Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 30-31 (15.4.1938)
- Date
- 1938-04-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seit» 6 jnniSCHE R II N ח S r H A >1 Nr, 30/31, 15. IV. 1938 Peßach in Die Weisen von Bne Brak Von Erich Ros e n b l ü t h, Kibbuz Rodges Der scheinbar so trockene und nüchterne Bericht über den Sederabend der Weisen in Bne Brak, der den Hauptteil des Sederabcmis cinleitct, hat gerade infolge seiner Dürftigkeit und Knappheit die Phantasie der nachlebendcn Generation und vor allem der vielen Erklärer der Haggadah angeregt. ״Es geschah, daß R, Eiieser, R. Jchoschna, R, Eleasar heil Asarja, R. Akiba und R. Tarphon in Bne Brak zusammen den Seder begingen und vom Auszug aus Aegypten die ganze Nacht erzählten, bis ihre Schüler kamen und ihren Lehrern verkündeten, daß cs Zeit wäre, das Schma'-ücbct zu sagen.“ Was erzählten sicii nun die!.einer Israels in dieser Nacht, und warum berichten die sonst so redseligen Quellen, die viele Einzelheiten aus dem Leben und den Reutlingen dieser Weisen zu bringen pflegen, nichts über ihre (jespräche in dieser Nacht? Warum %Vird im (iegensatz zu den anderen Hauptteilen der Haggadah diese Stelle nirgends sonst in der Mischna oder in den Midraschim erwähnt? Last jeder der hier erwähnten Weisen wohnte an einem anderen Ort und hatte dort sein Lehrhau-, so R. Eiieser in Ltidd, IE Jchoschna in Pekiin, R. Eleasar ben Asarja in Jabneh, R. Tarphon in Ludd; nur R. Akiba hatte seine Wohnstätte in Bne Brak. Warum nun verließen entgegen den (iepflogciiheilen jeder der Weisen sein Haus, seine Eamihe und seinen Jüngerkreis, und warum versammelten sie sicii nicht in Jabneh, der Stätte des Patriarchen, sondern in Bne Brak, dem Wohnsitze R. Akibas? Und w.inim׳ salhn de meid, wie cs sonst üblich wierige Kämpfe an vem den benachbarten Eamter Aufstand des Bar k die jüdische Jugend strömt Lander ringsum. Hundert' wären, würde es unvorstellbar sein, daß du* Weisen Israels teilnahmslos der Erhebung gegcmibcrgestamJen hätten. Die Stadt Jabneh, die R. Joehanan bei! Salden vor dem (-'alle Jertisalems sich von dein römischen Kaiser als besondere Gunst erbeten hatte, trat wirklich an die Stelle Jerusalems. Rabbi Kranken-" Versicherungen VERBICHERUN8SBURO ,,EUROPA" 6. m. b, H. Inh, »•ft 1924. H, Manaase, Berlin W15, Pariser Str. 37, Ruf. 924646 Joehanan errichtete dort nicht mir ein Eehrlmtis, sondern das Synhedrion, den Mittelpunkt der auch weiterhin in Staatliehen Formen geeinten jüdischen Na'ion. Hoffnungen auf "vollständige Wicdei herstelliing der politischreligiösen Selbständigkeit gerade im Klebe der vielen Jimger und Gddußn d '!! j Q /u \<rerlief) der!' Befehl, daß a!;c Imtger, die nach außen hin sich anders gaben, as . ■ ,1!! 1״ * in ,1!- I diralter Zeit lieh gärende, zum Aufstand bereite Jugend meinte, die mir mühsam zu händigen war. Es mag sein, daß auch die traditionelle Friedensliebe der Nachfahren und Jiinger Hilleis fRabban Gamliel war wie alle Patriarchen aus dem Hause Hillels), wie im Kriege des Jahres 70 so auch jetzt wescntlkh ihre Haltung mitbestimmte, im Gegensatz zu den radikaleren Jüngern aus dem Hause Schammais, die auch wie damals und seit dem Kriege sich bemühten, die Flamme des Aufstandes zu schüren. Viele der großen Lehrer der Zeit dachten aber anders oder konnten freier handeln als die Weisen von jabneh. Auf den unter Bar Kochba zur Zeit seiner Herrschaft geprägten Münzen erscheint der Name Eleasar Hakohen, der als der Name des R, Eleasar ben Asarja angenommen wird. Von ihm wird berichtet, daß er, als er vorübergehend R. Gamliel als Patriarch ersetzte, den Wächter am Eingang entfernte und allen Jüngern den Eintritt gestattete, und damit auch äiitierlich sein enges Verhältnis zur Freiheitsbewegung der Jugend bekundete. Bekannter ist, daß R. Akiba, der enge Genosse des R. Eleasar ben Asarja, führend an der Vorbereitung, der Entfesselung und der Führung der Freiheitsbewegung sich beteiligte. Er reiste in nahe und ferne Länder, um den Aufruhr gegen die römische Herrschaft unter der Judenheit zu verbreiten und sie zu finanzieller Hilfeleistung zu veranlassen; möglicherweise wurden mit diesem Oelde die großen Getreide- Speicher in Jabneh, von denen die Rede ist, für den Aufstand finanziert. Während alle anderen angesichts der Ruinen in Jerusalem trauerten, freute sich R. Akiba, da er überzeugt von ihrer nahen Auferstehung war. Begeistert anerkannte er I | | A. Hartbiodt, Berlin C 2, Königstr. 19 I ן mir Uhren / Goldu. Silberwaren | Bar Koehb« als den Maschiach und erschien gleichsam als dessen Waffenträger (nach dem Urteile des Rambam). Auch R. Tarphon, einer der Schüler aus dem Efause Schanimais und Genosse R. Akibas, dürfte diesem Kreis zu- /!!rechnen sein. R. Akiba, oder nach einer anderen Lesart R. Tarphon, saß mit anderen Gelehrten im Hause R. Jehoschua und fragte einst nach dein Grund, warum gerade der Stamm Jfliuda -- dem David angehörte — zum Tragen der Königskröne ansersehen wurde. Als die Kinder Israels einst atn Meere standen und keiner sich traute, als‘erster ins Meer zu schreiten, da machte ihr Stammvater, der Sohn Jehudas, beherzt den Anfang und sprang in die Fluten*). Aehnlicli wie aus der Zeit des römischen Krieges, da von Beratungen von Jüngern Hillels zwecks wichtiger politisch-haiachischer Entscheidungen berichtet wird, erfahren wir auch jetzt aus uns erhaltenen Bruchstücken über Beratungen der Gelehrten, die sicherlich auch den politischen Dingen ihrer Zeit galten. So versammelten sich im Hause des erwähnten K. Eleasar ben Asarja unter anderem R. Chnzpitl! und R. Jesehwaw, die nach dem Falle Bethars von den Römern getötet wurden. Es wäre auch der Natur der damaligen Umstände nach kaum anzunehmen gewesen, daß die Erhebung so weite Kreise hätte ziehen können, wenn die Gelehrten sie nicht mitgetragen hätten. Nicht schwer dürfte es nun sein, den Hintergrund dieser knapp gefaßten Haggadalistelle zu erkennen. Wir verstehen jetzt, warum entgegen den Gepflogenheiten die Weiseit ihre Leltrhütiser verließen und gerade nach Bne Brak zu R. Akiba kamen, tun — in diesem Jahre — getrennt von den Schillern den Seder zu begehen. Wir erblicken wieder R. Eleasar beit Asarja, R. Tarphon, R. Eiieser, der als eifriger Jünger Scluunmais bekannt war, und schließlich R. Jelioschua, der am Anfänge des Aufstandes sich bemühte, zwischen den Römern und seinem Volke ztt vermitteln, aber ohne Erfolg. Diese Weisen, selber zum größten Teile Arbeiter tagsüber, waren ihrem Zeitgeschehen verbunden. In der Erzähhing vom Auszug aus Aegypten, von den Söhnen Ephraims, die vorschnell die Knechtschaft abwarfen und mit Gewalt nach Palästina hei in kehren wollten, oder von denen, die ewig in der Knechtschaft bleiben wollen, oder von anderen die *) Daher wurde er würdig, die Königskrone zu tragen. sich aufopfern, in allen diesen Berichten erblicken sie nicht nur ein Erbe der Vergangenheit, sondern vor allem einen Hinweis auf die Ereignisse ihrer eigenen Zeit, und umgekehrt in diesen eine von Jahr zu Jahr immer neue Erklärung der Geschehnisse der Vergangenheit. Die Erzählung von der Befreiung aus Aegypten wurde unseren Weisen zum persönlichen Erlebnis, aus dein heraus sie die Fragen ihrer Gegenwart als lebendige Wciterführung jüdischen Schicksals, des Erbes der Vergangenheit begriffen. Die Verbundenheit mit den Erlebnissen der Vergällgenheit, die ihnen zu ihrer eigenen Geschichte wurde, ließen in ihnen die Bereitschaft fiir den Peßach der Zukunft, der Erlösung erwachsen, deren Herbeiführung sie mit ihrer Tat verwirklichen und beschleunigen wollten So fügte R. Akiba, der Schildträger Bar Kochbas, dem Danke für die Erlösung in der Vergangenheit die Bitte urn Erlösung und die baldige tätige Teilnahme am Wiederaufbau der heiligen Stadt hinzu. Auf den Spuren Moses Louis Golding: ״In the Steps of Moses the Lawgiver“. — Verlag Rieh & Cowan, London 1937. R. F. Martyn and W. F. Synge: ״Let My People Go!“ — Verlag John Murray, London 1937. In den letzten Monaten sind zwei bemerkenswerte Bücher in England erschienen, in deren Mittelpunkt Moses steht. Diese Bücher haben einen außerordentlichen Erfolg zu verzeichnen und gelten als ״bestsclicr“ dieser Saison. G o 1 d i n g, der bekannte Verfasser der ״Magnnlia Street“, gibt eine sehr eingehende Reisebeschreibung, die bei dem mutmaßlichen Auffindungsort Moses beginnt, und es ist geradezu rührend, wie er an Hand irgendeiner Phantasiepnstkarte sich müht, diesen Ort am Nil zu finden, wo die Königstochter das Kind aus dem Wasser gezogen haben soll. Dieses Buch ist eine eigentümliche Mischung von Realistik und Traditionsgebundenheit. Holding sagt einmal: ״Tradition ist ebenso wahrscheinlich echt wie alles, was man bis heute herausgefunden hat, und in jedem Fall trägt sie ihren Eigenwert in sich, weil es eben Tradition ist.“ Der Verfasser versucht, den Weg der Juden bis zum Sinai nachzugehen und befragt unterwegs alle möglichen Eingeborenen, welche Ueberiieferungen über Moses sie besitzen, wobei manche interessante Erzählung zutage kommt. Daneben sucht er auch eine rationalistische Erklärung der biblischen Wunder zu geben — die merkwürdigste davon ist wohl die Erklärung des Mannas als Exkrement einer bestimmten Insektenart, wobei sich Golding außer auf Volksüberiieierungen auch auf Forschungen Prof. Bodenheimers stützt, der dies Insekt (Trabutina mannipara) entdeckt und beobachtet hat. Einen etwas breiten Raum nehmen die kleinen Reiseerlebnisse des Alltags ein, die andererseits dem Ganzen das Kolorit geben. Ein zweiter Band ״Auf den Spuren Moses des Eroberers“ soll folgen; inan darf darauf gespannt sein. Wo Golding aufängt, hören Martyn und Synge gerade auf. Dieses mit ungeheurer Dynamik erfüllte Buch ist vielleicht der kühnste Versuch, die Jugend Moses von der psychologischen Seite her zu erfassen. Auf Grund einer sehr genauen Kenntnis ägyptischer Kulturzusainmenhänge konstruieren die Verfasser eine Lehensschilderung, wie wohl Moses als ägyptischer Prinz gelebt haben könnte und wie er erzogen worden sein mag. Er wird ans|festattct mit allen Kenntnissen seiner Zeit, er wird ein großer ägyptischer Feldherr, der zum Dank für seine Siege zuin Gouverneur von Goschen ernannt wird, wo er den Aufseher erschlägt, der einen israelitischen Sklaven mißhandelt. Moses muß fliehen und wird bei einer abenteuerlichen Seefaiirt auf die Halbinsel Sinai verschlagen, wo er bei Jetro zwei Jahrzehnte hindurch die Herden hütet, bis dann der Trieb in ihm erwacht, seine Brüder zu erlösen. Er kehrt nach Aegypten zurück und weissagt dem Pharao die ״Plagen“, die er als Kundiger sehr rasch der Natur abliest. Er ist vertraut mit allen magischen Praktiken, und so wird auf die natürlichste und planvollste Art der Auszug aus Aegnaten vorbereitet. — Auch in diesem Buch wieder bestellt die Tendenz, das biblische Wunder auf Naturereignisse zurückzuführeu, so wird z. B. das Sterben der Erstgeborenen medizinisch als eine meningokokkale Meningitis beschrieben. Aber immer bleiben die Verfasser im Bereiche der Wahrscheinlichkeit, und man beendet diese Lektüre nicht ohne das Gefühl, bereichert worden zu sein. N. ״Hellt l dionipz?“ Große Liebe für ein kleines I and Von Ilse B i 11 m c n t h a 1 - W e i ß (Amsterdam) einer Erklärung der Liebe? Tut es nicht gut, einmal wieder alle Traurigkeiten zu uhertünen mit dem Geständnis des Herzens, das cm einziges Wort heilt! Das Wort heißt: Liebei Ich liebe ein Land, ich liehe seine Straßen und Flußarme, seine Häuser und freien Plat/e, die breiten Wege, die zum Meer führen, die engen Gassen der Altstadt, ich liebe die Läden und Märkte, die Rufe der Burschen auf ihren Rädern, wenn sie laut und mit eindringlichem Eordem ihre Ware anpreisen. Ich liebe die Lichter auf dem nassen Asphalt, die Tupfen Licht auf den Ailiiberall-Kan.ilen, magische Kreise in dunkler Flut. Ich liehe den Kontrast zwischen Lärm und Stille, wenn mit geheimnisvollen Zeichen uralte Bäume das Leben der Jahrhunderte schattenhaft über das Hasten der Menschen ausgießen. Ich Hebe die Blumen, die ohne Lude in diesem Lande zu blühen scheinen, und die noch die verlassensten Straßenecken schmücken, sommers und winters. Ich liebe die Städte und Dörfer, die weiten Felder mit den glänzenden Grabenschnüren, mit den schwingenden Bewegungen einer Windmühle, die diese Landschaft beschützt vor den Grausamkeiten moderner Erfindungen. Ich Hebe die Stunde zwischen ,Tag und Nacht. Nie noch erlebte ich die beginnende Dämmerung so eindringlich wie in diesem Lande. Wenn man Straßen durchwandert, wenn man den Bogen einer Brücke langsam ahschreitet, wenn der Zug einen immer näher dem Meere bringt — keine krassen liebergänge, kein lohendes Larbcneifern, nur ein Vergehen, Entschwinden, ein von innen Erleuehtet-Sein: Frieden liegt über der Welt! — Und plötzlich stellt der Name Rembrandts über den Dingen auf, und die Erinnerung an das Geheimnis von Hell und Dunkel zugleich findet in dieser Stunde ein Echo. Nicht das Wunder der Technik, aber das Wunder des Herzens hat seine Bilder vollendet, Es ist schwer, die Stärke eines Gefühls mit Scheinwerfern auzustrahlen und Worte zu finden für eine Liebe. Aber vielleicht, wenn man ein wenig erzählen darf von diesem Lande, hebt ein anderer den Versuch der Worte aut find beginnt ein paar Lichter hcrauszusammeln und spürt Wärme und Helle aus dieser Liebe für ein Land. Einmal — Zeitbegriffe haben in diesem Zusammenhänge keine Bedeutung — kam ich an in der Hauptstadt des Landes. Ls regnete, regnete, wie es nur hier regnen kann. Auf den Straßen kleine Seen, auf den schmalen Uebergängen von einer Haltestelle zur anderen tropfende Schirmdächer, tmgeduldig auf- und abgehende Schritte. Ich stehe mit Koffer, Reisetasche und geöffnetem Schirm unter den Wartenden. Ueberfiillte Bahnen klingeln vorbei, nehmen Menschen auf, entlassen Menschen. Und es regnet, regnet.... Endlich die erleuchtete Ziffer meiner Tram. Aber 10 oder 12 Menschen vor mir. Ich bin die Letzte, ungeschickt vor Beladenheit mit Gepack, veriegenzaudernde Fremde im Regen. Da, als der Wagjen hält, greift mich eine unbekannte Frauenhand. ״Sie sind fremd hier und haben so viel Gepäck, gehen Sie voran, ich helfe Ihnen.“ Alle Umstellenden sehen sich nach mir um, zögern, warten. Es bildet sich eine kleine Oasse, und geführt von jener Frau steige ich, die Fremde, die Beladene als erste nun in den Wagen. Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit ebnen den Weg in ein fremdes Land, Wandern in einer unbekannten Stadt: der Zauber des Neuen lockt, kein Mensch kennt mich, keine Frage ruft mich an. Ich bin allein, herrlich allein, hinge-geben nur an die Erwartung auf ein Land, da* mich eigentümlich verzaubert. Ich s atme. Ich bin ergriffen. Ich sammle Blumen, die von vorbeifahrenden Karren in meine Hände fallen. Büsche von Blumen! Sie kosten fast nichts und bringen 80 viel Freude und Licht. Schönes Land, Blumenland: ein Mensch breitet die Arme aus, dir entgegen. Aia vielen Tränen bricht ein Lächeln auf: ich liebe dich! Kleiner Platz in der großen. Stadt, Wagen, Autos, Räder, Pferde und die Inseln der Haltestellen dazwischen. Menschen hasten vorbei, Lärm, Rufe. Großstadtlreiben. Da mitten hinein in den Strudel des Hin und Her die zärtliche Stimme eines Glockenspieles. Vom Turme des Munt läuten kleine Lieder. Und im Augenblick wird dieser Brennpunkt des Verkehrs in der Hauptstadt des Landes zu einem Tempel, darüber die Stimmen der Engel jubilieren. Brücken schwingen in geraden Strichen, in leise gebeugten Kurven von einer Straßenseite zur anderen. Weite, gewichtige Wege, kleine, verschwiegene Gassen sind diese Brücken, sind Wahrzeichen eines Landes, das den Zauber seiner Vergangenheit nicht mit Hacke und Spaten vernichtet. Manchmal, wie in einem Märchen, geschieht es, daß einem auf einer solchen Brücke ein Mensch begegnet, den man nie mehr vergißt. Zielloses Streifen von einem Ende der Stadt zur anderen, durch Straßen, deren Namen die Kostbarkeiten der Jahrhunderte nicht vergessen wollen. Bottrcellistraat, Michelangelo-, Lionardo-, Tizian-, Raffaelstraat. Wl« schön Ist, « sich an den Namen jener Großen zu orientieren. Schönheit und Kultur werden nun Symbol: Der Atem der Unendlichkeit weht über das Land. Und mein Herz frohlockt: ich liebe dich! Es stehen Menschen in schmalen Hatiscingängen und Torwegen. Sie sind einfach gekleidet. Sie sind arm. Sie hausen in engen Räumen, die wenig Liebt empfangen. Wenn sie über die Straße gehen, sprechen sie laut, und heftige Gebärden unterstreichen jedes Wort. Ihre Bärte sind nicht gepflegt. Die schwarzen Hüte tragen den Glanz des Elends. Und auf ihrem Rücken zeichnen sich die Spuren uralter Leiden. Sie sind nicht krumm, diese Rücken. Sie sind nur gebeugt. Auch diese Menschen gehören dazu, sind hier zu Hau.sc. Wie reich sind diese Armen! Sie beten für das Land. Sie lieben es. Schöne, feierliche Synagoge, hinter deren Holzjrittern die Blicke der Frauen sicii sammeln, um den heiligen Buchstaben nahe zu sein. Kein Orgclton und kein Kunstgesang. Aber die fromme Selbstverständlichkeit der Stimmen, die widerhallen und schweigen, verloren dem Einzigen, Einen, dessen Hand noch immer wie in den Tagen des Bundes Segen und Gnade austeilt. Und einmal: der große Platz in der Nähe des Marktes, von drei Synagogen cingesäumt. Ein Feuer brennt. Kinder umspringen lachend und rufend die Flamme. ״Hebt IJ chomez, hebt U chomez?“ Ab und zu füllt etwas in den kleinen Feuerhaufen. Menschen gehen vorüber, Arme und Reiche, Fremde und Bürger der Stadt. Sie sehen Kinder um das Feuer herumspringen, aber sie wissen den Sinn des Brauches nicht. Und spüren doch seltsam-wunderbar die Kraft einer Flamme, die Kinderhände behüten. — Immer neue Feuer wachsen aus dem Boden. Der Platz scheint zu brennen, es glüht rot und golden. Ein Junge ruft Männer und Frauen heran, er hat ganz große, schwarze, leuchtende Augen. ״Hebt U chomez, hebt U chomez?“ Und andere ICindcrstiinmcn rufen es nach, wachsen an zu einem Chor, und die kleinen Feuer flackern wie eine Begleitmelodie. Bald wird es Feiertag sein, bald werden die Lichtchen brennen. Alle Vorübergehenden sollen es wissen! Und da ich weiter gehe, da ich später am Tage lange, lange ganz dicht am Ufer des Meeres wandere, kann ich noch immer nicht jene Flamme auf dem großen Platz vergessen. War es Traum, war es Wirklichkeit? Vielleicht war es das ewige Licht, das über diesem Lande leuchtet. Es tut gut, von diesem Land zu wissen. Kleines Land in der großen Welt, Holland, nun hat mein Herz deinen Namen ausgesprochen.