Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 32 (21.4.1938)
- Date
- 1938-04-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 32, 21. IV. 1M8 Holland und die Einwanderung aus Oesterreich Von unserem Berichterstatter Den Haag, 15. April Auf eine Interpcllation in der Zweiten Kammer hat Ministerprii.-ident (iolijn geantwortet, die Regierung habe sich, nachdem tur Hotlaml grolle Schwierigkeiten aus dem Zuström von Fittwamtcrern entstanden seien, im Interesse des I ande« genötigt gischen, schärfere M ab 11 a 11 m e n gegen die l'inu andenmg einer neuen Kategorie von ilmigraiiten zu treffen, die au, einem nicht angrenzenden Lande stammen und in der Regel in tun anderes Land als Holland auswandern. Aus dieser LrUjiung \tm Motiv und Zweck der Maliregeln gehe hervor, du tl die!׳"rage des Asyls im eigentlichen Sinne sich liier nur selten erg eben werde. Die Erfahrung bei der An- Wendung der liesiiiiiniungeii ieiire, daß die Maßregeln einerseits die beabsichtigte pr.r. ciitive Wirkung haben und daß andererseits verständige 1!umlhabung auch der in der Regelung enthaltenen Ausnaliniebeiuguis angemessenen Raum lasse. Die Regierung sei sieh dessen bewußt, daß die Anforderungen, die sie für die! Umänderung nach Holland gestellt habe, nicht leicht zu erfüllen seien. Strenge Bedingungen seien in dieser Hinsicht 11!1 vermeid lieh gewesen, um zu verhindern, daß die Folgen tarier ploi/lich geschaffenen neuen Situation Holland in gioßere Schwierigkeiten bringen wurden. Die Praxis habe gemagt, daß die fraglichen Emigranten, obwolil sie aus einem nicht angrenzeiulen (iehiet kamen, doch in nicht unbetrnditüi!1er Anzahl nach I loliarid zu komme« trachteten. Auf eine I nie: ״!!!.!:io;:,!lie unverzügliche Maßnahmen zur Verhinderung ungt'wmwchter I um attdia ung verlangte, hat die holl,1;1di'C!1׳׳ l'V:;ie;;111:׳;: ׳ ,unanr;!׳«. daß die Berichte, auf die sich sdo An!1 •1:;e!>o:c!!r, der Regierung nictlt entgangen sei1׳״, A ׳!׳■:! aa-. d״a de! Anträge /ugrtmde liegenden Molivcn sc! di. a:!'.: ne*d uiertul daran! bt'tiaeht, den Zustrom v-1״ I ■־.:•; ß n /!t!!׳••;h> t!׳,(׳■:!. .M sßmihmen, die unter drat!־::::!:')י•!] I '.!:%• ,a ie1׳ ,•um Schutze der niederlamtischen Intt re«sen;;׳•■.:.■in: und;!״‘w endig eiochiamni, seien nnver- /!!glich voguavge; und, «׳!weit tunlich, bereits durdigefiilirt. ln der a:gg ׳;»;:■;;!•.י! \V״ch.cu-chrif! ״De (iioene Amsterdatitcr" (die -tat kurzem uns.;״ der :׳edak'ionc'h-n Leitung von Victor tu v.i•1 Vrie'l 1:;d -teilt), liefert I. Kisch, Privat- <lo/!;g für l>’ech'-\ 1 rghacbtmg an der Amsterdamer Univrr-:t.11 und M! •g'i, d de- Bumk--.a׳r-t.u11!cde« Nicderländisclua Zur-:! r! u:1 fe-, i:1 eiman Aitihel ,,Willhomnieti Iducbflingl'" (!ו;-;; M; ן■;!.. /!;;• I’r«>!>lc':;s-־.e.•!■ 11t1;g. Lr behandelt darin die Frage ■de- Au V1 echtKi-ch kommt dabei zu dem Ergehnt«, daß he; ׳::,.׳:• ver-t u׳ bgm ( icsruog'butrg die Zulassung von LnugiauUa: dein autnehauat icn Staat nicht schadet. Notizen aus Chile Von unserem Berichterstatter Santiago, 12. April Das II i c e 11! - B 11 r <> in Santiago hat im letzten Jahre eine sehr er.-pn dliclte Arbeit geleistet. Auf Grund des Ab- Rommens mit dran chilcni-chen Außenministerium darf jührlieh eine bcgienzte Anzahl jüdischer Lamilicn aus Deutschland nach Chile cmw andern und die Abwicklung der Formalitäten geht reibungslos vonstatten. Die Hicein-Organisation trifft eine scharfe Auswahl der Personen, die nach Chile auswandem wollen und wacht darüber, daß nur Elemente ins Land kommen, deren Tätigkeit zum Wohlstand Chiles beitrügt, und die einen Beruf ausubeii, für den das Land aufnahmefähig ist, worunter in erster Linie Einwanderer, die sich der Land- Wirtschaft widmen wollen und Handwerker mit Kapital gemeint sind. Ilie Itieein-Organk-aticm ist als einzige Körperschalt, die sich mit Limvanderungrsfragen von Juden befaßt, vom chilenische 11 Außenministerium anerkannt. Am 23. Mai w ird der t r-tc K o 11 g r e ß d e r j ii d i s c 11 e n Jugend Chiles tuoidiiet. Die Iinuafive hierzu wurde auf dem XIX. chilenischen Zion: •tri; komm׳!) im Vorjahre gefaßt, bei welchem eint• Jm:c:ni<u״.:an1'.a!:1!״ gesr'naimi wurde. Ls ist erfreulich, dali der Zer.-j>u:te! ung und Indifferenz der jiltlisehen Jugend in < .!ule ttuiel Zu-.tmmentas-utig;!Iler jüdischen Jugcndgruppen zu einer 1 )aehorg.iiiisaiioii ein 1 mlc bereitet wird. Die BC'l:׳z!!a:>:;e׳] der Zu■ ammeitia-sun;׳ aller jmli-011011 Organisationen <les Lande« tunk•!! ,vtcli durth die Schaffung des Z e n t r a 1 k o m i! e e der j u d i - c 11 11! ־ K o 1 o n i e in Chile Ausdruck, dies bereitgute Arbeit geleistet hat und als ,Vertretung aller in Chile lebenden Juden a!1z!tsehe!1 ist. Die Zioi'i-Tsche Organisation und mit ihr die gesamte Jüdische Bf'. > ihr ׳•;m g in < •hilc betrau־!•׳:! den Tod d<׳s froheren Direktors der Zionistischen Organk-'itiun in Chile, I nvid Schaf an, der ein tinermiidlicticr Vorkämpfer der /:ot1i«!isehen Idee war, Heinz Ci o 11 h i 1 f Jüdisches Leben in Argentinien Von unserem Berichterstatter Buenos Aires, den 20. Mürz. Der lange Sommer geht zu Ende, und das öffentliche Leben beginnt wiederum seinen üblichen Kreislauf. Etwas überschattet wird das Leben allerdings durch die Spanmmgen in Europa und eine sich ansagende wirtschaftliche Depression. Die jüdische < >cf!entliehReit ist natürlich noch aus anderen Gründen deprimiert. Die Nachrichten aus Europa drucken den Gemütern ihren Stempel auf. liier und da erweist es sich ja, daß auch i!1 diesem Kontinent die Juden nicht zur tollen Ruhe kommen können. Einen Lichtstrahl!)rächte in diese Stimmung du- Rede des neuen Präsidenten O r t i z, der bei der Amtsübernahme kategorisch erklärte, er gedenke auch das Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz, die unparteiische Behandlung aller Bewohner des Landes ohne Unterschied von Rasse, Religion und Nationalität, dureh/uführen. Das (i e m e i n 11 e! e b e n der größten jüdischen Gemeinde in Südamerika, die heute auch 711 den 'größten der Welt zahlt — Buenos Aires beherbergt heute zirka ISO 000 Juden —, Briefmarken * Fritz Lewin lükowstr.81A ist im Begriff, sich bedeutend zu modernisieren. Der erste Schrift nach dieser Richtung wurde dadurch getan, daß die jahrelang ohne seelisches Oberhaupt verbliebene ״Kongregatior!“ (eine Art religiös-liberale Synagogenßemeinde) Rabbiner Wilhelm Schlesinger aus Europa hierher brachte. Es ist dein neuen Rabbiner in kurzer Zeit gelungen, sich hier Autorität und Sympathien zu verschaffen. Durch Reisen in die Provinz, wo größere jüdische Gemeinden vorhanden sind, hat er sich!1111 dem Großteil der argentinischen Judenheit bekannt gemacht und kann, den hiesigen Verhältnissen entsprechend, an dem Aufbau einer jüdischen Organisation in diesem Lande arbeiten. Einen weiteren, bedeutenden Fortschritt aut diesem Gebiet wird die Umgestaltung der hiesigen C 11 e w r a Kadischa in eine nach europäischem Muster zu organisierende Gemeinde bilden, die für die nächste Zeit erwartet wird. Diese größte aller jüdischen Institutionen von Buenos Aires, welche rund 20 000 Mitglieder zählt, erfüllt zwar schon heute einen großen Teil der fTmktionen einer Oemeindc, und tut, insbesondere auf dem Gebiete der sozialen Hilfe und des Schulwesens, sehr viel Gutes. Die bevorstehende Wahl der neuen Leitung wird zum Anlaß genommen werden, uni die vollständige Modernisierung und Umgestaltung dieser großen jüdischen Institution durch/uführcn. In das Kapitel Organisafion gehört auch der in Vorbcreitimg begriffene Pro- I‘ alästina-Kongreß der s ü d - a 111 e r i k a 11 i s c 11 e n j 11 d e!1. Dem Muster anderer Länder folgend, hat der Delegierte der Jewi-sh Agency und des Keren Hajcssod-Hauptbiiros, I)r. A. Mibashan, die Initiative zur Einberufung eines solchen Kongresses ergriffen. Die hiesigett zionistischen Körperschaften haben sich dieser Anregung mit großem Eifer bemächtigt. Eine Kommission, bestellen! ans Vertretern der Jewish Agency, der zionistischen Föderation und sonstiger zionistischer und pro-palästinensischer Institutionen, an deren Spitze Dr. N i j c n s o h n, Präsident der zionistischen Föderation Argentiniens, und Leo Ha Ipern stellen, ist mit der Vorbereitung des Kongresses beschäftigt. Nach der Aufnahme, die der Gedanke in mehreren Südamerikanischcn Ländern «gefumlen hat, scheint dieser Kundgebung voller Erfolg hesenieden zu sein. Es werden Delegierte aus Brasilien, Chile, Uruguay und voraussichtlich Bolivien und Peru nach Buenos Aires kommen und sclbslvcis'äitdliclt eine ׳rolle Anzahl Vertreter und Gäste aus Argentinien seihst. Dieser Kongreß, der am S. Mai eröffnet werden wird, ist zugleich auch als Anlaß zur P r o k 1 a m i c r u n g der diesjährigen Keren Hajes so d-Kampagne in der argentinischen Hauptstadt gedacht. Abu-Noemi Zum Tode von Alice Berend Kurz vor ihrem sechzigsten Geburtstag ist Alice Berend in Florenz gestorben, nach einem Leben mit wcchselndem persönlichem Glück, das sie in ihrer scliließlichen, weise mütterlichen Art wahrscheinlich reich genannt hätte. Sie stammte aus einem bekannten Hamburger jüdischen Kaufinannshaus, wurde in Berlin geboren, heiratete einen schwediseiun Schriftsteller, dann, in zweiter Ehe, den Maler Brainlinger. Sie trat zuerst 1901 mit ״Allerlei Poeterei“, dann mit hübschen Kinderkoniüdien hervor und faaid sich endlich in realistisch humoristischen Erzählungen wie ״Sprecniann & Co.“, in Romanen wie ״Die Bräutigame der Babette Bombcrliug“. In Wirklichkeit war und konnte sie mehr, als ihre späteren Unterhaltungsromane zeigten. Nicht mir ״Der Schlangenmciiscli“ beweist es. Aber sie trat literarisch nicht mit Aplomb auf, ihre Sache war das Natürliche und Volkstümliclie, und so nahm man eben bin, was sie mit unpathetischcr Selbstverständlichkeit bot, und bemerkte kaum, welch ein Unikum sie war, nämlich der wahrscheinlich einzige weihliehe Humorist. Alice Berend hat mit ihrer Kunst das einmalige Schauspiel eines weiblichen und jüdischen Humors gegeben, der nicht mit einem Federstrich satirisch zersetzt, niemandem well tut und doch nichts beschönigt, den Realismus der feinsten, lächelnden Mütterlichkeit. Vielleicht dürfen wir uns etwas darauf zugute halten, daß dies Beispiel mütterlichen Humors von einer Jüdin gegeben wurde. Ihr letztes Buch erschien bereits nach ihrer Auswanderung und war doppelt rührend, weil die Verhältnisse die Heiterkeit ihrer einmal gewonnenen Eebenshetrachtung nicht hatten trüben können. Auch das darf man für bcispielmäßig halten und schließen, daß diese Heiterkeit sich von eh und je aus Tränen kristallisiert hat. Mit staunendem Gefühl erinnert man sich, wie man das damals las, wie man den merkwürdigen Buchtitel ״Rücksicht auf Maria“ beargwöhnte, die l iebensu ürdipkeit und Licbenswiirde der ersten Seiten bewunderte, I ierrn Fritz l.ehmann, die Hauptperson, sympathisch fand, weil er seine Stellung verloren hatte und es Marta und den Kindern verschwieg, weil er den Rest seiner Ersparnisse in Monte Carlo verspielte, am Ende mit all seinen iloffmmgen und seinem Lebensmut heimfuhr und seine alte Stellung wiederbekam ., . Das Bestrickende an dieser so schlichten, gar so glücklieh endenden Geschichte und an ihren so gestrigen und doch nicht unwahrscheinlichen kleinen Leuten war nicht nur die sehr verfeinerte, ganz zart und gütig gewordene Pastcllkunst der Dichterin, sondern — obwohl sie solche großen Worte nicht recht mochte — ihre Lebcnsfrömmigkeit, ihr Lächeln trotz allem, ihre Zuversicht in das Rechtmäßige im kleinen und großen Weltgeschehen, ihre unwillkürliche Gleichnishaftigkeit, ihr jüdischer Optimismus. L. II. Jehudi Mentibin in Holland. Unser l laagt r R. L.-Berichterstatier schreibt: Nach längeier Abwesenheit ist Jehudi Memihin nach Holland gekommen. Das letzte der Mengelherg- Konzerte des Conccrtgcbouw-Orchcstcrs gab dem Amsterdamer Publikum Gelegenheit, Mcnuhin zu hören. Er spielte — zum ersten Male in Holland —- das kürzlich entdeckte Violinkonzert von Schumann und das Violinkonzert von Mendelssohn.!Das Conccrtgcbomv war überfüllt, und der Enthusiasmus der Zuhörer kannte keine Grenzen. Im Haag gab Memihin einen Abend, dessen Llöliepunkt die 2, (A-n10!t-) Violinsonatc von Bach bildete. (Das weitere Programm umfaßte die Teufelstrillersonate von Tartini-Kreisler, das F-mo!l-K011/crt von Lalo, zwei ungarische Tänze von Brahms, das Labyrinth von Locatclli lind die Moses-Phantasie von Rossini-Pagaiiini.) Jüdische Filmarbeit in Deutschland. Gemäß einem Erlaß des Reichsministers für Volksaufklänmg und Propaganda (S. J. 7451 33 .2 .5׳׳) ist die Errichtung eines Instituts für jüdische Eil mar heit genehmigt worden für ״die Herstellung, den Verleih und die Vorführung jüdischer Filme in Deutschland, und zwar 1. auswanderungstördertjdc, 2. palästinensisch-kulturelle, 3. Spielfilme rein jüdischen Oharakters mit ausschließlich jüdischen Darstellern“. Als ersten Film wird das jüdische Filminstitut den jüdischen Spielfilm ״ldl rnit’n Füll“ am 2. Mai im Saal des Kulturbunds Berlin hcrausbringen. Aus der ״JÜDISCHEN RUNDSCHAU‘• v. 25. 4.1911 Herr Clmiin Kahan aus Warschau, der kürzlich mit seiner I ran Gemahlin das Hauptbüro in Köln besuchte, spendete den Betrag von 10 000 Francs für 10 Jemenitenhnuscr und 1000 Francs als Beitrug zum Erwerb חסיז Boden in der Hingebung einer historischen Stfitte ln Palästina. Herr Kahan ließ außerdem seine Gemahlin in das Goldene Buch eintragen. gewaschen, frisi hiir-ierf, ein Duft n;n h •St .'i 114.1• und Was! 11• blau — und die Mädchen halten wahrhaftig Rinke an! L’m halb n<׳un beginnt die Versammlung. Das sind die Stunden, in denen der Kibbuz bei nahe vollzählig beisammen ist. Aui h Ch.i'v, 1:111. du׳־ weder enilernl auf Anßonarbeit bosi hä ft igt sind, versiti lien zu S; lud •hat natli Hause zu kommen. Lastautos fahren cor — die Chawerim aus der alten Siedlung. Händeschütteln, Stimmengewirr — und plötzlich eine Ziehharmonika, im Xu bildet, sich ein Kreis, ein kleincrer in seiner Mille, eine Iforrn wird aus der Minute der Ankunftsfrcttdc geboren. Scharf klappen die Nagelschuhe auf dem Boden, erhitzte Gesichter, fliegende Haare, blitzende Zähne, von allen Seiten springen sie in den Kreis, fassen einander bei den Schultern, tanzen, singen mit zurückgeworfenen Köpfen — zwei, drei Minuten nur, eine Ilorra aus der Lebenslust des Augenblicks, aus der Freude des Heimkommens. Die Neue sieht, und das Herz geht ihr auf. Der Baclnir auf dem Schiff fällt ihr ein, der die arrangierten Tänze der Einwanderer mit gutmütigem Spott betrachtet hatte: ,,Hurra? Da muß ich schon Reitstiefel anhaben — und mit Schlips und Kragen? Dann schon lieber Foxtrott!“ Josef eröffnet die Sitzung mit einem Ueberblick über die Ereignisse der letzten Woche. Zahlen, Kritik, Vorschläge. Ein neuer Traktor, das Experiment der YVintertomnten, Monalsabschluß der Tischlerei. Molla verliest sein letztes Gedieht. Radien. Ein Referat. Der Speiscsiial kann längst nicht alle fassen, sie sitzen aut dem Boden» miteinander, sic stellen draußen und nehmen durch die Fenster hindurch teil. Ein unaufhörliclies Schieben und Summen, zur Küche, zu den Wassergläsern. Viele wech- »ein im Sitzen ab. Nach zwei Stunden sinken die erster, müden Köpfe auf die Tischplatten. Man läßt sie ruhig schlafen und debattiert weiter. Meist dauert es bis weit nach Mitternacht, liier hat Chawa den Kopf an die nächstbeste Schulter gelehnt und schläft süß. Dort rauft Dan ganz leise mit Jaakow. Ueber allem liegt das warme, intime Gefühl, in einer großen Familie za sein und schafft diese einzigartige Atmosphäre am Schabbat-Abend. Da wird geneckt und kritisiert, geklatscht und beraten — und jede Angelegenheit ist die eigene Sache. Spannungen und Antipathien entladen sich!informell und in aller Vertraulichkeit, denn ״ein Kibbuz ist keine Kooperative, sondern eine Mischpueha!'1 Riwka hat sieh schon vor einer Stunde sacht entfernt und atmet längst regelmäßig unter dem Moskitonetz. Sie kann am nächsten Morgen nicht mtsschlnfcn, die Arbeit im Kindcrhans geht auch am Schabbat weiter; sie bekommt dafür einen Wochentag frei. Channa hält Jizehaks Hand gefaßt and streichelt sie. Wie gut hat es hier ein Liebespaar. Der Buitanenwald gehört ihm, die verschwiegenen Wege int Barde■ s, eine Mondnacht am Kinnerethsee, Fahrten durch das Fand, jeder bekommt neun 'läge Urlaub im Jahr und Reisegeld. Und die süße Sensation aller Liebenden, das geheime Einverständnis inmitten der Menge, das Miteinander-Alleinsein unter hundert Mensehen — viele mögen es während der heileren, lärmenden Versammlung und Feste auskosten. Rajah meldet sich zum Wort. Sie redet kurz, und klar. Frauen sprechen häufig in der Versammlung und werden mit Aufmerksamkeit angehört. Ihr Einfluß ist groß, gelcgcntlieh bestellen sie auf der äußeren Durchführung ihrer vülligen Gleichberechtigung. Line kleine l.ysistrnta-Szcne spielte sich vor Peßach ob. ״Warum sollen wir mich Festtags immer die ganze Last der Küche und des Servieren» halten und uns nie ausruhen und den Gästen widmen!“ riefen ein paar verheinilete Frauen, l'nd so bedienten Pe-Hneh bei 'Lisch die Traktorfnhrcr mit weißen Schürzen, der ,,Außenminister'1 trug ein Tablett mit Büdding und die Männer vorn wir(- sehaftliehen Hat spülten Geschirr. Zum Schluß der Versammlung wird der nächste Theaterbesuch besprochen. So ein The׳,tte!'besuch des ganzen Kibbuz beschrift igt schon Tage vorher die Gemüt er. Die Plätze in den Lastautos werden verteilt, Blusen zwei Tage vorher gewasehen, Erinnerungen an frühere Veranstaltungen zum Besten gegeben. Und als letztes Mal die Stunde der Abfahrt ins Theater kam — verbreitete sieh die Nachricht vom plötzlichen Tode eines Kameraden auf Außemirbeit, das Theater wurde sofort abgesagt, die Trauer lag füjtlbar und allgemein über der abendlichen Versammlung, und obwohl der Chawer erat vor wenigen Monaten dem Kibbuz beigetreteil war und die wenigsten ihn kannten, war die gemeinsame Reaktion .spontan und tief. Zwei Ehr! Endlich, endlich fahren die Lastautos vor, die einen Teil der weiter entfernt Wohnenden nach Hause bringen. Kleine Gnippen finden sieh zusammen. Auf dem Weg zu ׳len verschiedenen Häusern werden Verabredengen für den Ruhetag getroffen. ״Aber diesmal bleibe ich bestimmt, liegen...“ verkündet Juffa — lind ist am nächsten Morgen die erste beim Ausflug nach Sedjera. Ein l'rettdcngebt üll aus der Küche zeigt an, daß sich noch Rest» angefunden htthen. Und alle Fra!׳cn, die zu keiner Lösung gekommen sind, weiden am nächsten Morgen in Kommissionen rasch ttnd ausgeruht erledigt werden. — * Am SehaLbat wird lange geschlafen. Zur l'rühstürksstundc ist es im Spciscsaal noch fast leer und unheimlich still. Aber der Spciscsaal, der große Gemeinscha fisraum des Kibbuz, in dem gegessen, getanzt, geturnt und diskutiert wird, hat sprechende Wände. Mit Reißzwecken sind Listen, Tabellen, Zeichnungen angescltlagen. Sie sprechen die Sprache des Kibbuz: Zahlen über Tat- Sachen, Pläne für die Zukunft. Am meisten umlagert ist der Arbeitsplan. Jeden Abend w ird er neu für den kommenden Tag au!gestellt. Ida disponiert seil einem Monat, über die Mädchen, Chaiin über die Männer. Jedes Vierteljahr werden die Verteiler neu gewählt. Die Arbeiten werden durdtgesproehen und den Ein- /einen mit ihrem Einverständnis zugcvviescn. Spezial-Ar beitcr behalten L11 der Regel ihren Arbeitsplatz. Durch die Küche muß jede Bachura gleich in den Anfangsmonaten. Manche arbeiten jeden 'Fug an einer anderen Stelle —■ wo gerade flinke IUmmIc gebraucht werden. Pkak, Stöpselehen, nennt man die elastischen Aushel fer. Mädchen, die sieh nicht wohl fühlen, stopfen Strümpfe für .das Kleidcrnmgazin. Eine besondere Tabelle registriert die Kranken. Neben dem Arbeitsplan bängt ein anderer Zettel mit Zeiten und Namen — die Termine, zu denen der Wächter bestimmte Arbeiter wecken nmß. Noemi und Dina müssen schon nachts um zwei Uhr aufstehen und melken, denn um vier Uhr führt das erste Milchauto. (Schluß folgf)