Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 29 (12.4.1938)
- Date
- 1938-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2653549-2653569--32034-2683731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 29. 12. IV. 1938 JÜDISCHE RUNDSCHAU Seife 3 Was heißt ״jüdisches Leben“? Von Dr. Max Nußbaum Heinrich Stahl zum 70. Geburtstag Von Conrad Kaiser, Vorsitzendem der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde Berlin Heinrich Stahl, am 13. April 1868 in Rudow in der Mark geboren, wurde durch die Gemeindewahlen vom November 1930 Mitglied der Repräsentanz; nach Bestätigung dieser Wahl durch die Aufsichtsbehörde im Juni 1931 Mitglied des Gemeindevorstandes und am 23. Mai 1933 Vor■ sitzender des Gemeindevorstandes. Diese Daten sind nicht uninteressant. Gewiß war Heinrich Stahl in jüdischen Dingen, insbesondere im Wohjfahrtswcscn, damals kein Neuling mehr. Hatte er sich doch jahrzehntelang in der Stille im Vorstand des Vereins für üdische Alterseime, der Abrahamschen jiidisehen Volksküchen und auch des lsraclitischen Oemeindebundes hetätigt. Aber sein eigentlicher Eintritt in das jüdische Gemeindeleben und damit in die jüdische Oeffentlichkeit ge- *chah doch erst in einem Lebensalter von 63 Jahren. Derjenige, der heute den dornenvollen Pfad des üdischen öffentichen Lebens betritt, bedarf eines starken Optimismus. In welchem Maße und mit welchem Erfolge Heinrich Stahl sich von ihm beseelen ließ, zeigt die Tat- Sache, daß er, der vor sieben Jahren als 63jähriger, trotz schöpferischer Betätigung im Wirtschaftsleben, der jüdischen Oeffentlichkeit ein Unbekannter war, heute als der populärste V'orsitzende gilt, den die Jüdische Gemeinde Berlin seit Jahrzehnten besessen hat. Stahls Verdienste um das jüdische Wohlfahrtswesen in Berlin, die Jüdische Winterhilfe, das Aufbringungswerk und die Altersheime, unstreitig seine Lieblingskinder, denen auch die Mehrzahl seiner öffentlichen Reden galt, sind imumstritten. Dankbar wollen wir anerkennen, daß er, der aus einer anderen Generation stammte und in einer anderen geistigen Welt groß geworden war, auch der Jugend und ihren Bedürfnissen stets Verständnis entgegengebracht hat. Gern und mit besonderer Herzlichkeit zeigte er das etwa bei Veranstaltungen aut dem jüdischen Sportplatz, bei den Vorführungen der Kindcr-Tagesheime oder beim Empfang des Makkabi aus Erez Israel. Auch die kulturellen jüdischen Dinge, jüdische Kunst und jüdische Künstler, hat er nach Kränen gefördert. Für die Ziele des Berliner Jüdischen Kulturbundes, dessen Vorsitzender er ist, ist er immer wieder eingetreten. Ein solcher Mann in einem solchen Amt und zu einer solchen Zeit konnte sich auch den Palästinabestreb ungen des jüdischen Volkes nicht versagen. Das ist selbstverständlich und verdiente kaum heute erwähnt zu werden, wenn nicht auch hier ein Zug hervorzuheben wäre, der charakteristisch für Heinrich Stahl ist und die Zusammenarbeit mit ihm, auch bei sachlicher Gegnerschaft, immer wieder erfreulich macht: seine Geradheit und Ehrlichkeit, das offene Bekenntnis früherer Irrtümcr, sein durch keine Starrheit eingeengter Wille, das Richtige zu erkennen. Ich denke etwa an seinen Vortrag im Februar 1933 über seine Palästinareise, ln einer liebevollen, die Leistungen von zwei zionistischen Generationen, die ungeheuren Opfer der Chaluzim und ihre Erfolge würdigenden Schilderung verglich er die Eindrücke seines damaligen Palästina-Aufenthaltes mit denen der früheren, jetzt 32 Jahre zurückliegenden ersten Reise. Offen be- In einer Zeit, in der die Welt den Versuch macht, ihren Völkern, ihrer Jugend und den Menschen der Gegenwart überhaupt ein neues Ideal zu geben, in einer Epoche, in der auch wir Juden ein neues Leben anfangen una auch unserer Jugend "Lebensmut einflößen wollen — in dieser Zeit gebrauchen wir oft zwei Worte, die in ihrer Verbundenheit unsere ganze praktisch-moderne Philosophie bedeuten — die zwei Worte: ״Jüdisches Leben“. Wenn wir über unsere Situation nachdcnkcn und über unsere Problematik sprechen, reden wir vom ״jüdischen Leben“, und es scheint uns, als hätten das Hauptwort ״Leb e n“ und das Eigenschaftswort ״j ü d i s c h“ schon von jeher eine Ein’heit gebildet. Das ist nicht wahr. Menschen haben •ein kurzes Gedächtnis. Noch vor wenigen Jahren war cs anders. Das, was man ״Leben1' nannte, war eine Summe von Geschehnissen, die sich draußen ahspiclten. Und ״jüdiseh“ war das, was sich innerhalb unserer vier Wände abspielte, das, war nicht die Notwendigkeit verspürte, eine Antwort auf die Geschehnisse des Lebens zu geben. Das ״Jüdische“ Stand innerhalb einer Synagoge, innerhalb eines Verbandes, innerhalb einer Organisation. Die Beriffe ״Leben“ und ״Judentum“ standen miteinander in keinem ontakt, zwischen dem Draußen und dein Drinnen gab es keine Brücke. Leben war brausender Rhythmus. Judentum w ar innere Ruhe. Man konnte leben, ohne jüdisch zu sein, und das ״Judentum“ brauchte keine Stellung zu den Anforderungen des Lebens zu nehmen und keine Antwort auf dessen dräugetide Fragen zu wissen. Für das Leben, das man draußen lebte, war das Judentum wenig wichtig. Es nahm ihm nichts, cs gab ihm nichts. Einige wenige, die mitten im Judentum standen, wußten vielleicht, welches besondere Glück diese W'elt in sich birgt. Htr die große Masse war es eine ״quantite negligeable“. Das Revolutionierende unserer Zeit nun bestellt darin, daß wir uns heute die Begriffe ״Leben“ und ״jüdisch“ getrennt nicht mehr vor stellen können. Das Schicksal hat alle Juden in der Welt — zum Teil gegen ihren Willen — mit dem Judentum konfrontiert. Plötzlich sahen sich alle vor der Alternative, entweder das Leben zu verneinen, oder aber ein solches zu führen, das offensichtlich den kannte er: ״Der Gedanke, dieses Land bewohnbar zu machen, schien mir damals, vor 30 Jahren, die Absicht von gutmeinenden Phantasten zu sein.“ Und er, der später mit Klarheit die Bedeutung der Hebräischen Universität Jerusalem erkannte, die ideelle wie die außerordent- AUCH FÜR DEN HERRN rßlALEKsJOMi Berlin W, Kurfürstendamm 216, Tauentzienstraße 11 liehe praktische Bedeutung für die Besiedlung des Landes und für die Lebenskraft der Gcsamtjudenheit, — der sich zur Verfügung stellte, als auch in Deutschland die Freunde der Hebräischen Universität zusammentraten, gestand freimutig: ״Ich selbst habe sic in früherer Zeit für überflüssig gehalten.“ Solche offenen Erklärungen ehren den Mann, und sie zeigen sein ständiges und erfolgreiches Bemühen, über ein engeres Parteiprogramm hinaus der Gesamtsachc des Judentums und der Judenheit zu dienen. Und wenn die Jüdische Gemeinde Berlin nach Ansicht vieler von uns früher wie auch heute — es wäre unehrlich, das zu verschweigen — in ihrer praktischen Betätigung für den Palästina-Aufbau, insbesondere für das Werk des Keren Hajessod, nicht das geleistet hat, was man von ihr erwartete, so wissen wir, daß die Ursache dafür nicht bei Heinrich Stahl lag. So wollen denn auch wir heute dem Siebzigjährigen, der sein Amt als Gemeindevorsitzender zu einer Zeit übernommen hat, in der es wahrlich mehr Lasten, Sorgen Und Beschwerlichkeiten mit sich bringt als äußere Ehren, ein Geständnis ablegen: als vor längerer Zeit bei einer Tagung Heinrich Stahl zum erstenmal als ״Vater der Jiidi- Stempel des Judentums trug. Das ״In-den-Tag-hinem* Leben“ von Juden ohne die ernste jüdische Note dieses Le» bens gibt es nicht mehr, zumindest nicht für Verantwortung»• bewußte Juden. Das hier angedeutete Problem ist nicht nur vom jü dl י sehen Aspekt her wichtig. Auch vom rein menschlichen aus gesehen gewinnt es eine große Bedeutung. Denn wenn ein Jude unserer Tage sich morgen und übermorgen nicht zu einem jüdischen Dasein entschließen kann, wird er — wie die Welt heute aussieht — nicht mehr leben können — nicht nur nicht als Jude, sondern auch nicht als Mensch. Dieser Gesichtspunkt — jüdisches Leben, mcnsch■ lieh gesehen — wird von uns viel zu wenig unterstrichen; viel 711 wenig nachdrücklich prägt man unseren Menschen ein, daß ohne eine jüdische Lebenshai« tung nicht nur das Judentum eitlem Auflösungsprozeß ent• gegengehen könnte, sondern auch die Welt für uns sinnlos wird. Ein Gedanke soll hier noch Erwähnung finden, der be• sagt, daß die Juden ein Volk seien, dessen Heimat die anderen Juden sind. In der Tat: Wie konnten wir denn leben, wenn die an d e ren J 11 den draußen nicht unsere Heimat w a r c 11? Wie konnten wir unsere Kinder in die Welt schicken, wenn wir nicht wüßten, daß dort irgend jemand steht, der ihnen die ersten Schritte im fremden Land ebnet? Wie komm• auch die aul’crpalästinen• sische Wanderung in diesem Maße erfolgen, wenn es nicht überall große Organisationen von Juden gäbe, die uns die Welt zur Heimat ausgestaiten? Juden leben in der Tat davon, daß andere Teile unseres Volkes eine Heimat bauen und eine Heimat darstellen. Je* der heute a u s w a 11 d e r ת d e Jude ist eine Heimat für den, der morgen gellt. De-halb besitzen wir auch die Kraft, bei allen Opfern, die wir bringen müssen, an das Leben zu glauben. Wir, das kleine Volk, halten auch in der Gegenwart Wacht vor dem jüdischen Leben und sagen: ״Wea'f al pi ken geula“ — Und trotz, all dem Erlösung ... sehen Gemeinde B e r I i 11“ bezeichnet wurde, da nahmen meine engeren Freunde Anstoß an dieser Acußerung. Dann kam die Zeit, wo wir immer wieder Gelegenheit erhielten, mit Heinrich Stahl in kleinem Kreise unsere jüdischen Fragen zu erörtern. Und ich erinnere mich, wie nach Be• endigung einer jener ersten Besprechungen das Wort fielt ״Eigentlich hat er wirklich etwas Väterliches in seinem Wesen.“ Es ließen sich für die Ehrung des heutigen Tages Worte erkennenden und anerkennenden Dankes finden, die geschickter geprägt wären und wirkungsvoller klängen. Aber ich weiß keines, das herzlicher wäre, tiefer und im besten Sinne jüdischer, das zum Ausdruck brächte, was wir heute für unseren siebzigjährigen Gemc'imlcvorsit/enden empfinden, als jener schlichte Satz.: ״Sein Wesen ist väterlich.“ Emigranten in der Schweiz Das Eidgenössische Justizdeparteinent der Schweiz hat bekanntgegeben, daß vor der Wiedereinführung des Visum- Zwanges für Inhaber österreichischer Pässe, die am 1. April erfolgte, eine große Zahl von Personen aus Oesterreich in der Schweiz eingereist sei. Da infolge der Ueberfrenidung und der Lage des Arbeitsmarktes die Schweiz nur als Durchgangslarid in Frage kommen könne, sollen diese Ausländer zur W i e d e r a 11 s r e i s c v e r a n 1 a ß t werden. Das gleiche gilt für Ausländer anderer Nationalitäten, die bisher in Oesterreich ihren Wohnsitz hatten. Der Besitz oder Erwerb von Grundstücken, die (inimliing von Unternehmen oder die Beteiligung an solchen gehen narb dieser Verfügung keinen Anspruch auf die Aufentlialtsbew illigung. Iber neue Präsident von U r 11 g » a v, General Alfredo Raldomir, versicherte i!1 einem Interviewe daß es in Uruguay keine antijudische Bewegung gäbe. Kol«; Herbert Sonninfeld Inn ereilt '2XHLUNC VOV O^UTH cA^UBEKG 3. Fortsetzung- Hinter ihr pflückt Lea. Sie kam mit der vierzig Mann starken amerikanischen Ali.jah vor zwei Jahren in den Kibbuz, hat inzwischen noch einen Kurs in Jerusalem mitgemacht und arbeitete bisher in der Küche. Dieser Tomatentag ist ihre erste Feldarbeit. In New׳ York war sie Stenotypistin. Ihr Gesicht ist zusummengrdrückt und großporig, sie trägt eine Brille vor den wäßrigen Augen; obwohl sie erst fünfundzwanzig Jahre alt ist, liegt schon etwas Verhlühtes über ihr, und auch ihr Wesen ist streng, pedantisch und leicht altjüngferlich. In der Arbeit blüht sie auf. Wenn sie Entgegenkommen spürt, wird sie wohlwollend, gütig und direkt hübsch. Sie weiht die Neuen in die Methoden des gründlichen Reinemachens ein. Als Ruth den ersten Schrank scheuern sollte und mit dem ausgewrungenen Lappen vorsichtig die Ecken auswischte, sah sie einen Augenblick zu, ergriff ein Büschel eiserner Scheuerspäne, sagte: ,,Entweder mache ich sauber oder nicht!“, klatschte den triefenden Lappen in den Schrank, überschwemmte ihn rnit Scifenwasser und zog mit den Spänen die Wände ab. Darin fischte sie einen weichen Lappen aus dem Spüleimer, lohte seine Fähigkeit, Wasser aufz.usaugen und trocknete die Ueherschwcmmung damit auf. ״Wenn man cs einmal richtig gezeigt bekommt...“ sagte sie dabei, und wirklich, diese Gründlichkeit, ihr resolutes Scheuern, die triefenden Kanten sind was fürs Leben! ״Die läßt du liegen!“ ruft sie mißbilligend Tamar zu, die neben ihr gerade Pause macht und eine Tomate ißt. Tamar ist dick, siebzehnjährig, und reißt sich nicht nach der Arbeit. Sie gehört zur Jugcndalijaii. Lea pflückt die halbgrüne Tomate und kann sich am Packtisch, als sie ihr Pacht leert, nicht enthalten, ihre Gründlichkeit und Tamars Versäumnis ins Licht zu setzen. Aber sie findet keinen rechten Beifall. Eine Reihe ist lang. Dreimal füllt man das Fach, jedesmal 24 Pfund, hebt es auf die Schulter und trägt es zum Packtisrh. Zuerst ist es leichte Arbeit. Das Bücken und Tragen scheint guter Sport. Aber nach zwei Stunden — und nach vier, und nach acht, und in der neunten ... Wenn die Mädchen in der Nähe des Meschek arbeiten, gehen sic um acht zum Frühstück. Aber die Tomaten liegen schon fast in Delamia, eine halbe Stunde Weg, zweimal über den Bach springen — da wird das Frühstück mitgenommen. Eine Reihe Kisten, Dwora schneidet das frische derbe Brot, Margalith streicht Marmelade aus Tomaten und Apfelsinenschalen, wenn cs weniger nach Blech schmeckte, wäre es ausgezeichnet, zwei Kannen heißes Wasser, wegen leicht hellgelber Färbung wohlwollend Tee genannt, ein paar schöne reife Tomaten vom Feld — und die Russen nehmen ein Stück Zucker in den Mund und ziehen das heiße Wasser hindurch. Sogar vier Tassen ohne Henkel gibt es für siebzehn *Mann, und eine Holzplanke zwischen zwei Kisten ist eine richtige Bank. Und dann hat Dwora noch eine Ueberraschung: Chalwah! Eine süße, krflmelige Masse, Zwischending von Schokolade und türkischen! Honig, aus Nüssen und Zucker, sehr fett, Silberpapierumwickelt, in kleine Portionen geschnitten. Drei Pence kostet eine Halbpfundstangc. Als alles restlos aufgegessen ist — und das geht schneller als der Wind — ruft Sara: ״Ich hab' noch kein Chalwah!“ ״W'er hat doppelt?“ fragt Dwora, ,,es waren zwanzig Stück!“ ״Hast du zwei?“ fragt sie Tamar, die Bachura mit dem unendlichen Appetit, und in ihren siebzehnjährigen, ewig hungrigen Auger ist zu lesen, daß ihr die ganze Sache nicht recht behaglich ist. Keiner meldet sieh, und das Frühstück ist mit einem unangenehmen Gefühl zu Ende. Solche winzigen Dinge — ein .Stückchen Kleister - und man merkt, wie sich ein Mißtrauen miftut, das die Busgeprobten Menschen lieraushobt und das Ricscnproblcm des Gemeinschaftslebens über die Neuen an einem Happchen türkischen Honig verhängt. Der Pardcss blüht. Schwer wie eine Jasminwolke liegt der Duft über dem Meschek. Unten am Kinnerethsee ziehen sich die blühenden Zitronengärten hin, die Apfclsincnhaine mit den weißen Knospen wie Tuberosen sehen sie aus. Auch die wilden C’huschchuschbäume blühen, auf die das Edelreis der Zitrusfrüchte gepfropft wird. Und die Grapefruitreihen. Alle Stunde klopft cs abends an die Holzlür, herein schiebt sich ein Bachur, einen duftenden Blütenzweig in der Hand, und sagt: ״Kennst du das schon? Eigentlich ist es verboten, Blüten abzuschneiden ...“ und sie sammeln sich auf dem Schemel, denn die Vase haben die Ratten die letzte Nacht vom Tisch g'fegt• Halb sichen Uhr abends, tiefe Dunkelheit. Es klopft, das Vokabelheft klappt zu, Schlmno tritt ein. Aber nur, um sich vorzustcllen. er hat keine Zeit für lange Gespräche. Leber seiner Siliulter hängt Hie Flinte, er hat den Patronengurt des Wächters um. Bedeutsam zeigt er auf seine kniehohen Gummistiefel, funkelneu, auf jedem klebt noch das rote, runde Mnrkcnsehildclion vorn wie ein vergnügtes Auge. ״Der Wächter muß alles hören und sehen — und darf nie gehört und gesehen werden!" Etwas Primitives kommt bei den Männern zum Vorschein, wenn sie Wache haben. Niemals gehen sie so lang- 8am und so oft durch den Speisesaal ödetdurch die Baracken wie mit Flinte oder Patronengurt. Und die Mädchen, denen die Parade vorgeführt wird, lächeln in sich hinein, und eine Extraporlion Fee und Abendbrot stellt nachts in der Küche. Nach seiner Runde kommt Sehloma mit einem zerlesenen Heftchen einer hebräischen Erzählung von Frischmann. Er liest und erklärt. Nicht eine Nuance der schönen Sprache entgeht ihm. Wie ein guter Lehrer fragt er den Inhalt des Abschnitts ab, den sie vorher gelesen haben. Geduldig wie alle im Kibbuz, bessert er immer wieder ihr fehlerhaftes Hebräisch aus. ,,Und seine Augen brannten wie Fackeln — weißt du, daß alle Juden brennende Augen haben?" Die wunderbare Geschichte von N'oa, dem schönen Beduinenmädchen, und dem jungen Cohen in der Wüste- ״Artet das Lehen hier nicht zu einer Vergötzung der Arbeit aus?“ ruft Ruth eines Tages ungeduldig. ״Wenn zwei einander grüßen, so sagen sie nicht mehr ,wie geht’* dir.-'‘, sondern ,wo arbeitest du?“ Ls scheint ihr, die persönliehe Wertschätzung, sogar die Beliebtheit der Mädchen richtet sieh nach ihrer Leistung, ihrer Arbeitskraft, ihrer Arbcitsw illigkeil. Oh ein Mädchen schnell, gern, ausdauernd arbeitet — das bestimmt sogar den Schönheitstvp! Zippora — in Europa unmöglich — dick wie eine Litfaßsäule, vierschrötig, hier ist sie schön. Sie schafft wie vier Jungen, ihre Bewegungen sind krattvoll, ihre Arme stramm und muskulös — und in der Arbeit ist sie wirklich schön! Ihr Bachur sieht nur sie. Lnd die schlanke, liebliche Sahavva, in Europa entzückend in ihrer Schmalheit — liier dringt sie nicht durch. ״Vergötzung der Arbeit? Nein. Aber worauf ruht denn alles hier — Erziehung, Fortschritt, Kultur? Warum könnet» wir denn eine Bibliothek hauen, abends arabisch lernen, warum kommen wir heute schon zum Nachdenken, zu Philo- Sophie und soziologischen Fragen jenseits der Fragen un- •eres Gemeinschaftslebens?“ (Fortsetzung folgt)