Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- 43 (1938)
- Issue
- Heft 28 (8.4.1938)
- Date
- 1938-04-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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JÜDISCHE RUNDSCHAU PALÄSTINA-BLATT Nr. 28, 8. APRIL 1938 Mosaik der Gegensätze Von unserem palästinensische״ Korrespondenten Juden aus Deutschland siedeln gl. Tel Aviv, 30. März Es gibt auch in diesem Jahre, dein Jahre des Terrors und der Depression, Touristen. Sie sind lange nicht so zahlreich wie in normalen Zeiten, wo sie sich gelegentlieh um die Peßaeh-Zeit zu einer Art Landplage auswuchsen und Kwuzoth und Einzelne vieriind/.wanzig Stunden am Tage mit ihrer Aktivität und ihrem nicht cndcnwollenden Interesse in Atem hielten. Aber sie sind auch dieses Mal da, in bescheidenen Zahlen, und sie wollen mit eigenen Augen festslellen, wie es denn nun im Lande wirklich aussicht. Was ist mit dem Terror, fragen sie, und was mit der Krise, und wie steht es mit der Politik, und wann wird es wieder besser werden, und was ist aus all den überall im Lande verstreuten Freunden geworden? Man muß eine Mischung sein von Lexikon und Prophet, will mau all diese Fragen beantworten und womöglich wahrheitsgetreu beantworten. Man wird daher gut daran tun, den Touristen selbst so viel wie möglich sehen und 111 n k c 11 zu lassen und ihn immer darauf aufmerksam zu machen, daß alle Dinge im Lande heute mehr als je ihre zwei, und zwar sehr verschicdencn Seiten haben. Um die Purimzeit herum, wo die Besucher ciidreffen, bringen ihnen die fast täglichen schwarzen Ränder in den Tageszeitungen, die die Morde au/eigen, peinliche Beweise iiir den herrschenden Terror. Kaum hat man jedoch die Abendzeitung überflogen, so läßt die Menschenmenge, die durch die Straßen Tel Avivs wogt, daran zweifeln, ob diese Nachrichten stimmen können. Das sieht alles so überaus lebendig aus, so friedlich und vergnügt, so unendlich entfernt von Schüssen und Gefahren. Am Abend sind die ßalisäle gedrängt voll, aus den Privathäusern dringt Musik, von der Straße her sieht man die bunten Papiergirlanden, die ein l est in irgendeiner Wohnung an/eigen. In allen umliegenden Kolonien aber hält man Wache, über den Bergen und Tälern des Landes spielen die Scheinwerfer, hier und da fallen Schüsse, vielleicht tragen die Zeitungen morgen wieder den schwarzen Rand. Mosaik der Gegensätze. Der Tourist, der in den letzten zwei Wochen durch Tel Aviv gehl, besonders durch die Hauptstraßen, sieht sich verwundert nach Zeichen der Krise um. Volle Geschäfte, gut ange/ogene Leute, volle Cafes, die Taxis stark beschäftigt, lustige Menschen auf den Straßen. Aber man muß nur ein paar Schritte von der Allenbystralle abbiegen und ins ,,Rrenncrhaus“ liineingehen, ins Hans der Tel Aviver Arbeiter. Da sieht es zuerst auch nicht nach Krise aus, das Gebäude ist imposant und modern, das große Restaurant erleuchtet und voll, die Büros machen eleu Eindruck geordneter Geschäftigkeit. Aber unten im Keller ist die Arbeitsvermittlung. Und liier stehen sie viele Stunden lang, dieselben Männer, die noch vor zwei Jahren alle Hände voll zu tun hatten, um die Häuser in Tel Aviv ...rasch genug aus der Erde schießen zu lassen, und war- “Ten. Sie warten auf das Glück, das heißt auf ein, auf zwei Arbeitstage in der Woche. Volle Arbeit wird schon lange nicht mehr ausgegeben. Die palästinensische Arbeiterschaft ist gewohnt, sich in Notzeiten in das kärgliche Brot zu teilen und läßt nicht einen Teil ihrer Mitglieder in voller Arbeit, während der andere tatenlos zusdiauen 1111111. Man streckt die vorhandenen Arbeitstage, damit so viele wie möglich einen Brocken Brot erwischen. Im Keller des Brennerhauses sieht man die andere Seite der Medaille: den Teil der Stadt — und er ist groß, der nichts kaufen und nicht Puriin feiern kann, der glücklich ist, einen Arbeitstag zu erwischen ... Draußen schießt es hin und wieder, in den Städten und Kolonien kämpfen die Arbeitslosen, um den Boden nicht zu verlieren für die besseren Zeiten, die kommen werden יוךז׳ו] Jüdische Arbeiter beim Bau der Verbindungsstraße 2wischen der neuen Siedlung Chanutah und der Grenzchaussee Foto: KH ond KK1. are. In dieser Aufsatzreihe veröffentlichten wir bisher Berichte über folgende Siedlungspunkle: Kibbuz Jokncam, Naharia, Ramoth Hascluiwim, Gan llaschoniron, llerzliah, Becr-Tuwiah, Kirjatb liialik, Kfar Jedidjah (in Sr. 93, 93:1937, 2, IS, 19, 20, 21, 22/1938). Es folgt jetzt, der Bericht über eine neue Siedlung im Jordantal, die in der Raupt suche von Chaluzim aus Deutschland gegründet wurde. (Red.) Massad — eine neue Kwuzah Unter den verschiedenen Kwuzoth, die in den letzten Monaten zur Ansiedlung gelangten, befindet sich auch Kwuzath ״Massad‘‘ aus Herzlia, deren Mitglieder fast ausschließlich Chaluzim aus Deutschland sind. 111 diesen Tagen, da alle möglichen Kombinationen über die Festsetzung der Grenzen des Judenstaates gemacht werden, liegt ein besonderer politischer Wert in der Schaffung neuer Koionisationspunkte in Gegenden, die bisher nur arabisehen Nomadenstämmcu zum zeitweiligen Aufenthalt dienten. Mitte 1931 kam eine Gruppe von 20 Einwanderern aus Berlin nach Erez Israel. Hartnackig ׳hielten sie an dem Gcdanken fest, seihständig״ eine neue Kwuzah zu gründen und leimten es ׳entschieden bestehende Kwu- /all einordnen zu lassen. In die- Gruppe von 15 gleichgesinnten Chawerim in H c r z 1 i a, die ein Jahr vorher Deutschland verlassem hatten. I )ic beiden Gruppen Wasserversorgung Kou.« ku und kkl schlossen sich zusaminen zu einer Kwuzah nach dem Vorbild der im ״Chewer Hakwuzolh" vereinigten Gruppen und lebten vorerst von Lohnarbeit in den Orangenplantageii der Umgebung. Nicht gering waren die Schwierigkeiten des Emlebens im Lande. Die Unkenntnis der hebräischen Sprache wirkte sich im kulturell-gesellschaftlichen Leben aus, die Kwuzah und jeder Einzelne darin litten unter diesem Mangel. Der Chawer hatte das Gefühl, sich auf einer Insel zu befinden, da nicht der nötige Kontakt mit der Allgemeinheit hergestellt werden konnte: Reden und Vorträge verstand er nicht, Zeitung lind Buch konnte er nicht lesen. So ergab es sich von selbst, daß die Erlernung der hebräischen Sprache oberste Forderung wurde. Und —- es gelang. Die hebräische Zeitung fand in den Chaluzim aus Berlin, Köln, Breslau und anderen Städten eifrige Leser. Das hebräische Buch fand Eingang in die Kwuzah, und im täglichen Arbcitslcben verdrängte nach und nach Hebräisch jede andere Sprache. Die Kwuzah vergrößerte sich und nahm neue Menschen aus Deutschland auf. Jetzt zählt die Kwuzah SO Menschen und wird in nächster Zeit noch eine Anzahl Einwanderer aus Deutschland au flieh men. Hand in Hand mit der zahlenmäßigen Erweiterung und gesellschaftlichen Kristallisierung ging auch der Aufbau einer ansehnlichen H i 1 f s w i r t s c h a f t vor sich. Konnte sich die Kwuzah in ihrer gesellschaftlich-kulturellen Entwicklung nur aut ihre eigenen inneren Kräfte stützen, so wurde ihr auf wirtschaftlichem Gebiet seitens der verschiedenen zionistisehen Institutionen wertvolle fiiian/iellc Hilfe zuteil, iusbesouderc durch die Abteilung zur Ansicdhmg von Juden aus Deutschland bei der Jewish Agency. Zur Zeit der Prosperity hielt cs die Kwuzah für ihre Pflicht, ihre Menschen zu 100 «0 in die Plantagen zu schicken, weil die Gefahr bestand, daß die Lücke, die durch das Abwandern von Arbeitern zur besser bezahlten Bauarbeit entstand, durch arabische Arbeiter ausgefüllt winde. Als die Prosperity ihr Ende fand, strömte eine Eint von Arbeitern zurück zur landwirtschaftlichen Arbeit, was Arbeitsmaiigd zur Folge hatte. Eine Erleichterung in diesem Zustand für die Kwuzah bedeutete: die Vergrößerung des Kuh- und Pferdestalles, im Gemüsegarten fanden einige Menschen Arbeit, große Bodcnfinchen wurden in Pacht genommen, Traktor und Lastauto erworben. So lernte die Kwuzah eine Wirtschaft verwalten, und die Chawerim erwatben sich Kenntnissc in der Landwirtschaft; einzelne erhielten eine gründliche Ausbildung in verschiedenen Wirtschaften des Landes. Dies veranlafite die leitenden zionistischen Instanzen, der relativ jungen Kwuzah zu/ugestehen, daß sie die Reife, angesiedelt zu werden, erlangt hat. Ls begann eine lang andauernde DNkussion über den Ort der A 11 s i e d 111 11 g. Aus demselben Instinkt heraus, der die Gründer der Kwuzah nicht von dem Gedanken abweichen ließ, von vorne auzufangeu und etwas Eigenes zu schaffen, lehnte auch diesmal die Kwuzah alle Projekte;111, die eine Aiisiedhing in der Nahe einer ln stehenden Mnschaland zu erobern. Und als Harzfeld, der Vater samtlieber Arbeitersiedlungen der letzten |ahre, der Kwuzah' das Projekt vorlegte’ im B e i s a 11 - (1 e b i c t angesiedelt zu werden, erklärte sieh die Kwuzah mit Begeisterung dazu bereit. Auf dem Bodenkomplex, der sich in jüdischen Händen befindet, ist geplant, einige Gruppen nn/m-iedeln. Voil.iufig wurde ein provisorisches Lager errichtet. I len Notwendigkeifen der Stunde entsprechend setzten snh die verschiedenen Gruppen, unter denen der Boden spater verteilt werden soll, über alle Differenzen hinweg, sandten 15 30 ihrer gceignetesten Chawerim mich ..Maos“ ״•• so heißt der Name des neuen Punktes -- und insgesamt 85 Menschen errichteten ein gemeinsames Lager, das ebenso gut Festung genannt werden könnte. Es ist ein bescheidener Anfang; viel Zeit und Austreugung werden erforderlich sein, um vorwärts zu kommen. Das Werk erfordert von den Menschen, die sich seinem Aufbau widmen, moralische und physische Kräfte, nach wird es nötig sein, große finanzielle Mittel zu mobilisieren, um es zu basieren. Aber wer die Geschichte der zionistischen Kolonisation kennt, wird sich mutig dem Wunsche, den ein Gründer von Ejn Charod ausgesprochen hat, ansditie(teil: Der neue Punkt, der heute am Rande der jüdischen Siedlungen hegt, möge zum Mittelpunkt eines dichten jüdischen Kolonisationsnetzes werden, das sich nach allen Himmelsrichtungcn erweitert. U. S. Bau der ersten festen Hünscr ־'״׳נ ** ■ , mul kommen müssen. Aber das Land hält, wo es nur kann, an seinem normalen Leben, an seinen neu entwickelten Bedürfnissen fest. Das Museum in Tel Aviv eröffnet seinen neuen Flügel mit der Kunstbibliothek, und die Eröffnung wird zu einem Ereignis, zu dem sich Hunderte drängen, mehr als der schöne Ausstellungssaal fassen kann. Die Konzerte des palästinensischen Orchesters sind auch dieses Jahr I z4. Hartbiodt, Berlin C 2, KönigstT.19 1 I Uhren / Goldu. Silberwaren | überfüllt. In der zweiten Konzertserie, die der Arbeiterschaff Vorbehalten ist, wird die Fülle oft geradezu beängstigeml: man stellt in den Gängen, man sitzt zu zweit auf einem ebenso schmalen wie .unbequemen Gartcnstuliic. Dem Westeuropäer macht das Anliörcn von Musik im Grunde weniger Spaß, wenn er auf allen Seiten seinen Nachbarn spürt. Aber der Jude aus Osteuropa, der oft hier zum ersten Male richtige Orchestcrimisik zu hören bekommt, versteht diese Empfindlichkeit nicht. Er drängt sich fröhlich zusammen und wird alles aufgeben, nur nicht diesen neuen Genuß, den ihm plötzlich Huberman hergezaubert hat. Und Arbeitslosigkeit oder nicht, Terror oder nicht — jetzt kommt der Höhepunkt dieses recht musikfreudigen und geselligen Winters. T o s c a 11 i n i wird erw artet. Man bcreitet ihm schon sein Haus vor,, in dem er wohnen soll, das Orchester steht vor seinen großen Tagen. Das Land selbst, sein Meer, seine liugel und Ebenen machen mit in diesem Nebeneinander der Gegensätze. Monate von Regen und Stürmen haben uns fast vergessen lassen, daß wir in einem milden Klima leben. Schnee lag auf den Hügeln und senkte sich über Jerusalem. Endloser ke;;en verschleierte den Himmel, die Erühlinuswärmc ließ aut sich warten, das Pflan/euwachstum stand still. Und dann plni/lich sind die kahlen Hügel um einem in allen Farben strahlenden Blumciiteppich bedeckt, in den Ebenen ziehen sich die langen, grünen Bänder des sprießenden Getreides hin, die tiaricn stehen voll von Blumen, die wie über Nacht cniporgcsclmssen sind, die Mandeln schimmern in einem weißen Flor, auf der Chaussee stehen die Hirtenjungen mit dicken Straußen von Cyklamei! und Anemonen. Die jungen Ziegen und Esel springen auf den Bergabhängen, es scheint unfaßbar, daß gestern noch Sturm, Kälte und Flut herrschten. Der Tourist wandert durch die bunten Wiesen und die Felder, er dünkt sich wahrhaft im Paradies. Und es wäre auch eines, wenn nicht jene Hunderte wären im Keller des Brennerhauses und wenn es nicht von Zeit zu Zeit schießen wurde... Sicht man alicr im Frühlingssonnenschein über die Hügel von Judäa, so glaubt man so gerne daran, daß auch die dunklen Steine in diesem Mosaik der Gegensätze bald von helleren ersetzt werden ... Landung von Passagieren in Tel Aviv Einrichtungen fertiggestellt Jerusalem, 4. April. (Palcor.) Die Einrichtungen zur Landung im Hafen von Tel Aviv sind jetzt fertiggestellt worden. Im Monat März wurde ein Arbeitsrekord im Hafen aufgestellt. 74 Schiffe legten im Hafen an, und 10 000 t wurden importiert, während 12 067 t exportiert wurden, woraus sich ein Durchschnitt von 919 t ergibt, die pro Tag ein- und ausgeladen wurden. Total-Ausverkauf HerrenDahleldung Bindel Jackett- und Sport-AnxUga, Oabardtnau. Winter- MSntel, Ladar-Baklaldung, Joppan und Hoaan a I tbekannies Etagengeschäft gegründet 1898