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Jüdische Rundschau · 1938-05-03 · Heft 35 (3.5.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 35 (3.5.1938)
Date
1938-05-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35, 3, V. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Ein Arbeitsbericht Es gehört heute das Wissen eines guten Fachmannes dazu, um wirklich einen Ucberblick über alle Zweige der jüdischen Arbeit in Deutschland zu gewinnen. Je mehr das Leben des einzelnen Juden in allen seinen Bezirken von der jüdischen Seite her gestaltet wird, je mehr alle Teile unseres Lebens unter dem Motto des Judeseins stehen, desto enger wird naturgemäß auch die Verbundenheit eines jeden von uns mit den verschiedenen Formen der jüdischen Arbeit. In besonders starkem Maße offenbart sich diese Vielfalt in der Tätigkeit der zentralen Organisation, die sich die Juden in Deutschland im Laufe der letzten Jahre aufgebaut haben, nämlich der Reichs Vertretung. Die Zeit ist noch gar nicht so lange her, als in der jüdischen Oeffentlichkcit Diskussionen über die Notwendigkeit dieser Organisation geführt wurden, und manche glaubten, ihr neben Gemeinden und Gemeindeverbänden kein besonderes Existcnzrecht zugestehen zu sollen. Die Zeit hat auch diese Diskussionen überflüssig gemacht, und beute wissen wir, daß hier eine Zentralstelle vorhanden ist, die nicht nur nach außen hin repräsentativ wirkt, und die Verbindung mit den großen jüdischen Hilfsinstitutionen des Auslandes aufrecht erhalten kann, sondern daß sie selbst eine Fülle von praktischen Aufgaben bewältigt, die von keiner anderen Institution mit der gleichen Wirksamkeit durchgeführt werden könnten. Wie alljährlich, so gibt auch jetzt der Arbeitsbericht der Reichs Vertretung für das Jahr 1937 einen Ueberblick über die verschiedenen Zweige ihrer Tätigkeit. Selbst derjenige, der mit dieser Arbeit vertraut ist, staunt immer wieder über die Vielfalt und die Bedeutung dieses großen Werkes der Selbsthilfe. Der Bericht schildert zunächst die Leistungsfähigkeit der Judenheit Deutschlands und ihre Leistungen, wobei aufschlußreiche Zahlen über die bevölkerungspolitische Entwicklung gegeben werden. Es folgt sodann ein Abschnitt über die jüdische Wanderung, aus der wir 11. a. erfahren, daß im Jahre 1937 ca. 23 000 Juden Deutschland verlassen haben. Im einzelnen werden die Arbeitsgebiete der verschiedenen Wanderungsorganisationen, darunter des Palästina-Amtes und des Hilfsvereins ausführlieh geschildert. Im Abschnitt über Wohlfahrtspflege wird u. a. mitgeteilt, daß die Jüdische Winterhilfe im Winter 1936 37 über 82 000 Personen betreute. Das Schulwerk der Reichsvertretung hat sich weiterhin ausgedehnt, wovon eine Reihe von Schulneugründungen zeugen. Auf dem Gebiete der Wirtschaftshilfe sind besonders die jüdischen Darlehenskassen zu erwähnen, die über 2300 Darlehen im Gesamtbeträge von über 930 000 RM. gewährten. Von ganz besonderem Interesse muß naturgemäß der Arbeitsbericht über das Gebiet der Berufs Umschichtung sein, der auch noch durch eine besondere Denkschrift ergänzt wird. Von insgesamt ca. 127 000 jüdischen Auswanderern aus Deutschland, die bisher ausgewandert sind, standen 35 000 Personen im Alter von 15 bis 30 Jahren; von diesen wurden mit Hilfe der Reichsvertretung 1 8 000 handwerklich und landwirtschaftlich ausgebildet, so daß also die Auswanderung minderbemittelter junger Menschen zu einen! sehr erheblichen Teil durch das Werk der Berufsumschichtung ermöglicht wurde. Ende 1937 befanden sich über 4700 Personen in der Berufsausbildung. Der Jahresbericht schließt mit Angaben über die finanz i e 11 e Entwicklung, die die Größe der Aufgaben und zugleich die Knappheit der trotz allen Anstrengungen im In- Der Zug der 158 Ein Palästina ־Siedlungsversuch im lahre 1866 Diese Episode gehört der Geschichte des Zionismus nur mittelbar an, aber sie verdient doch, vermerkt zti werden. Es ist 72 Jahre her, daß ein Schiff mit 158 Passagieren den Hafen Johnsport im Staate Maine verließ, um nach Palästina zu fahren. Der Führer der 158 Männer, Frauen und Kinder war der junge George Adams, der seinen Anhängern mit glühenden Worten gepredigt hatte, es nahe ״das Ende der Tage, und das Reich Gottes beginne auf Gottes Erde“, es müßte» nun alle fromme Christen sich beeilen, um rechtzeitig ״im Lande Israel ihr Nest zu bauen“, und auf dem heiligen Boden werde das Wunder geschehen. Dieser Zug von christlichen Siedlern war nicht der erste seiner Art, auch nicht der erste, der ein tragisches Ende fand. Von den 158 leben jetzt noch zwei Menschen, der 78jährige Mr. Arthur G. Rodgers und seine 84jährige Schwester Mrs. A. B. Kelly, sie wohnen in Johnsport, von wo der Zug seinen Ausgang nahm, und eine amerikanische Zeitung hat sie jüngst interviewen lassen, so daß man einige neue Einzelneiten über die Expedition erfährt. Bezeichnend ist schon die Geschichte des Urhebers dieser Fahrt: Adams war ursprünglich englischer Schauspieler, er kam um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach Amerika. Nach der Gründung der Mormonensekte wurde der chemalige Schauspieler Mormone und bald einer von Smiths Helfern. Aber der Mortnonenführer Smith war bekanntlich nicht besonders duldsam. Adams konnte ihm nicht lange Gefolgschaft leisten, wozu er wohl auch zu selbständig oder selbstherrlich und darin dem Mormonenführer vielleicht allzu ähnlich war, kurzum, Adams beschloß, eine eigene Sekte zu gründen, deren tragende Idee Palästina sein sollte. Die nötige Zündkraft der Rede, die suggestive Gewalt der Stimme, den mitreißenden Zauber der Persönlichkeit, das alles hatte er in hohem Maße, den Ehrgeiz nicht minder, und der Empfänglichkeit des amerikanischen Publikums konnte er nach seinen Erfahrungen bei den Mormonen gewiß sein. Er zog also im Staate Maine von einer Siedlung zur andern, sie lagen weit voneinander entfernt, und die Menschen waren vveltabgcschnittene Kleinhändler, Farmer, Arbeiter, naive Leute. Adams gründete eine ״Palcstine Emigration Soc i cty“, sammelte Geld und notierte Mitglieder, die bereit waren, sofort mit Weib und Kindern nach Palästina zu ziehen. Es waren schließlich 158, sic verkauften ihre Häuser, Felder, ihre Fischerkähne und Netze, sie übergaben das Geld der Gemeinschaftskasse, und eines Morgens saßen sie alle an Bord der ״Nelly Chapin“, die die Anker lichtete und nach Palästina fuhr. Kein letztes Abraten zuriickblcibender Verwandter hatte geholfen, sie hatten Vorräte an Bord, Getreide lind Sämereien, Kartoffeln, Mehl und allen nötigen Proviant, sie hatten gutes Wetter während der Ueberfahrt, tanzten auf Deck und sangen geistliche Hymnen: ״Hallelujah, we will see the Holy Land... Am zweiundvierzigsten Tage der Reise passierten sie Gibraltar, das Mittelmeer war freundlich, lind jubelnd landete man in Jaffa. Einige Einsichtige hatten schon unterwegs und Auslande zur Verfügung stehenden Mitte! deutlich machen. Man darf aber erwarten, daß gerade dieser Bericht dazu beitragen wird, die Anteilnahme an dem großen Werk, das die Reichsvertretung mit ihren Organen durchzuführen hat, noch mehr zu steigern, als es bisher schon der Fall gewesen ist. In dieser Zeit bedürfen die Einrichtungen der jüdisehen Selbsthilfe einer Kräftigung, die weit über da« bisher Erreichte hinausgeht, sind sie doch nicht nur unter materiellen Gesichtspunkten das Rückgrat des jüdischen Lebens, sondern auch eine m 0 r a I i s c h « Stütze, deren Besrehen für jeden Juden von entscheidender Bedeutung ist. oe. Was wird aus den Gemeinden? Wir haben an dieser Stelle mehrfach auf die Probleme hingewiesen, die sich für die Zukunft der jüdischen Gemeinden in Deutschland aus der neuen gesetzliehen Regelung ergeben, durch die ihnen die Stellung von Körperschaften des öffentlichen Rechtes genommen wurde. Uns scheint, daß diese Wochen und Monate für die verantwörtlichen Kreise in den jüdischen Gemeinden und Oemcindeverbänden von außerordentlicher Bedeutung sind. Es wird darauf ankommen, im Rahmen der jetzigen gesetzliehen Regelung eine solche Verfassung für die jüdisehen Gemeinden zu schaffen, daß trotz allem ihre Leistungsfähigkeit im Interesse der in Deutschland lebenden Juden erhalten bleibt. Das gilt nicht nur für die Probleme der Mittclbeschaffung auf der einen und der insbesondere in steuerlicher Hinsicht eingetretenen neuen Belastungen auf der anderen Seite, sondern ebenso sehr für den Charakter der Gemeindeorganisation, der jetzt einer grundsätzlichen Ueberpriifung unterliegt. Heute kommt cs darauf an, daß wir selbst alle historischen und persönlicbcn Rücksichten, die in der Vergangenheit mehr oder weniger große Berechtigung haben mochten, überwinden und zu einer einheitlichen Organisation des Gemein dclebens gelangen, die gewiß nicht in sehematischer Weise zentralisiert ist, aber dennoch einen Apparat besitzt, der so einfach wie möglich und reibungslos die großen Aufgaben erfüllt, die gerade in Zukunft den Gemeinden zufallen werden. Hier ist eine Gelegenheit wie selten gegeben, eine Gencraibercinigting herbeizuführen, Veraltetes zu beseitigen und die Erfahrungen der Vergingenheit, soweit sie nützlich sind, für den Aushau der neuen Organisation zu verwerten. Wir können nur hoffen, daß die Männer und Gruppen, auf denen die Verantwortung für die Neugestaltung der organisatorischen Grundlagen des jüdischen Oemeindelebens in Deutschland liegt, die Aufgabe der Stunde begreifen, und daß sie ein Gerüst für unser Gemeindeleben zimmern, das den Erfordernissen unserer Zeit gewachsen ist. Ben Der Sinn der Selbsterziehung Man spricht in der jüdischen Oeffentlichkcit sehr viel von den Fortschritten, die das Judentum in Deutschland auf seinem Wege der Rückkehr zu sich selbst gemacht hat. In der Tat gibt cs gewiß sehr viele Menschen unter uns, die in dieser Zeit sich bewähren und die ״kopernikanische" Wendung zu sich selbst vollzogen haben. Dabei allerdings darf man nicht übersehen, daß nicht allein auf dem Gebiete des geistigen Lebens diese Wandlung nottut, sondern daß sie sich ebenso sehr in der praktischen Bewährung offenbaren muß, d. h. in der Beziehung des einzelnen Juden zu der! Forderungen moralischer und inaterieller Art, die die jüdische Gemeinschaft an ihn stellt. Auch in dieser Hinsicht ist ohne Zweifel sehr viel gegen früher anders geworden, und cs gibt beute einen großen Kreis von Juden, die trotz Schwindens der materiellen Substanz nach ihren Kräften zu den großen Aufgaben beitraen, die sich aus den Notwendigkeiten des jüdischen Leens auf allen Gebieten der Fürsorge, der Berufsausbildung, des Schulwesens, der Auswanderung usw. ergeben. Auch Menschen, die die Grenzen dieses Landes verlassen haben und sich nun draußen eine neue Existenz aufhauen, gibt es, die nicht an ihre Brüder vergessen, die zurückgeblieben sind und selbst noch an der Bahnung des Weges Zweifel an ihrem Führer Adams gefaßt. Es waren nämlich auch Fässer Branntwein an Bord und Adams sprach ihnen so eifrig zu, daß er manchmal tagelang nicht nüchtern wurde. Im Heiligen Lande wurde das noch schlimmer. Hatte man ihn an Bord noch damit entschuldigt, daß er im Rausch angeblich Visionen hatte, so brauchte man nun weniger einen Visionär als einen nüchternen, praktischen Ratgeber und Leiter. Aber Adams war offensichtlich ein heilloser Trinker, und sie mußten allein sehen, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden. Sie siedelten sich bei Jaffa an. Das große Wunder, um dessentwillen sic ausgezogen waren, wurde vielleicht nicht vergessen, aber die Arbeit ließ ihnen keine Zeit. Das Land war noch völlig unbearbeitet, die amerikanischen Pilger waren seinen Tücken nicht gewachsen, viele vertrugen das Klima nicht. Bedenklicher noch waren die Mißerfolge ihrer Arbeit. Sie hatten fast nur Kartoffeln gepflanzt, und als es zur ersten Ernte kam, war die Erde hart wie Felsen. Mit Spitzhacken brach man sie mühselig auf und fand von der Aussaat das meiste verdorrt, die bestgeratenen Kartoffeln kaum walnußgroß. Sie konnten keine Brunnen bohren, das Wasser in den Wasserlöchern u׳ar voller Krankheitskeime. Wenn sie dann aber ihrem Führer klagten, das Wasser sei verpestet, schrie er sic an: kein anständiger Mensch trinke Wasser, sondern Branntwein wie er selbst! Die Verzweiflung stieg täglich, Malaria, Magen- und Hautkrankheiten kamen auf, und bedtiinische IJeberfälle taten ein übriges. Als nach einiger Zeit ein amerikanisches Schiff anlief, Kamen die Kolonisten zji ihren Landsleuten und baten um Hilfe. Von den 158 war noch ein Drittel am Leben. Die Neuangekommenen waren Quäker, die die heilien Stätten besuchen wollten, und einer von ihnen, Moses . B e a c h, damals Herausgeber der ״New York Sun“, legte 1500 Dollar aus, um die Rückreise der Verzweifelten zu ermöglichen. Nur sechs Mann wollten um jeden Preis im Lande bleiben. Sic glaubten noch an ihre Idee und erklärten: Adams hat uns verraten, aber wir werden Gott nicht verraten. Adams war einer der Heimkehrer. Von diesen wagte sich niemand mehr in die Gegend von Johnsport zurück, aus Scham über das jämmerliche Ende ihres großen Planes. Die beiden Geschwister, die damals noch Kinder waren und allein in Johnsport ankamen, wissen von den!ihrigen so wenig wie von den in Palästina Gebliebenen. Nur vom Ende des Adams berichteten sie. Nach einer Darstellung kam Adams aus Palästina nach Kalifornien, gründete eine Sparkasse, wollte mit dem Geld durchbrennen, wurde gefaßt und starb im Gefängnis. Nach der anderen Darstellung hat Adams wieder zu predigen angefangen, drei Jahre in Philadelphia viel Zulauf gehabt, ist dann aber erkrankt und nach einigen Monaten der Lähmung gestorben. ״Wir kamen zu früh nach Palästina“, schließt Mr. Rodgers seine Erinnerungen, ״aber in der heiligen Bibel stellt, die Juden würden wieder ins Heilige Land zuriiekkehren, und so wird es erfüllt werden. Schon haben sie die Wüste, der wir nicht gewachsen waren, in blühendes Land verwandelt, und Gott ist mit ihnen. Ja, die Worte der Bibel werden erfüllt.“ H, arbeiten, den sie selbst bereits beschritten haben. Es ist klar, daß gerade in einer Zeit, in der die Juden Deutschlands mit Recht an die Hilfsbereitschaft der materiell bessergestellten jüdischen Gruppen, besonders in den westlichen Ländern appellieren, sie selbst mit allen Kräften dazu beitragen müssen, daß fiir ihre Aufgaben die nötigen Mittel vor• handeti sind, und daß es besonders wichtig ist, wenn auch die Ausgewanderten nicht an die alte Heimat ver* gessen und den Zurückgebliebenen materielle Hilfe leisten, soweit sie dazu irgendwie in der Lage sind. Es ruht aut un# allen, besonders auch auf der jüdischen Emigration aus Deutsch• land, in dieser Beziehung eine schwere Verant wor• 111 n g, deren Erfüllung besonders dringlich ist. Hier zeigt es sich auch zu einem großen Teile, inwieweit die innere Wandlung, von der wir so oft sprechen, wirklich die Seele des Menschen erfaßt hat und nicht im Bereiche des Prokla• matorischen verbleibt. Besonders dort vermag sie sich zu hewähren, wo Menschen den Weg in andere Länder bereits gefunden haben und nicht mehr unter dem Eindruck des Gemein• Schaftserlebnisses stehen, das die Juden in Deutschland empfinden. Dort in einer neuen Lebenssphäre beweist sich ein innerer Wandel durch tätige Anteilnahme an den jüdischen Aufgaben am allerstärksten. ek. Das Expose Wer in einer jüdischen Organisation tätig ist, hat nicht selten Gelegenheit, im Briefeinlauf bemerkenswerte Dinge zu finden. Irgend jemand, den man bis dahin nie gekannt hat, schreibt an die Leitung, er beehre sich, der sehr geschätzten Organisation die nachfolgende״ Vorschläge zu unterbreiten. Die Erfahrung langjähriger Praxis sei darin niedcrgelegt. Der örtliche Vorsitzende oder Vertrauensmann erscheine ihm kaum geeignet, die Vorschläge, die das Expose enthalte, sachverständig zu beurteilen; er zweifle jedoch nicht, daß die höhere Einsicht der Zcntralinstanz den entscheidenden Wert der neuen Ideen richtig einzuschätzen in der Lage sein wird, und er sehe der baldiger! Rückäußcrung gerne entgegen. Das ist der Begleitbrief; und dann kommt das Export selber. Es beschäftigt sich erklärlicherweise — vorwiegend mit Wandcrungsprohlemen, Uchersec tmd I,alastinakolonisation. Die höhere Einsicht der Zentralinstanz reicht selten hin, um prima vista unterscheiden zu können, wo der richtige Gedankenkern aufhört und die phantastische Ausmalung heginnt. Genauere Prüfung erleichtert diese Differentialdiagnose auch nicht. Schließlich: cs gibt Leute, die etwas von Propaganda verstehen, andere, die in der Sozialarbeit erfahren sind; inan hat Transferspe/ialisten und Wirtschaftspolitiker, und wie dornig die Aiifangsstadien jeder Kolonisation sind, weiß man auch; aber wer kann über Exposes entscheiden, die mit dem Anspruch auftreten, den Weg zur Lösung der Lebe ns prohlcmc des jüdischen Volkes in Palästina und allen Kontinenten zu zeigen? Die Rückkehr zur biblischen Einfachheit des Lebens; die Beseitigung des jüdisch-arabischen Gegensatzes in Palästina; das Ventil fiir den Wanderungsüberdruck — das alles kann man haben, wenn .... Ja, wenn! Die Leitung der geschätzten Organisation fühlt schwer die Verantwortung auf ihren Schultern lasten, die ideenreiche und initiativfreudige Männer ihr /!!geschoben haben. Befände sich doch in ihrem Mitarbeiterkreise wenigstens ein Einziger, der mit diesen Exposes Schritt halten könnte! Der sie verstünde, nach Palästina Brandbriefe schriebe, die Judenheit in Bewegung setzte! Aber der ist nicht da; und die Erfüllung der Bitte um baldige Rückäußcrung wird jenseits der Höflichkeitspflichten im Briefverkehr zu einem Problem. Vielleicht ist es unumgänglich, daß in einer mit schweren Lebenssorgen ringenden Gemeinschaft nicht nur der Besserxvisser, sondern auch der Plänemacher auftaucht. Vielleicht ist das ״Expose“ eine jüdische Zciterscheinung. Aber vielleicht wäre es doch besser, cs wäre etwas seltener. W. G. Juden in der Wirtschaftswerbung. Die Genehmigung zuf Ausführung des Berufes eines Wcrbcfaclinianncs ist nach der Bekanntmachung des Werberatos der deutschen Wirtschaft vom 30. Dezember 1935 im Regelfall an die Mitgliedschaft zur Reichsfachschaft Deutscher Werhcfachleute geknüpft, in der nur Dcutschhliitigc Aufnahme finden können. Bei Juden ist eine Einzelgenehmigung des Werberats erteilt worden, wenn fiir sic auch nach anderen Bestimmungen eine Sotiderbeharidlung gerechtfertigt war (Frontdienst usw.). Vielfach haben Antragsteller schon längere Zeit die Tätigkeit eines Wcrbrfachmannc.s ausgeubt und den Antrag auf Einzelgenehmigung erst nach entsprechendem Hinweis der zuständigen Stelle gestellt. Eine Mitteilung des Werberats weist darauf hin, daß nach dem 15. März 1938 keine Genehmigungen mehr für solche Antragsteller erteilt werden, die eine genehmigungspflichtige Tätigkeit ohne Genehmigung ausgeubt haben. die itoMuiiatiöH■ In den Jahren vor dem Kriege hatte die jüdische Gemeinde in Königsberg Pr. enge Beziehungen zt! Litauen, nicht mir wegen der Zusammensetzung der Gemeindemitglieder oder wegen deren regen Handelsbeziehungen zum Baltikum, sondern wegen des guten Rufes, den die Aer/tesehaft Königsbergs bis weit nach Rußland hinein genoß. Es gehörte für den gut situierten Juden in den westlichen Gouvernements des russischen Reiches einfach zum guten Ton, in Krankheitsfällen oder vor einer Badereise sich von einer Kapazität in Königsberg untersuchen zu lassen. So war in den zahlreichen jüdischen Läden der Vorderen Vorstadt in Königsberg ein ewiges Kommen und Gehen von Juden aus allen möglichen russischen Städten; man traf sich dort zu gemtitliebem Plausch, unterhielt sich über Neuigkeiten und über seine diversen Krankhcifscrschcimingen, und besonders lebhaft war der Gedankenaustausch über die Acr/te, ihre Heilmethoden und — natürlich über ihre Honorare. Und erst, wenn man sich von allen Seiten orientiert fühlte, ging man zum Arzt. Da kommt eines Tages in die Sprechstunde zu Professor X., dein berühmten Spezialisten für Diabetes, der aus Kowno gebürtig war, ein Landsmann und heischt, untersucht zu werden. Der Professor heißt ihn, sich aus/iiziehcn, untersucht ihn gründlich und, während der Patient sich wieder ankleidet, setzt er sich an den Schreibtisch, um seine Verordnungen aufzuschreihen. Der Kownocr ist inzwischen fertig angezogen, zückt sein Portemonnaie •und legt still und hescheiden ein Fünf-Mark-Stück aul die Schreibtischplatte. Da sagt der Professor: ״Verehrter Herr, cs dürfte Ihnen bekannt sein, daß eine Untersuchung bei mir zwanzig Mark kostet.“ ״Esoj?“, sagt der Kownocr sehr verwundert, ״mir hot men gesogt: ze h n!“ Dr. R.

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