Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1938)
- Date
- 1938-04-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30/31. 15 IV. 1938 JO ח S <־ HF RUNDSCHAU Seile 7 iHkCfc £&$bichfe «!*t eine״v ijrtgel van. UzAahama*. u י»יז Es ist gar nicht so einfach, sich an die Niederschrift einer Geschichte zu wagen, in der ein Engel vorkoinmt. Engel sind heutzutage außer Mode gekommen, besonders in der Literatur, und so sei denn auch vorweg bemerkt, daß die folgende Geschichte aus dem Leben genommen ist und keineswegs den Ehrgeiz hat, in die Literatur cinzugehen. Wenn nun freilich einer mit, wie cs rn alten Romanen heißt, geschürzten Uppen uns entgegenhalten wollte, im Leben hatten die Engel noch weniger Daseinsberechtigung als in der Literatur, — für diesen, wie wir offen zugeben, naheliegenden Lall bleibt uns nichts anderes übrig, als uns hinter den breiten Rücken der Gestalt zurückzuziehen, die neben und sogar fast vor dem Engel die Hauptfigur in un* serer Geschichte zu spielen berufen ist. Es handelt sich um einen Juden mit dem simplen Namen H u g o. Wie er sonst noch hieß, das wissen wir nicht, es interessierte niemanden, besonders nicht uns Kinder, deren Freund und Genosse einst jener Hugo war, obwohl er damals, als wir ihn kannten, schon seine dreißig bis vierzig Jahre alt gewesen sein mochte. Mag sein, daß cs sich für uns hier empfohlen hätte, ihm nachträglich einen poetischen, gleichsam der Begegnung mit dem Engel würdigeren Namen bciznlcgcn, aber schließlich und endlich kann cs ja nicht schlecht sein, sich an die prosaischc Wahrheit zu halten. •Bevor wir nun aber den Engel in die Wirklichkeit und in die Erscheinung treten lassen, ist cs rätlich, die dritte Hauptfigur unserer Geschichte, ihre Titelfigur, namhaft zu machen — das heißt: einen Namen, so oder so ähnlich wie Hugo, trägt sie nicht, da sic ja ein Zicklein ist. Es ist ein zartes Tierchen im ersten Flaum der Jugend. Und trotzdem droht ihm schon, daß seine hellen quieken Augen brechen und daß der in seinen Körper eingcschlosscne willzige Hauch vom Geist der Schöpfung, der auch in der geringsten Kreatur lebt, wieder z.unickkchrt zum Quell alles Lebens, der nichts verloren gehen läßt, was einmal geboren ist und geatmet hat und so auch die Handvoll Atem und Blut wieder in sieh aufnimmt, die ein Zicklein unterm Messer des Schlächters zu verströmen hat.! Iier aber setzt der Sinn und die Spannung unserer Geschichte ein, und sic könnte mm ihren üblichen Fortgang und Verlauf nehmen, wem! in ihr nicht neben dem schneeweißen Zicklein — nur zwischen den Augen ist es schwarzgefleckt — und dem stämmigen Manne Hugo, der cs ohne Strick und Stock in seinen Armen von einem Dorf zum anderen zu tragen im Begriffe ist, nicht auch noch der Engel in die Erscheinung träte. Denn der *Tag und die Stunde, da dies ein Engel tut, ist ausgezeichnet vor allen anderen Tagen und Stunden, desgleichen auch der Ort, wo cs geschieht, und so ist es wohl angebracht, ja geradezu unerläßlich, daß ihrer ausdrücklich und ziemlich genau gedacht werde. Ls ist hoher Mittag in der Woche, an deren Ende das Peßachfest beginnen wird. Die Sonne steht hoch und hell am Himmel, wie wenn sic gerade an diesem Tag und in dieser Stunde die ganze Welt bis ins allerletzte, vielleicht noch von einem heimlichen Winterfrfästcln erfüllte Eckchen auswärmen und ausleucliteii wollte. Wir befinden uns, wie schon angedeutet, auf der Straße zwischen zwei Dörfern, die mehr ein Hohlweg im Hügelland ist als eine riefitige Land- oder gar Staatsstraße. Die Abhänge, die zu ihr niederfallen, sind schon buntgewirkte Tcppiche der ersten Blumen lind Blüten (ies Frühlings, weiß, blau und gelb inmitten dem hellen Grün der jungen Gräser. auf Hugos Armen, kürzlich erst der gelüstet es nach den Salten des frohliehen Wachstums, und cs wird nicht müde, sein Gelüste dem Träger in die Ohren und ins Gemüt zu rufen ־— mit seinem silberhellen Sümmchen, so daß der Oute, selbst freilieh ein bißchen wegmüde, nicht widerstehen kann und es an den Hang setzt, daß cs sich sättige. Er selbst aber legt, sich daneben ins Gras, verschränkt die Arme unter dem Kopf und blinzelt in die Sonne. Dies mm ist, wie man uns zugcstchcn muß, nicht übel Zeit und Ort, da ein Engel, wenn überhaupt, in die Erscheiming zu treten versucht sein kann. Wir haben also nach Kräften das Unsrigc getan, um ihm den Weg zu bereiten möge er nun feinen erhabenen Schritt in unsere so heschcidcne Geschichte tun! Der Engel wuchs ־ so hat es Hugo, auf den wir uns verlassen müssen, nachher dargestcllt - teils aus den Blumen hervor, teils rieselte er aus dem Sonnenlicht herab, auch ein bißchen l'rühlingsstaiih der jungen Erde mischte sich in seine Gestalt hinein, damit sie dem irdischen Auge sichtbar werde und sich vernehmlich machte dem am Hang liegenden Menschenkind Hugo. Dieser aber, dem der Engel erschien, gehörte, seinem Namen zum Trotz, durchaus zu den Menschen, die solcher Begegnung würdig sind. Die andern nannten ihn zurückfehlieben. Einige wollten wissen, als Kind habe ihn das iseti eines Pferdehufes am Kopf getroffen, wofür in der Tat eine tiefe Narbe an seiner rechten Schläfe sprach, und dies habe seine geistige Entwicklung zum Stillstand gebracht. Ja, er war ein Kind geblieben — im Verstand, aber auch in der Reinheit seines Gemüts. Ohne Anhang und ohne Bedürfnisse, war er es zufrieden, bei dem reichen Parncs des einen Dorfes in einer Knechtkainmer zu wohnen und in der Küche sein bißchen Essen entgegenzunehmen, wofür er sich durch Botengänge und allerhand sonstige kleine Dienste nützlich machte. Einer dieser Dienste, fast der wichtigste, den er dein dicken, satten Parncs alljährlich erwies, bestand eben darin, daß er ihm ein Zicklein für die Sedcrtafel besorgte. Das war in unserer Gegend, einem Obst- und Wcinland, nicht ganz leicht, denn es gab da sehr wenig Kleinvieh. Hugo aber sali in der Besorgung des ״Scdcrlainms“, das ein Zicklein zu sein pflegte, geradezu eine Mizwah. Ihr wieder einmal gerecht geworden zu sein, erfüllte ihn, indes er am Hang zwischen den Blumen und Gräsern des Frühlings lag und der Wärme der Sonne froh war, mit nicht geringer Genugtuung. War dieses Zicklein nicht ausgezeichnet vor allen andern Geschöpfen seiner Art? Glich es nicht dem Zicklein in der Hagadah, wie cs rieben ״Cliad Oadja“ ahgebildet war? Er sah, den Blick zur Seite kehrend, das weiße Fell durch die Blumen leuchten, er hörte das helle Sümmchen, ja fast hörte er auch, wie die frühen Zähne des Tieres die zarten Grasspitzen malmten. Da aber geschah, was unsere bescheidene Geschichte erst erzählenswert macht: Da trat der Engel vor Hugo hin! Man darf nun aber nicht einen Epoche und große Worte machenden Engel erwart®!. Er hatte weder ein feuriges Schwert in der Hand noch mächtige Oicrubsfliigcl au den Schultern, nein, es war ein ganz einfacher Engel aus der Mannschaft der himmlischen Scharen. Seine Stimme tönte daher auch nicht mächtig über das Land hin, sondern sie war nicht lauter als unumgänglicli notwendig, um Hugos Ohr zu erfüllen und zugleich mit dem Ohr sein jüdisches Herz. Der Engel sprach aber von nichts anderem als vom Zicklein. Von dessen Schönheit sprach er und von dessen Leben, das heilig sei, da es der Ewige Vater so rührend erschaffen habe, und wie cs denn einem Unrecht ähnlich sähe, wenn er, Hugo, dieses zarte, fröhliche Tierchen dem dicken, satten Parncs in die wenn auch jontefdike Pfanne liefere. Und noch ein Ucbriges sagte und bat der Engel: schon seit mehr als zehn Jahren liefere Hugo diesem Dicken. Satten zu Peßach so ein Tierchen, und er ließ alle — eine kleine Herde junger Zicklein — vor Hugos Augen erscheinen, sie blickten ihn vorwurfsvoll an und fragten ihn: ״Warum, Mensch, warum tust du dies mit uns?“ Der Eitgcl aber sprach nur noch die Worte aus dem Oppenheim Das bekannt® Spezialhaus für Kleiderstoffe Charlottenburg, Wllmersdorter Str. 115-116 Wollstoffe — Samt — Seidenstoffe Chad Gadja: ״Ein Zicklein, ein Zicklein!“ — dann entschwand er. Es ist nicht leicht, eine Geschichte, in der ein Engel in die Erscheinung getreten ist, zu l’mle zu bringen, nachdem der Engel wieder entschwunden ist. beim kaum Nt dies geschehen, so melden sich die Zweifel. Aber wir wollen sie unverdrossen zur Seite schieben und berichten, wie cs weiter ging• Als Hugo aus (fern Gespräch mit dem Engel erwachte, schnupperte das weiße Zicklein mit dem schwarzen Fleck zwischen den Augen über seinem Gesicht, wie wenn cs die Antwort auf die Fragen und Mahnung des Engeis hören wollte. Und dem Hugo war es, wie er uns Kindern nachher berichtet hat, als läge ein Widerschein vom Glanz des gewonnuener r.ngn nat noch Glanz genug für rnensr hliche Augen — auf dem Tierchen, und im Wald, ()lim: sich tiiiizii.s.licn, miii/tc Hugo davon und kam noch atemlos 1111!lause des Pa nies an filme Zicklein. Der dicke, satte Mann glaubte natürlich weder an den Engel, von dein Hugo, voll Vertrauen auf die menschliche diesmal das schön-•c Zicklein der Welt gefunden und freigelassen habe, -״׳״ U1:״ er war und blieb der Meinung, daß Hugo ein ho(Uu.-,os undankbarer, ja gottloser Bursche sei, der ihm, dem fr11;!::״cn Parncs, d.m bevorstehende Peßach- Hugo, an t ic-clumnit- und Nielitverstaiuleuweriien gewohnt, da er ja ein ״Zurui,!,gebliebener“ war, kam zu uns Kindern, seinen Freunden, und erzählte uns die Geschichte, so wie sic liier stellt. 111 den folgenden Jagen, bis zum Pest und wahrend desselben, haben wir oben;1111 Hügel immer wieder den Wald durchstreift, um dem Zicklein, dem schönsten seit den Schöpfiuigstagcu, zu begegnen oder vielleicht gar dein Engel seihst. Aber beule blieben unsichtgleichen Ort tanchma! g!a immer noch bösen Blick auf Hugo, für einen kindischen Unsinn, denn das Zicklein sei bestimmt 1111 Wahl ums Leben oder 11111 seine Freiheit gekommen, I ur 1111«. aber mul für Hugo lebte cs weiter über 1he-.es und über alle folgenden Pcßachi'cste hinaus. Jchoasclis j i d d i s c I! e B i b e 1 ii h c r f r a g u n g er« scheint in einer Volksausgabe in New York. '^KZXHLUNC vov O^UTH cMuBEK-Q Vor elf Jiilm-n, als vir kamen, als wir in glühender Hitze auf der Chaussee arbeiicten, zu vielen in eiskalten Nächten im Zelt schliefen, oder sechzig Mann zusammen in einem Stall, zerlumpt, vierzehn, sechzehn Stunden Arbeit, Hunger, Malaria, lyphus — war da Raum für Gedanken? Auch nur Raum für Sauberkeit, notwendigste Hygiene? Wenn es heute hier IIiu1.se 1׳ gibt, ein Kleidermngazin, Decken, Wnscliriitimc, «armes, sauberes Essen, Schlaf und Bücher, und einen Flügel, und Vortrüge, und Theater — wodurch das alles? Nur dadurch, daß wir keinen Moment nachgelassen haben, bis zur Grenze unserer Leistungsfähigkeit zu arbeiten. So wurden aus den Zellen Baracken und aus den Baracken Häuser. Und aus den primitiven Spaten Werkzeuge, und dann Traktoren, und dann eine Combine. Und alles mußten wir doch erst lernen! Als wir herkamen und Straßen bauten — was hatlen wir denn vorher getan?“ Es ist wahr. Er iipt in Rußland Psychologie studiert. Mitjn Mathematik. Esther Medizin. Heute kann er einen komplizierten Motor zusimmiensetzeii, wird nach Di maskus geschickt, um Kühe cinziiknufen, und geholt, wenn ein ,Fier gefährlich krank ist. Er hat den Bananenhain angelegt und den Gemüsebau durch alle Fchischliigc gesteuert und ist dabei zum Fachmann für Gartenbau geworden; der Leiter der neuen Ubctbaumschule ln Sedjera holt sich bei ihm Rat, Er hat Ruthenbergs Elektrizitätswerk mitgebaut und Staudämm und Kompressor aus täglicher Erfahrung, aus eigener täglicher Arbeit, ohne Lehrmeister, ohne Ausbildung gcmeistert. Er hat heute die komplizierte Struktur des Mähdreschors im Kopf, er stellt die Finanzpläne und das Budget der Wirtschaft auf und führt gelegentlich Verhandlungen mit Kreditgebern oder der SoehnutlY')• Und wie er die anderen, die mit ihm aus Rußland kamen, aus zionistischer Jugendhewogung, Gefängnis und Verbannung. Wie er haben seine Kameraden sich Stück für .Stück, Gebiet für Gebiet erohert, Bau, Maschinentechnik, Tischlerei, Ackerhau, Statistik, Immer wieder aus Fehlern gelernt, Erfahrungen angewendet. Auf Schlaf, Erholung, Pausen verzichtet. Gehungert. Jahrelang nur trockenes, schlechtes Brot und Tomaten gegessen. Das Ziel weiter gerückt, die eigene Leistung noch überholen, das Maximum aus sieh herausholcn. Gearbeitet und die furchtbare Erschwerung des Anfangs überwunden. Gearbeitet, bis die ersten kleinen Erfolge kamen. Den ersten eigenen Boden erhalten. (Jearbeitet und inn verbessert. Gearbeitet, gebaut, vergrößert. Kredite, Programme, Kontrolle, neue Kredite, neue Programme. Der ganze Kibbuz eine einzige Ko'onne, die eine schwere Last einen steilen Berg hinnufsehiebt. Wenn einer losliißt, rollt sic zurück. Alle kritischen Gedanken, die Ruth gehabt hat. — daß das Wesen des Lehens nicht nur Arbeit sei, daß die Weltnnschmmng verflache, daß das ״Ewige int Menschen“ nicht mit Technik und Disposition gesättigt werde — vor diesem schlichten Bckcnn'nis werden sic Makulatur. Es ist so einfach und einleuchtend, daß man erst Bddirr kaufen kann, nachdem ( 11in gegen Malaria da ist. Daß man über den Sinn 11 i 11 l e r dieser Welt der Arbeit erst spricht, wenn sie Besinnung dafür läßt. Daß es einfach ein Wunder an Vitalität ir‘, daß diese Menschen nach solcher Vergangenheit und nach ihrem zehn- bis vicrzchnslündigcn Tagewerk Abend für Abend fremde Sprachen lernen, Vorträge hören, Musik machen, diskutieren und die brennende Leidenschaft zum Geistigen nicht verloren haben. ״Komm, Ruth!“ 8) Jewish Agency. Vor dem Pferdostnil steht ein feerer Leiterwagen. Der Mond ist voll und bat einen Heiligenschein um sich. In Deutschland sagt man, einen Hof. Aber der Kreis ist viel größer als die Sonne, ein riesiges rötliches Bad. In der Mitte schwebt die Mondkugel, sie sich! mittelalterlich und unheimlich aus wie die Kometen im Kindeikalenclor. Sehlomo führt zwei Braune heraus und spannt sie ein. Wie spannt ein jüdischer Bauer seine Pferde ein. Zuerst spricht er mit ihnen. ״Jcmina!“10) sagt er, und Patin! hebt den rechten Hinterfuß über den abgewetzten Ledcrrieitien. Ein Brett über die Wngenwände gelegt, aufgesprungen, diju 1 Vor der Ausfahrt aus dem Hof noch ein paar Heusäcke mifgclnden, eine große Brolkisle, Stroh. Feldweg zum Kinnereihsee! Ein dichtbesteckter Sternenhimmel, schwerer Mimosenduft, es ist Frühling im Emek llajarden. Der rohe, klobige Ifcuwngcn stößt und das Sitzbrett springt auf und ab. Festhalten! Der starke Geruch der leider, der strenge Pfcrdcgcruch, daß das alles Wirklich« keil ist, diese nächtliche Fahrt durch jüdische Accker — wohin mit so viel Seligkeit! In Dcgania wird haltgcmncht. Alle drängen sich heran! hiefen zu essen an, was gibt cs Neues, Zeitungen, Politik, Einkäufe... Hoch oben zwischen Bäumen ist ein hölzerner Fußboden nufgehiingt, im Sommer schlafen sie dort im Freien unter Moskitonetzen, eine schwankende Leiter führt hinauf. Noch näher den riesigen Sternen, die Wipfel beben, durch Oleander und Palmen fährt der Abendwind. Zurück durch die lange schmale Allee von Zypressen, vor fünfundzwanzig Jahren wurde sie gepflanzt, schnurgerade wie ein Parkweg in Versailles. Und wieder kutschieren, Zeigefinger zwischen den Zügeln, dijti, vorwärts, Schanghai und Pitom! Zum Kinncrcth-fice. Palmcmvnld. Afrika. Eine breite, wild überwachsene Steintreppe, verfallen, palmenflankiert, führt hinauf zum alten Gutshof, auf dem 1#) Recht».