männchen Lipschitz sich zu sterben anschickte, als Tante Fradel und ihr Mann Simon aus dem Felde die Nachricht erhielten, daß ihr Sohn in einer mehrere Tage dauernden Schlacht an einem Flusse, der Lisaine hieß und an׳ der Festung Beifort vorbeifließe, wie in dem Schreiben stand, gefallen sei. Und das war eben der Tag, au dem cs nur noch Stunden währen konnte, bis die alte Frau im Städtchen tot war, deren sich die andere Mutter all die Jahre so angenommen hatte, wie wir es geschildert haben. Die Sterbende war zwar schwach am Körper, aber sich doch noch bewußt des wichtigsten Inhalts ihres armen Lebens, des Sohnes, der für sie noch lebte. Und sie sprach von ihm, verlangte nach seinem Brief, als könne das sie retten. Und man berichtete ihren Zustand der vor Schmerz um den eigenen Verlust beinahe fassungslosen Mutter Fradel. Da erhob sic sich, die neben ihrem Manne schon auf dem niedrigen Stuhl gesessen hatte mit Augen, die vor Tränen kaum mehr sahen, ging hinab und schritt in ihrem schwarzen Kleide zu der Sterbenden, setzte sich neben ihr Bett und las ihr einen heiteren Brief eines Sohnes vo;, der nicht mehr lebte: es gehe ihm ut und er werde bald heimkehren, um sie zu sehen, und rächte ihr so, bis sie still einschlief, den Trost, wie sie ihn all die Jahre für sie gehabt hatte, zum letzten Male. Sie aber, Tante I radcl... *