Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 32 (21.4.1938)
- Date
- 1938-04-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 32, 21. IV. 1938 JößlSCHl RUNOSCHAO Palästinensischer Bilderbogen Erste Sicht ins Land Tel Aviv, 10, April Es ist fast eine Bagatelle, daß ein Kibbuz sich ein neue* Speisehaus haut. Aber wenn man in der Kwuzah Jagtir in dem Rohbau der entstehenden Speischalle steht, in diesem weifen, hohen Raum, prägt er einem mehr und anderes ein als mir das Werklichc, das aus Geld, Zeit und Bemühung erwächst, denn er ist, schon oder gerade in diesem seinem unfertigen Zustand, der imposante Ausdruck einer .Gemcius-chaftsgeMnming, eines produktiven ZusammengehörigkcitsgefnliLs, das in dem Architekten, der seihst dem Kibbuz angehört, (las wahrhaft Baumeistcrlicfie entzündet hat. Dies mit der Folge, daß der Rau nicht nur als Willensbekundung dieser einen Kwuzah wirkt., sondern geradezu als. ein Symbol, des ganzen Emek, das hier, gleich hinter Haifa, seinen pionierhaften Sinn dokumentiert und den Sieg des gemeindlichen Willens. Sitzt man in. dem alten niedrigen Speisehaus von Jagur zur Tcestundc mit den Chawerim zusammen, so verschwindet bald alle Müdigkeit, die sich auf einer ersten Fahrt durchs Emek angesaitunelt hat. Denn soviel Unermüdlichkeit, Un- Verdrossenheit und Unbcugsamkcit strömt einem aus diesen Gesichtern und Herzen zu, deren Träger eben erst vom Mähen, Hacken oder von sonst einer Arbeit gekommen sind, daß der menschliche Zauber und die menschliche Macht des Beisammenseins, des Beisammensitzcns alles überwindet. Rasch ist man der Atmosphäre verfallen, die keinen Zweifei und daher auch keine Ermattung zuläßt. Man befindet sich mit auf dem Weg, auf diesem großen, steilen Weg jüdischer Menschen zu ihren! Volk und des jüdischen Volkes zu seinem Staat. Hier, in diesem größten Kibbuz, des Landes, fühlt man in jeder Pflanze und in jedem Baum, in jeder Mauer und Wand das Ganze, das Insgesamte wachsen, und fast tausend Menschen, auf dem kleinen Raum einer aus den Bergen vorspringenden Schlucht, wachsen mit. Hundert Scheitle entfernt die Ludwig T i e t z - S c hu 1 e, tausend Schritte weiter K’far C 11 a s s i d i m — so beginnt in einem Rhythmus, den der Boden selbst bestimmt, der Wellenschlag des Emek Jesreei, der zu den Bergen des Galil hin brandet, und Welle für Welle trägt Wachstum und Planung ans Licht. Hier fühlst du dich, Neuling in Erez Israel, gerechtfertigt in deinen Gefühlen, Wünschen und 1 loffmingen, hier fühlst du dich daheim, am Ziel jüdischer Fahrt. Hier spricht zu djr das Land der Väter in der neuen Sprache der Söhne und Enkel. Hier erkennst du das Obdach einer gesammelten Welt, das sich weit über dieses Tal hinaus über alle Länder wölbt, in denen Juden auf den Ruf der Erlösung warten. Das Vorspiel zur Emekfahrt heißt: Haifa, Wer kann je vergessen, wie diese Karmel-Stadt sich am frühesten Morgen aus dem Dunst heraushebt, wenn das Schiff, scheinbar fahrtniikle, langsam die letzte Furche durch das Mittelmeer zieht? Die Menschen auf Deck scheinen nur noch Augen zu haben, scheinen von dein großen Schweigen, das über der Stadt und dein Meere liegt, wie in einen wehenden Mantel eingehüllt zu sein, sie scheinen ihre Stimmen verloren zu haben. Dies ist die Andacht vor dem Betreten des Landes, und der Karmel mit Haifa wirkt wie ein hochgetürmtcr Altar, auf dem diese Andacht dargebracht wird. Haifa ist schön, so wie ein Traum schön ist, dessen Umrisse nach dem Erwachen nichts von ihrer Traumhafiigkeit verlieren, sondern sich in die bare Wirklichkeit abseiz.cn. Wieviel hier «auch neu gebaut worden ist, wie stark auch das Abendland hier seine Unternehmungslust auslebt und austobt, das Morgenländische der geographischen und geologischen Situation bleibt überlegen, es setzt seine Herrschaft aus den Jahrtausenden fort, es läßt sich nicht europäisieren. Der Karmel ist eine Landschaft Asiens. Man landet an seinem Fuß, in seiner Bucht in der morgcnländischen Kontur, am Gestade und im Gestein einer anderen Welt. Die Stadt aber liegt an seinem Hang wie die Wäehtcrin eines eben erst zu beginnenden Lebens. In ihren Straßen und Raulen geht die Zukunft um, und man braucht kein Hellseher 711 sein, um 711 ahnen und 711 wissen, daß diese Stadt ein heute noch gar nicht abzumessetules Wachstum vor sich hat — von der See und vom Land her. In der Bav hat ja die Natur wie mit einem zarten Griffel Haifa ins Land hineingezeichnet — Zeichnung und Zeichen zugleich. Emek und Galil liegen als Hintergrund und Perspektive an den Auslaufstraßen der Stadt. Heute —- dieses Heute Ist anders als das Gestern, und wiederum ganz anders wird das Morgen sein, so daß man von Haifa wie fast von dem ganzen Land immer nur ein Augenblicksbild, eine Momentaufnahme geben kann. . Das Mögliche, das sich liier vollstreekt, ist ein allgemeines Jasagcn zur Stadt und zum Land, die Auffüllung des Einzelnen mit einer neuen Gesinnung — man möchte sie die Gesinnung der Schwelle nennen —, es ist die späte Hachscharah einer in der Mitte des Lebens hier angelangten Generation, die immerhin fördernd zusieht, wie die nächste, die der Kinder, schon in firmer Landsässigkeit aufwächst und sich in ein Autochthonentum verwandelt. Man soll von bürgerlichen Vätern, in Geschäften aufgewachsen, wenn nicht schon ergraut, nicht das Unmögliche verlangen. Sie können sich umstellen, aber nicht mehr nmschaffcn. Sie sind, dem Golus entkommen, die Gewinner kleiner Lose. Das große Los fällt der Generation nach ihnen 711. Sie wächst — mit Sprache, Lcbensgefüli! und Aufbauwille — über die Stadt hinaus, ins Land hinein. Immerhin leistet die ältere Generation etwas, das man nicht gering achten soll: sie hat sich liier rasch zurecht und einen neuen Lebensstil gefunden. Man kann ihn Juden auf der Fahrt |?g 9 f ״, f י Cknbngruppe auf der ״Polonia", die die 100. fuhrt dieses Schifjes mitmachtc (vgl. tJ. R.“ Nr. 2<>). Sehen ( Uahizim aus Polen ist eine Jugendalijah-Gruppe aus Danzig dabei. Amateurfot« Die Ludwig Tietz-Sdiule in Jagur m a ■ ■ all11", ־ •מ"®®® #:י ׳ hfcSBpS ־.%/•.־;!?״,ד׳«‘־ Das neue von Erich Mendelsohn erbaute Internat der Schule Blick in den Schulhof ln der Werkstatt Arbeitspause Foio!: SckuijrcW» lOTI ■je schwer schildern und in seinen Einzel/iigen ausdeuten, aber er zeigt sich am deutlichsten in seinem Effekt. Dieser Effekt besteht darin, daß die Väter in Haifa sich glücklich fühlen. Ich habe nicht einen einzigen gesprochen, der nicht froh wäre, hier zu sein. Diese Freude aber an dem neuen und ausnahmslos engeren Leben ist das, was man als menschliche Leistung anerkennen muß — schon deshalb, weil cs sich beflügelnd auf die Kinder überträgt, die nicht gegeip die \1;׳tcr um! Mütter zu stehen brauchen, sondern das diesen Unmögliche leicht und freudig für sich selbst werden inftglieh machen können. Die Väter bauen den Kindern zwar keine Häuser, wie viele und wie schöne Häuser einzelne von ihnen am Karmel hinauf auch bauen mögen, aber sie bringen Ihre Kinder auf die Wege und auf die Mittel, an und mit denen die Jungen dereinst seihst werden bauen können. Auch daran sind die Väter entscheidend beteiligt, daß die Judaisiemng der Stadt Haifa mächtig fortschreitet — nicht nur durch ihre Zahl, sondern auch durch ihre wachsende Hinneigung zum Judentum. Hier werden aus Irnmigrauten Zionisten, hier wird aus einem materiellen Lebensexperiment eine ideelle Bewegtheit, denn hier wird aus einer Masse von einzelnen Juden eine, wenn auch noch lockere G e 111 e i 11 d e. Ls ist nichts Kleines oder Gleichgültiges, wenn mir ein Bankier erzählt, den ich noch als Atich-Juden gekannt habe, daß er am Freitag von seinem Schreibtisch nicht in den Schabbat hineingellen könne, ohne in der Synagoge gewesen zu sein. Das ist die Atuielumgskraft, die Suggestion nicht nur der Gläubigkeit, sondern auch einer Idee, nämlich der Idee des Zionismus. Der Gottesdienst zwischen Arbeit und Sehabbatruhe ist notwendig auch ein Volksdieiist. So arbeite! die Atmosphäre und die Zeit im Zeichen der Frömmigkeit auch und vor allein für den jüdischen Volksgeist. Gar nicht zu reden, um noch ei 11 Beispiel 711 nennen, von jenem Chauffeur, der einmal als Geschäftsreisender das Piescngrbirge zu diirchfahrcn pflegte und jetzt seine Fahrgaste durch die Stadt und durch das Land nicht nur fahrt, sondern auch wahrhaft fuhrt. In fünf Jahren ist er hier heimisch geworden gleich einem Autochthoncn, beherrscht vom Zauber lind Geist des Landes und sie beherrschend. Da hat sich ein ,,Vater" in einen ״Sohn" verwandelt, und so wie er einst neben Kunden auch Zionisten geworben hat, so wirbt er jetzt am Steuer seines Autos für ״sein“ Land, das er bis in alle Ecken und Enden kennt mit seinen geheimen Schönheiten und ... Gefahren. Ein!Mann, den sein Beruf glücklich macht wie eine Berufung und von dem gefahren und geführt zu werden ein Genuß ist. Liner von vielen! Das Loblied der jüdischen Chauffeure ist ja oft genug gesungen worden. Schabbat in Tel Aviv! Am Tag vorher die Einfahrt ging nicht ohne Reklernmung ab, nämlich nicht ohne jene Beklemmung, die der erste Blick auf eine aus dem Boden ״geschmetterte'' Kolonialstadt mit sich zu bringen pflegt: Läden, Läden — Betrieb, Betrieb — Gewimmel, Gewimmel! Aber schon eine erste Wanderung durch die Anlienstraßen, in denen die neuen Wohnviertel entstanden sind und noch entstehen, schafft das Bild um. Aus dem Ilätisergewirr und 1 iäusergcmiscli klärt sich ein Stadiplan heraus. Er ist noch nicht verwirklicht, aher schon deutlich genug abgesteckt. Die Stadt sucht ihre Grenzen, ihre Umrisse. Das Hiiigeschmettertc ihrer Kinderjahre fällt in den männlichen Schritt einer zielvolleren Entwicklung. Man hat keine Angst um ihre (bauliche) Zukunft. Der Schnbhat wirbt auch fiir ilire Gegenwart. Ls ist schön zu erleben, wie Tel Aviv, das Schiidlatmige, plötzlich den Atem anhält oder, richtiger, zum langsamen, feierlichen Atemholen 1iberge!11. Nun nimmt, so scheint es, das Meer die Stadt in seine Arme, der Strand wird zur I lauptavenue, und die Sonne gibt ihren Segen dazu. So früh wie möglich muß man ain Strand sein, um die Uebersiedlung Tel Avivs zu erleben. Alle Wege führen zum Meer,;die Füße streben ihm 711. Die ersten Ankömmlinge sind die Sportler: Handballspieler, Läufer, Gymnastiker jeder Art. Hier geht einer auf den Händen, dort wölbt einer kunstgerecht eine ״Brücke“. Aher die Einzahl reicht nicht lang aus. Bald verdutzendfacht, verhundertfacht sich iede Erscheinung, und gegen Mittag könnte man liier eine Volkszählung veranstalten. Die ganze Stadt, liegt in dem Sand, auf den der Asphalt ihrer Straßen gebaut ist. Nun sind die Dünen ihr Ruhebett, und der Himmel das Dach, das alle überwölbt. Ruliciag eines Volkes, Volkstag! Auch hier wendet sich das Religiöse ins Volkhafte. Tausende und wieder Tausende leben sich, einer dem andern, und alle miteinander, das ״Sclialoin“ vor — efti beispielhafter und pädagogischer Vorgang. Ucbcrfliissig, zu wiederholen, daß cs in dieser Stadt und gegenüber dieser Stadt viel Surnrnnzcln gibt: Sorgen und Kritik! Aber es wäre vermessen, mit dem ersten Blick und beim ersten Besuch etwas davon auffangen 711 wollen. Eine so turbulente Stadt überdies braucht und verdient Be- Sucher, die Ja zu ihr sagen, Ls gibt — kein Zweifel. — Spanmiiigcn zum Land genug. Das Städtische hat es in diesem jungen Land auch nicht leicht. Aber man sollte einsehein, daß es sein muß und gezwungen ist, seine eigenen Wege zu gehen. Hier müssen die halben und Viertelsherz.cn z.ur Gänze aufgcfiillt, ganz für das Land gewonnen werden. Das ist kein heroischer Prozeß, wie bei den Siedlern und Pionieren, es ist die Sache einer langsamen Gewöhnung und Erziehung, die, nicht «anders als in Haifa, zwischen den Generationen liegt. Bürgertum wird erst in Generationen, es bildet einen Gegensatz zu dem jähen, gefährlichen Leben der Pioniere. Aber wo Häuser und Straßen gebaut werden, damit das Loben einer Stadt sich aufbaucn kann, auch da ist Vorbereitung einer Zukunft und Bereitschaft zti. ihr, Mail sollte Tel Aviv weniger schelten, «als man es bisher getan hat. Am Tag narb dem Schabbat bin ich ins Jemeniten* viertel gegangen. Das Herz geht einem auf und preßt sich auch gleich wieder zusammen. Hier sieht man dia bare Armut gepaart mit der edlen Haltung traditionellen Leidens. Hier steht man die würdigsten alten Männer und die schönsten Kinder. Hier schlägt das uralte Judentum seine erfahrenen Augen auf. liier wird dem Juden aus Europa eine deutliche Lektion zwischen wiiutNehiefen Hütten und inmitten von schmutzig-engen Straßen erteilt.!Dieses Viertel, das wie ein Sack voll I iend zu i-elteu Jaffa und Tel Aviv hängt, ist das schmerzlichste Problem dar Stmli. Man wird sie nicht eher schön 1te11n.cn dürfen, bevor sia nicht diesen am Roden schleifenden Sack jn die I lohe ihrer Straßen und Boulevards, ihrer S‘.id!j-ci1ke.'t hinautg, zogen hat. An dem Schicksal der lernenden, dieses arbeitsamen Wilkes von Handwerkern und ( asftrag׳'rn, wird sich, das Verdienst der Stadt Tel Aviv, um nicht zu sagen: ihre lutrgerliclta Lebensfähigkeit, entscheiden . . . Hermann S i!1 s 11 e i m e r Ein Jerusalemer ״Wunderdoktor“. Aus Tel A\iv wird una geschrieben: Im 1״ iaarcz" bei lebtet Sw et von dem Wim• derdoktor von Jerusalem, Erna Schacbmoit: er ist etwas über 10 Jahre alt und stammt aus Bagdad. Pr bat lange in Schanghai gelebt. Dort war er krank, und da er von den Aerzten keine Heilung erzielen konnte, begann er sielt seihst zu heilen, und zwar mit natürlichen Mitteln. Vor anderthalb Jahren kam er nach Jerusalem, ln Roinetna errichtete er ein Sanatorium mit Krankenschwestern und einem diplomierton Arzt, der die Fieberkurven der Kranken führt. Das Sanatorium hat viel Zulauf, meist aus den orientalischen Oemeinden. Die Heilmittel sind natürlich, aber er verrat seine .Methoden nicht. Er heilt jode Krankheit, von Kopfschmerzen bis zum Krebs. Die Behandlung ist umsonst. Das Sanatorium hat 20 Betten, und der Besitzer gibt alles, was zur Ernährung und Verpflegung gehört, ohne jedes Entgelt. Das Brot wird nach einem besonderen System gebacken, das Wasser aus Ranilch gebracht. Auel: ausländische Pa* ticiiten befinden sich hier, die aus Zentren medizinischer Forschung kommen, und sie erklären ihre Zufriedenheit mit dem Wunderdoktor. Die Hitachduth-Oloj-Germanla in Jerusalem lud den Kreis ihrer Freunde zu einem Fest in den geschmackvoll dekorierten Räumen des Jerusalemer Konservatoriums. Der Tel Aviver Maler und Gebraiichsgrapliiker David Schneller hatte die Ausschmückung der Räume mit viel Geschmack diirehgeführt. Eine heitere ,,Lhrengalerie" bildete de:: 1 loheunkt. Von Weizmann und Hcn (ittrion über Kurt Blumenfeld is zu Jahntinsky waren alle Führer des Zionismus in rollen Karikaturen an den Wänden zu sehen. Besonderen -paß bereitete es natürlich den Gästen der Olej Germania, die Prominenten selbst mit ihrem scherzhaften Ebenbild vergleichen zu können. C. Z. Klötzel betätigte sieb als witziger Ansager. Da der Ertrag der Veranstaltung für den sozialen Fonds der Olej Germania bestimmt war, beteiligten sich auch zahlreiche Jerusalemer Firmen durch Spenden für Tombola und amerikanische Auktion. Steinberg geht nach New York. W. S t e i 11 b e r g ist auf Empfehlung von Arttuo Toscanini als ständiger Dirigent a!1 das New Yorker Radio berufen worden. (Schluß des Pallstinateils)