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Jüdische Rundschau · 1938-04-15 · Heft 30-31 (15.4.1938) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 30-31 (15.4.1938)
Date
1938-04-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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jüdische Rundschau PES§A€H-BEILA^E Nr. 30 31, 15. APRIL 1938 Knechtschaft und Freiheit Gedanken Von O s k a r W o I f s b e r g, Jerusalem Von der Not der judenheit zu sprechen, ist überflüssig. Aber wir sind kur/sichtig; wir datieren den Beginn der Leiden falsch. Unsere ״ägyptische“ Aera hat begonnen, als wir in äufierer,;innerlicher breiheit innerlich dem Skiavenfum verfielen, als wir Knechte der Bedingungen wurden, auf unser Eigenstes Verzieht leisteten. Knechtschaft und Freiheit sind Pole jüdischen Schicksals, mehr noch als alles menschlichen. Sich verlieren und sich wiedergewinnen — das ist das Auf und Ab, das unsere Bahn bildet. Nicht der Mensch und das Volk bestimmen die Pcrioden. Mächte der Welt schmieden, Kräfte der (jeschichte lösen die Ketten — wir dienen und erheben uns aus dem Staub und werden des Segens der Unabhängigkeit zuteil. Aber was kann der Mensch, was das Volk tun, um sich nicht zu verlieren, um nicht in seinen eigenen Augen vorächtlich zu werden, wenn die äußere Selbständigkeit ihm gerauht wird? Wir kennen diese Problematik, und theoretisch ist sie oft ahgehande.lt worden. Dies ist doch unser ganzes Unglück, daß fast alles in unserer Literatur niedergelegt ist, daß fast alles gedacht und gesagt ist, was die großen Fragen des Daseins an Antwort erheischen. Nur die notwendige Hebertragung saldier Erkenntnisse auf das Leben selbst, die Kraft der Nutzanwendung und Verwirklichung ist uns fast stets versagt. Dieses tragische Aiiseinandcrklaffen von Wegbalmung und Weisheit der Theorie ist so schmerzlich. Achad Haam hat uns den Huch von עבדות בתוך חירות vor Augen geführt. Die Wurzel des Fluches ist die Bereit- Schaft des Menschen, Sklave zu sein. Die jüdische Lehre, die den Begriff der Freiheit hoch erhebt, so wie sie die Tatsache der!•'reiheit an den Eingang der jüdischen Geschichte schreibt — Peßach a's זמן חירותנו — hat es festgelcgt: כילי בני ישראל עבדים, עבדיהם Mir (sagt Gott) sind die Kinder Israel Knechte, Meine Knechte sind sie.“ Und was generell dem Volk auf den Weg mitgegeben wird, erklingt als besondere Mahnung dem Einzelnen. Der jüdische Knecht soll zur Freiheit streben. Wer in dem Verhältnis des Dienenden verharren will und den Weg zur Freiheit verschmäht, dem wird ein Zeichen in das Ohr geprägt. ״Das Ohr, das am Sinai das Wort vernahm: Mir sind die Kinder Israel Knechte, werde durchbohrt, wenn der Mensch sich dessenungeachtet einem Herrn verkauft.“ Uebera'l, wo freiwillig ein Mensch sich der Freiheit begibt und sich ohne Not unter ein Joch beugt, kündet sich die Knechtschaft in allem an, auch wenn es so scheint, als erfreue sich der Mensch aller Privilegien. Die Geschichte will es heute anders. Aller Schmerzen ungeachtet, strebt sie zmn Sinn unserer Sendung: Freie zu sein. Und wenn auch das Ziel nicht nahe ist, ermöglicht uns die Erkenntnis der Wirklichkeit ein Zwischensiadium. Wir können versuchen, die Gnade der inneren Freiheit zu spüren. Das Schicksal der Diaspora ist hart; es kennt mir Halbheit. Die Juden wollten einmal jene Lösung, das Schicksal diktiert ihnen die zweite. Wir verstehen das Paradigmatische, das Symbolhafte. Für uns bedeutet dieses Stadium den Vorboten der Befreiung. Was heute die Golali trifft, ist noch מצרים n0B, aber es eröffnet den Blick auf פסח לעתיד. ,,Im kommenden Jahr“ sind wir Freie, wenn — und das ist die Bedingung — wir im ״kommenden Jahr“ in Erez Israel sein werden. Die Wirklichkeit ist rauher als Liturgie und Homiletik, die Gebiete decken sich nicht. Aber wir dürfen doch dein Wahrheitsgehalt der Weisheit lausehen und vertrauen. Gekommen ist die Stunde des Glaubens, die Zeit, in der der Glaube lebensnotwendig ist. Und dieser Glaube lehrt uns, der Zukunft, der Heimat, der Freiheit entgegenzuleben, die alle miteinander innig verbunden sind. Wir vernachlässigen sträflich in der jüdischen Welt heute Erez Israel, weil uns das Gut der Freiheit nicht teuer genug ist. Denn ungeachtet aller Sorgen in unserem Lande und aller Mängel, die dem Aufbauwerk,_ durch unser Verschulden und aus Ursachen, über die wir keine Macht haben, anhaften, ist es das Land jüdischer Freiheit. Mit allen Beschränkungen unserer Bewegungsfreiheit, mit allen Unvollkommenheiten seiner Struktur fühlen wir, der Jischuw, uns als Gestalter unserer Lehenssphäre. In allen Bedrängungen und im Gestrüpp des Geschehens ahnen wir, daß auch uns eine lichte Zukunft beschiedcn ist, wenn die Welt einen Ausweg findet aus ihren Verwicklungen. Fs ist uns aufgegeben, mitzuwirken an der Bahnung des Weges. Wir sind gehalten, unser Werk nicht zu beflecken. Mit dem eigenen Aufstieg müssen wir die Sorge um das Wohl des Nachbarvolkes verbinden, im Innern soll eine ideale Ordnung der Dinge verwirklicht werden. Durch die Nacht der Gegenwart leuchtet der Morgen des kommenden Tages. Es gibt Wege des Aufstiegs Vieles liegt in unserer Hand. Der Gedanke des jüdischen Staates meldet sich gebieterisch und bedeutet, wenn ihm AUkrzirä* Ch»rlott»nbur5, Straß• «ר (Nah• Kantttr.) Das Spazialhaus für Strümpfs, Trifcotaqen, Harrenartikel, Handschuhe, Wollwaren ein hinreichende•: < Nu :bau des NaFonalheims in kürzerer Zeit und gleichzeitig die Zuteilung einer eigenen Sphäre und die Anerkennung unserer Reife. Aber die jüdische Welt muß ihren Glauben an ihr Land erneuern. Sie muß ihre Menschen entsenden und uns Mittel anvertrauen in g,־y!z anderem Maß als bisher. So werden wir schnell die herrschende Unsicherheit, deren Ausmaß nicht überschätzt werden darf, überwinden und der Wirt- Schaftskrise Herr werden. Wir haben noch die Schwelle zu überschreiten, die in das Land der Freiheit, in die Freiheit des Landes führt. Zögern wir nicht! Es soll diesmal ein Peßach werden, das nicht nur Reminiszenz ist, sondern vorwärtsstürmender Wille, Die Freiheit aber ist in erster Linie ein sittlicher Wert und ist nicht unser Privileg. Des wollen wir eingedenk sein und demütig der zweiten Stufe unseres historischen Weges schon heute enfgcgenschrciten, die das freie Volk auf seine Berufung, aut die Lehre verpflichtet. Mit der Freiheit wird die Pflicht geboren. ״Ha ladima anja“ (״Dies ist das Brot des Elends“) Oie Sitte ist weit verbreitet, daß die Erschienenen aufstehen und die Sederschüssel hochheben, wobei die obigen Eingangsworte mit dem darauffolgenden Text gesprechen werden. Dorl, wo dies nicht von allen geschieht, erhebt wenigstens der Hausvater im Sitzen die Sederschüssel, wobei er die Eingangsworte spricht. Doch dabei ist die Sitte schon stark abgeschwächt. Ihr Ursprung liegt tief im Orient. Die Ruhepolster sind auf der Erde ausgebreitet, auf ihnen strecken sich behaglich die Festtcilnehmer aus. Im Kreisrund der Sitzenden stellt ein niedriger Tisch. Auf ihm steht die Sederschüssel. Mit Einsetzen ries Ecstrituals sollen «He Fremden und die Armen mit zu Tisch gebeten werden. Die Einladung ist in dem mit 11״a lachma anja“ beginnenden Abschnitt der Ffaggadah formuliert. Aber woher sollen die Armen wissen, daß sic jetzt cingcladen werden? Man geht von der Vorstellung aus, daß sie noch auf der Straße wandern. Wenn sie auch im Vorbeigehen auf die Fenster bücken, können sic doch nicht wissen, was im Zimmer vorgeht. Das Festarrangcinent und die Hausbewohner aut ihren Ruhekissen sind nur wenige Zoll über dem Erdboden etabliert. Von außen kann man davon nichts sehen. Das ist der Grund, warum jetzt der Hausvater mit der Tischgesellschaft aufstellt. Sie liehen die Sederschüssel dabei in die Höhe. Die Annen, die auf der Straße warfen, werden darauf aufmerksam. Sie wissen mm, daß sie cingeladen sind. Sie treten ein, der Platz wird ihnen angewiesen, und sie machen Kiddusch. Der Ilnusvafer wäsdif sich die Hände In der Maggadah stellt: ״Der Hausvater wäscht sich die Hände, er taucht Salatblätter in Salzwasser und reicht jedem der Teilnehmer ein Blatt.“ Es erregt die Aufmerksamkeit, warum sich der Hausvater die Hände wäscht, die Teilnehmer an der Scderveranstaltung jedoch nicht. Schon daß sich der Hausvater wäscht, ist merkwürdig, denn es gibt keine Vor- Schrift, wonach der Jude, wenn er Salat essen will, sich vorher die Hände zu waschen hat. Hier scheint, daß nicht eine sakrale Vorschrift, sondern ein Gedanke der guten Lebensart praktiziert werden soll. Vielleicht beschäftigt die FAHRT ÜBER LAND Von Masche Kaliko Und wieder Wüste, Sand und Felsruine, Im Fellgezelt der hagre Beduine, Und magre Zicklein kaun am magern Grase. Dann gelb und streng ein schwankendes Kamel, Und hoch zu HSupfen der Fellachin Vase Aus rotem Ton, Und dann, gleich der Oase — Deine Wohnungen, Jlsrael . . . Und wieder saftig Grün und Blühn und Reiten, Und Arme, die In goldne Aehren greifen, Und Wasserlurm und Stall und blanke Weiden, Und Ochs und Kuh, und Lämmer ohne Fehl. Dann Burschen, braun und stark und stumm Im Leiden, Und Mann und Pferd und Schwert, bereit zu schneiden — Deine Wfidiler, Land Jlsrael . . Und wieder Bild und Traum, Klang und Gebärde, Und dreier Gütler Ruf und heilige Erde. Die Himmelsleiter und das Wort des EINEN, Der einst die Engel sandte zu Be!h־El, D״s Awram Gäste In geweihten Hainen, Des Jaakow Ringen und der Rachel Weinen — Deine Kindheit, Volk Jlsrael . .י Jerusalem 19.39 Tischgenossen der Gedanke: Wie ist es mit den Fingern des Hausvaters bestellt, mit denen er jetzt die Salatblätter in das Salzwasser tauchen wird? Das Frstrcglrment macht jedem Nachdenken ein Ende. Der Hausvater wäscht sich vor den Augen der Tischgesellschaft die Finger. Daß es sich hier um eine Eingehung weltlichen Ursprungs handelt, ist so gut wie sicher. Wäre das Waschen an dieser Stelle religiös vorgeschrieben, so wäre auch der Segcnsspruch über das Waschen nicht fortgcblicbcn. Der Ben diadiam und der Ben rasdia Ein beliebtes Thema am Sedertisch ist: Woran erkennt man den Chacham und woran erkennt man den Rascha, d. h. die bona fides des Einen und die mala fides des Anderen? Der Erste fragt: ״Was bedeuten die Zeugnisse, die Satzungen und die Rechte, die der Ewige, unser Gott, e u c h geboten hat.“ Der Andere fragt: ״Was soll euch dieser Dienst." Bei dem Chacham bemerkt man ein liebevolles Einehen auf die Gliederung der Thora, während die Frage des ascha etwas abrupt klingt. Das reicht jedoch zu seiner Verurteilung• nicht aus. Man fiat ferner einen Unterschied zwischen dem ״Euch“ des Chacham (etlichem) und dem ״Euch“ des Rascha (lachem) zu machen gesucht. Danach soll ״etlichem“ den Fragesteller einschließen, ״laehcm“ ihn jedoch ausschücßcn. Sprachwissenschaftlich ist diese Theorie nicht gesichert. Wieso stellt man nicht die Schliisselfrage: Warum hat der Ben chacham sich nicht so ausgedrückt: ,.Was bedeuten die Zeugnisse, die Satzungen und die Rechte, die der Ewige unser Gott uns gegeben hat?“ An sich wäre diese Frage unzulässig, da der Frage des Ben chaeliain ein Bibelvers untergclcgt ist. Der Chacham darf somit an dem Wortlaut der Frage nichts ändern. Wenn es so ist, dann kann jedoch die Frage nicht abgelchnt werden, wie es zu begründen sei, daß der benutzte Bibelvers an dieser Stelle ״etlichem“ und nicht ״otlianu“ (uns) sagt, und das ist dann richtig gefragt. Die Antwort hätte so zu laufen: In den Eingangsworten zu diesem Abschnitt sagt die Haggadah: ״Von 4 Kindern spricht die Thora“, d. 11. in der Denkweise von 4 Kindern, liiese Kinder sind bereits geistig entwickelt. Das geht aus ihrer Redeweise hervor. Barmizwalt sind die Knaben noch nicht, denn dann hätte sie die Haggadah nicht ״Kinder“ genannt. Der Ben chacham Lebt das Wissen. Das leuchtet aus seinen Worten hervor. Fr hat na-.11 ־ der Art iüdiSflwr Knaben reiferen Alters schon Thora und auch etwas Mischna gelernt. In den Pirke Aboth Kan. V wird er gefunden haben, daß mit 13 Jahren der Jude für die Mizwoth mündig wird. zum Seder Natürlich gewöhnt man den jüdischen Knaben, auch wenn er noch viel jünger ist, an die Erfüllung von Mizwoth. Der Ben chacham aber weiß, daß es nur Erziehung (Ohinuch) ist. Eine gesetzliche Pflicht ist für den Knaben unter Li . threu noch nicht gegeben. Ls widerstrebt aber dem Ben chacham, sich schon als geset/esmimdig hin/!!stellen. Fr will sich keine Würde beilege״, die er noch nicht erlangt hat. Darum muß er ״etlichem" (euch) .sagen. Und wodurch wird der andere Sohn als ״rascha“ erwiesen? Das macht das Wort .,a vodah . ln seinen! Munde ist es nicht Gottesdienst, denn er ist nicht fromm, auch nicht Arbeit, denn er haßt die Arbeit,;!1so bleibt nur die geringschätzigc Bedeutung ״Betrieb'‘ übrig, den auch manchmal das Wort ״awodah“ in der Bibel besitzt. Der Ben rascha sagt demnach: ״Was soll euch dieser ganze Betrieb" (Ihr werdet doch nie erlöst werden). Dem Verfasser der Haggadah hat liier ein alter Midrasch vorgesehweht: ..Nur ein Fünftel stark (chaimischim) sind die Israeliten von Mi/rajim ausge/ogen; vier Fünftel von ihnen haben sich von dem Klal jisrael ausgeschlossen und sind im Aegvpti rtum untergegangen.“ Mit diesem Wissen gibt der I laggadist dem Heil rascha heit, hat er einen Grundsatz'gehrngnet. Wenn er damals dort dabei gewesen wäre, dann wäre er nicht ei Tust worden.“ Das gekochte l.i Vor dem Nachtmahl wird ein gekorhtis Fi gegessen. Die gewöhnliche Begründung hierfür In steht daiin, daß es ^zurn he״ sei. Daß das Fi ein Zeichen der'l'rntier sei, entspricht der üblichen Auffassung. Sie kann aber nicht ohne eine starke Einschränkung akzeptiert werden. Der (n'd.iiikengarig ist folgender: Fm Fi!st rund und das Schi! k-:1l ist ׳und, einmal verglichen mit dem Rade der Zeiten, einmal sind die Speichen in der Höhe, einmal sind sie m der lieb1. Das 11 ist ein Svmhol für das Ocsehick und nach dem < )ptum-mus des Juden eigentlich für ein günstiges ( ic-dnrk. Es ist in hohem Grade atiffäüig, daß eine Autorität wie R. Mosche Isserles im Sehulchan Aiueii gbuhialls gesagt hat, die Eier vor der Peßachmahl/eit werden als Zeichen der Trauer gereicht. Wie geht das zu? Die Thora hat für den Festtag vorgeschriebe״ :״Du sollst niclr.s als tiohlich sein!" Zwar ist es für das Snkkodi-f est gesagt, aber der Talmud läßt keinen Zweifel darüber, daß dies auch fur die beiden anderen Wallfahrtsfeste gültig ist, Worte von R. Mosche Isserles müssen einem jeden wichtig sein, aber wird es gelingen, ihnen gerecht zu werden, wenn man sie in einem tieferen Sinne auffaßt? Der Psalmist sagt Kap. 137 V. 5 und 6: ״Fs verdorre meine Rechte, vergäße ich Dein, Jerusalem. Lechzend klebe mir die Zunge;hi dem Gaumen, wenn ich!.)einer nicht gedächte. Wenn ich nicht Jerusalem erhebe an die Spitze meiner Freude." Das kann aber dann nicht das zerstörte, sondern mir das einstmals wieder aufgebaute .Jerusalem sein. Fs ist nur möglich, zwei Freuden miteinander zu vergleichen. Ein Schmerz läßt sich nicht mit einer Freude vergleichen. Der Hsa! 111 ist will hier sagen: Der Gedanke darf nicht von Dir weichen: Audi die höchste Freude, die Dir das I.eben biingen wird, ist ein Geringes gegenüber der Freude, die Du einmal an dem wiederaufgehallten Jerusalem haben wirst. Dieser Gedanke enthält auch eine Freude, wenn auch eine schwermütige. In einem solchen Geiste darf man schon das gekochte Fi als Einleitung zur Festestafe! verzehren. Vicfleieht ist folgende Erklärung fur das gekochte Ei einfacher und darum einleuchtender: Auf der Sederschüssel figuriert ein gebratenes Fi fur das Korban Ghngigah, das ist das Fcsttagsopfer (nicht das Pcßnrliopfrr). Seitdem der Tempel zerstört ist, tritt dir Abendmahlzeit direkt an seine Stelle. Jetzt wäre der Moment gekommen, das f-.i von der Sederschüssel zu nehmen und unter die Fc«tg.ä«tr aufzuteilen. Aber was ist ein Ei für soviel Teilnehmer? Darum wird jedem von ihnen ein Ei gereicht. Leber *los Aphikoman Das Aphikoman ist ein Svmbol fur den Verzehr des Peßachopfers. Auf der Sedorschu««cI!st das entsprechende Sinnbild ein Stuck gebratene« Fleisch mit einem Knochen. In der alten Zeit bildete das Korban Ghagigah den Gegensiand der Fleischmahlzeit an der Fe«tC'-tafel, Zum Schluß aß man ein Stückchen von dem Peliaelilamm, nicht kleiner als eine Olive, aber meistens auch nicht viel größer. Die Gemara bringt in beiden Ta'muden von Peßachim das Scherzwort: ״Die Peßaehportion ist klein wie eine Olive, und das Halle! dafür ist so mächtig, daß es die Balkendecke sprengt." Fs ist ein geflügeltes Wort geworden für andere Gelegenheiten im!.eben. Da gegen Ende des zweiten Tempels die Zahl der Wallfahren immer mehr anwuchs und schließlich die Million überstieg, wurde das Schlachten des l’eßaehlamms zu einem Problem. Wie kann man in den drei Stunden, die dafür vorgesehen sind, nämlich am Riisttage von 3—b Uhr nachmittags, Lämmer für so viel Volk im Tempelhofe schlachten? Die Möglichkeit war aber dadurch erleichtert, daß an der Festestafel nicht mir die engere Familie saß, sondern die ganze Sippe. Nicht bloß Eltern und Kinder, auch die Großeltern, die Brüder des Vaters und deren Kinder, dazu die geladenen Festgäste. Schon die Thora hatte diesen Zustand vorbedacht. Ein Pcßachlainm reicht aus für alle, die bei der Schlachtung schon als Tischgäste bestimmt sind. So werden Familientafeln mit 50 Teilnehmern keine Seltenheit gebildet haben, und so ist cs leicht möglich, daß auf jeden Teilnehmer von dem Korban Peßach nur Fleisch kam, nicht mehr als eine Olive groß. Bei alledern ist doch nicht aus der Welt zti schaffen, daß das Pcßachlamni das Hauptsvmhol des Abends ist. Warum sollte es erst zuletzt an die Reihe kommen? Das beruhte zunächst auf der rabbinischen Vorschrift: Fs darf erst auf vollen Magen gegessen werden. Aber warum? Der Grund dafür scheint in folgendem zu bestehen: Fs gab hei dem Korban Peßach die strenge Vorschrift, daß ein Knochen von ihm nicht zerbrochen werden darf. Die Zuwiderhandlung war ein kriminelles Vergehen, über das die Geißelstrafe verhängt wurde. Dieser Tatbestand gibt den Weisen Anlaß, einen ״Zaun um die Lehre“ zu errichten. Sie v erlegen den Genuß an den Schluß der I estestafcl und nicht nur dies, sie machen noch das Essen des Korban Peßach von der Voraussetzung abhängig, daß alle Tischgäste bereits vollständig gesättigt sind. Dann kommt nicht mehr in Frage, daß jemand aus Hunger an dem Peßachlamm einen Knochen zerbricht. Um sich Sicherheit dafür zu verschaffen, daß alle schon satt sind, hat der Tischvorstand die an der Tafel Sitzenden vor der Verteilung des Aphikoman daran zu erinnern, daß 111311 nach der Peßachmahlzeit bis zum anderen Morgen Speise nicht zu sich nehmen darf. Arnold Wiener, Beuthen (O.-S.)

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