Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 37 (10.5.1938)
- Date
- 1938-05-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 37. 10. V, 1938 JÜDISCH* Pl 1M ח <; r H A11 Se!t9 3 GEH I C H T& fD־rA S m Das war nicht nur in seiner ätißereu Erscheinung eine Ecs1vo;-tclung, mit welche! der Berliner Kulturblind zugunsten der Palastinafomis, des Keren Hajcssod und Keren Kajcmcth, *fieses Stück der hebräischen Dichterin Scluilamith Bat Dori zur Uraufführung in deutscher Sprache brachte. Ueber diesem ranzen Abend lag der Widerschein des Besonderen und der Krönungsglanz eines von innen her bestätigten Erfolges. In das bunte Bild dieser sehr vieles umfassenden Kulturbund- Bühne ward eine neue Farbe eingefügt, etwas sehr Wesentlichcs war hinziigekoinmen, und es gab wohl niemand, der dieses Erregende und Neue nicht bis in alle Hcr/fasern hinein spürte. Denn hier, in diesem Abend, spiegelte sich, mit allem, was er gab, das lebendige eigene jüdische Antlitz einer neuen Wirklichkeit. Etwas Feierliches lag über der! Menschen und über dem Raum, unsichtbare Chöre schwebten heran, Musik von Menschenstimmen drang in geöffnete Herzen. Es begann fast wie ein Requiem, aber es endete mit den kräftigen und beglückenden Stimmen einer dem g a n 1 c n Leben z u g e w a 11 d t e 11 Jugend. Dazwischen nun lag diese mit allein Bisherigen Vergleichslose Aufführung des erregenden Stücks. Aber nicht nur hier wurde dieses Besondere, von dem wir sprachen, offenbar; es manifestierte sich auch in den Ansprachen, die Michael T raub und Kurt Singer an das Publikum richteten, ehe der Vorhang sich hob. Worte des Aufrufs und der malmenden Vcrpflichtung Traubs zur ,,Rückkehr in das eigene Haus und in das eigene Leben“; und Worte glühenden Bekenntnisses Singers für diese gegenwarts- und zukunftsbcscsscnen jungen Menschen, die das erhabene Schicksal ausersehen hat, neues lebendiges Judentum zu gestalten. Und dann öffnete sich der Vorhang über diesem palästinensischen Spiel der hebräischen Dichterin. Ueber den Inhalt dieses in sechs Bilder aufgeteilten Spiels ist an dieser Stelle von Herbert F r i c d e n 111 a I, der es für die Bühne des Kulturbunds eingerichtet hat, bereits gespochen worden. Das Land ist vom Aufruhr durchtobt. Mensehen stehen im Kampf. 111 diesen Bildern rollt vor unseren Augen ihr Leben und ihr Sterben ah. Es fällt ein junger Jude, es fällt ein Araber, es fällt ein englischer Soldat, Sie haben einander getötet. Aber warum haben sie einander getötet? Denn das Herz, das unbegreifliche menschliche Herz, das sich von keinem noch so klugen Gerede zum Schweigen bringen lassen will, hört nicht auf, nach dem Sinn dieses Sterbens zu fragen. Es spürt sehr wohl, daß die Spannungen hier nicht im Seelischen wurzeln, sondern im Politischen, und daß es daher unmöglich ist, diese Konflikte unter vier Augen, das heißt von Mensch zu Mensch, auszutragen. In einem Drama, als der höchsten Form der Dichtung, würde das nämlich geschehen; denn es ist so etwas wie eine zweite Weltschöpfung, eine von seinem Schöpfer völlig losgelöste und ganz für sich bestehende Welt, von welcher der dichter uns nur eine sinnbildlich-hhitvollc Anschauung gibt. Und noch etwas anderes kommt hinzu: den Dichter interessiert nur das Einzelne, das Unterscheidende und Individuelle; den Politiker nur das Allgemeine. Was Bat Dort schrieb, ist viel mehr eine Epopöe als ein Drama. Alle dichterischen Formen haben ihre immanenten Gesetze, und kein Theaterpuhlikum der Welt wäre auch nur eine halbe Stunde in den! verdunkelten Raum festzuhalten, wenn man sein Gefühl nicht für jeden Einzelnen erregte, von all den vielen, die iin grellen Schcinwcifcrlicht der Bühne ihr l eben in einem bestimmten Augenblick sichtbar werden lassen. U111 mm das Entscheidende zu zeigen, das zu dem tragischen Untergang dieses Arabers, dieses englischen Soldaten und dieses jungen Juden führte, bedient Bat Dori sich einer ungewöhnlichen und ungcinein erregenden Form biihnendramatischcr Anschauung. Sie schaltet einen ,,Sprecher“ ein, einen Lenker und Deuter des Geschehens. Dieser .,Sprecher“ steht zwischen der Bühne und dem Publikum, und er spricht die Fragen aus, die auf unser aller Lippen schweben. Und da auf der Bühne andere Gesetze gelten als in der Wirklichkeit, läßt er diese vom Tode beherrschte Wirklichkeit hinter einem Vorhang verschwinden. Die Kausalität ist aufgehoben, die drei Gefallenen erheben sich und kehren an jenen Punkt ihres Lebens zurück, an welchem ihr Schicksal sich entschied. M a c 11 111 u d - A I i ist ein in Armut lebender Fellache wie tausend andere. Er ist gottesfürchtig, arbeitsam, er haßt die Juden nicht, die seine Nachbarn sind, im Gegenteil, denn seit sie im Lande sind, geht es ihm besser. Der Scheid! Abdul-Kader ist ein Gauner wie tausend andere und er hallt die Juden, weil sie ihm die unmenschlich niedrigen Löhne der Fellachen verderben. Maolunud-Ali glaubt an die Heiligkeit der Buchstaben, mit welchen der Koran geschrieben worden ist. Und als man ihm einen Zettel vor die Augen hält, der in den gleichen Buchstaben, mit welchen der Koran gedruckt ist, die Behauptung enthält, die Juden hätten eine Bombe in die Omar-Moschee geworfen und in Jaffa sechzig Araber getötet, geht er hin, lotet und wird getötet. Toni Ltiekv ist ein junger hübscher Bursche, der eine kleine Stellung bat und der Dorothv, das Mädchen, das er liebt, heiraten möchte. Aber er liebt auch seine gute Mutter und möchte für sic sorgen, da der Water, der ein Säufer war, ums Leben kam. Aber Dorothv hat ehrgeizige Pläne; sie sagt Tom, daß er ihr doch wohl nichts bieten könne und äugelt infolgedessen mit einem älteren, aber wohlhabenden Mann. Da geht der arme, hübsche und enttäuschte Tom hin und läßt sich für die Armee anwerben... Diese beiden Bilder, das arabische und das englische, sind mit plastischer Aiiscliaiiimgskraft: gestaltet; sie erwecken zumindest die Illusion von Lebensnahe und Gültigkeit. Und sie erregen unsere Anteilnahme für das Schicksal dieser Menschen. Und nun das Leben und Kämpfen in einer Kwuzali. Arbciten, Wachen, Soldat sein, eindrucksvolle Bilder aus dem Leben der neuen jüdischen Gemeinschaft, Chajim licht Channah, und Channah liebt ihn. Sie pflanzen Orangenbäume, sic hobren nach Wasser, sie liegen in den Gräben und verteidigen dies Stückchen Handbreit Erde unter ihren Füßen, das sie mit der Kraft ihrer Hände zur Blüte gebracht haben. Und Chajim wird getötet, ein Opfer des neuen Werdens auf der alten Heimaterde. Aber hier, gerade hier versagt die gestaltende Kraft der Autorin. Gerade lu'er fehlt manchmal die Atemnähe des Lebendigen. Das ist nun keineswegs erstaunlich, und es wäre fast unnatürlich, wenn es anders wäre. Es gehört eine ungeheure Distanz dazu, um so etwas gestalten zu können. Bat Dori ist eine Arbeiterin in einer Kwuzah. Sie müßte ein Monstrum sein oder cm Genie, wenn sie die Kraft aufbrachte, sich von dem blutvollcn Leben, in welchem sie steht, zu distanzieren, um es zu gestalfeil. Die Erschütterung, die uns dennoch hier in dieser Szene packte, das Gefühl mit allem, was cs in uns erregte, lebte von unseren Gnaden, und nicht von ihren. Die Aufführung dieses Stuckes bildet ein Ruhmes• b I a t t in der Geschieht e dies e r B u h n e. Ls ist vielleicht die geschlossenste und am liodisten zu bewertende Leistung seit ihrem Bestehen. 1 )ie Arbeit des Regisseurs Wisten ist einschr.äuktmgsios bewunderungswürdig. Der Ton, in welchem er die Schauspieler sprechen ließ, war von einer wohltuenden Verhaltenheit und deshalb von so ein* dringlicher Wirkling. Die I nttaitiing der Gebärden war bis zu äußerster Knappheit zurückgcdrnngt sitätsgeladen bis zum Rand. in diesem figtirenreichen Stuck war beschäftigt, manche sogar in zwei bis großartigen Araberszene waren Alfred 1 Sigmund N ti!!her g von hinreißender Plastizität, ln einer kleinen Episode und dennoch inten* das ganze Ensemble drei Rollen. In der 1. i c 111 e 11 s t e i n und ichtheit, Farbigkeit und fiel hier Lillv Kann besonders auf. -־ Tom Luckv war Hans Karl R o s e n b e r g. Eine Figur aus einem einzigen Guß. Mit schweren lind lang* samen Gebärden 1011־ wundervoll einprägsamer Bildhaftigkeit. Seine Mutter: die Bernstein, haftend und groß in ihrer erschütternden Einfachheit. Die Spannweite ihrer Begabung scheint keine Grenzen zu kennen. In dieser englischen Szene fielen in fesselnden Episoden W’oltgang C 11 a s s e 1 auf und Eva Baruch, die der Dorothv scharf gezeichnete Konturen gab. Und wie vorhin als arabischer Scheich war N 11!1 b e r g liier, als der Mann mit dem Johannistrieb, von überzeugender Gültigkeit. -- Dir Rolle des (ihajim hatte inan in die Hände Alfred Berliners gelegt. Zwischen ihm und der Figur lag hei aller schauspielerischen Phantasie, die dieser hochtalentierte Darsteller auch in dieser Rolle entwickelte, eine gewisse küble Luftschicht von 1 rcmdluut. die immer spürbar blich. Allerdings darf man cs iiuht verschweigen, daß diese Figur nur skizzenhaft 111 den Umrissen gezeichnet ist. Auel! die Figur der־ Ghannuh Gmn 1 r 1 r 11 m ג n n — hätte etwas farbiger sein können. (iut m dieser Kwu/.ah-Szene war Herbert G r 11 11 b a!1 m, lebendig und wirksam Wolfgang Bernstein und Ruth Fn ml t II. 111 kleineren Rollen sind noch H e r /. B mul t, B a er, Urin s, p r a ge r, Lion, Sega II und ( ierda Klein rühmend zu nennen. Und last not least Kurt Suss m a n n in Her einprägsamen Rolle eines blutjungen englischen Soldaten. Die Rolle des Sprechers hatte der seihst übernommen. Diese Rolle hat Klippen. Wisten umsegelte sie mit großem Geschick. Und nun am Schluß, da dies alles worden ist, muß man es endlich ans־ Aufführung, der Cond eil!mt Klim erregenden szenischen Phantasie den etwas ausging, das w deshalb tief in unsere Herzen drang. Wie eine Mauer standen die erschütterten Menschen im Parkett, als der Vorhang sich zum letztenmal gesenkt hatte, und überschütteten die Buhne mit ihrem großen und aufrichtigen Dank. M. Michalowitz viele l '11 bis nun iiifdr scur Wisten t ungefährliche nghclikeit und ins klciii-te analysiert prcclien, daß von dieser heit und einer׳ geradezu festen Rahmen schuf, heilige Flamme brannte und l'oloi: Abr*h*m u*> BERG ÜsEMSTEllSlj&£C4 LL **?MmUM/GitEtMAV/V &CHTENrTEUt Cjc?£RL I ZV £