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Jüdische Rundschau · 1938-04-08 · Heft 28 (8.4.1938) · page 10

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
43 (1938)
Issue
Heft 28 (8.4.1938)
Date
1938-04-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Sehe 10 JODlSCHi RUNDSCHAU Nr. 28 8 IV. 1938 Synagogen in Tel Aviv Die orthodoxe Tageszeitung ״Hazofe“ bringt folgenden Bericht: Es gibt in Tel Aviv 120 ständige Synagogen außer den privaten Minjanim und den Synagogen, in denen nur am Schabbat und am Festtag gebetet wird. Die Hälfte der Synagogen befindet sich in eigenen Gebäuden oder Baracken, die auf der Stadt oder dem Nationalfonds gehörenden Boden errichtet worden sind. Diese Synagogen haben zusammen 36 fW>0 Sitzplätze. Eine kürzlich veranstaltete Umfrage, die 54 der größeren Synagogen umfaßte, stellte fest, daß in diesen Synagogen etwa 7000 Menschen täglich beten. Am Schabbat sind in den meisten Synagogen 70—80 »0׳ der Plätze besetzt. An den Festen und den hohen Feiertagen sind die Synagogen überfüllt. In den meisten Synagogen finden an den Abenden Lemstunden statt. Die Besucher sind meist Erwachsene — Arbeiter und Kaufleute, ln jüngster Zeit sind auch an zwei Stellen in der Stadt Abendkurse für Schüler eingerichtet worden, um die in den Schulen gegebene Unterweisung zu ergänzen. Mit noch sechs weiteren Synagogen wird wegen Errichtung ähnlicher Kurse verhandelt. Die Kurse sind für die Teilnehmer umsonst und die Lehrer erteilen ihren Unterricht ehrenamtlich. Man hat auch versucht, Jugendgottesdienste einzuführen, zu denen Erwachsene nicht?.!!gelassen werden. Etwa 20 der Synagogen haben eigene Wohltätigkcitsfonds. Es gibt aber keine Statistik, nach der man den Umfang der sozialen Hilfe, die hier geleistet wird, beurteilen könnte. Es fehlt ein organisatorischer Zusammenschluß und so kann man nur schätzungsweise feststellen, daß Hunderte von Menschen hier Hilfe erhalten. Die Kultusheamten mit ihren Familien umfassen ungefähr 250 Personen. Ihre Oehältcr sind gering; durchschnittlich betragen sie zwischen £ 5 und 7 monatlich. Rauschgifte bei Arabern Aus Tel Aviv wird uns geschrieben: Der ,,Dawar“ bringt einen Hngerrn AuBatz über die Rolle, die verschiedene Rauschgifte, besonders Haschisch, hei den Arabern spielen. In Aegypten ist der ’״ochste Konsum an Rauschgiften zu verzeichnen. In Syrien ist der Verbrauch geringer, aber anscheinend noch immer bedeutend größer als in Palästina, lieber den Konsum in Palästina gibt es nur im Anstieg 'begriffen ist'" ׳Auch' die Falle',1 in denen ’sich das Gericht mit Raus! hgiftpro/cssen zu beschäftigen hat, mehren sich. In Jaffa allem sollen 5000 Personen, die Rauschgifte zu sich nehmen, poli/eibekaniit sein. Den im Zusammenhang mit dem arabischen Aufstand Verhafteten wird vielfach Rauschgift ins Gefängnis geschmuggelt. Auch die Vorüber einzelner terroristischer Akte sollen häufig unter der Ein- Wirkung von Rauschgiften stehen. Fs ist auch bekannt, daß die Termristenhandeii zum großen Teil aus Arabern der Nachbarländer bestehen, wo ja der Rauschgiftgenuß außerordentlich verbreitet!st. Die Verantwortlichkeit für diese Zustände trifft in erster Linie die arabische Intelligenz, die den Kampf gegen das Laster nicht aufnahm, wie es z. B. die chinesische Intelligenz in ihrem Lande tat. Die arabische Presse nimmt nicht gegen diese schwere Fntartungsersrheinung Stellung und propagiert nicht Enthaltsamkeit, Auch die Palästinaregirrung zeigt sich nicht sehr aktiv. Zwar belegt dis Gesetz den Rauschgiftgenuß mit ziemlich schweren Strafen, aber die Praxis der Gerichte ist in solchen Fällen sehr milde. Chaluzorganisation in Beirut. Der .,Dawar“ berichtet, wie uns aus Tel Aviv geschrieben wird: Vor einigen Monaten kam ein Chaluz aus Damaskus, um in Beirut eine Chaluz- Oruppe zu organisieren. Er war nur kurze Zeit dort, aber es gelang ihm, eine Gruppe von acht Menschen zusammen-?uschließen. Nach einigen Versammlungen hatte sich die Gruppe auf 20 Menschen erweitert. Sie stehen mit der Orgamsation in [Damaskus in Zusammenhang. Die Gruppe in Beirut hat kein Lokal. Eine Bitte an die Gemeinde wurde abgeschlagen. Die Gemeinde fand, es bestehe keine Not- Wendigkeit für die Gründung dieser neuen Organisation, wo doch schon ein Sportverein (Makkahi) und ein Pfadfinderbund (Hazofe) für die jüdische Jugend vorhanden seien. So finden die Zusammenkünfte vorläufig im Hause eines der Mitglieder statt. Dreimal in der Woche wird Hebräisch gelernt. Zwei Abende in der Woche sind dem Turnen gewidmet, auch finden häufig sonstige Veranstaltungen statt. Palästinensische Studenten an der Universität Beirut kommen den Chalu/in! zur Hilfe. Es gibt In Beirut noch einen allgemeinen indischen Jugendbund, aber sein Interesse ist auf gesellschaftliche Veranstaltungen konzentriert. Der Makkahi erwies sich als hilfsbereit 11 na stellte der neuen Oruppe einen eigenen Raum zur Verfügung, bis ein Lokal für sie gefunden werden wird, Das Neueste in Kürze Der High Commissioncr, Sir 1 larold M a c M i c h a e I, unternahm seine erste Reise durch das Land. Er besuchte Tiberias, die Ruthenberg-Elektrizitätsstation in Naharaim und Degania. In Tiberias wurde er von einer Reihe jüdischer sowie arabischer Notahein empfangen, denen er erklärte, die Hauptnotwendigkeit sei, im Lande Ruhe und Ordnung wicderlierzustellen, Sicherheit gehe allen anderen Fragen vor. Sir Harold drückte seine Freude über die Vegetation in Degania aus, die erste von ihm besuchte Kwu/ali. Er wurde dort im Namen der Siedler von B a r a z begrüßt. Terroristenbanden sind weiter in den Bergen bei Akko und Sa f cd tätig. Nachts wurden drei Angriffe auf Polizei- Patrouillen verübt. Die Polizisten feuerten mit Maschinengeweliren, wobei die Terroristen Verluste erlitten. Bei einem der Ueberfälle auf Polizcipatrouillcn feuerte ein jüdischer Polizeisergeant zurück und tötete zwei Terroristen. Meldungen zufolge sind arabische Wagen, die auf der Landstraße Akko— Safed fahren, mit besonderen Zeichen versehen, um Angriffe zu vermeiden. Eine Bande bewaffneter Araber überfiel die jüdischen Siedlungen K i r i a t A m a I und A I o n i m, die zwischen Haifa und Nahalal liegen. Polizei und Truppen mit Panzerwagen eilten herbei und verwickelten die Araber in ein Gefecht, die schließlich unter Verlusten die Flucht ergriffen. Hundert Terroristen fielen nachts i!1 das Dorf Tireh bei Haifa ein und verschleppten zwei Männer aus der Familie des Muktars, wobei sie erklärten, diese würden als Geiseln zurikkgchalten, bis der Muktar selbst sich ihnen ausliefern würde. Bevor sie das Dorf verließen, verbarrikadierten die Banditen das Geschäft, in dem sich eine Telephonanlage befindet. Ussi sch kin und Dr. Rottenstreich kehrten nach Palästina zurück. Kurze Zeit nach seiner Landung begab sich Ussischkin zu der neuen Siedlung Chanutah. Ben Gurion, der ebenfalls nach Palästina von London zurückkehrte, besuchte gleichfalls sofort Chanutah. Die Hadassah hat 5000 Dollar für die neue Siedlung Chanutah gespendet. Ein lQjähriger Beduine namens Mohammed Malsch wurde von dem Militärgericht in Jerusalem wegen Tragens eines Gewehres zum Tode verurteilt. Abdul Rahman Taji, einer der drei mitverbliebenen Mitglieder des Obersten Mohammedanischen Rates, nat sein Amt niedergclegt. Der Jahresbericht der Palestine Potash Co. für 1037 zeigt den starken Fortschritt der Gesellschaft. Die Produktionsziffern sind erheblich gewachsen. Die Oeneralver- Sammlung wird am 20. April stattfinden. In Tel Aviv starb im Alter von 71 Jahren Leo Mand e 1 b e r g, der in der Vorkriegszeit Vorsitzender der Zionistischen Organisation in KiW war. Attentate auf Eisenbahnlinien Mehrere Minenattentate wurden auf palästinensische Eisenbahnstrecken verübt, die Sachschaden anriclitetcn. Daraufhin wurden besondere militärische Ucberwachmigsmaßn;ihmon an den Eisenhahnstrecken eingerichtet. Bei den Kontrollg;in gen wurde ein Soldat getötet und mehrere verwundet. Die Ein- Stellung des Naclitvcrkehrs auf den Eisenbahnstrecken hat den Transport der Zitrusfrüchte stark behindert. Bedeutender Schaden wurde durch die Zerstörung einer Brücke auf der Haupteiscnbahnlinie zwischen Lydda und Haifa in der Nähe von Tulkerem verursacht. Der Verkehr mußte für einige Zeit stillgelegt werden. ,—MAGISTER KIRSCH—, Der sute UkAr Magister-Likörfabrik, München VII Toscaninl trifft nächste Woche ein Jerusalem, 4. April. (Palcor.) Arturo Toscaninl wird nächste Woche in Palästina eintreffen, wo er das Palästina-Syniplionie-Orcliester in einer Reihe von Konzerten dirigieren wird. Toscanini. der sich ungefähr zwei Wochen in Palästina aufhalten will, ward Dr. weizmanns Gast in Rechowoth sein. Sichert!las (11י/Ja 11 <1 von Mord-Palästina Erlöst den Boden von Cniiliiiia Im Rahmen der Peflaeh •Campagne des Keren Kajjemeth Lejjlsrael 3698 Sprechens tl, April In Trier . Bonn , Hamborn , Dortmund Dr. Fritz Ikenberg Dr, Hans Pomeranz Dr. ,Josef Neuberger Dr.David Schlossberg 12. April In Essan , Gelsenkirchen Dr. David Schlossberg Dr. Hans Pomeranz 13. April In Düsseldorf , Remscheid , W-Elberfe!d Dr. Hans Pomeranz Dr. Fritz Ikenberg Dr. David Schlossberg 14. April In Koblenz Dr. Hans Pomeranz KEREN K AJE3I.ETH LEJ ISRAEL Ztniral• für Deutschland: Berlin W 15, Melnskestr. 10 Poatachackkonto Berlin 282 47 Neubau de» Eden-Hotel, Jerusalem. Für die Stärke jüdischen Unterfern salem«• Eden-Hmels in' der Ben-Vchudastraße. Geschmackvoll« Ge^-|!•,chaft<rä«me, ein großer Speisesaal, eine weite Palle. Fahrstuhl, Zimmer mit fließendem Wasser, Telephon, Lichtsignalanlage, Zentralhehu 11g usw, bieten dem Reisenden jeden Komfort europäischer Hotels. Schülerzertifikate der Wizo. Die Wizo teilt mit: Seit 1933 bewilligt die palästinensische Regierung auf Veranlassung der Wizo in Palästina fortlaufend eine Anzahl von Schülerzertifikaten, die zum Eintritt in eine palästinensische Wizo-Institution berechtigen. Die Wizo in Palästina besitzt eine Reihe von Ausbildungsstätten, in denen Mädchen ln Haus- und Landwirtschaft ausgebildet werden. Die Bewerherinnen müssen sich verpflichten, einen zweijährigen Lehrgang durchzumaclicn und naben nach Ablauf dieser Zeit eine gute Ausbildung genossen, sind im Lande akklimatisiert und * können sich überall einordnen. Die Bewilligung eines Wizo- | Zertifikats ist an bestimmte Voraussetzungen gebunden: | Alter 17—23 Jahre, guter Gesundheitszustand, zionistische | Bewährung, möglichst Zugehörigkeit zu einem Blind, ein { gewisses Maß an hebräischen Kenntnissen und eine min- 4 destens halbjährige, möglichst hündische Hachscharah. An | Schulgeld und Ausbildungskosten werden neben einer Aut- ן nahmegebühr und einem Beitrag für die Krankenkasse | monatlich £ 3—5 erhoben, doch gibt es für geeignete I Mädchen, die ihre Zahlungsunfähigkeit nachweiscn können. } auch eine Reihe von Freistellen. In den letzten Jahren sind j zirka 350 Mädchen aus Deutschland in palästinensische Wizo- * Institutionen gekommen. Die letzte Wizo-Alijah von 23 Mädchen hat am 14. Januar Deutschland verlassen, und neue Wizo-Zertifikate sind in Aussicht. Es liegt schon eine große Anzahl von Bewerbungen vor, doch können noch einige Vormerkungen entgegengenommen werden. Die erforderlichen Unterlagen können bei der Wizo-Zcntrale, Berlin W, Meinekestr. 10, und bei den Wizo-Zwcigstellen im Reich eingefordert werden. Kurse palästinensischer Wertpapiere. Am 11. April 1938 hatten die wichtigsten palästinensischen Wertpapiere In Tel Aviv folgende Kurse: Allgemeine Hypothekenbank 5 ״,öige Pfandbriefe 1938 55 08' 6 ,«׳׳ "»ige Pfandbriefe 1034/54 1011/״, 6 0'nige kuni. Vorzugsaktien 106'/«, gewöhnliche Inhaberaktien 108>,4, P. L. D. C, gewöhnliche Inhaberaktien 88, 9 ׳ ׳■!ge kam. Vorzugsaktien 01'/״, Keren Kajcmeth Lcjisrael 21j <V״ige Pfandbriefe 73s׳«, Bizur Ltd. 6 0/oige Pfandbriefe 98'/,. Nir Ltd. 4 0/0ige Pfandbriefe 1937/51 8H/4. (Mitgeteilt von der Ellern’s Bank Ltd., Tel Aviv.) Musik einer Stadt Von Alice H 1 ״ d h e i m Musik — damit meine ich ausnahmsweise einmal nicht unser Orchester. Auch nicht das Arr/tenrchestcr. Oder die Kammermiisikvereinigung. Oder das und das Trio, Oder das und das Quartett (nach Belieben fortzusetzen). Wobei ich nicht so ganz genau weiß, was in unserer Stadt größer ist: die Lu«t, Musik zu machen oder zu hören. Ich meine auch nicht das Radio, auch wenn man des Segens der Jerusalemer Abendkonzerte aus den weit geöffneten Fenstern teilhaftig wird: sozusagen Musik einer Stadt am laufenden Bande. Auel! nicht das Geräusch der Wagen und Autos. Obwohl deren Klang schon ein wesentlicher Bestandteil des Ganzen ist. Aber könnte man je eine Stadt am Klang ihrer Bahnen, Wagenräder, Hupen erkennen? Sie machen sozusagen die Begleitmusik. Die Melodie aber einer Stadt, ihre musikalisehe Seele — das sind ihre Ausrufer. Wenn ich eines Tages auf dem fliegenden Zauberteppich reisen würde, der mich in Minuten bis ans Ende der Welt bringt, und aufwachcn würde durch den Klang auf der Straße; ״-Kren -- e - imuumus“ und ״-keee-naaaa—j“'), so wußte ich: Das ist Tel Aviv. Und dann brauche ich gar nicht fange zu warten, dann kommen die anderen: ״IJ—ccee a—aaaa“ — ״Ac--o—jiooo“2) und alle die vielen anderen, die im Laufe eines Tages all die vielen großen und kleinen Straßen hinauf- und hinunterziehen. Wohlgemerkt im Laufe eines ordentlichen Arbeitstages: denn zwischen vier und fünf verstummen sie, wie es sich für honorige, ordentliche Gewerbe gehört. Tagsüber aber ist die Stadt von einen! Netz von Klang überzogen. Es ist offenbar: da der Boden kostbar ist, hat man sich auch der Luft bemächtigt und sozusagen unsichtbare Läden gebaut, Läden, deren Wände aus Schall bestellen, Laden, die wandern können und keine Miete kosten. Manchmal überschnciden sie sich sogar; dann gibt es Duette oder einen Kanon. Melodie und Texte sind sehr vielfältig. Das jüdische Lied hat hei diesem Singsang Pate gestanden. Sein Grundton ist Moll. Es variiert je nach Können und Geschmack des Aus- י) Letaken Primus, letaken naalajim“ (Primuskocher reparieren, Schuhe reparieren). ״ ףTapucheh-sahaw, Eschkollath* (Orangen, Orape Prüft)״ übenden von der einfachen Quarte oder Quinte zu kompliziertercu Tonfolgen und Rhythmen. Ganz selten einmal unterbricht irgendein besonders Findiger die allgemein übliche Tonart durch einen scharfen und lustigen Diir-Drciklang. Der schneidet dann in die Ohren. Aber das soll er ja gerade. Denn es kommt darauf an, Reklame zu machen, Publikum zu gewinnen, vor allen Dingen: verkaufen, verkaufen. — Da sind erst einmal die wandernden Handwerker, die sich auf zwei bestimmte Gewerbe beschränken: die Schuster und die ״Bl ec her“. Nur eine palästinensische Hausfrau kann die Notwendigkeit dieses Gewerbes begreifen, wenn mitten im Kochen an den Füßchen des Primuskopfes (dieser einzige Kopf der Welt, der Füße hat) sich die ominösen Flämmclien zeigen, die der Anfang vom Ende sind. Was die Schuhmacher anlangt, so frage die Steine und den Sand, der schlimmer als Nagetiere unsere Schuhe von allen Seiten benagt. Oder ist, wie es in dem alten Liede heißt, ״nicht der Schuster dran schuld, sondern das Leder dran schuld —“ —Letaken Naalajim —. Der Einkauf hält sich, wie überall in der Welt, an die Abfallprodukte der menschlichen Existenz. Und was wirft dieselbe ab? Altes Papier, leere Flaschen, alte Kleider und Schuhe. Papier ist nicht gefragt. Augenscheinlich fehlt noch im Lande die (Ter europäischen Großstadt selbstverständliche Wiederverwertungsindustrie. Wer seine alten Zeitungen loswerden will, trägt sie zum Fleischer oder Fisch- Verkäufer. Flaschen werden — aus Bosheit oder Zufall in der schläfrigen Mittagsstunde — von Tür zu Tür gehandelt. Aber ״Alte Sachen — Alte Schiäch“ muß ein ganz großer Artikel sein. Denn deren Liedchen erklingt von früh bis spät. Es ist der eigentliche Generalbaß der Tagesmusik. Dieser Generalbaß ist — Jiddisch. Ich habe diesen Artikel noch nie auf Hebräisch ausrufen hören. — Sollte das Zufall sein? —■ Während alle anderen hebräisch und Iiddisch rufen: Denn sicher ist sicher. Hebräisch ist gut. Jnd jiddisch —, nun, jiddisch ist eben sicher! International wie der Artikel, mit dem er handelt, Ist die Sprache des Naphtha-Mannes: er klingelt. Auf zweirädrigem, mit Ballonreifen gefedertem Einspänner durchfährt der raroleumwagen die Stadt. Vielleicht ist es überhaupt, abgesehen von den hohen Ladenmieten, der Himmel, und nie lockende kraftvolle orientalisch« Sonne, die dem Freiluft• handel 80 günstig ist? Denn sie kommen in Scharen. Und nicht nur einer, sondern viele. Hat man den einen versäumt, so kann man beim nächsten kaufen. Die Konkurrenz ist rege. Die gehandelten Artikel sind zahlreich. Vielleicht ist es auch der tiefe Sand, der diesen Handel begünstigt? Nicht jede Hausfrau hat sich ihren Ehegatten dazu gezähmt, ihr bei fünfzig Grad Celsius eine acht oder zehn Kilogramm schwere Melone vom Markt nach Hause zu rollen. Aber auch Netze mit Orangen und Grapefruit erreichen ein beträchtliches Gewicht. , Es ist selbstverständlich, daß sämtliche Saisonartikel durch den Straßenhandel gehen, so die jeweiligen Landesfrüchte, Zitrusfrüchte, Aprikosen, Melonen, im Herbst Weintrauben — Anawim mit ihrem schönen Gesang von langgezogenem Ah. — Im Sommer Eis — Eis für den Kühlschrank, und Eis für den Durst. Wer am schönsten singt, hat die meisten Sympathien, Konkurrenzlos habe ich nur zwei Artikel gefunden: Sabres und — Fische. Mit Kaktusstacheln umzugehen, ist auch für geschickte kleine Jungenhände kein Vergnügen, auch wenn die ausgeschälte Kaktusfrucht einen noch so schönen karminroten Pudding liefert. Und Fische — seit den Unruhen hat der Straßenhandel tn Tafelfischen aufgehört, der ganz in den Händen der Araber lag. Die kleinen Jungen, die ״Dagitn“ rufen, tragen Glaskugeln mit Wasser, in denen — winzige Goldfische schwimmen. Woraus zu ersehen ist, an welch sonderbaren Oegenständen noch ein paar Piaster ru verdienen sind. Man muß sie nur herausfinden. — Ich z. B. habe gefunden, — nicht nur, daß ein gar nicht so kleiner Teil des Kleinhandels durch den Straßenhandel geht. Daß auch eine Kategorie, die in europäischen Städten eine Rolle spielt, in unserer Stadt überhaupt noch fehlt: der Lärm zum Zweck des Amüsements. Es gibt in Tel Aviv noch keinen Leierkasten! Weder einen mit Affen noch ohne Affen. Wie würde sich das Volk drängen, wenn auf dem 2nd November Square — denn dies ist der offizielle Name für den Platz am ״Mogfabi“-Theater — wenn zur Zeit des Schichtwechsels in der Kino-Belegschaft unter der stets nachgehenden Normaluhr mein Leierkasten _ ertönen würde: O, die armen Kinder von Tel Aviv, die keinen Leierkasten kennen. Aber auch sie werden dann wohl schon erwachsen sein. Nämlich bis ich die Lizenz bekommen habe.., (SchluB des PalBstlnateils)

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