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Jüdische Rundschau · 1938-04-26 · Heft 33 (26.4.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 33 (26.4.1938)
Date
1938-04-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 33, 26. IV. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Blick nach Columbien Peßach-Gruß aus Johannesburg Die folgende Schilderung stammt von einem jüdischen Auswanderer aus Deutschland, der über die Lcbcnsvcrhältnisse in der Hauptsladt des im Nordwesten Südamerikas gelegenen Staates Columbien, Bogota, sehr anschaulich berichtet. Die Darstellung beschränkt sich auf die allgemeinen Lebensvcrhältnissr, ohne die. speziellen jüdischen Probleme zu berühren, doch dürfte ihre Kenntnis bei dem Interesse, das Columbien als Irntni■ grationsland findet, für unsere Leser wichtig sein. Der Brief wurde uns vom Hilfsverein der Juden in Deutschland zur Verfügung gestellt. (Red.) Bogota — Columbiens Hauptstadt Dem Besucher, der Columbiens Hauptstadt zum ersten Male betritt, bietet sie sich als eine Stadt voller Gegensätze, stärkster Kontraste dar. Modernste Wolkenkratzer neben Baracken, größte Eleganz neben ausgeprägter. Armut, regster Eleifi neben Bettlern. Dazu Berge und Täler, Regen und Das Capitol in Bogota 8"»*«ון״׳י־יק "־י׳"" |iMT& MG 5« Sonnenschein. Und auch wenn man einige Wochen hier wohnt, sich sozusagen, schon etwas hier eingelebt hat, bleibt dieser erste Eindruck, auch wenn man sich an das Bild gewöhnt hat, haften, da man diese Gegensätze immer wieder aufs neue antrifft. Entwicklung der Stadt Von den spanischen Eroberern im Jahre 1538 gegründet — so daß man also in diesem Jahre das 400jährige Bestehen der Stadt festlich begehen kann — ist Bogota ein in rastlosem Aufstieg begriffener, durchaus als Großstadt zu bezeichnender Ort. Und da alle Einwohner, besonders die Fremden, die schon länger hier leben, versichern, daß sich in den letzten zehn Jahren außerordentlich viel geändert habe, so ist anzunehmen, daß man das Gesicht der Stadt in weiteren zehn Jahren kaum wiedererkennen wird. Und es sind ja auch alle Vorbedingungen gegeben, die columbianische Landeshauptstadt mit der Zeit zu einer europäischen Verhältnissen angepaßten Metropole zu machen. Nur darf man nicht den Mut und die Geduld verlieren, muß sich mit der südamerikanischen und speziell columbianischen ״Paciencia“, der ״Geduld“ wappnen. Und man muß sich auch hüten, allzu viele Vergleiche mit Europa zu ziehen, da man dann naturgemäß immer enttäuscht sein und seines 1 cbens hier nicht froh werden würde. Bogotas Lage In einer Höhe von etwa 2640 m über dem Meere in einer weiten Hochebene gelegen, rings eingeschlossen von Bergen, die die Stadt noch um weitere 600-000!-״ nt überragen, bot Bogota von jeher für die menschliche Ansiedlung einen bcvorzugten Platz in klimatischer Hinsicht. Allerdings muß sich der Europäer erst an die Höhe und die damit verbundene dünne Luft gewöhnen. Da die Stadt im allgemeinen ganz eben angelegt ist, fällt das in anderen columbianischen Städten, wie Manizalcs, erforderliche viele Steigen und die damit verbundene Anstrengung des Herzens weg. Regen und Sommerzeit wechseln ziemlich unregelmäßig mehrmals im Jahre ab. Die Verbindung der Hauptstadt mit den anderen Landesteilen und vor allem den beiden Küsten ist durchaus gut. Von B a r a n q u i 11 a, der Nordküste, fährt man in elcganten und bequemen Elußdampfern den Magdalenenstroin hinauf etwa 10—14 Tage (zuletzt mit Eisenbahn und Auto), während man von der pazifischen Küste, von Buenavcntnra, mit Eisenbahn und Auto schon in drei Tagen heraufkominen kann. Dabei ist natürlich zu berücksichtigen, daß man von Europa aus bei der Reise über Raranquilla meltrere Tage Seereise (Panamakanal und Pazifik) und ihre Kosten spart. Am schnellsten geht’s natürlich von beiden Stellen aus im Flugzeug, aber das ist, wie überall, für einen gewöhnlichen Mitteleuropäer nicht zu erschwingen. — An sich hat Bogota ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz mit modernen Bahnhöfen und eine ganze Reihe modern ausgebauter Carreteras, Autostraßen, die aus der Stadt in alle Richtungen hinausführen. Im übrigen besitzt Bogota alles, was eine moderne Groß- Stadt haben muß: Wasser, Elektrizität, Straßenbahn. Mit dem Wasser ist es allerdings, besonders in den alten Hausern, und in höheren Stadtteilen, weniger gut bestellt, und cs kommt vor, daß man tagelang sehr sparsam damit umgehen oder es manchmal sogar ganz entbehren muß. Nur Gas fehlt. Anlag• der Stadt Die Stadt erstreckt sich in einer Ausdehnung von mehreren Kilometern von Norden nach Süden und ist so angelegt, daß sich die meisten Straßen rechtwinklig schneiden. Hie von Norden nach Süden laufenden werden als ״Carreras“, die anderen als ״Calles“ bezeichnet. Hauptstraßen sind die Carreras 7, 8 und 13, und in diesen, besonders iri den beiden erstgenannten spielt sich fast das ganze hauptstädtische Ecben ab. Einzelne Prachtstraßen, ״Avenidas“ genannt, erst י .יי m » י יו« יי « <י« « ו Wir erhalten von einem I.cser diesen Peßach-Grnfi ans Johannesburg in Südafrika. Der Arger, der die Mazzolh ausjährt, ist gewiß ein seltsam anmutendes Bild. Fol״; I.nrk neuerdings angelegt lind durchaus modern, beleben das Stadtbild; ferner besondeis die schonen Platze und Parks, inmitten der Stadt gelegen, an denen Bogota besonders reich ist. Während sich im Westen die weite Hochebene erstreckt, lehnt sich die Stadt im Osten an die beiden Berge Monserrat und Guadeloupe an, beide gekrönt durch Kapellen bzw. ihre Ucbcrrcste. Zum Monserrat fuhrt eine Drahtseilbahn die Besucher empor. Von den hochgelegenen Teilen der Stadt und besonders von den Berggipfeln aus kann man bei gute!m '■,t .‘Si&dWiM «mb*es, Panorama von Bogota teri PffJlt ׳■■■: \ e irfd'׳ - ׳ *־׳.־׳• \ *s״-; e - - ״rra3u.11 י im ereilt '^IXULUMC VOM Ck?UTH cÄfliBEf.Ci“ (Schluß) Dann das schwarze Brett des Sportklubs. Die Ablösung»- Zeiten der Wächter. Die Pläne für den neuen Speisesaal, Grundrisse und Kostenaufstellungen. Aus Holz wird er Gerhundert Pfund weniger kosten als aus Beton — am Filr und Wider erhitzen sich die Meinungen, fast ,jeder versteht etwas vom Bau, jeder hat besondere Wünsche. Eine Statistik über die Bewässerung im letzten Monat. Jeder kann daraus erkennen, wieviel Wasser die einzelnen Wirtschaftszweige gekostet haben. Und die farbige Reproduktion eines Bildes von Goya. Jede Woche wechselt Aronschek, der Maler, das Bild aus. Am Schabbat empfängt er Besuche und zeigt ihnen •eine neuesten Skizzen; manchmal veranstaltet er eine regelrechte Ausstellung. Seine technische Ausrüstung, seine Berge von Studien in der luftigen Atelierbaraeke zeigen, wie •ich Persönlichkeit im Kibbuz entwickeln kann — wenn wirklich welche da ist. Vielleicht wird der Achtundzwanzigjährige, der bis zum Nachmittag auf dem Bau arbeitet und schon eine öffentliche Ausstellung in Haifa hinter sich hat, lächeln, wenn man von Paris spricht. Er spart das Geld für die verkauften Bilder für eine Studienreise. Und vielleicht wird der Kibbuz zulegen. — Aber darüber wird noch mancher Schabbat hingehen. * Der Duschraum der Mädchen hat nachmittags seinen festen Turnus. Um ein Uhr kommen die fünfzehn Mädchen der Jugend-Alijah. Namen wie aus der Bibel: Noämi, Tamar, Margalith. Und Gesichter aus der Grunewaldstraße in Berlin. Sie lachen und haben ihre kleinen Geheimnisse, singen hebräisch und pfeifen, ihre Haut ist schon beinah so braun und fest wie die der ״Alten“, die meisten sind frisch und sportlich. Sie arbeiten nur vormittags auf dem Feld, nach Tisch lernen sie bei ihrem Gruppenführer. ״Hast du auf der Karle nachgezeichnet, welchen Weg Jakob gewandert ist, Towa?“ ״Ach, haben wir heute Tenach?“ Ein Jahr sind die Jugendlichen aus Deutschland jetzt hier und sind sehr glücklich. Die Jungen reiten auf ungesattelten Pferden und fahren Traktor. Nach langen inneren Kämpfen hat die Jugend jetzt — genau wie die ,,Alten“ — Kleider und Wäsche in ein gemeinsamen Magazin gegeben. Wenn jemand etwa gedankenlos erwähnt, daß in noch einem Jalir die Zeit in Kinncrcth für sie um ist, verdunkeln sich ihre Mienen. Eva kommt aus dem Pardess. Obwohl sie gescheit und ansehnlich ist, hat sie keine Freunde. All ihre Liebe geht in die Saatbeete ein, tränkt die Würzclchcn der jungen Pflanzen, zieht Stecklinge groß. Um die Kaltbecte sorgt sie wie eine Mutter um ihre Jungen. Sie findet eine Bestätigung in ihrer Vereinsamung; vielleicht gibt sie ihr auch eine gewisse Autorität. Sie hat die meisten Bäume gepflanzt und veredelt, hat Kurse über Gartenbau und Bienenzucht genotnmen und gilt als ,,Fachfrau“, lieber ihrem Bett hängen P110tos ägyptischer Tempel, auf ihrem lisch liegen Handbücher der Botanik in Russisch und Hebräisch, mit Notizen gcspickt. Wohlig seift sie sich ein und duscht die Erde vom Körper. Ihre hohen Gummistiefel hat sie wie alle vor der Tür mit hölzernen Badepantinen vertauscht. Diese Gummi-Schaftstiefel sind eines der wichtigsten Ausstattungsstücke. Jetzt liegen schon zwölf Paar im Magazin. .Aber vor wenigen Jahren mußten die Mädchen noch mit ihren dünnen IlaJhschuhcn in den knietiefen Schlamm hinaus, io die überschwemmten Beete. Blumenkohl ernten heißt bis an die Hüften in Feuchtigkeit stehen. Die ältcren haben durchweg Rheumatismus und langen an, die Heilquellen in Tiberias zu benutzen. Die jungen ziehen hei der nächsten Blumenkohl-Ernte Gummistiefel mit Gamaschenhosen an, die bis zur Brust reichen. Um vier Uhr kommen die Melkerinnen. Noch eine Stunde hinterher riecht der Duschraum nach Kuhstuil. Dabei ist der Stall selbst blank und sauber wie ein Fabriksaul. Der Sleinfußbodcn wird peinlich geschrubbt, mit Puppen und Wasser werden die Euler gewaschen. Die Mädchen tragen weiße Kopftücher, Vaseline steht neben den Mclkschemcln, ein kleiner Apothekerschrank enthält alky Desinfekt ionsmittel in Greifnähe. Zum Melken kommen die Kühe von der Wiese herein, jede geht ruhig und sicher auf ihren Platz, Chassja, Tnuva, Tozcreth, Roni — zweite Generation der Kreuzung Holland und Damaskus. Euter wie Leder, Noemi muß kräftig melken. Sie spricht mit den Kühen: ״regel smol!“13) und gehorsam hebt Tnuva das linke Bein. 15) linker Fuß. Gegen Dunkelheit kommen die Mädchen vom Feld unter die Dusche. Was für eine herrliche Rasse! Gestreckte Jungcnkiirper, kleine Brüste, lange starke Sehnen in den Kniekehlen, schmale Fersen, gerade, muskulöse Rücken. Sie bürsten und seilen sielt und duschen unter eiskaltem Strahl, sehlurlen aul 11ol/pnnt inen über die Steinflieseii und frottieren sich, bis sie krebsrot sind. Zuletzt kommen die Bachuroth aus dem Kinderhaus. Sie sind zwar verhältnismäßig sauber geblieben, dafür aber schrecklich müde. Dwora hat schon ganz, kleine Augen. Sie hat eine Kanne heißes Wasser erwischt und wäscht sich noch schnell vor dein Abendbrot den Kopf. Dwora hat in Montreal in einer Fabrik gearbeitet, Kinderkleidcr genäht. Mit vierzehn Jahren kam sie aus Polen nach Kanada. Mit siebzehn Jahren wurde sie dort arbeitslos. Arbeitslosigkeit war in Amerika der eine Weg zum Zionismus. Der andere, auf dem Kinder der reichen amerikanischen .luden nach Lee/, Israel finden, führt über die Hohlheit und Lclienslcere dieser Jugend, ihre erschreckende Armut an Ideen, ihr .Nichtsattiverdcn an Sport, Flirt, Snobismus. Auf diese Weise kamen Ethcl und Meir vor zwei Jahren her. Etlicls Vater ist Millionär in Chikago, seine Tochter scheuert Herd und Töpfe und sinkt abends todmüde an Meirs Brust, der hier die Pferde striegelt und aus dem gleichen Milieu stammt. Vielleicht ist cs leichter für sic, Komfort und l.uvus zu entbehren, als für eine Dwora, die ihn in Amerika /.war gesehen und begehrt, aber nie genossen hat. Darum hängt Dwora auch mehr an schönen Dingen. Sie näht und schmückt die Baracke, breitet abends sorglich einen Lappen rosa Frotte als ״'Peppich“ vor ihr Bett und setzt eine weiße Blende um ihr Schabbatklcid, von der sie weiß, wie gut sie zu ihren dunklen Augen und dem liehteil Haar stehen wird. Das Süße, begehrlich Naive in ihrem Gesicht, um die runde Nase, weich und beweglich wie bei einem sehr jungen Hund. Die Zimmergenossin Schulnmith aus Litauen ist ihr Gegenpol. Auch sic arbeitet im kinderliaus, auch sie gehört zu den letzten im Duschrmim. Aber von dort aus kommt man nicht: an sie heran, äußerlich i.st sie nichtssagend, ihre wunderschönen Augen ausgenommen. Trotz ihren dreiundzwanzig Jahren ist sie von großer Reife und Innerlichkeit- An Dingen hängt sie gar nicht, obwohl sie zu sehen und zu zeichnen versteht. YVas in der hündischen Erziehung der Galuth als Keim in sie gelegt wurde — Hingabe an die Gemeinschaft, Bedürfnislosigkeit, Verantwortung — hat sie reich entwickelt. ״Erst wenn dir das Leben hier kein Opfer

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