Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1938)
- Date
- 1938-04-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 JÜDISCHE RUNDSCHAU Nr. 30/31, 15. IV. 1938 Jom se Melodie von Fried ridi Elias Laupheimer, Bad Ems Die nachstehende Melodie fiir Schahbat und Feiertage wird gewiß die Aufmerksamkeit vieler musikalisch inter• essierter Leser finden. (Red.) י -S r* AolfC ro v'j >m -e'he jch)4lleih m 'nuehofy - •je״* Se / ftt ■ re-eh wA), $•'. »•/י• jeiknlim l 1 •tyty 4 ruefo tey4}l4f!j 1ä^uhrP)1 י •י fjj דד-־<7ד7ז.זי j! 0: ״Josef, ein schwaches Reis“ Von K a h e 1 Wischnitzcr-Bernstcin Während für uns Moses und Aron die Helden der Befreiung■ aus Aegypten sind, erscheinen die Männer, die Israel aus Aegypten nach dem verheißenen Land führten, den orientalischen Juden vor allem als die großen Magier. Aber noch strahlender beinahe ist der Glanz um den Namen Josefs, der die Stammväter nach Aegypten mit sich zog. Wir kennen die Sagen um Josef. Weil er dem Weibe Potiphars widerstand, sollte er und sein Geschlecht vor dem bösen Blick gefeit bleiben. Im Orient ist der Glaube an Josefs Abwehrkraft noch heute lebendig. Ucherall begegnen uns Spuren davon. Auf mannigfachem Ger.1t liest man den als Beschwörung gegen den bösen Blick geltenden Genesisvers 40, 22 aus Jakobs Segen: ״Ein schwaches Reis ist Josef.“ Dieser Vers stellt auf hebräisch in Emailmalcrei auf c 11 e r g e f ä ß im J ii d i - beschwörende Hand sieht man als Abwehrtnittel in den Svnagogen von Safcd und Jerusalem, gelegentlich als Oberteil von ewigen Lampen oder als Schmuck von Chanukkahlampen, in Messing ausgeführt. Ein silbernes H a n d a m u ־ lett im Besitz von Dr. Bruno Kirs ebner (Tel Aviv) weist die hebräische Inschrift auf: ״Ben Porat Josef. Schadai. Mu Be schönen kugeligen Deckelvase, sie wie ein Gurt umsnannend, abwechselnd mit St eifen in geometrischem Durehbru hdekor und ״ca cn״.•. ״eristischen vorde׳-,asiatischen Tierfriesen. Auf einer M e s s i n g s c h ii s s e 1 in Privatbesitz lesen wir den Genesisvers, ebenfalls hebräisch abgefaßt, am unteren Rande als Gegenstück zu der am oberen Schüsselrand angebrachten;• nhihin Inschrift: ״Das ist das Bild von Moses und Aron.“ Hier wird die besondere Stellung Josefs neben den Führern des Auszuges deutlich. Auf dem Boden dieser mit graviertem und in Silber aufgelegtem Dekor gesellmiiekten Schüssel ist die Bundesladc dargestellt mit den knienden Flügelclicruheu darüber, die einen turbanförmigen Mut, die Krone der lehre, halten. 1 öwen bewachen die Lade, die sich in der Mittclpforte einer Kuppelarchitcktur erhebt, während in den Seitenpforten Moses und Aron stehen. Zwölf Medaillons mit eien Symbolen der Stämme (in Anlehnung an Jakobs Segen im Buche Genesis) schließen den oberen Bodenrand der Schüssel ab, und noch einmal erscheint hier des der Lehre, der Turban, in einem khssi- /.strichen Lorbeerkran/, als Keter I hora bezeichnet. Vor der Lade, tiefer unten, erkennen wir die Klagemauer, auch sie hebräisch gekennzeichnet und durch den Psalm vers 137, 5 erläutert: ״Wenn ich Deiner vergesse, Jcruschalajim.“ -- Auf sch ii wir ebenfalls Moses und Aron, hier in den Flügeltüren _ geöffneten Triptychons stehend, während das Mittelteil mit dem Psalmvers 121, 7 in hebräischer Fassung ausgcfiillt ist: ״Schadai wird dich behüten vor allem Bösen. Er wird behüten Deine Seele.‘‘ Audi dieser Scltriftvcrs gilt als ßesdiwörungsformel. Das Bi!:1 einer Schlange unter der Inschrift deutet auf das Stahwunder Moses hin. Löwen, Mondsichel, Stern und Granatäpfel bilden den auf Rarikengrund atisgesparten Dekor des Atißcnrandes der Schüssel neben arabischen Sprüchen, während der vertiefte Bodenrand mit persischen Nelken, Sternblumen und Blättern geschmückt ist. Eine Be- Sonderheit dieser Schüssel bildet die ״Hamsa", die Fünfzahl in Form einer erhobenen Hand am unteren Bodenrand, von arabischen Amuletten her, aber auch als jüdisches Abwehrmitte! bekannt. Die den Schutz des Allmächtigen herab- Messing- Jcruschalajim.“ So führt von der kultischen Hand efne Besehen Ziehung wieder zu Josef; alle magische Kraft wird auf das kleine Amulett gehäuft. Das Stück ist 1845 datiert. Im Zusammenhang mit diesen Schüsseln verdient die in glasiertem Ton hergestellte Schüssel des Bezalelmuseum* erwähnt zu werden, die in Umschrift den Josefvers zeigt und BLUMENFELD NÜRNBERG AdlerstraBe 36 Teppiche Möbelstoffe Gardinen ׳ Perser-Teppiche Brücken iülllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll illllllj|!!l!!!!il!llllllll!!!lll auf dem Boden das Bild eines Fisches. Man kennt die Aus- Icgung von Genesis 48, 16, wonach Josef sich mehren soll wie die Fische. Das Fruchtbarkeitssymbol, der Fisch, deutet möglicherweise darauf hin, daß der Teller bei der Brit Mila- Zeremonie oder bei der Auslösung des Erstgeborenen gebraucht wurde; die Beschwörung des bösen Blickes galt somit dem Kinde. Zur Bestimmung des Hcrsteliungsortes mag der Hinweis auf ein Tablett in Tauschierarbeit auf Messing beitragen. Auf dem viereckigen Stück scheu wir Moses und Aron, die Symbole der Stämme, die Kerube, den Turbanhut. Das Tablett ist eine moderne Arbeit aus Persien. Daß die geschilderten Mctallarbeiten von Juden hergestellt wurden, darf angesichts der Verbreitung des jüdischen Hand- Werks im Orient angenommen werden. Allerdings überraschen die fehlerhaften Inschriften in den beiden Sprachen, die ein mechanisches Kopieren der Vorlagen voraussetzen lassen. Elieser H e i tn a n s ״Abraham Manu“, der erste historische Roman über einen jüdischen Schriftsteller in jiddischer Sprache, ist in Kowno erschienen. noch einige Kameraden wohnen, bis der Neue alle aufnehmen kann. Vor dem lief, gegen die Landstraße gerichtet, steht eine massive Steinmauer mit Sehußlöcliern aus den Unruhen 1029, so groß die!״״her, daß man den Kopf hindurehstecken kann; weiß Gott, womit sie geschossen haben. In der Mitte des viereckigen Hofes ein Tatibenschlag. Ställe, Wäscherei, Schusterei, Plattst ube. Lind die ״Wohnungen“. Leber alte Hühnerleitern mit Zahnlücken, lebensgefährlieh im Dunkeln, turnen sie zu den 1 lol/.zimmcrn empor, W enn Ruth vorher gedacht hatte, der Raum mit Mnlka und Sehulamith "8re primitiv, weil durch die Astlöcher Regen, Wind und die Worte aus den Nebenzimmern kommen — gegen die spartanischen Verschlüge hier ist das noch Wohnluxtis. Line Glühbirne liegt an einer Schnur auf dem I cldhctt, eine Wasserflasche in der Ecke, zwei rohe Sehemel an der W and. Der Fußhoden schwankt unter jedem Tritt. Aber dann blickt man aus dem Fenster. Auf die Baumkrönen ganz, dicht davor, pinsclfein im Nachtlicht, die Blätter schlagen gegen die Scheiben. Auf die verfallene Treppe, die sich zum Ufer senkt; und auf den Secspiegcl, weiß im Mond, heller als der Himmel. I.s gibt solche, die sieh von diesen Zimmern, von diesen Fenstern ni<!u trennen wollen. ״Leg dich hin, ich habe eine halbe Stunde zu tun und hole dich dann ab“, sagt Schlotno. Sie liegt auf dem fremden Bett. Nach einer \\ eile kommt sein Bewohner. Er lacht über die L.impiartiening und zieht einen Handkoffer unter dem Bett hervor - bis an den Band vollgepaekt mit Photographien. Die Geschuhte des Kibbuz in Bildern. Besonders eine Bachura erscheint immer wieder — sie ist nach Amerika z.urückgcgangcn, — nicht dran rühren! ״Und das ist Clara, die jetzt die Diätküche unter sieh hat“, sagt David und zeigt auf eine orientalische Schönheit. ״Clara vor elf Jahren — sie war so schön, daß wir sie nicht mitnehmen wo llen, w •׳im wir aul Arbeit gingen. Lin reicher Araber wollte sie uns allen Fernstes abkauleri, anlnngs gingen wir Spaß darauf ein und merkten erst zu spät, wie ernst es ihm war — eine schwierige Situation!“ Schlonio ist fertig. ,,Willst du unser Radio hören?“ Es steht irrt Lesesaal. An einem langen Tische sitzen junge Männer und Frauen, in Zeitschriften versunken. Die Zeitung zirkuliert im Stillschweigen, Hebräische Fachblätter für Literatur, Landwirtschaft, Politik liegen aus. Manche studieren die Wochenzeitungen anderer Kibbuzim, nicht gedruckt, nur abgezogen. Schlomo holt die letzte Nummer der eigenen Zeitung, Statistik, Auszug aus dem Protokoll der letzten Versammlung, Feuilleton. Beiträge von Boria, der regelmäßig an einer wissenschaftlichen Zeitschrift in Tel Aviv mitarbeitet, von Jankow, der für eine Jugendzeitung schreibt und Lastauto fährt, von Molla, dessen Gedichte schon in zwei Bänden vorliegen — die Honorare wandern in die gemeinsame Kasse des Kibbuz. Gegenüber liest Josef, der gerade drei Monate Gesandter für die Kibbuzbewegung in London war und in abendlichen Vorträgen einen Querschnitt des englischen Lebens zeichnet, originell, Verständnisvoll und mit plastischen Formulierungen. Vor dem Radio hocken drei Bacliurim und versuchen, europäische Stationen zu bekommen. Fetzen eines Violinkonzerts •— der Apparat ist nicht ganz in Ordnung. Aber da» stört den Genuß nicht, int Gegenteil, es liefert, einen angenehmen Vorwand, nicht einfach zuhören zu müssen, sondern hcnunzuschraubcn, zu basteln und der Sache teeh-!lisch auf den Grund zu gehen. Zwei Mädchen unterhalten sich flüsternd in einer Ecke. Merkwürdig, wie überall Musik zu heimlicher Unterhaltung anregt! ״. . . im Sonja oweded ba mitbach11) und ich im grosssten Schwitz, wie es brennt, malt er, maher״), werd ich sie fragen: host den Ränz.el?“ Jiddisch wird totgeschwiegen, im wahrsten Sinne des Wortes, — und heimlich geliebt. Die Liebe ist zu vorstehen. Das Warme, Urnalte, intim Misthpocltnle dieser Sprache ist in keiner Uebersclzung wiederzugeben. Sagt man, n) Wenn Sonja in der Küche arbeitet ls) schnell, schnell man möchte gern jiddisch verstehen, so brechen Quellen dankbarer Freude auf. Aber es wird konsequent nicht benutzt, es ist ״Golah“, ebenso wie gewisse Vornamen, die man den Kindern aus diesem Grunde nicht mehr gibt, z. B. Chaim, Monia, Selig. ״Ha Radio mozeh eiten beenajich?“ Das heißt einfach: ״Gefällt dir das Radio?“ Aber wörtlich bedeutet es: es findet Wohlgefallen in deinen Augen? Das ist die Sprache der Bibel. Und heute sagen sie das wahrhaftig alle wieder, nicht in ״gehobener Rede“, nein, im täglichen Leben, im persönlichen Gespräch! Im Büro nebenan wird noch gearbeitet. An den Wänden stehen bis zur Decke Leitzordner und Kartothekschrnnko, einzelne Kartenschübe mit roten und grünen Reitern stehen auf dem Tisch, hier wird die Buchhaltung, die Abrechnung und Kalkulation, Statistik und Befricbskontrolle vorgenommen. Das System der Aufzeiehnungen und Abrechnungen, die statistischen Formulare sind für alle Kvvuzoth die gleiche, sie werden von der landwirtschafllichcn Abteilung des Keren Hajessod in Jerusalem ausgegeben. Welche minutiöse Rechnungslegung. Kein moderner amerikaniselicr Großbetrieb budgetiert sorgfältiger, hat detailliertere Kostenaufstellungen, gründlicher revidierte Soll- und Istziffcrn, Die Verschmelzung von Staatsetat und privatwirtschaftlicher Buchhaltung ist bis in die feinsten Verästelungen des Betriebes vollzogen. ״Es gibt doch aber an- (eilige Unkosten, die sieh auch in einem Industriebetrieb nur schwer erfassen lassen, wie z. B. die Kosten der Zwi- Sehenprodukte in einer chemischen Fabrik, die ihre selbst hergestellte Schwefelsäure zum Teil in eigenen Produktion»* Prozessen weiterverarbeitet; wie soll sie sich solche Halb* fnbrikntc selbst berechnen?“ ״Nicht schwer; nehmen wi# den Dung, der im Kuhstall entsteht und auf den Lupinen* fcldern verwendet wird. Da belastet — wie in der Industrie — die Abteilung Kuhslall der Abteilung Lupine nicht den Marktpreis für Kuhdünger, sondern nur die Herstellung»- kosten, in Arbeitsstunden ausgedrückt.״ (Fortsetzung folgt)